US-Marine trifft auf Iraner

Wieder so eine typische irreführende Überschrift… Also: Die U.S. Navy, genauer: der Zerstörer Kidd, ist am (gestrigen) Donnerstag im Arabischen Meer auf iranische Seeleute getroffen. Auf zivile Seefahrer – deren Schiff von somalischen Piraten gekapert wurde. Die Al Molai, so berichtet die Navy, war vor Wochen bereits in die Gewalt der Serräuber geraten. Angesichts der Übermacht eines amerikanischen Lenkwaffenzerstörers und seines Bordhubschraubers hätten es die 15 Piraten vorgezogen, sich zu ergeben.

(Nachtrag: Das ist Reporterglück – ein Reporter und ein Fotograf der New York Times waren mehr oder weniger dabei.)

ARABIAN SEA (Jan. 5, 2012) The guided-missile destroyer USS Kidd (DDG 100) responds to a distress call from the master of the Iranian-flagged fishing dhow Al Molai, who claimed he was being held captive by pirates. Kidd’s visit, board, search and seizure team, boarded and detained 15 suspected pirates, who were reportedly holding the 13-member Iranian crew hostage for the last two months. (U.S. Navy photo)

Die ganze Geschichte ist bei der Navy hier nachzulesen – und ein Video gibt’s dazu auch:

Das Ganze ist, jenseits der Piraterie-Perspektive, natürlich auch für die USA grandioser Teil des Info-Wars. Gehört doch die Kidd zu der Trägergruppe, die die Iraner ermahnt hatten, ja nicht wieder in die Straße von Hormus einzulaufen. Und hatten die Iraner doch gerade erst in der Region ein großes Seemanöver abgehalten. Drohgebärden und Säbelrasseln, aber die eigenen Leute nicht vor Piraten retten können… so kommt das aus US-Sicht rüber.

Die Kollegen von Danger Room haben das aus amerikanischer Sicht aufgeschrieben – und haben auch noch eine lustige Zusatzinformation: Der Kommandant der Kidd ist eine Frau.

(Ups, noch mal nachgedacht: da bin ich einer falschen – amerikanischen? – Denkweise aufgesessen: Iran ist ein islamisches Land, und im Islam haben doch Frauen keine Rechte, also ist das besonders lustig. Falsch gedacht. Von allen islamischen Ländern dürfte Iran eines der mit den meisten Möglichkeiten für Frauen sein.)

Ansonsten gibt es für diese Region wenig Grund zur Ironie – wenn ich gerade den Bericht des britischen Telegraph sehe: Naval commanders believe the deployment of HMS Daring, a Type 45 destroyer, will send a significant message to the Iranians because of the firepower and world-beating technology carried by the warship.

21 Gedanken zu „US-Marine trifft auf Iraner

  1. Interessanter Nebenaspekt: In den 70ern haben die USA 4 Zerstörer für Persien gebaut. Nach der islamischen Revolution (wenn man das so nennen mag…) wurden die Schiffe natürlich nicht mehr ausgeliefert. Das Typschiff wurde dann als USS Kidd in Dienst gestellt…………
    siehe auch hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Kidd_class_destroyer

  2. @Z
    Die USS Kidd der Kidd-Klasse, die Sie meinen (DDG-993), wurde 2003 an Taiwan verkauft. Die USS Kidd aus dem Artikel (DDG-100) gehört zur Arleigh-Burke-Klasse IIA.

  3. Die Kollegen von Danger Room haben das aus amerikanischer Sicht aufgeschrieben – und haben auch noch eine lustige Zusatzinformation: Der Kommandant der Kidd ist eine Frau.
    (Ups, noch mal nachgedacht: da bin ich einer falschen – amerikanischen? – Denkweise aufgesessen: Iran ist ein islamisches Land, und im Islam haben doch Frauen keine Rechte, also ist das besonders lustig. Falsch gedacht. Von allen islamischen Ländern dürfte Iran eines der mit den meisten Möglichkeiten für Frauen sein.)

    Das ist natürlich perfide von dem Amerikanern: Nur um den feministischen Iranern eine lange Nase zu zeigen, schicken die ein Kriegsschiff, welches von einer Frau kommandiert wird, um iranische Seeleute aus Piratenhand zu befreien.

    ;-)

  4. Das ist Reporterglück – ein Reporter und ein Fotograf der New York Times waren mehr oder weniger dabei.

    Reporterglück oder gut arrangierte PR? Wie lange hatte man die Dau schon unter Beobachtung?

  5. @b

    Es ist ein PR-Scoop für die U.S.Navy, keine Frage. Aber Ihre Vermutung geht schon sehr in Richtung lustiger Verschwörungstheorien.

  6. Interessantes Detail:
    Auf dem Foto sieht man am Vorsteven der Dhow lange Leinen mit Schwimmkörpern (weiße Plastikkugeln). Wahrscheinlich sind daran noch Netze befestigt. Damit tarnt sich die Dhow als Fischerboot. Dazu noch die iranische Flagge. Ziemlich raffiniert.

    Daumen hoch für die Aktion der US Navy, die sich davon nicht hat täuschen lassen.
    Eine sehr durchdachte und gelungene Aktion, wie in der NYT nachzulesen.
    Ein Glücksfall wohl auch, dass auf der Brücke der KIDD ein Offizier anwesend war, der auf Urdu mit dem iranischen Kapitän sprechen konnte – was die Somalis nicht verstehen konnten.

  7. Zahlen eigentlich die Iraner Lösegeld an (somalische) Piraten? Ich dachte immer, für die Piraten lohnen sich nur wertvolle Frachtschiffe, Tanker und dergleichen sowie Geiseln aus westlichen Ländern.

  8. @chickenhawk:
    Das ist jetzt spaßig gemeint, oder?
    Die Dhow wurde ja wohl „nur“ gekapert, um sie als Piraten-Mutterschiff einzusetzen – dabei bleibt die Besatzung an Bord, ja, muss sogar für die Piraten arbeiten (Navigieren usw). Das ist schon seit Jahren gängige „Praxis“ bei den Piraten.
    Etliche Fischerboote sind schon seit Jahren verschwunden – manche wurden von den Piraten inzwischen aufgegeben, liegen als Wrack irgendwo am Strand in Somalia – Schicksal der Besatzung unbekannt. Siehe z.B. EUNAVFOR Report:
    http://www.eunavfor.eu/2011/12/merchant-ship-crews-held-hostage-in-somalia/

  9. @Janmaat
    Laut NYT hat man in der Crew Leute gesucht, die andere Sprachen können. Letztlich war es ein CPO mit indischer Abstammung

  10. @T.Wiegold Aber Ihre Vermutung geht schon sehr in Richtung lustiger Verschwörungstheorien.

    Also der beste Kriegsberichterstatter des globalen Leitmediums NY Times (und ehemaliger Marine Hauptmann) CJ Chivers und sein Top-Fotograf Tyler Hicks waren rein zufällig dabei als diese Navy Show in Hollywood-Inzenierungsqualität aufgeführt wurde. Die haben rein zufällig exklusive Bilder und Interviews mit den Piraten und dem iranischen Kapitän. Rein zufällig passend zur Wochenendausgabe der NYT mit Anreisser heute.

    Die ganzen WMD im Irak Geschichten waren auch rein zufällig in der NY Times? Auch immer rein zufällig zur Wochendausgabe? Reporterglück halt das Judith Miller da hatte?

    Da habe ich so meine Zweifel an solchen Zufällen.

    Ein C.J. Chivers und Tyler Hicks werden nicht geschickt wenn keine Action zu erwarten ist. Die machen nicht mal eben so zufällige Truppenbesuche auf diesem oder jenem Carrier. Die werden dahin geschickt wo mit Sicherheit etwas los ist was den Einsatz dieser Topleute rechtfertigt und sofort zurückgeholt wenn die Action vorbei ist.

    Die Dau war seit 45 Tagen da draussen und rein zufällig fällt sie jetzt das erste Mal auf? Oder war die seit Wochen unter Beobachtung und der Zugriff wurde geplant und jetzt genutzt weil die politischen Gegebenheiten das gerade opertun machten?

  11. Die angespannte Lage an der Straße von Hormus macht seit Wochen weltweit Schlagzeilen, die iranische Führung überschlägt sich mit wüsten Drohungen.

    Mit „Action“ kann man also durchaus rechnen. Da ist es doch nun wirklich nicht verwunderlich, wenn die New York Times darüber mit Leuten vor Ort berichtet.

  12. @chickenhawk –die iranische Führung überschlägt sich mit wüsten Drohungen.

    „All options are on the table“ haben die Iraner noch nie geäußert. Der amerikanische Präsident hingegen mehrfach.

    Wenn ein nicht-nuklear zweitrangiger Staat sagt das er sich gegen nach seiner Auffassung ungerechtfertigte Zwangsmassnahmen nach seinen Möglichkeit wehren wird sind das nach ihren Masstäben „wüste Drohungen“.

    Was sind dann bitte nach ihren Masstäben „all options are on the table“ Aussagen einer atomar bewaffneten Grossstreitmacht? „Streicheleinheiten?“

    Die NYT hat Regionalreporter in mehreren Ländern in der Gegend die solche Angelegenheiten üblicherweise berichten. CJ Chivers ist eine zentrale Resource die nur dann von New York aus zum Einsatz kommt wenn man eine wirklich gute Story erwartet. Der Mann kostet ja auch richtig Geld.

    Die Durchfahrt eines Carriers durch die Strasse von Hormuz ist nun wirkliche keine grosse Geschichte sondern seit Jahren Routine. Da setzt man nicht die erste Garnitur wie Chivers ein. Wenn der aus Syrien oder Afghanistan berichten würde wäre das plausibel. Chivers über eine simple Carrierdurchfahrt berichten zu lassen wie am 4.1. ist weit unter seinem üblichen Level. Es sei denn man war von der Navy gespickt das da noch eine richtig gute Story folgen würde. Die dann ja auch kam.

    Das die NYT bei solchen Gelegenheiten mit der (Militär-)propaganda zusammenarbeitet ist lang belegter historischer Fakt.

  13. Nochmals: Die Lage an der Straße von Hormus ist seit Wochen angespannt, und zwar weit über das angesichts der wenig herzlichen Beziehungen zwischen den USA und dem Iran hinaus übliche Niveau.

    Dieser Flecken der Erde ist zur Zeit ein echter Brennpunkt, mit Manövern der iranischen Marine, Raketentests und Drohungen, dass der Zugang zum persischen Golf abgeriegelt wird – mit potentiell verheerenden Konsequenzen für die Weltwirtschaft.

    Es ist für *die* führende Tageszeitung in den USA absolut naheliegend, darüber eingehend berichten zu wollen, und zwar mit Kräften vor Ort.

    (Ich vermisse übrigens an dieser Stelle den Kult-Journalisten Seymour Hersh, der seit 10 Jahren alle 6 Monate ankündigt, dass die Amerikaner den Iran übermorgen angreifen.)

  14. Ich würde es auch eher so sehen, dass die Straße von Hormus derzeit ein Top-Thema ist, das es für die NYT sinnvoll macht, ihre besten Leute auf diese Trägergruppe zu schicken. Nur für eine Piratengeschichte? Wohl kaum. Und umgekehrt hätte die U.S. Navy nicht Chivers gebraucht, um diesen Vorfall medienwirksam zu vermarkten – auch mit dem Navy-Material, nicht zuletzt dem Video, sind alle anderen Medien in den USA (und übrigens auch in Deutschland) drauf eingestiegen.

    Aber das ist ohnehin ein Nebenkriegsschauplatz im Wortsinne. Also doch mal Iran-Links zusammenstellen…

  15. Die Reporter der N.Y.T. waren wahrscheinlich genauso zufällig anwesend wie McChrystal den Reporter der Washington Post bei dem Gespräch mit Oberst Klein nach der verhängnisvollen Bombardierung der Tanklastzüge dabei hatte.
    Wenn die Amerikaner was wirklich gut können, dann ist eine tolle Show veranstalten.
    A la Präsident auf Flugzeugträger einfliegen und „Mission Done“ ausrufen und danach beginnt so richtig der Abnutzungskrieg im Irak, sechs Jahre lang und wie es ausschaut ist er noch nicht zu Ende.

  16. mal eine Frage an die Marine-Experten: auf SpiegelOnline gibt es eine Fotostrecke zu den iranischen Marine-Muskel-Spielen. Dort ist folgendes Schnellboot abgebildet:
    http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-76913-6.html

    Abgesehen von der (italienischen) OtoMelara auf dem Vorschiff: sieht das Ding nicht den deutschen 143er Schnellbooten verdammt ähnlich? Stammen die aus dem gleichen Nest? Wann und von wem wurden die geliefert? Oder basteln sich die Iraner sowas mittlerweile selbst??

  17. @henner: danke für den Tip. Interessanter Verlauf: deutscher Entwurf, zu Ende entwickelt und gebaut in Frankreich, von dort exportiert an Iran – (und ironischerweise an Israel). Die Wege der Waffenexporte sind doch immer wieder interessant – aber das ist ja nun weiß Gott nix neues….

  18. Die USA haben mehrere Tausend Soldaten in Kuweit stationiert.Wenn Iran die Straße von Hormus für US Schiffe dicht machen, müssten die ihre Truppen dort über Saudi Arabien versorgen.

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