NATO-Bodentruppen in Libyen? Vielleicht ja doch.

Es gibt ein paar Dinge, die einen selbst in der anscheinend so wohl geordneten Welt des Militärs irritieren. Zum Beispiel die Rolle des jeweiligen NATO-Oberbefehlshabers, des SACEUR (Supreme Allied Commander Europe). Das ist immer ein US-General (oder, wie derzeit, Admiral), der natürlich die Doppelrolle eines US-Befehlshabers und des höchsten Offiziers im Bündnis hat. Double-hatted, wie der Fachbegriff lautet.

Deshalb muss man sich auch gar nicht wundern, dass der SACEUR Admiral James Stavridis zum NATO-Einsatz für und über Libyen erstmals vor dem US-Senat öffentlich Auskunft gibt und nicht, wie es seiner Rolle im Bündnis angesichts eines Bündnis-Einsatzes vielleicht zukäme, vor einem Gremium der Allianz, womöglich in Europa. Zumal es gerade, wie der social media-begeisterte Stavridis über seinen Facebook-Account wissen ließ, Zeit ist für seine jährliche Anhörung vor dem Armed Services Committee des Senats.

Erstaunlich ist allerdings, was die Kollegen von Danger Room bei dieser Anhörung mitbekommen haben. Da hat der Admiral nämlich, so berichten sie, auf Fragen von Abgeordneten nicht ausgeschlossen, dass es nach den ganzen Aktionen aus der Luft auch eine Operation des Bündnisses am Boden geben könnte: The possibility of a stabilization regime exists.

Das kann man durchaus so verstehen: Vielleicht gibt es dann doch noch Bodentruppen der NATO. In Libyen. Vielleicht gibt es ja noch eine Abschrift der ganzen Anhörung. Vielleicht wird es dann etwas klarer. Vielleicht aber auch nicht.

(Nachtrag: Es gibt inzwischen wohl ein Transkript, allerdings kein öffentlich verfügbares. Falls da jemand Zugang haben sollte…)

12 Kommentare zu „NATO-Bodentruppen in Libyen? Vielleicht ja doch.“

  • Securityfreak65   |   29. März 2011 - 18:01

    Wundern mag man sich schon über die Tatsache, dass ein NATO-Oberbefehlshaber mit US-Pass in seiner Hauptstadt offener und ehrlicher brieft als die Medien in Brüssel. Das hat dann schon was mit Informationspolitik zu tun. Und ja, die Abschrift ist spätestens heute Abend (deutscher Zeit) verfügbar. Die Eingangsstatements liegen bereits vor. Und btw: hallo Mission Creep.

  • chickenhawk   |   29. März 2011 - 18:30

    Die Anhörung von Admiral Stavridis dauert an, man kann sich das z. B. bei CNN anschauen (auf dem Kanal für Sonderübertragungen):

    http://live.cnn.com

    Die Befragung erstreckt sich nicht nur auf den Libyen-Krieg, es wurden eben z. B. auch Fragen zu Bosnien oder zur Raketenabwehr gestellt.

  • Niklas   |   29. März 2011 - 20:40

    Double hatted halt. Irgendwen muss er als erstes unterrichten. Dass es sein nationaler Dienstherr ist, wundert mich nicht.

    Zu den Bodentruppen: Wie den Tagesmedien zu entnehmen ist, haben die Rebellen erhebliche Probleme. Ich denke, die Allianz kommt jetzt an einen Scheideweg.
    Die Frage wird lauten: „Unterstützen wir die Rebellen weiterhin nur aus der Luft und riskieren ein scheitern der Rebellion mit der Konsequenz, dass Gadaffi eventuell terroristische Akte gegen uns durchführt, wie damals Lockerbie?“

    oder:

    „Gehen wir einen Schritt weiter und sorgen dafür, dass die Rebellen mit direkter Bodenunterstützung siegen (also ins Ziel getragen werden), unter dem Risiko, zu weit in einen regionalen Konflikt hineingezogen zu werden, was man eventuell im eigenen Land nicht rechtfertigen kann?“

    Man hat die Wahl.

  • tt.kreischwurst   |   30. März 2011 - 1:55

    So wie ich das lese, spielt er da auf einen semantischen Unterschied an. Soweit ich weiß schließt die UN Resolution nur eine occupying force aus, nicht aber eine stabilizing force. Weiß nicht ob er darauf anspielen will, dass es nicht illegal wäre??

    Im Übrigen (und das hat z.B. auch Dangerroom erwähnt) wäre es nicht das erste mal das no boots on the ground versprochen worden wäre und am Ende das genaue Gegenteil eingetreten ist.

  • para   |   30. März 2011 - 4:26

    Schon eine herbe Spitzfindigkeit, schliesslich kann man nicht stabilisieren, ohne zu besetzen. Zudem suggeriert Stabilisierung, dass der Konflikt beendet ist (ergo die Rebellen „gewinnen“).

    Zeigt sich nur wieder, was fuer ein Kasperletheater die Sache ist. Ich halte nicht viel von SpOn, aber die Bezeichnung „Turnschuh-Truppe“ trifft es schon. Die „Rebellen“ sind ein Chaotenverein, der in die Luft schiesst und Pick-ups von A nach B, C und D bewegt, gleichzeitig und konfus, damit hat es sich. Die ANA ist dagegen eine Elitearmee. Vermutlich hat man sich bzgl Libyen die Situation aehnlich vorgestellt wie in Afghanistan 2001. Dumm nur, dass die Rebellen dort damals eine kohaerente, erfahrene und gut gefuehrte Truppe waren, die seit Jahren den gleichen Gegner bekaempft hat.

    Selbst westliche Bodentruppen koennen dagegen in Libyen nichts „unterstuetzen“, sondern einfach nur den Job alleine machen, so wie es jetzt bereits aus der Luft passiert.

    Man kann sich nur wundern, was erst passieren soll, wenn Gaddafi tatsaechlich aus dem Amt gejagt wurde. Am besten gibt man den Job dann seinem Butler, der duerfte noch die meiste Uebersicht in dem Laden haben.

  • Orontes   |   30. März 2011 - 8:25

    Die Präsenz militanter Salafisten und der Hizbollah innerhalb der libyschen Opposition ist nach amerikanischen Angaben ja nicht weiter beunruhigend: http://edition.cnn.com/2011/US/03/29/libya.opposition.analysis/

    Die Stabilisierung Libyens wird daher wohl mindestens so reibungslos verlaufen wie im Irak oder in Afghanistan, und Bodentruppen werden möglicherweise schon nach ein paar Wochen und ohne größere Kampftätigkeit wieder zurückverlegen können.

    P.S. Nur wer gegen Demokratie und Menschenrechte ist verkauft jetzt eventuell noch vorhandene amerikanische Anleihen.

  • Orontes   |   30. März 2011 - 8:43

    P.S.
    „As to when the military strikes in Libya will end, Gates replied that „I don’t think anybody knows the answer to that.“
    http://news.xinhuanet.com/english2010/world/2011-03/28/c_13800619.htm

  • b   |   30. März 2011 - 13:57

    Hatte ich ja vor einigen Tagen hier behauptet und da wurde das angezweifelt. Jetzt ist es offiziell.

    Libyan opposition includes a small number of al-Qaeda fighters, U.S. officials say

    “We have seen flickers in the intelligence of potential al-Qaeda” and Hezbollah fighters among opposition forces, U.S. Adm. James Stavridis, NATO’s supreme allied commander for Europe, said in congressional testimony.

    But Stavridis stressed that emerging intelligence on the Libyan opposition “makes me feel that the leadership that I’m seeing are responsible men and women who are struggling against Colonel Gaddafi.”

    “It’s almost a certitude that at least part” of the Libyan opposition includes members of al-Qaeda, said Bruce Riedel, a former senior CIA analyst and adviser to President Obama. Riedel said that anti-Gaddafi elements in the rebel stronghold of Benghazi have had “very close associations with al-Qaeda” dating back years.

    “I would hope that we now have a good sense of the opposition in Libya and can say that this is 2 percent, not 20 percent,” Riedel said. “If we don’t, then we are running the risk of helping to bring to power a regime that could be very dangerous.”

    Wie Stavridis allerdings eher liberale schiitische Hezbullah aus dem Libanon im strengläubigen Teil des sunnitischen Libyen gefunden haben will kann ich nicht verstehen. Das scheint mir eher ein Reflex zu sein. Hezbullah/Iran muss ja bei jeder Gelegenheit als Bösewicht herhalten.

  • Orontes   |   30. März 2011 - 14:21

    @b
    Ein schiitischer Bezug besteht in Libyen in Form von Vermutungen über die dortige Gefangenhaltung Musa al-Sadrs, eines libanesisch-schiitischen geistlichen Führers. Sollte die Hizbollah (der Begriff „liberal“ passt in diesem Zusammenhang nicht/passend wäre ein Verweis auf weltanschauliche und Interessenskonflikte gegenüber den saudisch-unterstützen Salafis) al-Sadr der Öffentlichkeit präsentieren können, wäre dies ein enormer InfoOps-Erfolg.
    Auch der Verweis auf die Hizbollah als „Bösewicht“ durch die USA passt m.E. nicht, da die USA ja hier offensichtlich die Kräfte unterstützen, die mit der Hizbollah zusammenarbeiten.

  • Stefan   |   30. März 2011 - 19:17

    Für die Befürworter von Bodentruppen in Libyen ein Fernsehtipp.
    Heute Kabel1 22.25 Uhr „Black Hawk Down“ US-Actionfilm nach einer wahren Begebenheit in Somalia. Wiederholung um 0.55 Uhr. Sehr zu empfehlen! Wie die Guten gegen das Böse verlieren. Krieg ist kein Spaziergang.

  • Niklas   |   30. März 2011 - 19:47

    Wie homogen sind die Rebellen? Sind die salafistischen, bekannten terroristischen Strömungen nur in einem kleineren Teil der Rebellentruppen vorhanden oder spielen die eine signifikante Rolle? Versuchen sie eventuell die Rebellion als Vehikel einer islamischen Revolution zu nutzen? Wie groß ist ihr tatsächlicher Einfluss bzw. sind sie so mächtig, dass sie Initiatoren sein könnten? Das wären jetzt entscheidende Fragen.
    Der Zitierte hat ja eher eine Vermutung (ein geringer Anteil an Islamisten) und reicht somit nicht gerade als Quelle.

  • Steiner   |   31. März 2011 - 17:51

    @stefan: Richtig. Krieg ist kein Spaziergang. Sondern ein stetes Handeln ins Ungewisse: „Dem eigenen Willen begegnet der unabhängige Wille des Feindes. Reibungen und Fehler sind alltägliche Erscheinungen“ (HDv 300/1). Oder wie mal jemand, der es wissen mußte, sagte: „Normal“ im Krieg ist, wenn’s NICHT klappt!

    Im aktuellen Fall kommt noch hinzu, daß es statt „des Feindes“ ein unübersichtliches Geflecht von Akteuren (s. o. „Turnschuh-Truppe“) gibt, von denen allein Gaddafi ein halbwegs beschriebenes Blatt darstellt. Deshalb ist wohl z. Z. niemand ernsthaft scharf darauf, Bodentruppen nach Libyen zu entsenden.
    Aber es hatte ja auch niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten :-).

    @ orontes: ..die Stabilisierung Libyens wird daher wohl mindestens so reibungslos verlaufen, wie im Irak oder Afghanistan..

    Hierzulande Ironie KURSIV ?!