„Bis heute ist die Personallage gut“

Es war schon klar, dass Bundeswehr-Generalinspekteur Volker Wieker die Meldung über den Brandbrief von Heeresinspekteur Werner Freers, der Truppe gehe der Nachwuchs aus, so nicht stehen lassen durfte. Also hat der GI auch am Samstagnachmittag reagiert.

Dabei fällt auf, wie der GI (beziehungsweise sein Sprecher im Presse-Info-Stab des Ministeriums) den Brief ein wenig, sagen wir mal, herunterzuspielen versuchen: Der Inspekteur des Heeres hat in seinem Brief an den Generalinspekteur lediglich auf mögliche Folgen hingewiesen, falls es nicht gelingt, genügend Nachwuchs zu werben – Hervorhebung im Original. Und auffällig ist auch der letzte Absatz: Die geplanten Verpflichtungsprämien und der höhere Wehrsold sollen möglicherweise bereits gezahlt werden, ehe sie im Wehrrechtsänderungsgesetz vom Bundestag beschlossen werden. Ich würde mal sagen: die Hütte brennt.

Die Erklärung des GI-Sprechers im Wortlaut:

Der Generalinspekteur der Bundeswehr hat bereits mehrfach öffentlich die strategische Bedeutung der Nachwuchsgewinnung für die Bundeswehr betont.
Der Inspekteur des Heeres hat in seinem Brief an den Generalinspekteur lediglich auf mögliche Folgen hingewiesen, falls es nicht gelingt, genügend Nachwuchs zu werben. Auf dieses Ziel richten sich die Vorschläge des Insp des Heeres und eine Vielzahl weiterer derzeitig entwickelter Maßnahmen zur Verbesserung der Attraktivität des Dienstes in den Streitkräften. Diese Maßnahmen sind Teil der vom Verteidigungsminister eingeleiteten Reform zu einer noch einsatzorientierteren Bundeswehr der Zukunft.
Bis heute ist die Personallage in allen Bereichen gut – auch bei den Mannschaften im Heer. Es geht darum, diese gute Basis auch nach Wegfall der internen Werbung von Soldaten auf Zeit aus dem Potenzial der Wehrpflichtigen zu halten. Darauf richten sich alle Anstrengungen, die im Übrigen auch so im Militärischen Führungsrat bereits erörtert wurden.
Die demographische Entwicklung wird dabei den Wettbewerb um geeigneten Nachwuchs intensivieren. Hierzu hat die Bundeswehr eine Reihe von Maßnahmen erarbeitet, um im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern zu bestehen und den Übergang in die neue Struktur der Streitkräfte zu gewährleisten, ohne dass es zu Verwerfungen im Personalkörper oder zu Einbrüchen in der Unterstützung der laufenden Einsätze kommt.
Die Anzahl der Einstellungen für alle Laufbahnen bewegt sich stabil auf hohem Niveau, teilweise liegt sie sogar über der des Vorjahres. Dies gilt auch für die Laufbahn der Mannschaften, die Generalleutnant Freers in seinem Schreiben besonders anspricht.
Im Auftrag der Leitung des Bundesministeriums der Verteidigung wird derzeit geprüft, ob im Vorgriff auf die mit dem Wehrrechtsänderungsgesetz vorgesehenen Attraktivitätsmaßnahmen Verpflichtungsprämien und höherer Wehrsold gezahlt werden können. Weitere Werbemaßnahmen für den Freiwilligen Wehrdienst sind geplant.

39 Kommentare zu „„Bis heute ist die Personallage gut““

  • Tarma Roving   |   19. Februar 2011 - 20:02

    “Bis heute ist die Personallage gut”² – sorry, ist heute schon der 01. April?! Sähe die momentane Nachwuchssituation zum 01.07. nicht so dramatisch schlecht aus, wäre man versucht, über den Satz zu lachen.

    ² vgl. http://augengeradeaus.net/2011/02/bis-heute-ist-die-personallage-gut/
    Stand: 19.02.11 20.01 Uhr
    (hab ich das richtig gemacht?)

  • Matulla   |   19. Februar 2011 - 20:18

    Nun schreibt ein hoher Soldat dem höchsten Soldaten was allen vor kurzem noch völlig egal war oder sie es nicht wissen wollten. Seit Frühjahr 2010 erzähle ich jedem hohen Vorgesetzten das Problem mit den Mannschaften. Aber keiner war bis heute in der Lage überhaupt nur eine Kleinigkeit zu regeln.
    Diese Unfähigkeit des schnellen Handelns wird irgendwann Leben kosten. Im Moment frist es nur sehr viel Steuergelder.

    Ich bin dabei und werde nicht aufhören zu helfen, auch wenn man es nicht will.

  • J. König   |   19. Februar 2011 - 20:19

    @) Nachwuchsfragen

    tja, hätten diejenigen, die die Aussetzung der Wehrpflicht forciert haben, nämlich Grüne, FDP und Teile der deutschen Sozialdemokratie die Berichte der Miliärattaches der Staaten in Europa, die die Wehrpflicht ausgestzt haben, tatsächlich ernst genommen, dann hätten sie klugerweise ( das meint nicht sachgerechter) davon Abstand genommen.

    Nun gut.

    Es war ja auch eine Konservativer, der den geannten Parteien den Wunsch erfüllt hat und deren Verlangen entspracht. Auch wenn der CSU Chef im Freistaat Bayern, und wie heute erneut bekant wurde, dessen bster Freund, noch im Sommer als Verfechter der Beibehaltung der Wehrpflicht im Sommerinteview der Öffentlich Rechtlichen Sender bekannte.

    Aber der ehemalige Promotionsstudent und gleichzeitig Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB) kämpft momentan an der Promotionsordnung der Universiät Bayreuth (Oberfranken) und vielleicht auch mit dem Präsidenten den Deutschen Bundestages, der Vorgesetzter des Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages ist.

    Gemessen an den tatsächlichen politischen bedeutsamen Fragen eher eine Posse. Aber Dienstwagennutzung jeneseits des dafür vorgesehenen Zweckes und ähnliches und vergleichbares produzieren mehr Aufmerksamkeit.

    Tja, so ist es wohl.s

  • Hannes   |   19. Februar 2011 - 20:31

    @ J.König
    Ich glaube, es nicht nur aus rechtlichen Gründen Konsens in Deutschland, dass Nachwuchssorgen keine ausreichende Begründung für die Wehrpflicht ist!

  • JoHoMe   |   19. Februar 2011 - 20:37

    Ich habe aus meinem Büro einen wunderschönen Blick auf den Eingangsbereich eines deutschen Kreiswehrersatzamtes. Den in der Presseerklärung vermittelten Optimismus kann ich leider nicht teilen.

  • Georg   |   19. Februar 2011 - 20:57

    Vielleicht hängen die eventuellen Nachwuchssorgen eher mit den der Bevölkerung nicht zu vermittelnden AFG-Einsatz zusammen, als mit der demografischen Entwicklung.
    Die Parteien sollten erstmal den Sinn des jetzigen AFG-Einsatzes den Deutschen erklären, anschließend die zum Teil entwürdigende Bürokratie für Kriegsversehrte „Veteranen“ abschaffen und sich dann so konsequent für die Bundeswehr und ihre Soldaten in der Öffentlichkeit einsetzen, wie der jetzige Verteidigungsminister dies tut.
    In einem vorgeschoben Außenposten, im Feindesland, zu übernachten, dazu gehört schon etwas Mut.
    Die ganze Meute, die den guten Baron jetzt wegen Plagiatsvorwürfen in seiner Doktorarbeit hetzt, können ja mit ihm eine Nacht im OP North tauschen.
    An der Spitze am Besten der gute Herr Gysi, der schon lauthals nach den Rücktritt von Guttenberg ruft, und dabei den Balken im eigenen Auge, seine zwielichtige SED-Vergangenheit mit allen gerichtlichen Unterlassungsklagen verdrängt.

  • Politikverdruss   |   19. Februar 2011 - 21:12

    Man fragt sich, wie man nur auf die Idee kommen konnte, während eines Kriegseinsatzes von der Wehrpflicht auf eine Freiwilligen-Armee umzustellen, bei unklarer Finanzierung, unsicherer Personalergänzung und jetzt auch noch mit einem in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkten Verteidigungsminister. An der politischen Führung des Landes muss langsam ernsthaft gezweifelt werden, denn auch auf anderen Politikfeldern, z.B. Bildungs-, Gesundheits-, Geld-, Wirtschafts-und Finanzpolitik, sind unsere politischen Eliten ebenfalls nicht mehr ausreichend in der Lage, eine an den Interessen des Landes und seiner Bürger ausgerichtete Politik zu betreiben.

  • Alles wird gut ... Nur wann ...   |   19. Februar 2011 - 21:45

    Warum schreibt der Inspekteur des Heeres wohl einen Brief an den Generalsinspekteur. Natürlich weil die Hütte brennt. Die Generale sprechen des öfteren miteinander. Ein Brief ist eines der Maßnahmen, wenn man kein Licht am Horizont erkennt. Jetzt hat man in der Nachwuchsgewinnung schon die neue Richtlinie „Quantität vor Qualität“ angeordnet. Dennoch fehlt der Nachwuchs in ausreichender Zahl. Zu Guttenberg könnte von den Linken sein. Sollte er nicht bald das Geld für diese Freiwilligenarmee zur Verfügung bekommen sowie entsprechende Werbemaßnahmen starten können, dann war’s das mit funktionierenden Streitkräften. Fraglich ist nur, warum der Generalinspekteur alles herunterspielt, anstatt die Wahrheit zu sagen. Und nebenbei, klar, das Heer steht bei den Freiwilligen sowieso ganz hinten an. Wer will sich in der Infanterie, wie zuletzt in Afgahnistan, den Arsch wegsprengen lassen. Wer ist in der Bundeswehr eigentlich für das Personalmanagement verantwortlich? Wer hat dem Minister geraten die Wehrpflicht auszusetzen ohne rechtzeitig entsprechende Attraktivitätsaspekte zu setzten? Wer hat ihm gesagt, das wird schon? Dieser hohe Beamte oder Militär gehört entlassen! Oder war Gutti wieder beratungsresistent?

  • Memoria   |   19. Februar 2011 - 23:12

    Mal wieder ein Paradebeispiel für die systematische Realitätsverweigerung der militärischen Führung.
    All jene, die die Kernprobleme immer schnell bei Politik und 87b sehen, sei die Haltung des GI als Beispiel für die Beratung durch die militärische „Führung“ empfohlen.
    Alles super, weil es halt super sein muß. Dazu – wie üblich – ein paar Bürokraten-Ausreden ohne Wirkung in der Realität (Wo sind die TV-Spots? Wo wird mit den Prämien geworben?). Wenn man solch offensichtliche Probleme so dreist negiert, dann ahnt man wie sich der GI sonst so verhält. Klartext will KT doch – zumindest offiziell.
    Wer solche Generale hat, der braucht auch keine Feinde.
    Nur dumm für die Truppe, das wir beides haben.
    So macht man die Bundeswehr vollends kaputt und die nächste Generation der Ja-Sager steht ja schon in den Startlöchern.

  • ungenannt   |   20. Februar 2011 - 1:49

    Was soll der GI auch schon anderes sagen? Er entscheidet es ja nicht. Dass er gegen den erkannten Mangel nicht OFFEN vorgeht ist dem Primat der Politik geschuldet.
    Will sagen, nur weil etwas offensichtlich ist, darf es noch lange nicht jeder als offensichtlich anprangern. Bleibt zu hoffen, dass er es intern anspricht.
    Die Nachwuchswerbung ist sich der Problematik im Mannschaftsbereich durchaus bewusst und drängt auf politische Weichenstellungen, die aber nicht im Entscheidungsbereich der Bundeswehr liegen.
    Es müssen die Verpflichtungsprämien dringend kommen und genaus die Verpflichtungsmöglichkeit für Soldaten auf Zeit in der Laufbahn der Mannschaften für 8 Jahre, da nur so ein ausreichender Anspruch auf Berufsförderungsdienst (BFD) zu erreichen ist oder das Gesetz für den BFD muss geändert werden.

    Darüber hinaus haben die Zentren für Nachwuchsgewinnung derzeit keine Grundlage Nachwuchs zu ziehen, wie es eine Berufsarmee erfordert. Es wird nach wie vor gehandelt, als ob wir eine Wehrpflicht haben, weil keine anders lautenden Weisung existiert.

    Die Kreiswehrersatzämter (KWEA) und die Zentren für Nachwuchsgewinnung haben sich zusammen gesetzt und mal überschlagen, wie hoch ihre Quote sein müssten, wenn sie die Vorgaben zur Bedienung der angedachten 17.000 freiwilligen Wehrpflichtigen erfüllen sollten.
    Das Ergebnis der Betrachtung zeigte, dass die KWEA’s derzeit bei einem Erfüllungsgrad von gerade einmal 5% liegen.
    Wenn man nun bedenkt, dass die Mannschafter, die 2012 in den Einsatz gehen sollten, eigentlich jetzt schon rekrutiert sein müssten, dann weiß man auch, warum der Inspekteur des Heeres so dringend nach Veränderung ruft!

    Wie oft musste ich mir in Diskussionen um den Sinn der Wehrpflicht von all den klugen Politikern, die für die Abschaffung/Aussetzung eintraten anhören, dass wir aus den Fehlern der Verbündeten bei einer Umstellung auf eine Berufsarmee lernen müssten???
    Und was passiert nun? Wir wissen, was wir tun müssten, allein die Mittel scheinen uns dafür zu fehlen.
    Ein Glück, dass wir in Europa im tiefsten Frieden leben…

  • sd   |   20. Februar 2011 - 2:48

    Kann man nicht ein paar ueberfluessige einheiten aufloesen und die Soldaten auf andere Einheiten verteilen, nach entsprechender Umschulung? Fuer ein Expeditionsheer werden vermutlich hauptsaechlich Jaeger und Motorisierte Infantrie gebraucht, aber zB kaum Panzer oder Panzerabwehr Truppen. Teile der Wartung und Logistik laesst sich vieleicht auch vermehrt durch Zivilangestellte erledigen.

    Da bei Soldaten kaum Ruecksicht auf Umzuege etc genommen werden braucht, die sind ja in einem sehr strengen Dienstverhaeltnis, sollte sich so etwas doch relative kostenguenstig und zuegig Erledigen lassen. Es sollte auch schneller gehen einen Panzerfahrer zum Infanteristen umzuschulen (extrem gewaehlt) als einen Zivilisten zum Soldaten.

    Vor allem kann an der Landesverteidigung gesparrt werden, sie geschieht eh am besten auf der politischen Ebene.

    Fuer einen Zeitraum in dem die Armeen, so wie sie jetzt sind, noch nuetzlich sind, ist ein Landkrieg in Deutschland ausgeschlossen. (Falls er doch kommen wuerde, haette es D sowieso nicht verdient zu ueberleben.)
    Mittelfristig wird Verteidigung der Handelswege und EU Aussengrenzen deutlich wichtiger. Beides ist im Europaeischen, oder transatlantischen Verbund.

    Der bereicht in dem Deutschland wirklich investiren muss, ist der Cyberwar (hier meine ich nicht den Netwar!). Dh. die „Boots on the ground“ durch autonome oder halbautonome systeme zu Ersetzen. In der Luft geschieht das ja schon Zaghaft durch Dronen. Im gegensatz zu heute wird Deutschland es sich in 30 Jahren nicht mehr leisten koennen Soldaten im Krieg zu verheitzen.

    Das sterben zum Soldaten-Beruf gehoert, macht ihn ja auch nicht gerade attraktiver. Das muss aber nicht so sein.

  • b   |   20. Februar 2011 - 5:41

    @J.König – diejenigen, die die Aussetzung der Wehrpflicht forciert haben, nämlich Grüne, FDP und Teile der deutschen Sozialdemokratie

    Als ich das letzte mal geguckt habe war Herr Guttenberg Verteidigungsminister und in der CSU und Frau Merkel Kanzlerin und in der CDU.

    Die schlechten Taten der Regierung der Opposition in die Schuhe zu schieben ist mit Verlaub hirnrissig.

  • StFwdR   |   20. Februar 2011 - 7:26

    @b

    Immer schön bei den Tatasachen bleiben ;-)

    Die Aussage von J. König ist doch sachlich richtig, auch wenn diese (alte ) Forderung der Opposition ausgerechnet durch einen CSU-Minister umgesetzt wurde.

    Ist wie mit der Hotelsteuer, die haben in den Ländern und auch im Bund durchaus die anderen Parteien auch gefordert. Die FDP wurde dafür abgewatscht.

  • JoHoMe   |   20. Februar 2011 - 10:20

    Sich darüber zu streiten, wer alles die Wehrpflicht aussetzen wollte, halte ich für völlig abwegig. Das eigentliche Problem ist doch, wie die Wehrpflicht ausgesetzt wird. Nämlich ohne Not völlig überhastet, ohne das rechtzeitig steuernd und entlastend durch begleitende, insbesondere attraktivitätssteigernde Maßnahmen in den Personalkörper eingegriffen wurde und wird. Das erinnert mich fatal an die Situation kurz nach der Wende. Da standen in ostdeutschen Kasernen auch Leutnante Torposten und stellten Majore den OvWa, weil nicht ausreichend Mannschaftssoldaten vorhanden waren und Aufgaben von unten nach oben „hochgeschichtet“ werden mussten. Ich hätte es nicht erwartet, dass diese bei der NVA zu beobachtenden Auflösungserscheinungen sich 30 Jahre später bei der Bundeswehr in ähnlicher Form wiederholen.

  • schleppi   |   20. Februar 2011 - 10:40

    Das, was unter dem Begriff „Bundeswehrreform“ herumgestümpert wird ist schon erschreckend. Da werden Maßnahmen ergriffen, obwohl Gesetze noch nicht verabschiedet sind. Ja, die FDP Fraktion hat 2006 bereits einen Antrag auf Abschaffung der Wehrpflicht im Bundestag eingebracht, aber der Koalitionsvertrag sah nur eine Verkürzung auf 6 Monate vor. Es war dann nach meiner Kenntnis der Verteidigungsminister, der zur Einsparung die Aussetzung ins Spiel brachte. Und wenn jetzt der InsH sich schriftlich gern absichern möchte, dann geschieht das nicht ohne Grund. Fakt ist derzeit, dass es nach personalwirtschaftlichen Gesichtspunkten nur 2/3 des erforderlichen Bewerberaufkommens gibt. Tendenz fallend.

  • StFwdR   |   20. Februar 2011 - 10:55

    Also mal eingeworfen :

    Jahrelang ging das Geschrei um die Abschaffung der Wehrpflicht wegen fehlender Wehrgerechtigkeit doch um. Es war nur eine Frage der Zeit bis das BVerfG da einen Riegel vorgeschoben hätte. Damit wäre die Wehrpflicht obsolet gewesen.

    Das sie nun ausgesetzt ist wird zwar als defacto Abschaffung wahrgenomen, ist es aber zumindest juristisch nicht.

    Ich habe das Gefühl das den Schreihälsen ob der nunmehr am Horizont erscheinenden fürchterlichen Konsequenzen ebendiese erst jetzt bewußt werden. Angefangen von Standortschließungen bis hin zur Reduzierung von Kernfähigkeiten der Armee.

  • Udo   |   20. Februar 2011 - 11:32

    Die Umstellung von einer Wehrpflichtarmee auf eine Freiwilligenarmee ist viel zu schnell vollzogen worden. Dabei sind die zuerwartenden Begleitumstände nicht ausreichend berücksichtigt oder unterschätzt worden und schlagen jetzt voll durch. Diese schnelle Umstellung ist nur den fehlenden Haushaltsmitteln geschuldet, ohne an die weitere Einsatzfähigkeit der Armee zu denken.

  • mwk   |   20. Februar 2011 - 12:32

    Bei der ganzen Diskussion und der Bewertung dieser, nicht ersten, „Bundeswehr-Reform“, sollte man auch den enormen finanziellen Druck, der auf das BMVg ausgeübt wird, berücksichtigen. Für mich, rein subjektiv, stellte sich die Überzeugung ein, dass der Emporkömmling aus Bayern mal etwas gemaßregelt werden sollte – und zwar von seinen Freunden.
    Letztendlich war dieser Spardruck und die mangelnde Effizienz der Bundeswehr das Ende der Wehrpflicht – die seit Jahren schon herrschende Wehrungerechtigkeit hätte man vielleicht noch einige Jahre andauern lassen können. Durch das Einziehen junger Männer, wurde zwar ein unpopulärer Druck erzeugt, jedoch gleichzeitig eine Affinität der Bevölkerung zu ihrer Armee erzeugt, deren Jungs dort ihren Dienst verrichteten. Diese vielleicht unfreiwillige Bindung wird nun verloren gehen. …
    Das Tempo der Umsetzung zu einer Freiwilligen Armee wird durch die Sparzwänge bestimmt – was sicher nicht der beste Weg ist.

  • Schreckstarr   |   20. Februar 2011 - 12:34

    Natuerlich bedeutet die Aussetzung der Wehrpflicht juristisch nicht deren Abschaffung, aber de facto wird die Aussetzung eben doch als Abschaffung empfunden – und ich denke, diese Empfindung ist richtig und in ihrem Kern sehr viel treffender, als verschleiernd und verharmlosend von „Aussetzung“ zu sprechen.
    Man soll nie nie sagen, doch wie wahrscheinlich ist denn die Wieder-Einsetzung der Wehrpflicht. Warum nennt man das Kind nicht gleich beim Namen?

    Dabei geht es mir jetzt nicht um die Diskussion ueber Wehrgerechtigkeit und Urteile von Gerichten an sich, das ist so gewaltig umfangreich, da koennten sicher seitenlang Argumente ausgetauscht werden.

    Doch nun ist die Aussetzung erfolgt (ich befuerworte das nicht). Die kommt nicht erst in einiger Zeit, sondern „war schon“, ist status quo.
    Warum wurde ein Zustand geschaffen, ohne vorher (!) Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Zustand stuetzen und seine Erreichung zumindest erleichtern?

    Warum gibt es das Massnahmenpaket zur Attraktivitaetssteigerung erst im Entwurf, obwohl durch solche Massnahmen doch schon lange im Vorfeld einer Entscheidung Menschen vielleicht fuer die Bundeswehr haetten gewonnen werden koennen?

    Warum erhalten Msch SaZ, die sich weiterverpflichten wollen und die sich bereits in der Truppe verdient gemacht haben und so (im Positiven gemeint) Luecken fuellen koennen, noch Ende Jan. dieses Jahres eine Ablehnung u. a. mit dem Hinweis, dass die rechtlichen Rahmenbedingung fuer eine solche WV noch nicht geschaffen sind? Und lesen heute, Ende Feb., Praemien und hoeherer Wehrsold koennten evtl. doch auch jetzt schon mal ohne Aenderungen im Wehrrechtsaenderungsgesetzn gezahlt werden?

    Warum – bei einem solch historischen Schritt mit Tragweite – werden nicht alle bestimmt vorhandenen Denk-Ressourcen genutzt, um erst (!) ein vernuenftiges Konzept auszuarbeiten und dann auch noch zu beschliessen und am Ende (!) des Prozesses ohne Hektik (!) die Konsequenz ziehen: Aussetzung eben (wenn die am Ende stehen soll)?
    Gilt hier das Motto von Kinder-Ueberraschung „Das sind ja drei Dinge auf einmal“ und drei Dinge auf einmal sind zwei zu viel?

    Jetzt nehme ich noch die Blitzlichter „Einstellung von nichtdeutschen Inlaendern“ und „… auch junge Menschen mit unterdurchschnittlicher schulischer Bildung beziehungsweise ohne Schulabschluss personalwerblich anzusprechen …“, dann geht das Grausen erst richtig los.

    Worueber haben sich denn die Zentren fuer Nachwuchgewinnung noch vor gar nicht so langer Zeit beklagt? Fehlende physische und interlektuelle Leistungsfaehigkeit.
    Ende 2009 hatte die Nachwuchswerbung noch eine strategische Bedeutung im Wettbewerb um die klugen Koepfe als geeignete Bewerber, war „Kampf um Talente“. Und 2011?

    Eine letzte Frage: Der GenInsp hat vor einiger Zeit von seinen Soldatinnen und Soldaten verlangt, als Botschafter fuer die Streitkraefte einzutreten und den Reformprozess positiv – auch in der Aussenwahrnehmung – zu begleiten und zu unterstuetzen.

    Doch wieviele Sdt. wollen das heute noch, wenn sie immer wieder seit Jahren – am besten noch in der beruehmten Transformation – als Feuerwehr fuer schon lichterloh brennende Huetten (miss)braucht werden, anstatt dass sie ausnahmsweise schon beim nachhaltigen Fundamentbau ihren logischen Menschenverstand und ihr Wissen einsetzen koennen?

    Muss sich, so wie die Aussetzung angegangen wurde, nicht ein Gefuehl von Dilettantismus und „Die da oben koennen’s und wollen’s einfach nicht“ einstellen? Ist das Gefuehl falsch?

    Von mir aus Wehrpflicht aussetzen und was sonst noch so in den Schubladen des BMVg liegt. Bitte.
    Aber warum geht das alles nicht ein einziges Mal wenigstens ein bisschen in Schoen?

  • mwk   |   20. Februar 2011 - 12:44

    Zumal das Risiko der zu geringen Akzeptanz des Militärs in der Gesellschaft m.M unterschätzt wurde

  • J.R.   |   20. Februar 2011 - 12:53

    Das Ansehen der Bundeswehr hängt nicht zuletzt stark von der (wahrgenommenen) Relevanz ihrer Mission ab.

    Da hilft es weder die Bedeutung des Afghanistaneinsatzes kleinzureden, noch die Existenz der Bundeswehr über eine Verteidigung der Odergrenze zu argumentieren.

    Es ist schwer eine Institution ernstzunehmen, die in ihrer jetztigen Form oft als überflüssig wahrgenommen wird.

  • dk   |   20. Februar 2011 - 13:12

    Der Ausgang, das Ergebnis der Personaldebatte wird hoffentlich, wenn auch nicht sogleich, zu dem Ergebnis führen, dass das Abschaffen der allgemeinen Dienstpflicht ein Fehler war.
    Die Auswirkungen sind vlt. nicht alsblad spürbar, weil gewisse Mechanismen zwischenzeitlich kompensierend wirken, doch hoffentlich entsteht am Ende ein gesellschaftlicher Konsens über die Vorteile einer Dienstplicht.
    Daraus resultierend dann eine Dienstpflicht von min. 12 Monaten für beide Geschlechter, entweder als Wehr- oder Zivildienst.
    Wir haben noch ein Solidarsystem und es wäre prägend, wenn junge Menschen diesem System und vor allem der Gesellschaft, zumindestens für ein Jahr, dienen würden.

  • Sascha Stoltenow   |   20. Februar 2011 - 13:31

    Ich freue mich schon auf die Umschulung dickbäuchiger Majore zu MG-Schützen. Das ist alles so lächerlich …

  • Det   |   20. Februar 2011 - 14:04

    @ Sascha Stoltenau

    die taugen gerade mal zum Feldkabelbautrupp. wir machen uns in der NATO so was von laecherlich.

  • Felix Winter   |   20. Februar 2011 - 14:22

    Ich glaube die entscheidende Erkenntnis ist wirklich das die Bundeswehr bisher ihr Personal vor allem deswegen halten konnte, weil durch die Wehrpflicht eine Art Zwangsverpflichtung zum ständigen Zufluss frischer Leute geführt hat. Wenn man nun die Wehrpflicht als nicht mehr zeitgemäß betrachtet, auch was die Kosten für die bei vielen unsinnige Grundausbildung betreffend, dann muss man sehen wie man die Leute für die BW interessiert. Nur mit mehr Geld ist da sicher nichts zu machen. Jedenfalls nicht wenn man auch kompetentes Personal haben will. Viel eher muss wieder öffentlich kommuniziert werden wofür die Bundeswehr eingetzt wird. Und wenn es dafür (z.B. für die Sicherung von Transportwegen) eine starke Mehrheit gibt, wird der Beruf des Soldaten auch wieder Anerkennung erfahren. Die fehlt im Moment was meiner Meinung nach an der geradezu nicht vorhandenen Kommunikation mit dem „Rest“ der Bevölkerung liegt. (Dazu gab es hier ja schonmal eine Bermerkung im
    Blogeintrag über die unterschiedliche informationskultur zw. der USA und Dtl Einsätze in Afghanistan betreffend.)

  • Mike   |   20. Februar 2011 - 15:54

    Toll da hat der eine General dem anderen General einen Brief geschrieben – und !!!
    Jetzt meldet eben der Inspekteur des Heeres das Ende der Fahnenstange aber wie immer kommt aus dem BMVg : nee alles supi hier , Halt STOP -wer war nochmal Minister
    FJJ nee ist ja doch KTvG . Na so ist das eben wenn man sein eigenes Haus beauftragt sich zu reformieren aber das Personal das selbe ist. Wir haben eben eine hohe Zahl an JA Sagern, die die Wahrhaftigkeit im Denken und Handeln zugunsten von Macht und Karriere abgelegt haben.
    In diesem Sinne : ALLES WIRD GUT !

  • J. König   |   20. Februar 2011 - 16:13

    @ Hannes

    Im Grunde sind Ihre Einlassungen richtig.

    Es ist letztendlich eine Frage der Tugend der Politischen Klugheit.

    Jedoch, die Startrede des Bundesministers der Verteidigung im vergangenem Jahr an der Führungsakademie der Bundeswehr (Hamburg) im Kontext der Sparbeschlüsse der Bundesregierung hebt darauf ab, die Wehrpflicht aus angebelichen Kostengründen auszusetzen.

    Ich denke, das überzeugt genau so wenig, wie sie aus Gründen der Nachwuchsgewinnung beizubehalten.

    Bislang ist bekannt, dass die Gewinnung von Freiwilligen, und das in Konkurenz zu anderen und weiteren Arbeitgebern, eher teurer werden wird.

    Einen vertiefenden Einblick in die grundsätzliche Problematik der Beibehaltung oder Aussetzung der Allgemeinen Wehrpflicht fand ich unter dem link:

    http://www.blog-info.harald-oberhem.net/resources/JeP-Allgemeine+Wehrpflicht-1993.pdf

  • Hannes   |   20. Februar 2011 - 16:28

    Ich bin mir nicht sicher, ob hier eine sinnvolle Diskussion geführt wird.
    Kann eine Armee erstrebenswert sein, deren Grundlage die Zwangsrekrutierung ist?
    Wenn ich mir den Bericht des GI ansehe, rechnet er vor, dass sich weniger wehrpflichtige länger gebunden haben, als Personal gebraucht wurde, um sie auszubilden und zu beschäftigen. Insofern wahr die Bilanz der Wehrpflicht negativ!
    Deutlich war das auch daran abzulesen, dass zuletzt zwar 250.000 Mann auf dem Papier standen, davon aber nur ein Bruchteil für die Einsatzkontingente zur Verfügung standen.
    Die Wehrpflicht ist keine Lösung für die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr, sondern ein Teil des Problems!

  • Schreckstarr   |   20. Februar 2011 - 17:04

    @ Hannes
    Werden die Streitkraefte erstrebenswerter, wenn ihr Personalkoerper nur noch aus Freiwilligen besteht?

    Auch mit Wehrpflichtigen kann die Bundeswehr effektiv, kostenguenstig und einsatzfaehig operieren. Mit Freiwilligen vielleicht noch besser, mag sein.
    Doch was ist denn seit Jahren das Joch, das drueckt und laehmt? Die Wehrpflicht?

    Nein, das Joch ist ueberbordender Buerokratismus, Doppelungen im allgemeinen Dienstbetrieb und in der Ausbildung, Ineffizienz. Ein Beschaffungswesen, das sicher nicht kostenoptimal arbeitet. Einsatz von Steuergeldern an Stellen innerhalb der Bundeswehr und fuer Vorhaben, die „es nicht so noetig haben“ und dann fehlt das Geld an anderer Stelle. Befehlsstrukturen und Handlungsablaeufe, die die Haare zu Berge stehen lassen …

    Es gibt auch gute Dinge, das ist zweifelsfrei. Die Qualitaet der Ausruestung im Allgemeinen hat einen guten Sprung nach vorn gemacht, die Sdt fahren dank BwFuhrparkService auch nicht mehr im oliven Pritschenbully T3 mit durchgesessenen Polstern durch die Gegend. Vieles mehr.

    Doch haengt dies alles von der Wehrform ab? Nein, gute Fuehrung ist es, die erstens den Arbeitgeber attraktiv macht und zweitens durchschlagkraeftig und effizient.

    Vorgesetzte mit Rueckgrat, gute Menschenfuehrer, ueberlegt und logisch handelnd und im Wissen, alle sitzen im einem Boot und dienen einem Ziel.

  • J. König   |   20. Februar 2011 - 17:22

    @ Hannes

    Ich erlaube mit den Hinweis, dass Pflicht nicht Zwang ist.

    Der Begriff „Zwangsdienst“ ist, mit Blick auf die ehemalige Pflicht, Werhdienst zu leisten, völlig unangemessen.

    Zwangsdienst gab es unter den Nazis in Deutschland. Das war Zwang mit Todesurteil.

    Nix für ungut

  • Martin   |   20. Februar 2011 - 18:16

    Selbst die SWP hat die Regierung vor einer Abschaffung der Wehrpflicht gewarnt. http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2009A63_bch_ks.pdf
    Genannter Autor hat an anderer Stelle 2010 (Buch, D: Kein Abschied vom Bürger in Uniform, in: Welttrends, 18 Jg, Seite 85-94.) festgestellt, dass europ. Nachbarländer nach Abschaffung/Aussetzung mit extremen Ausgabesteigerungen zu kämpfen hatten und vom erwarteten Einsparpotential nicht zu Reden war.

    Und bei dem ganzen Gerede über die Dissertationscollage möchte ich am Rande noch auf Folgendes verweisen: Der Iran will zum ersten Mal seit 1979 (!) den Suezkanal mit Militärschiffen durchfahren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746510,00.html Vielleicht können sich bei diesem Thema die Gemüter wieder etwas beruhigen, obwohl die Thematik fast zu heikel dafür ist.

  • Etienne Rheindahlen   |   20. Februar 2011 - 18:40

    Wer auf dem Arbeitsmarkt um möglichst vielversprechende, ausbildungsfähige und vor allem ausbildungswillige Bewerber mit Unternehmen aus einem breiten Branchenradius konkurrieren will – der muss in erster Linie t r a n s p a r e n t e und e h r l i c h e Aussichten auf das zu erwartende Berufsfeld kommunizieren. Kaum minder wichtig: klare Perspektiven im Bezug auf die unmittelbaren Laufbahnchancen und auf spätere Weiterbildungsmöglichkeiten. Denn auch eine in wesentlichen Bereichen neu aufgestellte Bundeswehr wird nicht nur Nachwuchs mit Eignungen zum Berufssoldaten / Berufsoffizier finden müssen. Sondern auch hinreichend im unteren SaZ-Spektrum sich als geeignet herausstellende Mannschaftsdienstgrade.

    Erstes Dilemma: Bewerber, die sich im Alter von 18 Jahren und mit einer (hoffentlich) abgeschlossenen unteren oder mittleren Schulausbildung – jedoch ohne erlernten Zivilberuf – für ein Engagement bei der Bundeswehr interessieren…sind wohl nur für bestimmte, wenige STAN-Verwendungen einzusetzen. Als Soldaten in primär infanteristischen Teil-Einheiten.

    So werden zB in der Pioniertruppe vor allem Rekruten mit einer Ausbildung oder zumindest Erfahrung in einem metall- oder bautechnischen bzw. handwerklichen Beruf gesucht. Ist auch sinnvoll, wenn man das Einsatzspektrum zB eines PiZugs oder PiMaschZugs betrachtet.

    Zweites Dilemma: Wer zB eine Handwerks- oder Technikerausbildung mit guten Noten und entsprechend vielversprechender fachlicher und persönlicher Qualifikation abschliesst, der wird sich sehr wahrscheinlich eher für ein – im Zweifel auch anfangs nicht so gut bezahltes – ziviles Stellenangebot entscheiden. Nur einige der (hinreichend bekannten) Gründe: Einsatzverwendungen mit hohem Risiko für Leib & Leben, keine dauerhaften örtlichen Stationierungen, bessere Verdienstmöglichkeiten im Zivilleben, keine „sonderlich hohe“ gesellschaftliche Akzeptanz.

    Blieben also entweder Minderqualifizierte, Abenteuerlustige oder – sollte dies auf eine gesetzliche Grundlage gestelt werden – auf eine Art „Green Card“ bzw. die deutsche Staatsbürgerschaft spekulierende Migranten.

    Ich habe selbst während eines Lehrgangs vor wenigen Wochen einen gebürtigen Kosovo-Albaner kennengelernt, der in Pristina einige Jahre als Sprachmittler für KFOR tätig war. Die Bw hat ihn mit nach Deutschland genommen – inzwischen ist er Schirr-meister (hatte im Kosovo Kfz-Mechaniker gelernt), besitzt die deutsche Staatsbürger-schaft…und wird derzeit in Richtung KpFw-Dienstposten ausgebildet. So weit, so gut – aber vermutlich (bislang) eine Ausnahme. Allerdings höre ich zB vom Führer eines EGB-Zugs, dass sich in seiner Teil-Einheit insbesondere junge Soldaten mit Spätaussiedler-Herkunft (Russland) als besonders fähige, motivierte und geradezu „archaische“ Kämpfer erweisen.

    Das grösste Dilemma aber orte ich in der nicht sonderlich aufrichtigen, meiner Ansicht nach zu verharmlosenden Darstellung des Berufsbilds eines Soldaten / einer Soldatin in einer Einsatzarmee. Ja, es geht um Teilnahme an kriegerischen Auseinanderset-zungen. Um Kampf, Töten oder Getötetwerden, Verwundung, Leid, um Entbehrungen, Belastungen. Um einen Beruf, der alles ist – nur nicht bequem oder eben…zivil.

    Wer n u r auf – etwaige künftig ausgelobte – opulente Verpflichtungsprämien oder (im Fall des Offz-Nachwuchses) auf ein Studium unter komfortablen Rahmenbedingungen spekuliert…wird für eine absolut professionell für unterschiedlichste Einsatzszenarien aufgestellte und im Einsatzfall effizient wie flexibel agierende Interventions-Bundes- wehr ganz sicher nicht geeignet sein. Ebensowenig EgoShooter-„Helden“, die ihre „Shock & Awe“-Phantasien mal real ausleben wollen.

    Eine Nachwuchswerbung, die ohne Beschönigung aufzeigt, welche Chancen – aber auch welche Risiken – sich einem Soldaten einer einsatz- und also gefechtsbereiten Armee offenbaren, wäre konsequent und zielführend. Auch wenn das politisch und gesellschaftlich eine breite Verteidigungsministerbrust erfordern würde.

    Aber eine Bündnis- und Interventionsarmee hat nun einmal nichts Charmantes oder Hochglanzschillerndes zu bieten. Statt dessen fordert sie entschlossene und gefestig- te Persönlichkeiten mit Bürgersinn, die als Dienstleister der Gesellschaft bereit sind den Kopf hinzuhalten. Mit Mut ebenso wie mit Köpfchen, mit Intelligenz, mit Loyalität. Und zwar unterschiedlichslos gültig für einen künftigen Obergefreiten oder einen Oberstleutnant in spé.

    Ob auch diese Realität der Bundeswehrreform von unseren euphemismusverliebten Politikern – gleich welchem Spektrum gehörig – zu akzeptieren und zu schultern ist?

  • JoHoMe   |   20. Februar 2011 - 19:02

    @ Etienne Rheindahlen
    Nach Ihrem glänzenden Beitrag könnte man hier die Debatte abschliessen. Chapeau!

  • T.Wiegold   |   20. Februar 2011 - 20:25

    Trotzdem verweise ich auf eine aktuelle Handelsblatt-Meldung:

    Bundeswehr fürchtet gewaltige Personalprobleme

  • Ash   |   21. Februar 2011 - 17:01

    @Etienne:
    „Mit Mut ebenso wie mit Köpfchen, mit Intelligenz, mit Loyalität.“
    +
    „besonders fähige, motivierte und geradezu “archaische” Kämpfer“
    =
    Brauchen wir, gibt es auch „draußen“, aber viele sind zzt. halt nur Uniformträger und keine Soldaten und das schreckt Letztere ab und zieht Erstere an… leider…

  • Udo   |   21. Februar 2011 - 17:40

    Zunächst hätten die Rahmenbedingungen unter denen einer freiwilliger Wehrdienst stattfindet gesetzlich geschaffen werden müssen , damit jeder weiß unter welchen Bedingungen er seinen freiwilligen Dienst antritt und was in Zukunft ihn erwartet. Nur so schafft man Klarheit und Vertrauen.
    Alles was jetzt geschrieben und veröffentlicht wird, sind Absichtserklährungen, deren Umsetzung ungewiß sind. Wer tritt schon in ein Unternehmen mit ungewisser Zukunft ein!
    Der jetzt gewählte Ansatz war der verkehrte.

  • Etienne Rheindahlen   |   21. Februar 2011 - 18:14

    Der SPON-Artikel zu diesem Thema ( http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,745532,00.html ) entspricht auch hier in Berlin der Realität. Exakt diese Stimmung der Verunsicherung sowie die teils von den Beratern ausgesprochene Forderung nach „Weg von der Klischeebild-Werbung – hin zu einem realistischen Berufsbild“ konnte ich dort heute bei meinem 90/5-Morgen ausmachen.

    Eine Beraterin (ex-NVA-Vorzimmer auf Regimentsebene) meinte: „Warum gibt’s nicht wieder sowas Ähnliches wie die GST vor ’89?“ Vielleicht ein – nun, etwas unkonventio- nell erscheinender Gedanke. Realistischer hingegen der Gedanke, neben der primär auf Prospekten oder Internet-Angeboten basierenden Berufsberatung zum Beispiel mehrwöchige Praktika in der Truppe anbieten zu können…in der Bw-Interessent und
    Truppenteil sich kennen lernen können. Wäre nmE vielleicht in eine praktikable Richtung gedacht.

    Das allerdings würde wohl ein grundlegendes und den Realitäten entsprechendes Nachwuchs- und Recruitung-Konzept erfordern, das sinnvollerweise nicht nur im Ministerium entwickelt werden sollte. Sondern vernünftigerweise von einer parlamentarisch-interfraktionellen und zugleich interdisziplinären Arbeitsgruppe unter Einbeziehung von Vertretern der im Einsatzkontext betroffenen Truppengattungen (Hauptbedarfsträger), der KWEAs als auch der bisher mit der Nachwuchswerbung beauftragten Dienststellen.

    Das aber macht nur Sinn, wenn für eine ehrliche Darstellung der Bundeswehr als „Parlaments-Armee im Einsatz“ künftig über Partei- oder Fraktionsgrnzen hinaus ein Kontext geschaffen werden kann. Dann funktioniert auch eine – Eigenzitat „Nachwuchswerbung, die ohne Beschönigung aufzeigt, welche Chancen – aber auch welche Risiken – sich einem Soldaten einer einsatz- und also gefechtsbereiten Armee offenbaren, wäre konsequent und zielführend. Auch wenn das politisch und gesellschaftlich eine breite Verteidigungsministerbrust erfordern würde. „

  • MFG   |   21. Februar 2011 - 23:24

    Ist es eigentlich Standardverfahren, dass SaZ aktenkundlich darüber belehrt werden, dass sie sich für die Übernahme zum BS bewerben können?

  • Müllert   |   28. Februar 2011 - 16:52

    Der Menister KTzG hat nicht nur die Reform der BW auf einer Lüge aufgebaut (ich werde Sparen), sondern er hat Menschen links und rechts überholt -die werden es ihm schon zeigen- er hat auch viele Menschen vor den Kopf gestosen, er braucht auch die Stimmen anderer Parteien um seine Ziele durchzusetzen, doch er wird noch nicht einmal alle Stimmen der CDU, CSU und der FDP bekommen. Da kommt noch richtig was auf uns zu. Das ja Sagen und Nicken der Generalität ist ja auch nicht neu. Sorry… schön ist was anderes.