Wachsame Eulen in Litauen: Nerds und Kämpfer an der NATO-Ostflanke

Wenn es um den militärischen Beitrag Deutschlands zum Schutz der NATO-Ostflanke geht, steht meist das Deutsche Heer im Vordergrund. Die jüngste – und kleinste – Teilstreitkraft der Bundeswehr, der Cyber- und Informationsraum (CIR), und ihr Inspekteur Thomas Daum wollen zeigen, dass mit der Elektronischen Kampfführung (Eloka) in Litauen an der Grenze des Bündnisses zur Russland und Belarus Technologie-Nerds, vor allem aber Kämpfer unterwegs sind.

Auf dem Paluknys Airfield, einem Hubschrauber-Landeplatz knapp 30 Kilometer südwestlich der litauischen Hauptstadt Vilnius und weitere rund 30 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt, hat eine kleine Abordnung des Eloka-Bataillons 932 Demonstrationsmaterial für den Medientag des Inspekteurs aufgebaut. Vom ersten Moment an machen Kommandeur Oberstleutnant Moritz Kaselow und seine Männer und Frauen klar, dass hier nicht schlicht eine Übung abläuft: Ihr Gesicht haben alle verborgen. Und, offensichtlich eine Neuerung beim Einsatz im europäischen NATO-Gebiet: Die Soldaten und Soldatinnen tragen zur Identifizierung Namensschilder mit kryptischen Kürzeln, die eigentliche Identität ist in einem so genannten Battle Book hinterlegt. Der potenzielle Gegner soll die Klarnamen nicht herausfinden und damit eine Möglichkeit zum Druck auf Familien in der Heimat bekommen.

Solche Vorsichtsmaßnahmen kannte die Bundeswehr bislang aus ihren Auslandseinsätzen zum Beispiel in Mali. Dass sie jetzt in Europa zum Standard für eine Kampftruppe werden, hat viel mit dem Einsatzzweck der Elektronischen Kampfführung zu tun. Und den absehbaren Missionen an der Ostflanke der Allianz. Schon vor dem Abmarsch zur Mission Vigilant Owl II, der wachsamen Eule, nach Litauen, hatte Kommandeur Kaselow seine Truppe mit einer Alarmübung am heimischen Standort Frankenberg in Hessen auf die Einsatzrealität der kommenden Wochen eingestellt – einschließlich einer im deutschen Friedensbetrieb äußerst selten ausgerufenen Alarmstufe Charlie.

Aus den Gründen für die Sicherheitsvorkehrungen machen Inspekteur Daum wie der Bataillonskommandeur keinen Hehl. Ich bin das Hochwertziel, wie die Flugabwehr, sagt Kaselow. Wir machen Dinge sichtbar, die sonst nicht zu sehen sind. Wie die über den Empfang des gegnerischen Funks aufgeklärten Stellungen von Einheiten hinter der Grenze.

Aber auch, und da hat die Mission Vigilant Owl sehr viel mit der aktuellen Sicherheitslage zu tun, der Blick auf mögliches Einsickern eines Feindes auf NATO-Gebiet ist im Blick der Elektronischen Kampfführung, die den Funkverkehr erfassen und aufklären soll. Das Vorgehen der Allianz zum Stopp eines möglichen russischen Angriffs gleich in der Anfangsphase, das der militärische NATO-Oberbefehlshaber Alexus G. Grynkewich vor gut zwei Wochen skizzierte, setzt schließlich eines voraus: Dass die Bündnis-Truppen rechtzeitig mitbekommen und erkennen, dass ein Gegner die Grenze zum eigenen Gebiet überschritten hat.

An der Stelle spielen nicht nur Ausstattung und Kenntnisse des Eloka-Bataillons eine Rolle, sondern auch die Unterstützung durch eine andere Bundeswehr-Dienststelle: Der Cyber Innovation Hub (CIH) der Bundeswehr, Mitveranstalter des CIR-Medientags in Litauen, half dem Eloka-Bataillon zum Beispiel bei der Entwicklung einer technischen Lösung zur Funkpeilung und Ortung.

Das System Baumfalke (Anmerkung d.Red: Die Neigung der Bundeswehr zu Tieren als Bezeichnung für ihre Systeme ist ungebrochen…) sieht dafür drei verteilte Sensoren vor, die gemeinsam ein gegnerisches Funk-Ziel erfassen: Drei Antennen für die – bekannten – militärischen Funk-Frequenzen, drei Funkempfänger, drei GPS-Empfänger zur genauen Positionierung, eine Vernetzung der Sensoren über ein eigenes kleines Mobilfunknetz – und eine Auswertestation, die aus den Laufzeiten der Funksignale zum jeweiligen Empfänger eine genaue Position des Gegners errechnet. Verteilt werden die Empfänger und Antennen im Gelände von Soldaten, die an verschiedenen Stellen die einzelnen Sensoren mit der eigenen Stromversorgung über eine kleine Brennstoffzelle installieren (s. Foto oben).

Das klingt so logisch, dass nicht so recht klar ist, warum ein solches System nicht längst von der Industrie zum Kauf angeboten wurde. Tatsächlich konstruierten die Fachleute des Eloka-Bataillons es selbst, mit handelsüblichen Bauteilen aus dem Eletronik-Katalog und mit Hilfe der Fachleute des Cyber Innovation Hubs – und, vor allem, unbürokratisch finanziert aus dem so genannten Handgeld, dass Inspekteur Daum wie seinen Kollegen aus den anderen Teilstreitkräften seit diesem Jahr zur Verfügung steht.

Die technische Eigenleistung von Truppe und CIH hat allerdings auch Gründe in der jüngeren Vergangenheit. Vor einem Jahr wurde eine interne Bewertung des Verteidigungsministeriums bekannt, nach der zusammen mit der Luftüberwachung und Flugabwehr im Nahbereich der elektronische Kampf eine der größten Schwachstellen der Bundeswehr darstellte. Wie etliche andere Mängel der Truppe eine jahrzehntelange Konzentration auf Auslandseinsätze, bei denen diese Fähigkeit keine allzugroße Rolle spielte – weil der jeweilige Gegner nicht über die technischen Mittel verfügte, wie sie russischen Streitkräften zur Verfügung stehen.

Mit der Umstellung auch der deutschen Streitkräfte auf einen möglichen Konflikt an der NATO-Ostflanke ändert sich das gerade. Die Bataillone für den Elektronischen Kampf, im Kalten Krieg meist stationäre Späh- und Horchposten an der innerdeutschen Grenze als Trennlinie zwischen Allianz und den Truppen des Warschauer Vertrags, werden in hohem Tempo zu einer mobileren Kampftruppe umgebaut. Dazu gehören nicht nur die Männer und Frauen von Oberstleutnant Kaselow, die sich sowohl als Nerds für Elektrotechnik als auch als Kämpfer verstehen. Sondern auch immer neue technische Entwicklungen.

Damit die schnell in der Truppe ankommen, finanziert der Cyber Innovation Hub ständig neue Geräte, auch wenn die noch in einem sehr frühen Stadium sind. In Paluknys zeigte die Dienststelle zum Beispiel einen tragbaren Störer, der auf 2.000 Meter gegnerische Funksignale erkennt und unterbricht – aber selektiv, so dass die eigene Truppe weiter funken kann. Wenn das dauerhaft funktioniert, müssen für einen erfolgreichen Einsatz nicht nur solche Geräte gekauft werden. Sondern auch die Eloka-Spezialisten gefunden (und ausgebildet) werden, die diese Technik 2.000 Meter nah an den Feind bringen.

Nachtrag: Die bei Baumfalke verwendete Methode, im Unterschied zur Triangulation/Kreuzpeilung, wird hier (auf Englisch) verständlich erklärt.

(Hinweis: Missverständliche Formulierung im letzten Satz aufgrund eines Leserhinweises korrigiert.)

(Foto: Aufbau einer Antenne für das Ortungssystem Baumfalke)