Bundesregierung als Rüstungsexporteur: Pilotprojekt Montenegro
Verteidigungsminister Boris Pistorius hat mit seinem Kollegen aus Montenegro, Dragan Krapović, eine Vereinbarung über den Verkauf von vier Airbus-Hubschraubern aus Deutschland an das NATO-Partnerland unterzeichnet. Das Geschäft im niedrigen Millionenbereich klingt erstmal nach nicht viel, aber es ist ein Pilotprojekt: Die Bundesregierung tritt damit planmäßig erstmals als Rüstungsexporteur in einem so genannten Government-to-Government-Geschäft auf.
Die Leichten Kampfhubschrauber des Typs Airbus H145M, wie sie auch für die Bundeswehr bestellt wurden, werden damit zwar von dem Luftfahrtkonzern gebaut und geliefert – Geschäftspartner der Regierung des kleinen Balkanlandes Montenegro ist aber eben nicht Airbus, sondern die Bundesregierung.
Solche Regierungsgeschäfte machen andere westliche Staaten schon lange, bekanntestes Beispiel sind die USA mit ihren Foreign Military Sales (FMS). Für Deutschland war die Unterzeichnung am (heutigen) Freitag auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin jedoch das erste Mal.
Damit erweitern wir unseren Instrumentenkasten und bieten das international und auch von anderen NATO-Staaten genutzte Modell an, mit dem Rüstungsgeschäfte stärker politisch unterstützt werden, heißt es in einer Mitteilung des Verteidigungsministeriums dazu. Politische Grundlage dafür ist eine Vereinbarung im schwarz-roten Koalitionsvertrag von 2025:
Wir richten unsere Rüstungsexporte stärker an unseren Interessen in der Außen-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik aus. Wir wollen eine strategisch ausgerichtete Rüstungsexportpolitik, welche der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, ihren ausländischen Partnern sowie ihren Kunden Verlässlichkeit gibt. Die Unterstützung von Rüstungsexporten über Government-to-Government-Vereinbarungen bauen wir aus.
Für die Bundesregierung ist das als Instrument zur stärkeren politischen Einflussnahme gedacht. Während andere NATO-Länder diese Regierungsgeschäfte schon lange als marktübliche Leistung anböten, habe Deutschland das bisher nicht getan: Hieraus ergab sich in der Vergangenheit ein sicherheits-, kooperations und wettbewerbsbezogener Nachteil.
Aber auch für den Käufer sollen die G2G-Geschäfte einen Vorteil bringen: Sie profitieren von den Konditionen, die das Verteidigungsministerium mit der Rüstungsindustrie ausgehandelt hat, und müssen nicht eigene Verhandlungen führen. Zumal dann oft bei kleineren Aufträgen aus einer schwachen Position.
Bei praktisch gleicher Zielsetzung gibt es allerdings zum eingespielten US-Vorbild FMS einen wesentlichen Unterschied: Während die USA, auch unter der Regierung von Donald Trump, für solche Verkäufe detailliert offenlegen, was zu welchem Preis verkauft wird (hier ein Beispiel für eine Lieferung an die Ukraine), ist das für die Bundesregierung zu viel Transparenz. Welche Rüstungsgüter für wie viel Euro verkauft werden, steht das in den deutschen offiziellen Mitteilungen dazu gar nicht erst drin. (Na gut, kann ja noch kommen.)
(Foto: Unterzeichnung der Vereinbarung durch Boris Pistorius und Montenegros Verteidigungsminister Dragan Krapović am 12.06.2026 auf der ILA in Berlin – Marie-Claire Lambeck/Bundeswehr)
Exkurs zur Bewertung von zivilen Hubschraubervarianten, umdeklariert zu „M“-Versionen.:
Seit meiner Zeit als Wehrpflichtiger in den 1980ern hab ich mir mit grossem Vergnügen immer wieder Helikopter vom Piloten erklären lassen. Später mit eigenem ( Flächenflugzeug- ) Pilotenschein dann auch die Instrumentierung wirklich verstanden ;-)
Erste Begegnung war bei uns auf dem Wehrbereichskommando-Heli-Landeplatz die Bell UH 1 D und Alouette ( VIP Transport, bei uns von Genarälen bis zu Helmut Kohl ). Zu ersterem („Vietnam-Helikopter“) gab es den Pilotenkommentar das wichtigste Extra sei der gepanzerte Pilotensitz, war in dem Exemplar in dem wir sassen eingebaut. Das war EX-US-Armee und früher in Vietnam.
Zu den Lieferungen der Bundesregierung u.a. an Rumänien & Montenegro Airbus H145M und 160M:
Helikopter sind generell extrem teuer beim Kauf und den Betriebskosten. Da hilft es ungemein rein zivile Muster umzudeklarieren.
Das Problem: Keine wesentlichen Verstärkungen geschweige denn Panzerung an lebenswichtigen Stellen wie Rotorkopf oder Heckrotor möglich ( sonst wäre u.a. die Zulassung sehr kompliziert da Umkonstruktion ).
Die Russen haben da einen eigenen Ansatz. Maximale Panzerung, fliegende Festung, unglaublich schwer wie beim „Rambo“-Helikopter im Film.
Da wiegt bei den Massenmodellen ( Mil Mi 8 und 24 ) nichts unter 10 t.
Stückzahlen von über 2000 ( Mil Mi 24 ) bis über 15.000 ( Mil Mi 8 ).
Man erinnere sich an die ersten Videos vom Ukrainekrieg mit diesen Mustern im Tiefstflug…
Die überstehen auch heftigeren Beschuss mit 7,62 mm NATO.
Zum Vergleich: H145 knapp 4 t. H 160 etwa 6 t. Ungepanzert, mit nachträglich untergehängter Bewaffnung. Schon leichte Glückstreffer mit den üblichen Sturmgewehren wären nicht selten erwartbar und oft tödlich.
Experten ( z.B. letztens im „Welt“-Interview“ ) halten das für eine gefährliche Entwicklung.
Im Frieden gut, im Kriegseinsatz zweifelhaft.. Deshalb in der Realität eher Rettungsmissionen, VIP-Helikopter oder Polizeiaufgaben. Als rein militärische Hubschrauber nicht ernst zu nehmen.
Wobei… ich hatte das grosse Glück vor einem Jahr in einer brandneuen, zivilen H 160 mitzugfliegen. Tolles Glascockpit, tolle Flugleistung, über 16 Mio. €.
Im Frieden super auch in der „M“-Variante, im Krieg dann doch lieber die alte Mil Mi 24…
Und noch ein Bonmot aus Film und Realität:
Die zivile Hughes 500 ( unter 1,5 t, bekannt aus den „Magum“-Filmen ) wurde in den 1980ern illegal mit Scheinfirmen in grösserer Anzahl ( knapp 100 Stück, siehe Wikipedia ) nach Nordkorea eingeführt. Die fliegen immer noch. Das wäre dann die Billigstvariante, und da auch in Südkorea verwendet schwer im Einsatz unterscheidbar…
Und in Filmen mit geringerem Budget gerne verwendet als Werkzeug der bösen Buben, dann oft mit untergehängten Mini-Raketen.
Und es geht noch eine Stufe tiefer:
Alle oben genannten Hubschrauber haben Turbinenantrieb. Das geht noch billiger. Die Firma Robinson baut seit den 1990ern welche mit Verbrennungs-Motoren wie bspw. im PKW. Die R 44 wiegt maximal etwas über eine Tonne, auf eine „M“-Umrüstung für bspw. den globalen Süden darf man gespannt sein…
Ganz aktuell in einem WM-Beitrag nahm Jürgen Klinsmann ( ausgewandert nach L.A. und mit Helikopter-Schein ) in einer ebensolchen R 44 ein deutsches Filmteam mit…
[Oh weh. Diese Grundsatzdebatte hatten wir bei der Entscheidung für den H145M als Leichten Kampfhubschrauber schon mal. Muss die wirklich wieder bei Null beginnen? T.W.]
Nee, nicht doch :-)
Ich finde beide „M“-Helikoptertypen durchaus brauchbar für die Bundeswehr.
Aber einen Export in Länder wie Montenegro sollte man eben nicht zu hoch hängen. Kommt auch ein wenig darauf an was genau man untergehängt gewillt ist mitzuliefern…
Ist ähnlich wie bei der alten Mercedes G-Klasse. Die „M“-Variante ( genannt Wolf ) entsprach im Grunde der zivilen Variante mit recht überschaubaren Modifikationen.
Beide ungepanzert…
Montenegro… das ist ja auch der faehigste Export-Promoter. Die Stueckzahl ist dem entsprechend beeindruckend und wird eine Grundauslastung der deutschen Industrie auf Jahre hinaus garantieren/s.
My Gawd, wenn wir es noetig haben solche „deals“ zu generieren……..
Cheers
@Apollo11: Wie der Hausherr bereits gesagt hat, dazu gabs bereits einige Debatten. Das Werkzeug muss für den Job passen sein. Wenn ich nur einen Nagel in die Wand hauen möchte, benötige ich keinen Presslufthammer. Und trotzdem sollte ich den Presslufthammer haben, wenn ich den denn für manche Tätigkeiten benötige. Ist am Ende auch eine Strategiefrage. Zum Vergleich, die SOAR Little Birds haben einen ganz speziellen Zweck, den man mit einem Mil nicht mehr erfüllen könnte und andersrum. So und jetzt hab ich mich selbst nicht daran gehalten, die Debatte nicht erneut aufzumachen, ich bitte dafür um Entschuldigung…
@all
Zur Erinnerung, scheinen einige überlesen zu haben: Ich habe oben bewusst von einem. Pilotprojekt gesprochen – wenn man so einen Mechanismus aufsetzt, testet man ihn nicht als erstes mit einem Milliardenprojekt mit einem, großen Land/Kunden. Das nur für die, die entweder den Umfang beklagen oder meinen, Montenegro sei doch ein bisschen zu klein, als dass man diesem NATO-Mitglied was verkaufen sollte…
Nachtrag zu Systemen ohne Pilot, entwickelt aus bereits marktverfügbaren ( zivilen ) Fliegern:
Sowohl auf der Luftfahrtmesse AERO im April als auch hier auf der ILA sind mir Mil-Modifikationen aufgefallen die es so früher nicht gab. Beispiele wären der Bussard, ursprünglich ein Ultralight-Zweisitzer. Oder auch die U145, Ursprung Rettungs/Zivil-Helikopter.
Cockpit & Pilot (en) raus, Masseersparnis enorm.
Steuerung über sehr lange Distanzen möglich, im Gegensatz zu diesen Mini-Drohnen im Ukraine-Krieg.
Nachteil: Steuerung im Grunde immer via Satellit nötig. Und da liegt dann der Hase im Pfeffer. Es gibt eine Firma mit dem grössten Börsengang aller Zeiten gestern die da die absolute Marktführerschaft innehat. Insbesondere im LEO mit niedrigen Umlaufbahnen und so niedrigen Signallaufzeiten.
War wohl auch ein Faktor für die erfolgreiche Marktplatzierung ;-)
Hatte man nicht Öffnung gewisser Rahmenverträge (U-Boote, Kampfpanzer und Luftverteidigung) auch für Partnernationen über die sogenannte „Matchmaking Platform“ der Eurpean Defence Agency durchgeführt?
Warum bietet man denn nicht diesen recht guten Hubschrauber auch über einen derartigen Rahmenvertrag an?
Was konkret ist mit dem „sicherheits-, kooperations und wettbewerbsbezogener Nachteil“ gemeint, den das Government-to-Government-Geschäft im Vergleich zum Öffnen des Rahmenvertrages beheben will?
@TW
In wie weit ist das „neu“ ? Die Abgabe von Beständen der NVA und von Material der Bw war ja auch quasi ein Regierungsgeschäft.
Im übrigen stellt sich natürlich immer die Frage der Mängelhaftung u.a. bei Vertragsstörungen, denn Vertragspartner des Käufers ist ja die BReg.
Im übrigen gibt es die Möglichkeit für Drittstaaten sich aus verhandelten Rahmenverträgen zu bedienen bereits (RCH 155 und dem sog. Common Procurement Agreement für die Beschaffung von Leopard 2 A8).
Ich erkenne auch noch nicht wirklich den Mehrwert. Wäre Montenegro mit dem Ansatz gescheitert bei Airbus einfach vier Hubschrauber gemäss deutschem Vertragskonditionen zu kaufen ? Ist mir unklar. Was hat eigentlich die Bundesrepublik Deutschland davon? Schließlich geht mit dem Verkauf ja auch eine Haftung einher. Lassen wir uns,dies durch Montenegro bezahlen? Könnte die Wartung über die Bundeswehr erfolgen?
@Apollo 11:
Es ist immer eine Frage der Ausrichtung. Gut gepanzerte Helis sind groß ind schwer und verbrauchen viel Kraftstoff.
Weniger gut gepanzerte Helis sind halt kleiner, leichter, sparsamer und wendiger.
Die Bo 105 war/ist ungepanzert und trotzdem in der Version PAH durchaus ernst zu nehmen. Man muss halt die Angriffsverfahren auf das Gerät anpassen.
Es kommt ja auch niemand auf die blöde Idee, den hochbewehlichen Wiesel auf der höchsten Erhebung im Umkreis von 20 km stationär als Feldposten eizusetzen.
Diese G2G scheint ja schon etwas anderes zu sein als Länderabgaben von gebrauchtem Wehrmaterial oder die Nutzung gemeinsamer Rahmenverträge.
Denn hier tritt die Bundesrepublik Deutschland als Verkäufer ggü anderen Staaten auf.
Das müssten dann aber mal vielleichet Juristen dem geneigten Laien erklären, was nun die detaillierten Unterschiede sind.
Ich frage mich tatsächlich, wer das nun eigentlich verwaltungstechnisch innerhalb der Bundesregierung bearbeitet? Soll das Prpjekteam im BAAIN nun Montenegro als Nutzerstaat „mitbetreuen“?
[Die letzte Frage kann ich beantworten – aus einer Presseinformation des BMVg dazu:
Das BMVg hat auf Bitte des Bundesministers für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes die Umsetzung der Aufgabe G2G-Verkäufe übernommen.
Und es gibt im Ministerium tatsächlich ein „Government to Government Office“.
T.W.]
@Thomas Melber
Neu ist, dass es sich um NEUES Material handelt, das die Bundesregierung NEU kauft und dann weiterverkauft.
Das ist nicht der NVA-Flohmarkt der 90er Jahre. Damals sollte das Zeug nur schnell verschwinden.
@TW
Es geht ja noch ausführlicher, wenn man sich ansieht, was früher bei der DSCA aufgelistet wurde:
https://www.dsca.mil/Press-Media/Major-Arms-Sales/Article-Display/Article/4253428/ukraine-hawk-phase-iii-missile-system-and-sustainment
Teilweise ist da peinlich genau jedes größere Teil an Ausrüstung mit aufgelistet sowie jede Firma, die irgendwie daran beteiligt ist, und über welchen Standort die Arbeiten laufen.
So sieht man hier, Teile des Geschäfts laufen über Griechenland.
Auch auf der DSCA Webseite zu lesen, da kommt nichts mehr in die Richtung:
FUTURE ANNOUNCEMENTS OF MAJOR ARMS SALES – Thursday, February 26, 2026
In accordance with Executive Order 14383 “ESTABLISHING AN AMERICA FIRST ARMS TRANSFER STRATEGY” signed on February 6, 2026, all future Foreign Military Sales web posts for cases notified to Congress will be published on the U.S. Department of State’s website
[Es kommt weiteres in die Richtung, dann eben auf der Webseite des State Department, wie es auch oben verlinkt ist ;-) T.W.]
Ich meinte, dass die Mitteilungen des State Departments viel weniger informativ sind. Und das, obwohl im Dekret von Trump mehr Transparenz gefordert wird.
Mich würde interessieren, wie das in den Orderbüchern aussieht. Ist der bestehende deutsche H145M-Vertrag mit Airbus aufstockbar? Sind das 4 weitere Hubschrauber für Airbus oder zunächst 4 weniger für die Bundeswehr?
Nachtrag:
Im Text ganz oben steht ja das Wort „Rüstungsexporteur“. Ist ja die H 145 M Militärvariante.
Bei einem TV-Beitrag vor kurzem wurde erwähnt das die Evakuierung der schwerverletzten BW-Soldaten beim Karfreitagsgegecht mit Blackhawk-Helikoptern durchgeführt wurde. Gegen ihre Auflagen sind die US-Piloten da wortwörtlich ins Feuer geflogen.
Und das war Kalschnikow und schweres MG-Feuer ( 12,7 mm ).
Schaut man in den specs nach halten die Rotorblätter grundsätzlich sogar 23 mm Kaliber Beschuss aus, die Zelle ist auf 12,7 mm ausgelegt und die Pilotensitze sind mit 2 cm Kevlarplatten geschützt.
Da ist dann schon die Grundkonstruktion ein Rüstungsprodukt. Ein H145 ist das nicht.
Aber wie von T.W. schon erwähnt wurde ist die Lieferungsgeschichte ein Pilotprojekt.
Ungewöhnlich für Deutschland.
Ich bin gespannt auf die erste wirklich grosse Export-Tranche…
Wobei man der Vollständigkeit halber erwähnen sollte, dass es nicht das erste G2G-Rüstungsgeschäft ist, aber vielleicht zählt man das unter „außerplanmäßig“:
https://milnews.at/2016/18-dingo-2/
Wäre ja schön, wenn es in Zukunft ein paar Informationen, was dieses Geschäft so anders macht und wie es genau abgewickelt wird.
Nachhaltig, Schnallendorf und Grashüpfer haben ja schon ein paar Fragen in dieser Richtung formuliert.