Vier Jahre russische Vollinvasion der Ukraine: Ein Krieg, der alles verändert
Zum Jahrestag der russischen Vollinvasion der Ukraine, ein bisschen verkürzt hierzulande als Beginn des Krieges von Russland gegen sein Nachbarland bezeichnet, ist am (heutigen) Dienstag genug nachzulesen. Ich will die ganzen Betrachtungen zu dem inzwischen vier Jahre dauernden Angriffskrieg nicht doppeln, das wäre vermessen. Aber ein paar Lesehinweise – und vor allem die Frage: was bedeutet das, jenseits der großen Politik, für das Gefechtsfeld in diesem Konflikt? Und damit für die Menschen am scharfen Ende?
Zunächst die Hinweise:
• Über die Lage in der Ukraine, die Stimmung der Bevölkerung, die Aussichten wie es weitergeht haben wir vor wenigen Tagen im Podcast Sicherheitshalber mit Rebecca Barth gesprochen, die für die ARD aus dem Land berichtet.
• Zum Jahrestag hat sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selemskyj an die Ukrainer gewandt:
Ukraine has come a long way – from the point when we were being given body armor to the point when we ourselves produce more than three million FPV drones a year. From the days when we admired Javelins and Bayraktars to the day when we have our own Sichen, Hor, Vampire, Palianytsia, Peklo, Ruta, Flamingo. From asking to close the sky to the ability to shoot down hundreds of “shaheds” in a single night. From hedgehogs and fortifications on the streets of Kyiv to the Kursk operation and the Spiderweb.
But that is still not enough – we will do more, because Russia does not stop, unfortunately, and wages war by every method – against peace, against us, against people.
Ergänzend dazu: das sehr lange, aber sehenswerte ARD-Interview mit Selenskyj hier.
• Die – aus meiner kommentierenden Bewertung: erbärmliche – Haltung Europas zur Unterstützung der Ukraine ist überall nachzulesen; muss ich nicht verlinken. Wenn Ungarn und die Slowakei praktisch in letzter Minute sowohl schärfere Sanktionen gegen den Aggressor Russland als auch ein 90Mrd-Euro-Hilfspaket für die Ukraine blockieren (können), stellt sich wirklich die Frage nach dem Handlungswillen und der Handlungsfähigkeit Europas.
• Die Position der USA ist, nun, sagen wir zumindest problematisch. Zum Beispiel, jüngste Meldung von Bloomberg, wenn aus Sicht des Weißen Hauses ein wie auch immer gearteter Waffenstillstand rechtzeitig zu den Feiern zum amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli vereinbart werden sollte – zum höheren Ruhme des US-Präsidenten.
Ein anderer Punkt, der in der Berichterstattung zwar vorkommt, aber oft hinter der großen Politik zurücktreten muss: Die Entwicklung dieses Krieges, die Veränderungen auf dem Gefechtsfeld, werden Auswirkungen weit über die Ukraine hinaus haben. Natürlich ist den NATO-Streitkräften und damit auch der Bundeswehr bewusst, wie das zunehmend gläserne Gefechtsfeld und die Allgegenwart von Drohnen jegliche Operation verändert, verhindert, beeinträchtigt.
Aber ob manche Dinge auch so nicht nur auf der Konzept-Ebene, sondern auch bei den Betroffenen schon angekommen sind? Das weiß ich nicht, wenn ich diesen Bericht von Reuters sehe:
The ever-present threat from the sky makes virtually any movement – from troop rotations and evacuations to tank assaults – increasingly deadly.
Drone-inflicted casualties have jumped from less than 10% of the total in 2022 to up to 80% last year, as much of the war has morphed into an „air battle of mutual denial“, according to a report by the French Institute of International Relations published this month. (…)
Longer evacuation times are another potentially fatal consequence of the expanding „kill zone“. Col. Viacheslav Kurinnyi, 45, chief doctor at the Kharkiv hospital where Meskov was being treated, said the drone threat to vehicles had pushed the average time for medical evacuation beyond three days.
That flies in the face of the so-called „golden hour“ of battlefield medicine, he added, referring to the 60-minute window when intervention is critical to saving a fighter’s life. Ukraine’s Western allies needed to learn the lessons: „Any countries that are preparing for war at home need to realise that there will be no ‚golden hour,'“ Kurinnyi said. „Maybe a ‚golden day‘ if they’re lucky.“
Noch etwas eindringlicher, aber leider hinter Paywall, ist ein sehr ausführlicher Bericht der Financial Times dazu: Inside Ukraine’s ‚Kill Zone‘. Aber die wesentlichen Aussagen daraus gibt es hier.
Und ein Blick auf die Menschen an der Front (Kaum jemand ist freiwillig hier, die meisten wurden eingezogen.)
Nachtrag: Noch mehr Lesestoff:
In some sectors, a maximum of 12 fighters hold 5 to 10 kilometers of front, far below what Cold War-era NATO planning assumed for high-intensity defense. The numbers tell the story of an army running out of people. The average frontline soldier is 43 to 45 years old, according to Bloomberg. (…)
Ukraine is no longer just supplementing its infantry with tech — it is replacing infantry in many cases with drones, ground robots, sensor networks, minefields and artillery cued by unmanned systems.
‘We don’t have infantry’: Ukraine’s war machine evolves into machine war
(Archivbild April 2024: Eine selbst gebaute FPV-Drohne der Ukraine mit einem RPG-Sprengkopf – АрміяІнформ, UA military FPV drones 10, CC BY 4.0)
Es ist ja um sich das Ausmaß dieses Krieges erfassbar zu machen zuweilen praktisch die Zeitachse des letzten großen Krieges der in Europa wütete über den aktuellen zu legen.
Gemessen an der Zeitachse des 2. Weltkriegs befinden wir uns also am 1.9.43… das Königreich Italien steht nur zwei Tage vor dem Abschluss eines Waffenstillstands und Alliierte Truppen landen auf dem italienischen Festland… der Krieg dauerte von diesem Punkt noch weitere 20 Monate.
Die Wehrmacht stand im September ’43 noch am Donez und dem Mius.
Visualisiert man sich diese Zeitlichen Dimension, kann man zu der Erkenntnis gelangen das es zu einem Ende des Krieges noch ein Langer Weg sein kann.
Als Laien stellt sich für mich immer noch die Frage, ob es nicht möglich ist, mit den sich jetzt weiter entwickelnden Anti-Drohnen Technologien und -kapazitäten diese „Kill-Zone“ wieder unter die genannten 15 km zurück zu drängen. Wenn ich es richtig verstehe, ist die Zone ja dadurch bestimmt, dass in diesem Bereich ein permanente Überwachung aus der Luft durch die russische Armee gegeben ist. Das bedeutet aber doch auch, dass man diese „Aufklärungsdrohnen“ identifizieren und abschießen müsste.
In der Einleitung wird auf das – ich zitiere -„zunehmend gläserne Gefechtsfeld und die Allgegenwart von Drohnen“ hingewiesen. Gibt es dazu auch quantitative Information, die auch über den Bereich der genannten „KIll-Zone“ hinausgehen? Wenn sich diese Aussage beispielsweise nur auf 15 km Aufklärungstiefe beschränkt, so wäre der Einfluss auf die Artillerie und die Luftwaffe ja deutlich geringer als auf die sehr frontnahen Truppenbereiche. Ausserdem sehen wir ja in beide Richtungen erhebliche Wirkungen auf Infrastruktur sehr weit hinter der Front.
Geht man grundsätzlich davon aus, dass es in Zukunft direkt an der Front einen Bereich sehr hoher Drohnendichte (mit welcher Tiefe auch immer) geben wird, sollte man diesen Bereich in Richtung „unmanned area“ entwickeln. Damit meine ich nicht nur, dass sich Soldaten daraus zurückziehen sondern dass dieser Bereich auch mit eigenen „unmanned systems“ in der Luft und auf dem Boden besetzt und kontrolliert wird. Quasi eine A2AD-Diskussion auf die Nächstbereichs- und Nahbereichstdistanz.
Das stärkt natürlich die Argumentation für all diejenigen, die der Wiederherstellung der Heeresflugabwehr das Wort reden und seit Jahren bemängeln, dass dies nicht schnell genug geht.
Unser neuer Inspekteur des Heeres hat ja auch angekündigt, hier mit der Industrie zu sprechen um „innovative technische Brückenlösungen“ für die schnellere Lieferung von Gerät zu realisieren.
Interessant ist ja, dass es dieser Tage haufenweis Meldungen zu diesem Thema gibt:
SCLIT von Mehler, SHATTER4K-Munition von Beretta, METIS von Tytan, der CT-025-Turm von Rheinmettall, Mandrill mit CICADA von Diehl bis hinzu zum Kinetic Defence Vehicle von Diehl.
Ich finde es sehr gut, dass jetzt offenbar auch spezielle Anti-UAV-Munition für kleinere Kaliber produziert wird. Ich hoffe und erwarte eigentlich auch, dass bei der jetzt laufenden Beschaffung für die neuen Leichten Waffenstationen eine effiziente Drohnenabwehrfähigkeit mit spezifiziert wurde. Wenn für jedes gepanzerte Fahrzeug der Bundeswehr eine Abwehrfähigkeit gegen Kleindrohnen bestellt wird, sind wir auf dem richtigen Weg.
Besonders erschütternd ist der oben verlinkte Artikel der Financial Times.
Das Ziel einer jeglichen High-Tech-Armee kann heute nur sein diesen Zustand zu vermeiden. 15 bis 40 km Killzone, nur Drohnen, darin keine Artillerie und keine Kampfpanzer, d.h. schweren Waffen sind (fast) raus.
Zudem durch die vielen Manpads im Grunde auch keine Low-Lewel-Operationen mit bemannten Luftfahrzeugen möglich. Bei Stationierung von weitreichenden Flugabwehr-Raketen-Stellungen weit hinter der Frontlinie geht dann auch in höheren Regionen nichts mehr.
Ein Albtraum für jede „konventionelle“ Armee.
Wirklich verhindern kann so ein Szenario auch die neueste BW-Rüstungs-Offensive nicht. Anzahl der zu beschaffenden Glasfaser-Drohnen: Null.
Ein Beispiel aus der Vergangenheit wäre diese sauteure 155 mm GPS-Artillerie-Munition. Heute an der Front sinnlos durch die exzellente russische Eloka. Darüber redet keiner mehr…
Das europäische Thema ist in der Tat auch ein Problen das jedes Bündnis hat:
Kommt es hart-auf-hart gibt es immer Probleme. Das muss nicht unbedingt ein Krieg sein, wirtschaftliche Interessen reichen da schon.
Potentaten mit einer Meinung, die dann alleinig zählt, haben es da einfacher…
Beim Thema „5000 Helme“ bin auch ich immer noch erschüttert.
Allerdings kann man der Meinung sein das bestimmte Szenarien nicht wirklich durch massive Militärunterstützung zum echten Gamechanger geworden wären.
Wer wagt schon vorauszusagen was denn damals eine konkrete Atomdrohung seitens Russland bewirkt hätte bei einem dadurch möglichen Kipp-Punkt des Krieges.. ?
Das hatte ja schon einmal funkioniert bei Einkesselung von russ. Truppen in fünfstelliger Anzahl…
Eine solche Möglichkeit hat die Ukraine auch in Zukunft nicht…
Und jetzt leider noch ein Vorteilspunkt Potentat zu Demokratie:
Greift die Diktatur-Armee mit boots-on-the-ground an und besetzt bspw. eine Stadt in Grenznähe im Handstreich wird eine Rückeroberung echt schwierig ohne massive Gefährdung der da ja noch lebenden eigenen Bevölkerung. Zumal wenn sich der Angreifer an keine Regeln hält…
Aus dieser Sichtweise ist der Ansatz einiger Länder ihre Grenze u.a. zu verminen zumindest nachvollziehbar.
Zur wirkungsvollen Abwehr einer Bedrohung durch glasfasergesteuerte Drohnen im Nächstbe-reich gibt es derzeit nur ein Mittel: Die Schrotflinte. Die Ausstattung damit ist als „einsatzbedingter Sofortbedarf“ einzuordnen. Und da braucht auch kein Beschaffungsmaraton gestartet zu werden, für den wir absolut gar keine Zeit haben. Denn es sind brauchbare Waffen samt geeigneter Munition marktverfügbar. Z.B. die Genesis Arms GEN-12, Kaliber 12/76 mit 18″ Lauf, optischem Visier und 10(+) Schuss Stangenmagazin. Ein robuster Rückstoßlader, höchst zuverlässig, hohe Magazinkapazität (gibt es auch mit 15er Trommel), schnell nachzuladen durch Magazinwechsel, mit leichter M-LOK +Picatinny – Schiene (lässt sich auf Kundenwunsch auch ruck-zuck auf andere Formate ändern), wiegt nicht mehr als ein G36 und ist soldatensicher. M.E. gehört die in jeden Bordausstattungssatz B (ein wenig überspitzt). Wobei die Ausstattung der PzGren- und InfGrp schon mal ein erster Schritt wäre – das aber ASAP. Jedenfalls für die Litauen-Brigade. Und an die Taktiker unter den Foristen: Klar, dass dann Schütze 6 der Gruppe sein StuGew im Fahrzeug lassen muss, weil es mit Schrotflinte etwas zu viel zu schleppen wäre. Na und – dann ist das eben so.
Was zumindest bestätigt wurde: Gewässerübergänge sind „schwierig“, das Überwinden vorbereiteter und ggf. tiefgestaffelter Sperren ist „schwierig“.
Konzepte für GefStd und ganz allgemein „das Leben im Felde“ müssen völlig neu gedacht werden. Ebenso die Nachversorgung der Truppe.
@Europa EU in Interaktion zur UA
Kann man kritisch sehen, sollte aber bitte auch realistisch gewürdigt werden : die UA hat nur (noch) Europa. Die EU zahlt die Waffenlieferungen. Die EU stützt den Haushalt der UA finanziell. Sämtliche Lieferungen inklusive Medizinischer Hilfsmittel kommen aus und über Europa. Oder habe ich jetzt etwa eine fiktive amerikanische Luftbrücke übersehen?
Nein. Europa ist das Safe-House für diejenigen, welche die UA verlassen wollen oder müssen. Sozialleistungen übernimmt Europa. Hatte nicht vor einigen Monaten der amerikanische Freund die Visa und Visa Waiver zugunsten der UA liquidiert? Wo liegt denn die Zukunft der Ukraine in welchen Grenzen auch immer? Meiner bescheidenen Ansicht nach in Europa. Aber gerne kann der Versuch gestartet werden, beim amerikanischen Freund vorstellig zu werden und anzufragen, ob andere Optionen möglich wären.
@Die Position des amerikanischen Freundes
Problematisch? Der amerikanische Freund hat die Seiten gewechselt und sucht den Deal mit Moskau. Problematisch dürfte eine Untertreibung sein.
Unterstützung ist m. E. nach völlig mangelhaft. Willkürlich abhängig von den Tageslaunen eines Privatmanns und amerikanischen Unternehmens, welcher Starlink betreibt.
Ich möchte das gerne abkürzen, denn da wo nur wirres Gerede aus Washington kommt (weder Tomahawk BGM109 noch das gleichnamige Wurf-Beil) sind keine wirklichen Sicherheitsgarantien zu erwarten. Es gibt meines Erachtens auch keine solchen). Der amerikanische Freund möchte zunächst einmal, dass die UA den Donbas räumt und den Einmarsch der Russen duldet. Sodann wolle man über die sogenannten Sicherheitsgarantien sprechen. Was immer das auch sein soll.
@all
Empfehle den oben als Nachtrag verlinkten Bericht.
Dann kriegt Nr. 6 zur Not eben eine MP 7. Ich befürworte Ihren Ansatz ausdrücklich, wobei auch ein geübter Schütze so seine Probleme mit einer gut gesteuerten FPS-Drohne hat (dazu gab es mal ein Video von einem Finnen, der genau das trocken versucht hat und echt ins Schwitzen kam).
Aber Sie haben den Finger in die Wunde gelegt: Lieber eine Pumpe „mitschleppen“, als am Ende nichts wirklich Geeignetes in der Gruppe zu haben…