Die Lage in Kunduz: Da gibt’s ein Delta

Verglichen mit anderen Regionen Afghanistans ist die Lage im Norden des Landes vergleichsweise ruhig, auch wenn es dort ebenso wie in anderen Landesteilen immer wieder Anschläge gibt und vor allem rund um die Provinzstadt Kundus anhaltende Auseinandersetzungen mit den Taliban.

Allerdings verblüfft mich derzeit ein wenig die doch sehr unterschiedliche Lagebeurteilung für Kundus von Seiten der Bundeswehr (und vermutlich auch der NATO-geführten Resolute Support Mission) und der zivilen Seite aus Bewohnern und Medien in dieser Region.

Wie die afghanische Nachrichtenagentur Khaama am (heutigen) Sonntag berichtet:

Security forces in the Imam Sahib district of northern Kunduz province say they are not allowed to launch an operation against the Taliban for unknown reason.
Imam Sahib, one of the insecure districts of Kunduz, where an offensive was conducted by security forces 20 days back. Several areas of the district were cleared of Taliban. (…)
A resident of the locality, Haji Gul Mohammad, confirmed several areas that had been under Taliban control for three years had been retaken by the security forces.

Dabei gibt’s doch in dieser Gegend nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter, berichtete das Verteidigungsministerium vergangene Woche den Bundestagsabgeordneten:

In der Provinz Kunduz erfolgt die Operationsführung der ANDSF aktuell auf niedrigem Niveau. Hier hat das seit November 2016 gültige Sicherheitskonzept der ANDSF für das Stadtgebiet Kunduz und Umgebung gegriffen und für weitgehende Sicherheit und Stabilität in diesem Raum gesorgt.

Irgendwo ist da doch ein Delta (umgangssprachlich: eine gewisse Differenz) in diesen beiden Beurteilungen. Wobei ich einem Anwohner schon zugute halte, dass er vermutlich weiß, wie lange sich die Taliban in seinem Dorf gehalten haben.

36 Kommentare zu „Die Lage in Kunduz: Da gibt’s ein Delta“

  • Memoria   |   07. Januar 2018 - 13:44

    @T.W.:
    Politik und Ministerialbürokratie haben eben ein System perfektioniert in dem jede noch so aussichtslosen Lage und/ oder eigenes Versagen in schöne Formulierungen verpackt wird und so Parlament, Medien und Öffentlichkeit beschwichtigt werden. Wie sie treffend sagen: Bitte gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

    Die einzige Gefahr sind die „ground truths“ – diese müssen daher möglichst negiert werden (siehe Einsatzbereitschaft und Besenstiel). Das gleiche Prinzip zeigt sich in benachbarten Politikfeldern (siehe Innere Sicherheit und G20).

    Langfristig verliert hierdurch jedoch das Gesamtsystem Glaubwürdigkeit/ Vertrauen und eine interne Lernfähigkeit (Weil nicht sein kann, was nicht sein darf).

  • wacaffe   |   07. Januar 2018 - 15:02

    Ich denke jedem ist klar wie diese Wahrnehmungsdiskrepanz zustande kommt.

    Es kann nicht sein, was (binnenpolitisch) nicht sein darf.

    So wie seit Beginn des Einsatzes

  • BundeswehrBW   |   07. Januar 2018 - 21:34

    @wacaffe:
    Auf den Punkt gebracht. Danke.
    Von Anbeginn des Einsatzes hieß es: Duscht mich, aber macht mich nicht nass. Egal, welche Couleur die verlogenen bzw. feigen Parteien/Politiker trugen und tragen! Es ist eine Schande, bis heute, wie mit unseren Soldatinnen und Soldaten unwürdig (UNEHRENHAFT), umgegangen wird.
    Damit es klar ist: Ich will nicht zwangsweise amerikanische Verhältnisse, wo jede/r Soldat/in schon ein Held ist, weil er/sie mal im Einsatz war, wo es vordringliches Parkrecht für Waffenrockträger gibt, wo im Supermarkt Uniformierte sofort an die Kasse dürfen … und, und, und …
    Aber ich wünsche mir, dass in diesem pazifistischen Staat, dessen Regierung(en) sich nicht scheuen, immer mehr Kameradinnen und Kameraden in Einsätze zu schicken, ein „…RUCK DURCH DIE GESELLSCHAFT…), Zitat Altbundespräsident Roman Herzog, geht.
    Wo sind denn all die gedienten Reservisten? Es sind Millionen. Warum äußern sie sich nicht?
    Was ist aus dem „TAG DER VETERANEN“ geworden?? Mal angeregt vom ehemaligen Verteidigungs-Minister de Maiziere, eine vorzügliche, BESTE Idee,!!
    Vermutlich auch in den Mühlen unseres desinteressierten Parlaments zerrieben worden.
    Eine traurige Darstellung unserer Demokratie. Ist sie (wirklich) wehrhaft? So auf Dauer nicht..

    [Hm. Der „Tag der Veteranen“ wurde von TdM zwar mal ins Gespräch gebracht, dann aber nicht weiter verfolgt. Das jetzt mit Ihrer Abneigung fürs Parlament zu kombinieren, dürfte daneben liegen. T.W.]

  • Fritz   |   07. Januar 2018 - 23:37

    Es ist Anfang Januar, und außer im Bereich Kabul kommt es wie auch die Jahre zuvor kaum zu Aktivitäten Seitens der Aufständischen / Taliban / IS.
    Es wird sich vorbereitet ,um nach der Schneeschmelze wenn die Pässe frei sind und es wieder Sandalenwetter hat mit frischen Kämpfern erneut in die Fighting Season 2018 einzusteigen.
    Alles nix neues, dennoch bleibt es spannend im Norden und es wird interessant sollte Atta seinen Posten nicht räumen und Dostum aus dem Exil zurück kehren…
    2018 hat auf jeden Fall Potential für schwere Zeiten insbesondere im Norden.
    Das sie Sicherheitslage nicht immer zutreffend bewertet werden kann liegt daran das sich RS in der Masse des Nordens nahezu komplett auf GreenReporting stützten muss.
    Ohne eigene Sensoren am Boden wird das auch so bleiben….ob gut oder schlecht muss jeder für sich selbst bewerten.

  • Murazor   |   08. Januar 2018 - 4:58

    Ich denke dieses Delta entsteht durch die nicht vorhandene Präsenz der NATO in dieser Provinz. Gute alte Taktik vom Vogel Strauß, Kopf in den Sand stecken und was ich nicht sehe ist nicht da. Diese Provinz war schon immer ein Hotspot und durch den Abzug der internationalen Gemeinschaft hat sich die Sicherheitslage nicht verbessert.

  • Cpt. Chaos C.H.   |   08. Januar 2018 - 5:43

    @ Memoria:
    Das ist eine schöne und sehr kompakte Wiedergabe der Realität, wie ich Sie deutlich unterhalb ministerialer Eben kennenlernen konnte.

    @T.W. : Können Sie Aussagen zu Entwicklungen bzgl. der „Ausbildungsunterstützung“ und Beratung, die, natürlich nur temporär, in Kunduz vor Ort stattfindet?

  • T.Wiegold   |   08. Januar 2018 - 10:28

    @Cpt Chaos

    Aktueller Stand ist, dass derzeit wieder so genannte „mobile Beratung“, ein „expeditionary Train-Advise-Assist“-Team in Kunduz anwesend ist und im Camp Pamir in Kunduz den Stab des 209. ANA-Korps und das Hauptquartier der 808. Polizeizone berät; das Ganze unter deutscher Führung mit etwas mehr als 100 Soldaten von Resolute Support, davon etwa die Hälfte Deutsche.

  • Frank   |   08. Januar 2018 - 12:14

    Die mobile Beratung ist wohl dazu gedacht um das Delta Stadt/Land Kabul / Kunduz zu schließen. Aber dieses Gap ist ja immanent.

    Scheinbar gibt es dazwischen ja erhebliche Asynchronitäten. Das ganze schimmert in den Beiträgen von Thilo Jung auch ein wenig durch: Staats-Pubertät.

    https://www.youtube.com/watch?v=DWgCbUWHxMc
    Tilo im Afg Präsidialamt.
    Irgendwie scheint der „Vernetzte“ Ansatz ja Früchte zu tragen.

    Dazu gibt es noch einen interessanten Podcast/ Reisebericht mit einem seiner Partner.

  • Alter Fritz   |   08. Januar 2018 - 18:26

    Das Delta entsteht aus den unterschiedlichen Orten, zu denen sich jeweils geäußert wurde. Die deutsche Stellungnahme bezieht sich auf Kunduz Stadt und ihre unmittelbare Umgebung. Der Bericht der afghanischen Nachrichtenagentur bezieht sich auf den Destrict Imam Sahib im Norden der PROVINZ Kundus, ca. 75 km nördlich der Stadt Kunduz. Die Region ist bekannt für immer wiederkehrende Spannungen. Allerdings geht es hier regelmäßig um interne Machtkämpfe und Vorherrschaft über Minen und Routen für die organosiette Kriminalität.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   08. Januar 2018 - 19:28

    Werben gegen Deutschland – schon in Afghanistan – auf Englisch, Dari und Pashtu.
    „Rumors about Germany“ betrieben im Ursprung von deutscher Botschaft Kabul, seit 2015; offiziell informiert das Auswärtige Amt seit Oktober 2017 dazu im Maghreb, in SYR und IRK, aber eben auch in Afghanistan.

    Aber nicht nur online findet das Werben gegen Deutschland statt, auch auf großflächigen Postern an Bussen und in den Straßen, sowie über Video-Clips im Fernsehen und sozialen Medien wie Twitter und Facebook.
    Es wird das Narrativ von der Verantwortung gegenüber dem Heimatland und der unsicheren Zukunft mit lebensbedrohenden Wegen in der Fremde erzählt.
    Offiziell richtet sich die Kampagne gegen Falschinformationen von Schleuserorganisationen. Wenn es auf einem Anti-Ausreise-Banner aber lautet: „Indem Sie aus Ihrem Heimatland fliehen, bringen Sie sich und Ihre Familie in Gefahr. […]“ ist das schon insofern erstaunlich, als dass ja Teile der im AA verantwortlich zeichnenden SPD den Familiennachzug selbst für Subsidiäre propagieren.
    http://fluechtlingsforschung.net/werben-gegen-asyl/

  • MikeMolto   |   08. Januar 2018 - 20:34

    @ Alter Fritz | 08. Januar 2018 – 18:26

    „Das Delta entsteht aus den unterschiedlichen Orten, zu denen sich jeweils geäußert wurde“.

    Ein alter Trick aus der alten Seefahrt. Man trug einen anderen Ort als Kollisionsort in die Seekarte und ins Tagebuch ein, Demnach hatte die Kollision nicht (so) stattgefunden und die Schuldfrage war kaum zu loesen.
    Wenn also hier von verschiedenen Regionen berichtet wird, kann sich die Politik immer herausreden, sie hatte fuer Sicherheit gesorgt – nur eben an einem anderen Ort.

  • Memoria   |   09. Januar 2018 - 13:17

    Zur Lage in Badakshan (der link wurde von TW getwittert):

    China unterstützt die ANA (?) beim Aufbau eines Feldlagers und liefert auch Waffen, Bekleidung etc.: http://www.eurasianet.org/node/86661

    China war in dem Bereich ja schon länger wirtschaftlich aktiv (Schürfrechte), nun geht man noch einen Schritt weiter – zur Absicherung der neuen Seidenstrasse.

    Dann müssen wir ja auch unseren Personalansatz nicht erhöhen.
    Können ja die Chinesen übernehmen.

  • Memoria   |   09. Januar 2018 - 13:26

    Hier, falls es jemand interessiert, noch die Unterrichtung der Öffentlichkeit 1/18 – auch mit aktuellen Angaben zum Personal in Kunduz: https://tinyurl.com/y9f7m6mm

    Wieder alles im Griff…

  • Daniel Lücking   |   09. Januar 2018 - 14:55

    Auch für 2018 gilt: das BMVg macht sich die Welt widde-widde-wie sie der Kommunikationsabteilung gefällt. Das ist auch eine Form der Verlässlichkeit. Und Deutsche lieben Verlässlichkeit.

    Eigentlich müsste für jede dieser offenkundigen Falschmeldungen und ignoraten Lagegestaltungen ein Kopf im Pressestab / Lagezentrum rollen, weil sich hier Militär in einer Weise verselbständigt, dass es keine Parlamentsarmee mehr gibt, sondern nur noch Regierungs-PR-Truppen.

    Blöd nur, dass der schlafende deutsche Michel die Armee weiterhin gewähren lässt, statt zu erkennen, welches Gefahrenpotential in dieser Entwicklung steckt.

  • Pio-Fritz   |   09. Januar 2018 - 20:40

    @Memoria | 09. Januar 2018 – 13:17

    „Dann müssen wir ja auch unseren Personalansatz nicht erhöhen.
    Können ja die Chinesen übernehmen.“

    Mein alter Ansatz, lasst die Regionalmächte ran (China, Iran, Pakistan, evt. Indien) und fahrt das Engagement des westlichen Bündnisses zurück. Vielleicht haben die einen besseren Draht zu AFG. Seinerzeit wurde mir Anti-Amerikanismus vorgeworfen.

    @Daniel Lücking | 09. Januar 2018 – 14:55

    Welches Gefahrenpotential steckt denn Ihrer Meinung nach in der Entwicklung? Und wie verselbstständigt sich das Militär?

    Bei Ihren Vorwürfen müssen Belege folgen.

  • Wa-Ge   |   10. Januar 2018 - 10:02

    @ Daniel Lücking | 09. Januar 2018 – 14:55

    Was soll denn dieser Beitrag schon wieder? Es ist für einen Journalisten ja wohl nicht zu schwer zu recherchieren, dass das BMVg was diese Unterrichtungen rausgibt nicht zu den Streitkräften gehört sondern zur Regierung.

    Und diese „Interpretation“ der Realität die da veröffentlicht wurde ist sicherlich nicht das Lagebild der Streitkräfte, sondern das politisch gewollte Bild das nach außen getragen werden soll.

  • macintosh   |   10. Januar 2018 - 12:39

    @Wa-Ge | 10. Januar 2018 – 10:02

    Wo sie es erwähnen, wäre das interne Lagebild der Streitkräfte durchaus eine interessante und wichtige Perspektive.
    Bewertet die Truppe es intern wie die Anwohner oder folgt sie dem Pippi-Langstrumpf-Ansatz des BMVg, wobei hier aber auch noch unterschieden werden müsste zwischen der internen Bewertung der Lage durch die Stäbe und der Meinung der Offiziere selbst?

  • Pio-Fritz   |   10. Januar 2018 - 14:42

    @Wa-Ge | 10. Januar 2018 – 10:02 & macintosh | 10. Januar 2018 – 12:39

    Ihre Einlassungen zu dem Lagebild und der öffentlichen Darstellung sind reine Spekulation.
    Bei unserer Informationslage lässt man so etwas lieber.

    Wenn man den Artikel der afghanischen Nachrichtenagentur zu Ende liest, kommt diese Aussage:

    „For his part, provincial police chief Abdul Hameed Hamidi said they had suspended the Imam Sahib operation on the basis of a proper plan, and it would resume soon.“

    „… wird bald fortgesetzt.“ Scheint also eine taktische Entscheidung zu sein.
    Ich frage ja auch nicht den Zugführer, was der Brigadekommandeur will, da muss ich schon mit ihm selbst sprechen. Das der 2nd Lieutenant nicht den gesamten Plan kennt, ist vorstellbar. Aber daraus abzuleiten, man lässt die Taliban dort gewähren, halte ich für gewagt, ohne weitere Informationen.

  • Fritz   |   10. Januar 2018 - 17:47

    Was die Lage im besagten Raum angeht ist es wie in vielen anderen Bereichen im AOO North.
    Man weiß seitens RS nur das was über AFG Intel zusammentragen wird / vom AFG Partner abgesaugt werden kann.
    In Kunduz ist das Lagebild noch soweit gut das man mit Truppe direkt vor Ort ist und sich im direkten richten austauschen kann.
    Dennoch sind keine eigenen Aufklärungsträger Outside the Wire eingesetzt.
    Einzig HERON operiert im Raum, wobei hier abwechselnd der Osten oder der Westen abgeflogen wird um in den bekannten Hotspots nach FD Kräften zu suchen.. gleicht mehr der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
    Andererseits ist das auch nicht anders gewollt, TAA beschränkt sich auf Korps Ebene und hier wird das bestmögliche herausgeholt. Die Afghanen haben den Hutt auf.

  • YouMint   |   10. Januar 2018 - 19:47

    @ Fritz | 10. Januar 2018 – 17:47
    „Man weiß seitens RS nur das was über AFG Intel zusammentragen wird / vom AFG Partner abgesaugt werden kann.“
    U.a. die im TAAC-North eingesetzten Kameraden der HAufklTr dürften hier widersprechen.

  • Wa-Ge   |   11. Januar 2018 - 5:31

    @ Pio Fritz

    Das mag für Sie Spekulation, ich habe jedoch gerade erst wieder zwei sehr gut befreundete Stabsoffiziere in Afghanistan im Einsatz. Ich bin ehemaliger Angehöriger und aktiver Offizier eines Verbandes mit sehr großer Einsatzerfahrung, von dem gerade wieder mehrere Einsätze mit Personal bestückt werden müssen. Der Verband, eingerechnet seiner Vorverbände aus denen er entstand, befindet sich die letzten 10 Jahre mit einer kurzen Ubterbrechung im Dauereinsatz. Das kommunizierte Lagebild ist da also ganz deutlich und unterscheidet sich auch signifikant von dem des Pressesprechers des BMVg oder Resolute Support.

    Es steht mir nicht frei zu bewerten welches Lagebild das ehrlichere ist (auch wenn ich durchaus eine Vermutung habe), aber ich kann ganz klar bewerten, dass sich die kommunizierte Lage unterscheidet.

    Was jedoch keine Spekulation ist, ist die falsche Gebrauch der Begrifflichkeiten von Herrn Lückings Beitrag. Er bezieht sich da ganz klar auf die Aussagen des BMVg, beschreibt diese aber als Aussagen der Bundeswehr. Dies ist schlichtweg falsch. Das BMVg ist ein Ministerium und Teil einer Regierung. Die Bundeswehr ist eine Streitkraft (ja darüber kann man streiten ist aber ein andres Thema), und wird durch das BMVG bzw. im Spannungsfall durch das Kanzleramt geführt.

    Politiker Soldaten ein Unterschied, der 1000 mal niedergeschrieben wurde (auch hier im Blog durch T.W.) und für jeden Journalisten leicht zu recherchieren ist. Ob die Aussage von Herrn Lücking einer Agenda folgt, eine Nachlässigkeit darstellt, oder schlichtweg fehlende Kompetenz aufweist, kann ich nicht sagen, ist mir auch egal. Die Aussage beleidigt aber den Sachverstand der Streitkräfte eine Situation in einem Einsatzgebiet aufzunehmen und zu analysieren und daraus ein realistisches Lagebild zu generieren. Und das lasse ich nicht zu, weil es eben nicht stimmt. Auch die Streitkräfte nutzen OSINT und geben dafür sehr viel Geld aus, in Kombination mit Informationsquellen die nur staatlichen Organsisationsquellen zur Verfügung stehen, ergibt das ein sehr deutliches Lagebild was sowohl Streitkräften als auch der Politik zur Verfügung steht (wir erinnern uns diese hat auch noch Zugang zu einer anderen Art von Quellen). Und mit Politik meine ich nicht nur Regierung sondern auch das Parlament in Form der Fachausschüsse.

    Es ist aber auch eben so, dass die staatlichen Organe Primat der Politik sind und eben auch nur das nach außen kommunizieren können was auch durch diese erlaubt wird.

    Ein wenig O.T. aber vielleicht lässt das der Hausherr zu:
    Ich vermisse gerade den Drang unserer Volksvertreter diese Ausschüsse, welche übrigens auch ohne der Existenz einer Regierung gebildet werden können, auch tatsächlich besetzten zu wollen. Seit über einem halben Jahr (Beginn des Wahlkampfes) ruht diese Arbeit und ob sie morgen, in einem Monat oder bei einem Scheitern der Regierungsbildung der GroKo vielleicht erst in einem halben Jahr, wieder aufgenommen wird, weis keiner.

    Ich finde dies ist durchaus beachtlich und lässt die Frage zu ob, das derzeitige Parlament sich eher seinem Auftrag und dem Wähler verbunden fühlt oder seiner Partei.

  • Fritz   |   11. Januar 2018 - 8:27

    @You Mint
    Meinen sie die Kameraden der Aufklärer die im Bereich CampSiteRecce eingesetzt sind und jede Nacht die BlueBox abfahren und Rund ums Camp eingesetzt sind?? Oder meinen Sie FHT was außerhalb MES nicht eingesetzt wird??
    Wäre neu wenn da mehr Truppe unterwegs ist, unabhängig von anderen Diensten natürlich!!

  • Memoria   |   11. Januar 2018 - 10:27

    @Wa-Ge | 11. Januar 2018 – 5:31:
    In der Praxis gibt es aber eine Trennung in BMVg (=Politiker) und Bundeswehr (=Soldaten) nicht. Gerade in der Beratung der politischen Leitung und des Bundestages sind im BMVg Soldaten tätig, die allzuoft die Lage so darstellen, wie es gerade angeblich „politisch gewollt“ ist. Dies gilt auch für Truppenbesuche von Abgeordneten bei denen vorallem rosa gemalt wird.

  • Pio-Fritz   |   11. Januar 2018 - 10:28

    @Wa-Ge | 11. Januar 2018 – 5:31

    Im Prinzip gebe ich Ihnen recht.
    Aber wir kennen das gemeldete militärische Lagebild nicht, das zu der veröffentlichten Lagedarstellung geführt hat. Manche Informationen sind wahrscheinlich auch für die Öffentlichkeit nicht bestimmt, zu detailliert oder uninteressant. Von daher liegen die Darstellungen zwangsläufig auseinander. Verwerflich wäre nur, wenn Tatsachen verdreht würden.

    [Persönliche Beleidung anderer Kommentatoren entfernt. So bitte nicht.T.W.]

  • Memoria   |   11. Januar 2018 - 10:51

    @Pio-Fritz:
    „Von daher liegen die Darstellungen zwangsläufig auseinander. Verwerflich wäre nur, wenn Tatsachen verdreht würden.“

    Genau dies ist doch gerade im Afghanistan-Einsatz sehr oft geschehen – auch durch Soldaten. Die Lagedarstellungen in Kundus noch im Frühjahr 2009 sind dafür ein sehr gutes Beispiel.

    Es wurde auch bereits von Insidern festgestellt, dass es sich um ein systematisches Problem handelt:
    http://augengeradeaus.net/2016/09/ein-deutscher-ansatz-fuer-lessons-learned-in-afghanistan-ein-abkommen-mit-einem-warlord/comment-page-1/#comment-247228

  • Wa-Ge   |   11. Januar 2018 - 11:40

    @ Memoria

    Das Lagebild, dass man Vertretern der Politik bei Truppenbesuchen präsentiert ist das eine (auch hier gibt es politische Vorgaben was gesagt werden darf und was nicht), und das Lagebild was man intern hat und nach dem man übrigens auch handelt ist was vollkommen anderes.

    Nicht um sonst wurde aus seiten der Bw zum Thema Resolute Support gesagt, dass wir keinen Mangel an Ausbildern haben, sondern dass man einen Mangel an Sicherungskräften hat die diese Ausbilder sichern und schützen sollen. Diesen Bedarf an Schutz hat man nicht aufgezeigt weil man die Lage als ruhig und stabil ansieht.

    Und auch Außerhalb der Bw ist dieses Lagebild ähnlich vorhanden, nicht um Sonst gibt es keine GIZ Bewegungen mehr in Afghanistan. Selbst die wenigen Bewegungen die letzten Jahr (mit Masse im Großraum Kabul) getätigt worden sind waren unter massivstem militärischem Schutz. Der Sicherheitsberater der GIZ da unten ist übrigens General a.D. Bescht und der hat immer noch sehr gute Verbindungen zu der uniformierten Truppe.

  • Memoria   |   11. Januar 2018 - 15:11

    @Wa-Ge:
    Wir sind uns ja einig, dass mehr bekannt ist als öffentlich kommuniziert wird. Meine persönliche Erfahrung bestätigt nur nicht die These, dass die Schönfärbung von Meldungen und Lagebericht erst durch die Politik geschieht.

    Es gibt es eben Schonen einen durch Opportunismus geprägte Kultur des vorauseilenden Gehorsams.

    Das Beispiel Abgeordnetenbesuche zeigt das sehr gut.
    Wobei da ja oftmals gar keine Weisungen notwendig sind.
    Der von Ihnen beschriebene Fall wäre übrigens ein Verstoß gegen das Soldatengesetz (§ 13) und das WStG (§§ 35, 42).

    Und wie sollen die Abgeordneten, denen oft vorgeworfen wird sie hätten Ahnung, es lernen, wenn ihnen nicht die Wahrheit erzählt wird?

    Aus meiner Sicht ist natürlich die politische Leitung oft das Problem, aber eben auch eine Vielzahl von Generalen und Stabsoffizieren im BMVg und in der Bundeswehr, die eine „Null-Fehler-Kultur“ eben erheblich befördern.

  • Wa-Ge   |   11. Januar 2018 - 18:26

    @ Memoria
    Die Parlamentarier haben dirch die Ausschüsse einen sehr genauen Zugang zu Lageeinschätzungen, dafür brauchen sie keinen Besuch im Lagee.

    Dies geschieht doch eh nur für die Kameras. Interessant ist doch was gesagt wird wenn keine Kameras an sind.

  • Memoria   |   11. Januar 2018 - 20:23

    @Wa-Ge:
    Wir haben hier offenbar unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Genau Lageeinschätzungen gibt es im Verteidigungsausschuss eigentlich nicht, dass weiß jeder erfahrene Abgeordnete. Deswegen sind die Truppenbesuche – oftmals ohne Kameras – so wichtig. Umso schlimmer ist es dann, wenn vor Ort offensichtlich auch beschönigte Lagebeurteilungen vorgetragen werden.
    In inoffoziellen

  • Memoria   |   11. Januar 2018 - 20:30

    … Gesprächen jedoch klar wird, dass die offizielle Darstellung stark von der Sichtweise der Führungsebenen Kompanie und Zug abweicht. So selbst erlebt in Kunduz im Jahr 2009.

    Allgemein zeigt sich das Problem sehr exemplarisch an den Diskussionen um die angepassten ROE und Taschenkarte für ISAF von 2007-2009.

    Es würde mich interessieren, ob Sie zu anderer Zeit (?) andere Erfahrungen gemacht haben.

    Ich höre leider immer wieder von ähnlichen Verhaltensweisen (green reporting). Aber das mag ja auch an unterschiedlichen Perspektiven liegen, deswegen würde ich mich über eine Rückmeldung sehr freuen.

  • uli   |   11. Januar 2018 - 21:26

    Passend zum Thema der neueste Bericht des Pentagon an den Kongress:
    https://media.defense.gov/2017/Dec/15/2001856979/-1/-1/1/1225-REPORT-DEC-2017-FINAL-UNCLASS-BASE.PDF

  • Thomas Melber   |   12. Januar 2018 - 18:45

    Nachtrag: PAK stoppt (vorerst) die INTEL Zusammenarbeit mit den USA. In wie weit die von PAK übermittelten Nachrichten oder Erkenntnisse viel Wert hatten kann ich allerdings nicht bewerten:

    https://www.indiatoday.in/world/story/pak-media-says-it-has-suspended-military-and-intel-cooperation-with-us-1131070-2018-01-10

    https://www.voanews.com/a/us-denies-pakistani-claims-of-suspension-of-military-or-intel-cooperation/4199584.html

  • Memoria   |   13. Januar 2018 - 13:33

    Gehört auch zur Lage in Kunduz:
    Koranschulen für Mädchen werden in der Provinz Kunduz immer beliebter.
    Dabei wird dort ein stark an den Wahabismus erinnernde Lehrinhalte vermittelt (einschl. Tragen des Hiqab).

    Sehr anschauliche Dokumentation hierzu:
    https://www.youtube.com/watch?v=vHWuj0SWs84

    Zu Beginn des Einsatzes waren ja viele Politiker besonders stolz auf die nicht mehr notwendigen Burkhas – nun verbreitet sich der Hiqab als äußeres Zeichen einer selbst für Afghanistan sehr konservativen Islamauslegung.