Lesestoff: Zapad 2017, Norwegen und Spitzbergen

Zur russischen (und weißrussischen) Großübung Zapad 2017 im September war im Westen vor allem vorher viel zu lesen, hinter bisschen weniger – die diversen Lessons Learned sind wohl noch in der Auswertung oder, vor allem, noch nicht öffentlich. Zudem geht es aus mitteleuropäischer Sicht dabei meist ums Baltikum.

Deshalb ist der Bericht einer norwegischen Webseite sehr interessant: Russland, so heißt es dort, habe während der Übung in der Arktis einen Angriff auf Spitzbergen simuliert – norwegisches, aber demilitarisiertes Territorium:

Russian forces exercised attack on Svalbard
Russian military forces exercised in September 2017 how to invade Svalbard, the Norwegian archipelago in the Barents Sea.

Behind closed doors, NATO has expressed discontent and concern over the lack of intelligence from Norway providing a pre warning of the simulated invasion, which was a part of the Russian military exercise «Zapad 2017» in the High North.

Die ganze Geschichte (auf Englisch) gibt es hier bei aldrimer.no.

(Foto: Training der arktischen Brigade der russischen Nordmeerflotte auf dem russischen Nowaja-Semlja-Archipel am 28. September 2017- Foto Russisches Verteidigungsministerium)

14 Gedanken zu „Lesestoff: Zapad 2017, Norwegen und Spitzbergen

  1. Ja, so ist das, wenn man glaubt, man wäre nur von Freunden umgeben. Russland hat Fähigkeiten entwickelt. Die Frage ist nur wozu. Die üblichen Hinweise auf das hohe NATO-Militärbudget sollten nicht übersehen, dass ein Großteil der US-Ausgaben in die ganze Welt gehen und dass die europäischen Länder weitestgehend unfähig geworden sind, ihren eigenen Boden zu verteidigen.
    Ich glaube auch nicht an aggressive Absichten der Russen – jetzt. Aber man kann sich schon fragen, wozu sie eine derartig entwickelte militärische Überlegenheit in Nordeuropa brauchen und was damit in Zukunft passieren soll – Gelegenheiten reizen.
    Während die USA Notfallpläne umsetzen, um ihre Streikräfte wieder zu befähigen in einem Peer-to-Peer-Konflikt zu überleben – da geht es heute umso mehr um elektronische Kampfführung – passiert in Deutschland gar nichts. Die theoretischen 10 Jahre Vorwarnzeit, von denen aktuell ausgegangen wird, sind hanebüchener Schwachsinn. Wenn im kritischen Fall die Dringlichkeit politisch empfunden wird, dann sicherlich nicht 10 Jahre vor einem drohenden Konflikt.

    Irgendwie erinnert mich die Situation an die 30er Jahre. Auf der einen Seite die kriegsmüden Westmächte und auf der anderen Seite das durchmilitarisierte, militärisch hochentwickelte Deutschland. Es bleibt die Frage: warum setzen die Russen im europäischen Raum so sehr auf ein einsatzfähiges und kriegstaugliches Militär. Die wissen doch ganz genau, wie es um die europäischen Staaten militärisch steht (fehlende Fähigkeiten, Ersatzteile, Munition etc.). Da ist nun wirklich gar nichts zu fürchten.

  2. Russland hat schon mit Barentsburg und Pyramiden zwei zivile Stützpunkte mit einer Kohlemine auf West-Spitzbergen – und auch schon permanent eine Mi-8/Mi-17 dort stationiert. Das ganz sollte man wohl im Zusammenhang mit der Flaggensetzung am Nordpol 2007 und den Rohstoffen im Nordpolarmeer sehen. und das ist durchaus kritisch.

  3. Nach Lesen des verlinkten Artikels noch mal zum Verständnis:

    Die Nordflotte samt Fliegerkäften hat geübt. Kein russisches Schiff hat Kurs auf Spitzbergen genommen, kein grünes Männchen ist dort aufgetaucht. Die norwegischen Streitkräfte haben sich blamiert und waren nicht in der Lage, ihr Vorfeld zu überwachen. Irgendwelche anonymen „Quellen“ behaupten, es wäre ein „Angriff auf Spitzbergen“ geübt worden. Belege dafür, daß dem tatsächlich so war, wurden aber nicht vorgelegt.

    Habe ich das richtig verstanden oder übersehe ich etwas?

    Soweit bekannt ist Spitzbergen immer noch norwegisch, Weißrußland weißrussisch und das Baltikum baltisch. Und die deutsche Marine respektive die deutsche Politik hat kein Problem damit, alle deutschen U-Boote monatelang aus dem Einsatz zu nehmen. Falls dieser Stand der Dinge nicht mehr aktuell ist, sind sachdienliche Hinweise willkommen.

  4. Nun warum zerfahren wir uns hier in Debatten über russische Minderheiten in den baltischen Staaten und philosophieren dabei über Geburtenrückgänge der nicht russischen Bevölkerung, wenn doch ein rein strategisch/taktischer Grund so nahe liegt?

    Russland möchte einfach Zugriff auf die Ressourcen in der Arktis wahren. Die Osterweiterung der NATO ist hier in einem Konfliktfall schlicht eine Gefahr.Nachschubwege können so leichter abgeschnitten werden.
    Russland macht hier im Gesamtkontext einfach seine Hausaufgaben und übt.

    Die Zusammenarbeit von Norwegen mit Deutschland bei den U-Booten, ist auch ein Zeichen. Norwegen überwacht dieses Seegebiet und möchte diese Fähigkeiten ausbauen. Hinzu kommt schon eine Gewisse Kompetenz bei den Seezielflugkörpern.

  5. @ Mitleser
    geht mir auch so. Die russische Küste zum Nordmeer ist verdammt lang. Um da zu spielen, brauchen die kein Spitzbergen, so groß sind die Truppen da nun auch wieder nicht. Und NATO Kompetenzen, Spitzbergen zu nutzen sind nicht wirklich absehbar.

    Allerdings sieht man in russ. Medien schon ein gewisses Zähnefletschen, dass man gewillt ist, sich in der Gegend nicht in die Suppe spucken zu lassen – rein theoretischer Natur und m.E. nicht auf Spitzbergen oder sonst irgendwen gemünzt. Manöver blau gegen rot, wie auf beiden Seiten seit jeher. Die NATO übt, den schmalen Streifen bei Suwałki zu verteidigen, die Russen, für die es hier tatsächlich ein Gap gibt, üben zu verteidigen, was wäre, wenn ihre Exklave angegriffen würde. Beides etwas weniger theoretisch.

    @ EL danke für den Link! „Kriegsgrund“ erkenne ich da aber nicht.

    @ Kay. Der Bevölkerungsrückgang im Baltikum hat mit Geburtenrückgang so gut wie nichts zu tun. Das ist hausgemacht. Litauen 1990 – 3,7 Mio. vs. Litauen 2017 – 2,8 Mio (Rückgang der Bevölkerung seit 1.1.2017 – 1,2 % – höchstoffizielle Daten). Von den 2,8 Mio.sind geschätzt weitere 300.000 im EU Ausland, die sich nicht abgemeldet haben.

  6. Falls sich jemand für den Kommersant-Artikel interessiert, auf den Aldri Mer Bezug nimmt: https://www.kommersant.ru/doc/3428044

    Entscheidend sind die folgenden Sätze:

    „[…] В качестве отдельной угрозы обозначена Норвегия с ее планами по одностороннему пересмотру международных договоренностей: в докладе подчеркивается, что власти страны стремятся к установлению «абсолютной национальной юрисдикции над архипелагом Шпицберген и прилежащей 200-мильной акватории». «Повышается роль фактора силы в международных отношениях»,— считают авторы документа, утверждая, что РФ наращивает свой морской потенциал для «стратегического сдерживания» вероятных противников и в качестве «важного фактора обеспечения международной стабильности».“

    Meines Erachtens ist es in diesem Zusammenhang außerdem angebracht, noch einmal an folgenden Vorfall zu erinnern: https://thebarentsobserver.com/en/2016/04/chechen-special-forces-instructors-landed-svalbard

    [Hm. Vielleicht auch die Übersetzung gleich mitliefern? Mir scheint, Russischkenntnisse sind hier nicht so sehr verbreitet… T.W.]

  7. Ach wie lustig, die norwegische/NATO- Intelligence und Manöverbeobachtung hat verkackt im Polarmeer, weil alle wie das Kaninchen auf die Schlange Richtung Baltikum und WR geschaut haben und trotzdem wissen „gut unterrichtete Kreise“ ganz genau, dass die Russen die „Invasion“ Spitzbergens geübt haben – wie schräg ist das denn ?
    Die Russen wollen Spitzbergen intensiver Nutzen für Forschungszwecke und Tourismus und die Norweger wollen darüber nicht verhandeln. Nun ist Forschung im Polarkreis auch mit Hilfe militärischer Unterstützung jaauch „im freien Westen“ nicht ganz unbekannt und sie ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit militärischer Forschung oder gar militärischer Nutzung .
    Tatsache ist doch, dass die Masse der Norweger nicht die geringste Lust hat im Hohen Norden sich den Arsch abzufrieren wegen einer „Bedrohung“ an die kein norwegischer Troll mehr glaubt.
    Kaspertheater.

  8. @LTC007 | 20. Oktober 2017 – 13:30

    Können sie mir bitte einmal erklären, was der von Ihnen eingestellte Artikel mit dem Nutzungsrechtedisput zwischen Norwegen und Rußland zu tun hat ?
    Gem. Spitzbergenvertrag hätte die NATO nur dann eine Eingreif-Grundlage auf Spitzbergen auf Bitten Norwegens wenn der entmilitarisierte Status der Inselgruppe durch eine Vertragspartei verletzt wird. Das Recht hätten die Russen aber auch.
    Und nun läuft also wieder das gute, alte Spiel „wie Du mir, so ich Dir“.
    Wenn Du, liebe NATO, Spitzbergen zum Veranstaltungsort für z.Bsp. parlamentarische NATO-Treffen machen willst, dann will ich auf Spitzbergen ein Erholungsheim für meine Grünen Männchen aus Tschtschenien…..so in etwa muß man sich das mittlerweile vorstellen.
    Wie gesagt Kaspertheater….in diesem Fall Trolltheater.

  9. Ich weiss, dass dem Klabautermann dieses NATO-weite Nachdenken über das friedensliebende Russland auf den Senkel geht, aber der Hausherr hier hatte die ausstehenden lessons learned nach Zapad 2017 erwähnt, und der eingestellte Beitrag ist eine Sichtweise dazu.

  10. @Wiengold Die Kernaussage der von Bürger zitierten Zeitung läuft darauf hinaus, dass Russland Norwegen verdächtigt, den Status von Spitzbergen einseitig verändern zu wollen. Daher übt man schon einmal… Ich stimme Klabautermann zu, dass dies alles Kasperletheater ist. Was mir am allermeisten aufstößt, ist diese Mischung aus Hysterie/Alarmismus und absoluter Unfähigkeit. Wenn es tatsächlich so ist, wie einer der obigen Kommentatoren schreibt, dass nämlich monatelang kein deutsches U-Boot einsatzfähig war, dann greift man sich wirklich an den Kopf.

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