Wiederaufleben der Piraten-Aktivität vor Somalia?

Ein Merkposten zum fast vergessenen Thema Piraten vor Somalia: Der Bundestag wird demnächst über die Verlängerung der deutschen Beteiligung an der EU-Antipirateriemission Atalanta vor der Küste Somalias entscheiden – und wie andere EU-Länder hofft Deutschland darauf, die seit 2008 laufende Mission im kommenden Jahr beenden zu können. Die NATO hatte ihre Operation Ocean Shield bereits im vergangenen Jahr eingestellt, weil die Aktivitäten somalischer Piraten in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen waren.

Doch inzwischen gibt es Meldungen, die darauf hindeuten, dass die Piraten aus dem ostafrikanischen Land wieder aktiv werden. Am (gestrigen) Montag bestätigte das Hauptquartier der European Naval Forces (EUNAVFOR) den vermutlich dritten Fall einer erfolgreichen Kaperung von Schiffen vor der Küste Somalias innerhalb weniger Wochen:

EU Naval Force can confirm that an Indian registered cargo dhow was seized by suspected pirates on 01 April  and is now in the vicinity of Hobyo, Somalia. An EU Naval Force maritime patrol aircraft has confirmed the exact location of the dhow and has attempted to establish radio communications but without success.

Andere Berichte sind etwas detaillierter, zum Beispiel von AFP:

Somali pirates have seized an Indian cargo ship and 11 crew members, the ship’s owner said Monday, as a recent series of hijackings raises fears of a resurgence in piracy.
The „Al Kausar“ is the third vessel to be hijacked in less than a month off the coast of Somalia as experts warn that ships have lowered their guard in the five years since the height of the piracy crisis.
The Indian cargo ship was carrying items such as wheat and sugar from Dubai via Yemen to Somalia’s Bossaso port when it came under attack, owner Isaak Them told AFP.“The vessel was hijacked on Friday (March 31) from mid-sea. One of the crew members called me on Saturday evening and informed me about the hijacking,“ said Them.

Bei den vorangegangenen beiden Entführungen war unter anderem Ende März eine weitere Dhau gekapert worden, die möglicherweise als so genanntes Piraten-Mutterschiff für Angriffe auf hoher See eingesetzt werden kann. EUNAVFOR konnte das bislang nicht bestätigen:

EU Naval Force staff are currently liaising with Somali and counter-piracy partners to verify reports that a dhow has been seized by a possible pirate action group off the north-eastern coast of Somalia.

Mehr Details dazu:

A cargo vessel called Asayr 2 has been hijacked with seven crew taken hostage off the coast of Somalia. According to local reports, two skiffs manned by six pirates attacked the vessel which was carrying an estimated crew of 20 and one Somali guard.
Pirates dropped off most of the crew near the village of Maraya in Somalia’s Puntland state but then returned to sea with seven hostages on board the vessel.According to Oceans Beyond Piracy (OBP), a program of the One Earth Future Foundation, this could indicate that it the Asayr 2 could be intended for use as a mother ship for further attacks.

Der dritte Fall hatte sich bereits früher im März zugetragen: Die Entführung des Tankers Aris 13 wurde von der Führung der European Naval Force (EUNAVFOR) bestätigt, das Schiff und die Besatzung wurden jedoch nach wenigen Tagen wieder freigelassen. Der Überfall auf das Schiff war möglicherweise deshalb ein Einzelfall, weil die Ladung einem somalischen Geschäftsmann gehörte und für die Hauptstadt Mogadischu bestimmt war – offensichtlich deshalb wurde auch kein Lösegeld gezahlt.

In die Bewertung der Pirateriesituation im Hinblick auf das neue Bundestagsmandat sind die neuen Fälle offensichtlich noch nicht eingeflossen; aber sie könnten natürlich Auswirkungen haben auf das Ziel, die Atalanta-Mission herunterzufahren. Derzeit ist nur noch ein Kriegsschiff aus Spanien in diesem Einsatz unterwegs, unterstützt von Seefernaufklärern, unter anderem zurzeit auch eine Orion P-3C der Deutschen Marine. Die Bundeswehr hatte im vergangenen Sommer ihre Schiffe aus der Operation abgezogen; ein erneuter Einsatz eines Schiffes ist bislang nicht vorgesehen.

(Foto: Start von Überwachungsdrohnen vom Typ Scan Eagle von Bord des spanischen Kriegsschiffes Galicia im März 2017 – EUNAVFOR)

 

13 Kommentare zu „Wiederaufleben der Piraten-Aktivität vor Somalia?“

  • IstEgal   |   04. April 2017 - 14:21

    Das war leicht herzuleiten: Weniger Angriffe weil die Reeder ihre Schiffe besser geschützt haben (z.B. bewaffnete Sicherheitsdienste), daher etwas gefunden was man sich sparen kann, anstieg der Vorfälle, jetzt wieder hektisches Geschrei nach dem Militär, dieses wird wieder jahrelang Einheiten binden, am Ende werden die Reeder wieder Bewaffnete an Bord ihrer Schiffe setzen und diese selbst bezahlen…..also ich bin dafür wir überspringen diesmal den militärischen Zwischenfirlefanz und die Reeder sorgen selber für den Schutz ihrer Schiffe.

    Wer sein Schiff aus Kostengründen ausflaggt der sollte nicht nach Schutz durch vom Steuerzahler(deutsch) bezahlte Schiffe rufen mM !

  • closius   |   04. April 2017 - 15:12

    @T.Wiegold: Vielleicht könnten Sie auf der Bundespressekonferenz oder dem Verteidigungsministerium mal nachfragen, warum diese vergessen haben, die letzte Angriffe im BT-Antrag zu erwähnen?

    Daß die Piratenangriffe wieder zunehmen und weiter zu nehmen werden, war zu erwarten aufgrund des Rückzuges der meisten Schiffe von dem Einsatz.

  • klabautermann   |   04. April 2017 - 15:43

    „The Operation Commander (OpCdr) commands the operation from the Operational Headquarters (OHQ) at Northwood, United Kingdom. There he plans and conducts the operation in conjunction with the political and military authorities of the European Union.“

    ATALANTA Exit by BREXIT würde ich einmal vermuten, denn der gegenwärtige Kommandeur (Major General Rob Magowan CBE) wird wahrscheinlich in einem Jahr eine britische Amphib Task Group zur Verteidigung Gibraltars gegen die spanische Armada anführen./SCNR
    Aber mal im Ernst, ATALANTA ist auf politischen Druck insbesondere Spaniens zustande gekommen. Glaubt wirklich hier jemand, dass die Briten in Zeiten des Brexit noch lange das OPCON Backbone in Nordholz bei London stellen werden ? Die Spanier haben genug nordwestafrikanischen Küsten-Schlamassel am Hals, die Italiener haben die libysche Gegenküste am Hals, wer also soll von den Briten übernehmen ? Wir Deutschen ? Von Potsdam aus ? Oder Ulm ? Oder Rostock ?
    Würde mal vermuten, dass ATALANTA innerhalb der nächsten 12 Monate „eingeht“ – da werden ein paar geklaute indische Küsten-Daus und Tramp-Tanker nichts ändern.

  • Mms   |   04. April 2017 - 16:18

    Bevor jetzt wieder das Gezeter über gierige Reeder unter „Billig-Flagge“ losgeht, möchte ich klarstellen das so gut wie kein europäisch bereedertes Schiff eine GoA-Passage ohne ein bewaffnetes Sicherheitsteam unternehmen würde. Denn sonst würde (egal unter welcher Flagge) die Besatzung des Schiffes streiken!

  • TomTom   |   04. April 2017 - 17:40

    Ein Wiederaufflammen der Piraterie in dieser Region wird niemanden ernsthaft überraschen, da man zum einen die Ursache nicht bekämpft hat und zum anderen der Druck deutlich reduziert wurde.
    Ein Schiff und ein Flugzeug in einem solchen Seegebiet sind ein Witz.

    Wenn allerdings die Reeder von gewissen Ländern tatsächlich den Eigenschutz herunter gefahren haben, ist dies natürlich die erste Stellschraube.

  • Hobbystratege   |   04. April 2017 - 19:43

    @Closius: aus eigener Beobachtung der Erstellung solcher Mandate weiß ich, dass diese einen Redaktionsschluss haben, der zwei bis drei Wochen vor der Behandlung im Kabinett liegen kann. Das macht die Berücksichtigung von anschließend vorkommenden Lageentwicklungen, insbesondere wenn sie für den Wesenskern des Mandates keine Auswirkungen haben, schwierig. So könnte es bei Atalanta auch gewesen sein.

  • wacaffe   |   05. April 2017 - 2:09

    1. die teils realitätsfremden einschränkungen für maritime pmc’s novellieren (stichwort halbautomaten etc.)

    2. marktumfeld schaffen das wettbewerb unter seriösen pmc’s fördert.

    beides am besten auf europäischer ebene

    problem solved

    (zumindest für den europäisch bereedeerten Verkehr)

  • Mms   |   05. April 2017 - 10:19

    @ wacaffe
    Natürlich gibt es auf dem Markt auch unseriöse Dienstleister. Allerdings muss ein contractor von den Schiffsversicherungen, hier insbesondere von den P&I-Clubs( Haftpflichtversiche-
    rungen) akzeptiert werden. Dadurch reguliert sich der Markt zu einem Gutteil selbst.
    Operiert wird zumeist auf Basis eines von der BIMCO entwickelten Standardvertages, dem sogenannten Gaurdcon.

  • wacaffe   |   05. April 2017 - 10:51

    @ Mms

    mir ging es primär um optimierungsmöglichkeiten seitens regulierungsbehörden/Auflagen etc.

    das die industrie pragmatische lösungen gefunden hat ist zu begrüßen, will man atalanta komplett streichen gäbe es aber sicher noch optimierungsmöglichkeiten im bezug auf die normativen grundlagen.

  • Mms   |   05. April 2017 - 14:18

    Entschuldigung, ich hätte natürlich Guardcom schreiben müssen!

  • Auchmal   |   05. April 2017 - 22:32

    Mich würde interessieren, wie momentan die nichteuropäischen (z.Bsp. indischen, chinesischen, japanischen) Task Forces vor Somalia aussehen. Die indische Marine hat ja nun nicht gerade wenig Schiffe.

  • Ottone   |   05. April 2017 - 22:40

    Hehe, immer noch nahe dran, richtig ist: gUArdcoN :-)

  • Mms   |   06. April 2017 - 11:13

    @ Ottone
    Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen! Aber in der Sache stehe ich zu meinem Beitrag.