Lesetipp: So sieht’s in Kundus aus

Für diejenigen hier, die sich noch für Afghanistan interessieren… ein Lesetipp: das Afghanistan Analysts Network (AAN) hat einen genaueren Blick auf die Situation in Kundus im Norden Afghanistans geworfen. Und dieser Blick fällt sehr ernüchternd aus:

Far From Back to Normal: The Kunduz crisis lingers on

The Taleban’s recent takeover of both Qala-ye Zal and Dasht-e Archi’s district centres is the latest episode in the long-running battle for possession of Kunduz province. It follows the spectacular takeover of Kunduz’s provincial centre by insurgents in late September 2015, the hard-won recapture by pro-government forces two weeks later and the government’s unsuccessful counter-offensive in the province’s districts.

18 Gedanken zu „Lesetipp: So sieht’s in Kundus aus

  1. Bedauerliche, aber nicht verwunderliche Lageentwicklung.
    Ergänzen sollte man ggf. noch, dass es sich bei den sog. „Taleban“ zu einem nicht unerheblichen Teil um Strukturen der drogenbasierten OK handelt, die die Transferrouten Richtung Norden (Russland, dann weiter nach Europa) freikämpfen, um dem Oberen Management der OK (hier auch Überschneidungen zu Regierungsstrukturen in Kabul) auch weiterhin die gewaltigen Profite zu sichern. Verbleibende 90% der afghanischen Bevölkerung geht bei diesem Game leer aus und kann sehen wie sie überleben-bei übrigens steigenden Süchtigenzahlen auch in der afghanischen Bevölkerung (Afghanistan ist größter Heroinproduzent der Erde).

  2. Wie definieren wir eigentlich „mission accomplished“ bzw. wie sieht das Ausstiegsszenario aus? Binden wir (die USA) dabei das GIRoA aktiv mit ein? Bis wann?

    Gibt es einen „DDR“ Prozeß und wirtschaftlichen Aufbau? Über die zivile Seite erfährt man fast nichts.

    Ich denke, vor die Frage gestellt votiert das AFG Volk für ein „Ende mit Schrecken“ anstatt des aktuellen „Schrecken ohne Ende“.

    Mit den TB kann man sich vielleicht sogar arrangieren. Tja, und IRN und PAK? Binden wir die mit ein?

  3. Wieder einmal Dank an Sie, Herr Wiegold, dass Sie auch weiterhin Interesse an der Entwicklung zeigen.
    Trotz der großen Anstrengungen, die der ISAF Einsatz gebracht hat, tendiert die Wahrnehmung heute doch gefühlt gegen Null.
    Natürlich ist der Beitrag ernüchternd, aber auch nicht überraschend.
    Auch wenn das deutsche Engagement in Kunduz und herum nicht wirklich kritisiert wird, so hat Deutschland aus meiner Sicht den Abzug aus der Provinz zu schnell und vor allem komplett durchgeführt.
    Klar ist man hinterher immer schlauer, aber man hätte mehr „Betreuung“ für die ANSF sicherstellen müssen.
    Eine kritische Rückbetrachtung sollte schon angebracht sein. Warum ist Kunduz schon kurz nach dem Ende des deutschen Engagements zur unsichersten Provinz geworden?
    Noch vor dem jahrelang gefürchteten Süden?
    Natürlich liegt das nicht nur an der Bundeswehr, aber vollkommen überrascht sollte man auch nicht tun.

  4. > Klar ist man hinterher immer schlauer, […]

    Das wusste man aber auch schon vorher, bzw als es passiert ist. Wer sich selbst nie ein Bild davon machen konnte, hat immerhin mitbekommen können, dass nach dem Abzug aus Feyzabad danach dort alles den Bach runter ging und die Taleban (wie auch immer man sie dann nenenn will) die Kontrolle sehr rasch wieder übernommen hatten.

    Danke für den Link, aber leider absolut nicht überraschend.

  5. „Mit den TB kann man sich vielleicht sogar arrangieren. Tja, und IRN und PAK? Binden wir die mit ein?“

    Arrangieren mit den Taleban (wer das auch immer sein sollte im Einzelfall?)? Was sollte darunter zu verstehen sein (wie sollte das aussehen? Ob sich die anderen daran halten?) Entweder besiegt man sie (wie sollte das gehen, wer sollte das machen wollen können?) oder man überlässt ihnen das Feld möglichst bei Wahrung des Gesichtes (ob das wohl möglich ist?).

  6. Iran und Pakistan einbinden? Ob die sich von uns (wer das auch immer sein sollet, sein wollte) eibinden lassen? Sich binden lassen? Was für eine Vorstellung? Ist im Himmel Jahrmarkt?

  7. Als jemand der die komplette Provinz Kunduz kennt liest sich der Bericht mehr als frustrierend. Leider alles genau so vorher gesagt und auch eingetreten. Kein positive Ueberraschungen, eher schlimmer als erwartet.

  8. „Ich denke, vor die Frage gestellt votiert das AFG Volk für ein “Ende mit Schrecken” anstatt des aktuellen “Schrecken ohne Ende”.

    Selbst falls es so geschähe, ob es ein Ende des Schreckens gäbe?

  9. Mission done!!!
    Wir haben in unsrer Wirkzeit viel erreicht in Kundus und auch in Baghlan!!
    Natürlich unter Zahlung des höchstmöglichen Preises ,das Leben Deutscher Soldaten !!
    Es macht mich nicht wütend und auch nicht traurig das die Lage in Afghanistan / im speziellen im Norden ( Kunduz Baghlan Korridor ) ist wie sie ist.
    Jeder der dort seinen Mann gestanden hat wuste das wir die INS nie und nimmer auf Kunduz oder Baghlan drücken können.Zumal sich die Frage WER ist die INS nicht einfach beantworten lässt. Es sind verschiedene Gruppierungen / Clan’s / OK Strukturen die dort eigene Machtintressen verfolgen. Die interessiert das was aus Kabul kommt nicht im geringsten.
    Als das ABAKI Modell noch Bestand hatte konnte jeder sehen wie einfach dieses Land funktioniert. Es wurden lokale Taliban / Clan oder OK Gruppierungen mit viel Geld in die Sicherheitsverantwortung ihres Gebiets gestellt. Das ganze mit Support von kleinst Kfz und Waffen + Munition.
    Als US das Programm Ende 2014 einstellte ging es auch mit der für Afghanische Verhältnisse ertragbaren Sicherheitslage zu Ende.
    Du kannst einen Afghanen nur Mieten nie kaufen…. Und so ist es mit allen dort.
    Jeder schaut wo er bleibt und versucht sich so gut wie möglich die Taschen voll zu stopfen.
    Deutschland ist im Rahmen der NATO an Zusagen gebunden und wir werden noch mindestens ein Jahrzent dort mit Soldaten präsent sein.
    Afghanistan ist ohne Hilfe nicht existenzfähig ….

  10. Aktuelle Entwicklung, von AP:

    Afghan officials: Taliban seize district in Kunduz province

    The Taliban seized a district on Saturday in the northeastern Kunduz province, where the insurgents briefly overran the provincial capital last year before being driven out by a counteroffensive, an official said.
    Mohammadullah Bahej, spokesman for the provincial police chief, said the insurgents launched attacks from different directions on the district headquarters in Khan Abad. (…)
    Mohammad Yusouf Ayubi, head of the Kunduz provincial council, said hundreds of civilians have fled the fighting and warned that „if the central government does not pay attention to Kunduz, the Taliban will overrun Kunduz city as they did last year.“

  11. Tja.

  12. ‚mal sehen, wie viele Kämpfer sich schon – bisher unerkannt – in der Stadt befinden.

  13. @TW
    Hat sich die Flucht der „officials“ bestätigt?

    Das Signal ist verheerend: die Verwaltung hat kein Vertrauen in die ANSF bzw. RSM und läßt die Bevölkerung im Stich und glaubt ferner an einen Sieg der TB.

    Mit solchen Personen ist eben „kein Staat zu machen“.

  14. Ich schreibe die diversen Lageberichte erstmal hier fort; bei Gelegenheit wird ein neuer Thread fällig…

    Hier die Übersicht von TOLONews vom (heutigen) Sonntag:

    Battles Rage Across The Country

    Clashes have reached unprecedented levels across the country but the north-east and southern parts of Afghanistan are paying a particularly high price in the ongoing war – so much so that the ‎Commandos and Special Forces are now also involved in many of these battles.
    „It is not just Taliban who are angry as they are losing the war, but their regional supporters are also angry at Afghan security forces for their good achievements“, said Muhammad Rad Manish, spokesman for the ministry of defense.
    Heavy clashes are ongoing in Kunduz, Baghlan and Helmand. In Kunduz province, security forces are fighting the insurgents on the outskirts of the city.
    However, the question is, how was the Taliban able to reorganize an onslaught in Kunduz?

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