ExerciseWatch: Die NATO-Speerspitze, erneut in West-Polen

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Auf dem Truppenübungsplatz bei Zagan in West-Polen hatte bereits im vergangenen Jahr die Speerspitze der NATO, die Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) geübt – damals unter recht großem deutschen Interesse, weil es die erste (Verlege)Übung der erst im Herbst 2014 beschlossenen neuen VJTF war und weil ein deutscher Gefechtsverband den Kern dieser Eingreiftruppe bildete.

In diesem Jahr stellten die Spanier mit ihrer luftbeweglichen Brigada Ligera Aerotransportada (BRILAT) diesen Kern, und die Übung Brilliant Jump in der zurückliegenden Woche sah dementsprechend etwas anders aus als im Vorjahr. Luftbewegliche Infanterie an Stelle von Schützenpanzern:


(Direktlink: https://youtu.be/Fdou7BAY7RU)

Neben dem spanischen Kern mit 1.300 Soldatinnen und Soldaten waren an der diesjährigen Verlegeübung und anschließender Gefechtsübung, Brilliant Jump, auch 650 Briten und 150 Soldaten aus dem (meist unbekannten) NATO-Mitgliedsland Albanien dabei.

Der spanische Chef des Stabes sagte dem spanischen Kollegen Esteban Villarejo (Bericht hier, die Google-Übersetzung hier), dass diese NATO-Speerspitze nicht gegen Russland gerichtet sei. Das gehört zwar zur politischen Standardaussage der Allianz, dürfte im Fall der Spanier aber noch ein bisschen ernster gemeint sein als bei anderen Mitgliedsnationen: Die Südeuropäer sehen die VJTF durchaus eher als Instrument für Krisen am Südrand der NATO.

(Und natürlich steht im Raum, was nicht genannte NATO-Generale kürzlich dem Kollegen der Financial Times erzählten, nämlich dass die Speerspitze für eine Auseinandersetzung mit Russland nicht sehr bedeutungsvoll sei.)

Interessant wäre natürlich, die Lessons Learned dieser VJTF-Verlegeübung aus dem vergangenen Jahr mit der in diesem Jahr zu vergleichen. Denn 2015 waren die ganzen logistischen und oft bürokratischen Hemmnisse deutlich geworden, die die Verlegung von Truppen, Gerät und so gefährlichen Stoffen wie Munition quer durch NATO-Europa und die EU zu transportieren – das hatten unter anderem die Norweger und die Niederländer zu spüren bekommen, die Teile für die damalige VJTF gestellt hatten.

Allerdings war das Problem des grenzüberschreitenden Transports diesmal für die Spanier bisschen einfacher gelöst worden – das Großgerät wurde vom spanischen Hafen Vigo nach Stettin in Polen verschifft, die Soldaten wurden eingeflogen. Dennoch wüsste ich gerne, welche Bürokratie-Hemmnisse diesmal überwunden werden mussten…


(Direktlink: https://youtu.be/FJ1NaSODwSw)

Weitere Videoclips dazu:

Albanian Ground Assault

Ein 360°-Video aus der Fahrt mit einem polnischen Leopard2A5 (das ich leider auf meinen Geräten nicht abspielen kann; vielleicht hat jemand mehr Glück)

Weitere Berichte von Esteban Villarejo, für die Spanisch-Kundigen:

Polonia (I): cuando España salvó a Sorotan del enemigo Torrike

Polonia (II): el vídeo de las maniobras de la Brilat con tanques polacos (mit einem weiteren Video vom Gefecht der Spanier gegen polnische Panzer)

Nachtrag: Bericht des Deutschlandfunks über Brilliant Jump:

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(Foto: Ein spanischer Soldat mit Spike-Panzerabwehrsystem bei der Übung – Foto Allied Joint Force Command Brunssum)

17 Gedanken zu „ExerciseWatch: Die NATO-Speerspitze, erneut in West-Polen

  1. Kann mir jemand erklären, warum die NRF in einem Jahr eine mechanisierte Brigade beinhaltet und im nächsten Jahr ein Infanteriegroßverband?

    Gibt es da keine Vorgaben von der NATO?

    pi

  2. @Politisch Inkorrekt
    Die NRF hat eine Stärke von ungefähr 25.000 – (ab 2015) 40.000 Soldaten. Sie setzt sich zusammen aus Landstreitkräften bis zur Brigadestärke, Seestreitkräften bis zur Stärke einer “NATO Task Force” (Flugzeugträgerkampfgruppe), Luftstreitkräften für bis zu 200 sorties/Tag und EinsUstgKr mit Durchhaltefähig his 30 Tage
    Die operative Führung der NRF erfolgt durch Hauptquartiere der NATO-Kommandostruktur (JFC Brunssum/JFC Neapel/JHQ Lissabon) für jeweils zwölf Monate.
    Umstrukturierung der NRF ab 2015:
    Die künftige NRF-Struktur im Rahmen des Readiness Action Plans besteht aus vier Elementen:
    – eine verlegbares multinationales Hauptquartier; Joint Task Force HQ
    – der in der Aufstellung befindliche schnelle Eingreifverband Very High Readiness Joint Task Force (VJTF)
    – ..!
    Die betroffene Nation stellt das BrigÄquivalent in Abhängigkeit eigener Ressourcen. Insofern ist der Wechsel von mechGroßVbd ((Pz/PzGrenBrig) hin zu InfGroßVbd (JgBrig, FSchJgBrig, LLBrig) nicht ungewöhnlich.

  3. Genau. Jeder macht so wie er denkt – und zur Krönung, dann wieder eine Zertifizierung, die mehr mit Politik als mit Fakten zu tun hat (siehe NRF 2015).

    Die NATO ist vorallem ein Paradebeispiel für eine Bürokratie ohne Führung.

  4. @Memoria
    „Genau. Jeder macht so wie er denkt, …“ Stimmt weitgehend, wird aber deutlich vorbestimmt
    durch das „so wie er KANN(!), mit seinen Fähigkeiten.

  5. @KPK:
    Und das was jeder – angeblich – kann ist trotz NATO Defence Planning auch seit Jahren nicht richtig aufeinander abgestimmt.

    Aber es gibt genug hochdotierte NATO-DIenstposten.
    Die NRF hat in den letzten 10 Jahren schon gezeigt wie grotesk alldas ist (würd nur von der EUBG übertroffen).

    Vielleicht erstmal auf NATO-DIenstposten die Weltlage ohne Scheuklappen analysieren und sich dann eine Gesamtverteidigungsplanung 2.0 ausdenken.

    Und im nächsten Schritt ehrlich sein was die Einsatzbereitschaft angeht (siehe Bericht im letzten SPIEGEL), anstatt fortlaufend zu suggerieren alles würde super vorankommen (u.a. durch Panzer zählen).

    Die NATO hat nach mehr als 2 Jahren nach Krim-Besetzung und IS-Offensive weiterhin keine schlüssigen Antworten.

  6. @Memoria
    Stimmt.
    Aber wundert Sie das, mich nicht, war lange genug dabei.
    NATO-Motto könnte sein: Jeder macht was er will – Hauptsache alle machen mit, ein wenig.
    Oder wie sind die jahrzehntelangen, auf jedem Summit wiederholten LIPPEN-Bekenntnisse zum 2.0 Ziel beim VgBudget zu erklären.
    Die Aussage ist vorsätzlich gelogen, noch bevor sie gedacht, geschweige denn zu Papier gebracht wurde!
    Und warum: NATO ist Bündnis unabhängiger Demokratien, ohne realisiertes Bedrohungsbewusstsein, unfähig, gepaart mit Unwillen der WAHL-Bevolkerung Notwendiges zu erklären und abzuverlangen. Gerade die mitteleuropäische NATO-Seite lebt in der sicheren Annahme, wenn’s brenzlig wird, das Pentagon wird’s schon richten.
    – Und seit der Wende und dem Vergnügen am Kassieren der Friedensdividende, wer wollte dem ‚teutschen Otto-Normalverbraucher-Michel“ erforderliche Rüstungsausgaben abverlangen -?
    Freche Annexion der Krim, Guerilla-Krieg im Donbas, politische Versuche der Destabilisierung der EU, RUS Hackerattacken – wird das im Bevölkerungsschnitt der Stammtischbrüder mit Bild vor der Nase gesehen? Und die „Eliten“ in Berlin, wer es erkennt, – Konsequenzen -, null bis minus-null. An Daesh etc noch gar nicht erinnert.
    Aber nicht neu. Die knallharte Moskauer Machtpolitik zieht sich durch die sowjetisch-russische Historie. Zusammenarbeit mit der Hungerleidernation auf dem Peloponnes,weil es dort tolle Renditen gibt? Nein, Ausweitung der Einflusszone in den weichen europäischen Bauch und Absicherung der Position im ostwärtigen Mittelmeer!
    Ausgleich mit dem Westen? Lachnummer! Einziges Ziel, global mit den USA auf Augenhöhe agieren und das osteuropäische Glacis dominieren.
    Dagegen sind wir MACHTPOLITISCHE (!) Sandkastenamateure.
    Und weil dies so ist, wir alle kleine CHAMBERLAINs darstellen, bleibt es – bestenfalls – wie es ist.

  7. @Memoria

    Mal etwas zynisch geantwortet auf Ihren Kommentar: Warum sollte und könnte die NATO schlüssige Antworten auf Fragen haben, die letztendlich von den USA „formuliert“ worden sind, und die die USA selbst nicht schlüssig beantworten können ? Und mit Fragen meine ich: GWOT und NATO-Erweiterung.

  8. @KPK:
    Kleine Chamberlains das trifft es sehr gut.

    @klabautermann:
    Stimmt die USA.sind schuld und wir haben keine Handlungsmöglichkeiten.

    Selbst wenn ersteres richtig ist, was hindert uns im Sinne der Pfadabhängigkeit jetzt mit eigenen Ideen voranzugehen und unsere Hausaufgaben zu machen?

    Beim NATO-Doppelbeschluß funktionierte es auch.

    Aber damals hat man sich im Kanzleramt, AA und BMVg auch noch für Außen- und Sicherheitspolitik interessiert und nicht nur für die Themen vom nächsten Koalitionsgipfel.

  9. Wie wäre eigentlich Minsk abgelaufen, wenn die NATO ein Manöver in Korpsstärke angekündigt und in Rumänien und Bulgarien durchgeführt hätte?

  10. @Ede144
    Mit welchem zeitlichen Vorlauf für solch eine Übung rechnen Sie?

    Davon ab: gehen Sie davon aus, daß man heute zwei Führungsebenen tiefer spielt; also XXX >> X, XX > II, als GefVbd. Eigentlich ist man froh, wenn man schon eine Kp (+) zusammenbekommt.

  11. @Kpk
    Gehen wir einfach davon aus, wäre der europäische Teil der Nato in der Lage ein Korps innerhalb von Europa zu verlegen, wäre Minsk nicht notwendig gewesen.
    @TM
    Richtig, man braucht Wochen um sich die Ausrüstung zusammen zu klauen um ein Battalion zu verlegen. Das ist ja das Problem. Die Bundeswehr gleicht eher der roten Armee 1998 im Ural als der Bw von 1990

  12. @Ede144
    Wochen? Na ja, die Planung für den Pool 2017 läuft ja schon. Soviel zur 100% Ausstattung.

  13. @KPK, Memoria & Co.

    Mit Schmunzeln lese ich einmal mehr Ihre auf alter Linie liegende Kritik an der aktuellen Politik der NATO. Obwohl Sie z.T. Fundamentalkritik äußern, habe ich jedoch strategische Alternativansätze (damit nicht gemeint Argumente à la „mehr Truppe, Material, Übungen, Kriegstheorie in Ausb/Politik“ u.ä.) noch nicht gelesen. Wie könnten diese denn aussehen, wenn berücksichtigt wird, dass z.B.
    – NATO = 28 unterschiedlich ausgeprägte Staats-/Gesellschaftssysteme, Pfadabhängigkeiten, Interessenlagen (Prioritäten), Bedrohungsperzeptionen, Grundlagen (Ressourcen), interne Beziehungen, …
    – Multidimensionalität der Risiken, d.h. nicht nur RUS sondern ISIL, Terrorismus, Folgeerscheinungen der Flüchtlingskrise, Cyber; Antizipationsmöglichkeiten, Wechselwirkungen, …
    – Fokus RUS: Absichten (Augenhöhe?, Expansion?, Innenpolitik?, Schnittmengen?, …), Was heißt „Abschreckung“?, Eskalation vs. Deeskalation, Kriegsbild, „what’s next“?, nukleare Dimension, …
    – Abwägen Risiken: RUS wichtiger als ISIL als Flüchtlingskrise als …?
    Die Liste ließe sich durch die Betrachtung verschiedener Ebenen, Faktoren o. Akteure sicherlich noch fortsetzen. Deutlich wird aber, dass es vor diesem Hintergrund nicht einfach ist, Ziele zu definieren, die Wege festzulegen u. die entsprechenden Mittel bereitzustellen. Einfache Lösungen verbieten sich.
    Ich neige dazu, dass auch und insbesondere im Bereich der Sicherheitspolitik (die nicht losgelöst von anderen Politikfeldern gedacht werden kann) die Steuerungsmöglichkeiten komplexitätsbedingt sehr beschränkt sind (frei nach Armin Nassehi) und ein „auf Sicht fahren“ eher die Regel ist, insbesondere wenn unklar ist, was hinter der nächsten Wegbiegung liegt. Das gilt vermutlich umso mehr, wenn der Nebel so dicht ist wie derzeit. Bitte nicht als Rede für eine Strategielosigkeit verstehen, sondern als Aufforderung zu Differenzierung und Realitätssinn.
    Viel Spaß beim Förmchen backen. Ich gehe jetzt erstmal den Rasen mähen.

  14. @Sandkastenstrategos

    Alles richtig. Die Welt ist mit Ende des bipolaren Systems komplexer geworden. Dies liegt nicht nur am Aufkommen neuer Machtspieler, auch im subnationalen Terrain, sondern auch an Demografie, technologischem Wandel, usw.

    Da sollte es aber nicht die erstbeste Reaktion sein, bis zur völligen Erschöpfung abzurüsten sondern einsatzbereite Streitkräfte für möglichst viele Eventualitäten bei der Fahrt auf Sicht zur Verfügung zu haben.

    pi

  15. @Sandkastenstrategos:
    Ich schließe mich da pi an.
    Zunächst sollte man jedoch mal die Grundlagen schaffen.
    Das beginnt bei einem realistischen Lagebild, einem realistischen Verständnis von unseren Möglichkeiten und Grenzen, dann sollte man wissen was man will (und das nicht nur als viel beschworene Interessendefinition) und dann sollte man eine Vorstellung haben wie man es erreichen kann. Da kommt man dann u.a. zur Einsatzbereitschaft der Streitkräfte.
    Zweck-Ziel-Mittel.

    In zwei Worten:
    Politische Führung.

    Gerade weil die Dinge so dynamisch und komplex geworden sind, hilft es eben nicht nur situativ und medial getrieben zu reagieren. Es hilft aber auch kein Weißbuch u.ä., wenn weiterhin Realitätsverweigerung und innenpolitischer Opportunismus die Sicherheitspolitik prägen.

    Stattdessen machen wir überall ein bißchen mit (Osteuropa, Irak, Mali, etc). Aber bitte nur ein bißchen.

  16. „. Zusammenarbeit mit der Hungerleidernation auf dem Peloponnes,weil es dort tolle Renditen gibt?“

    Wenn jemand beim Schach seine Dame ohne Deckung stehen lässt, was machen Sie?

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