Neuer Höchststand ziviler Opfer in Afghanistan

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Afghanistan ist hierzulande an den Rand der Wahrnehmung gerückt. Aber diese Zahlen schrecken dennoch auf: Die Zahl der zivilen Opfer am Hindukusch war die höchste, seitdem die UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) im Jahr 2009 mit der systematischen Erfassung begann. Aus dem am (heutigen) Sonntag in Kabul vorgestellten Bericht:

In 2015, the conflict in Afghanistan continued to cause extreme harm to the civilian population, with the highest number of total civilian casualties recorded by UNAMA since 2009.

Following increases in 2013 and 2014, civilian deaths and injuries from conflict-related violence increased by four per cent compared with 2014. Between 1 January and 31 December 2015, UNAMA documented 11,002 civilian casualties (3,545 civilian deaths and 7,457 injured), marking a four per cent decrease in civilian deaths and a nine per cent increase in civilians injured.
Since UNAMA began systematically documenting civilian casualties on 1 January 2009 up to 31 December 2015, UNAMA recorded 58,736 civilian casualties (21,323 deaths and 37,413 injured).

Die Steigerung insgesamt ist der bedrückende Trend der vergangenen Jahre. Die Zahl der zivilen Opfer durch Luftangriffe – sowohl der Afghanen selbst als auch der internationalen Truppen, also faktisch der USA – ist dagegen entgegen dem Trend ebenfalls wieder gestiegen.

Der gesamte Bericht hier zum Herunterladen; die Pressemitteilung dazu hier.

(Foto: UNAMA Human Rights Director Danielle Bell at the release the 2015 Annual Report on Protection of Civilian in Armed Conflict at a Kabul press conference in Kabul – UNAMA / Fardin Waezi)

11 Gedanken zu „Neuer Höchststand ziviler Opfer in Afghanistan

  1. Ich habe was gehört das es daran auch liegen soll da jetzt schon ein Machtkampf zwischen Taliban und IS Ausgebrochen sind

    IS hat keine Angst vor Zivile Opfer

  2. Die Beendigung von ISAF war ein schwerer Fehler und ich frage mich, wieviele Menschen in AFG noch sterben müssen, bis der Westen seinen Fehler einsieht und selbst wieder mit eigenen Kampftruppen gegen die Taliban vorgeht?

    Dass unser Innenminister – der es wenigstens als Ex-Verteidigungsminister besser wissen müsste – Afghanen zurück schicken will per Flugzeug – ist verantwortungslos angesichts dieser schlechten Sicherheitslage in AFG.

  3. Closius | 14. Februar 2016 – 20:14

    Das Problem ist jetzt werden die uns nicht mehr Vertrauen wir haben die schon mal im Stich gelassen

    Das andere können wir den Krieg nicht aufrecht halten Norden von Russland her ist keine Hilfe mehr zu rechnen noch Transport

    Pakistan triftet immer mehr nach China ab

  4. Der Blick auf die Zahl der Todesopfer durch kriegerische Gewalt ist wichtig. Was mir fehlt ist eine Gesamtbetrachtung der Zahl der Gewaltopfer in Gesellschaften. Auch die große Zahl von Kriminalitätsopfern kann Länder destabilisieren. Aber der Blick richtet sich fast nie auf diese. Dabei sind die Zahlen höher als die von Kriegen:

    Mit über 56.000 Mordopfern starben 2014 allein in Brasilien mehr Zivilisten durch Gewalt als in den Krisengebieten Afghanistan, Irak, Syrien und der Ukraine zusammen, wie Robert Muggah vom brasilianischen Instituto Igarapé sagt.

    Quelle: taz.de vom 26.1.2016 “ Der unbemerkte Gewaltexzess“

  5. Hohenstaufen | 14. Februar 2016 – 20:44
    Ja, ja es lebe die Statistik…6,5 Morde pro 100.000 Einwohner in Afghanistan; allerdings 90,4 in Honduras und 53,4 in Venezuela und 52,6 auf den Amerikanischen Jungferninseln.
    Bringen uns diese Zahlen nun weiter, oder verschleiern sie die Probleme?
    In Afghanistan ist der „Westen“, genau wie damals die UdSSR gescheitert. Da gibt es kein schön reden … Statistik hilft da nicht weiter.

  6. Angesichts der Verantwortung Deutschlands für die Entwicklung in Afghanistan wäre es jetzt das Mindeste, wenn die Bundesregierung endlich konkrete Schritte in Richtung eines besonderen Aufnahmeprogramms für afghanische Flüchtlinge ergreifen würde. Momentan nimmt Deutschland trotz seiner besonderen Verantwortung nur einen Bruchteil dieser Menschen auf, und leider klingen deutscher Politiker eher populistisch wenn sie den Eindruck erwecken, es ginge ihnen eher um die Abwehr von Menschen, die auch vor durch Deutschland verursachter Not und Gefahr fliehen.

  7. Warum hat denn Deutschland nach Jahren der Unterstützung eine besondere Verantwortung, afghanische Flüchtlinge aufzunehmen? Andersherum wird ein Schuh draus: Angesichts der erheblichen finanziellen Mittel, die die Bundesregierung und damit die deutsche Bevölkerung, in Afghanistan gesteckt hat, und angesichts der menschlichen Opfer, die Bundeswehr, Polizei und Entwicklungsorganisationen erbracht haben, wären es angemessen, dass die Afghanen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen und ihr Land voranbringen.

  8. @Boots on the Ground
    Die Bundeswehr hat ganz massiv Fluchtursachen gestärkt, etwa durch die Unterstützung für Warlords, die Menschenrechte verletzen und Korruption fördern. Die Zahlen über zivile Opfer belegen auf jeden Fall objektiv, dass der ISAF-Einsatz nicht funktioniert hat. Das ist kein Vorwurf gegen die einzelnen Bundeswehr-Soldaten, aber auf staatlicher Ebene muss man sich dieser Verantwortung stellen, sonst schürt man nur neuen Hass und Terror gegen denn Westen.

  9. Sie überschätzen allgemein die Rolle, die die Warlords und ihre Milizen als Fluchtursache spielen, genauso wie die der Verschlechterung der Sicherheitslage und die der Korruption. Die wenigsten Afghanen, die jetzt nach Deutschland flüchten, tun dies, weil sie von der verschlechternden Menschenrechtslage betroffen sind – das betrifft nur eine kleine Minderheit von politischen und zivilgesellschaftlichen Aktivisten und Journalisten. Korruption ist ohnehin akzeptierte Praxis und abgesehen von einer kleinen Minderheit, die sie tatsächlich aus wirtschaftlichen oder ethischen Gründen ablehnen, sind die meisten ihrer Gegner nur solange darüber verärgert, solange sie nicht profitieren.
    Die Maße folgt den den Gerüchten, die derzeit unter den Afghanen über die freigiebige Verteilung von Geld, Wohnraum usw. kursieren – sie sind also Wirtschaftsflüchtlinge / illegale Einwanderer, was sich auch in ihrer niedrigen Anerkennungsquote als Flüchtlinge zeigt. Und selbst bei denen, die anerkannt werden, kann derjenige, der sich ein wenig mit dem Ortskräfteverfahren auskennt, davon ausgehen, dass ein erheblicher Teil seine Anerkennung immer noch erstunken und erlogen hat.

    Ansonsten stellt sich angesichts Ihrer Argumentation die Frage, warum die Bundeswehr denn die Warlords und ihre Milizen unterstützt hat – weder die Bundeswehr noch ihre Verbündeten haben das einfach so gemacht, selbst wenn die Amerikaner gerne angebliche Erfolge aus dem Vietnamkrieg auf Afghanistan übertragen haben.
    Die Zusammenarbeit mit den Warlords erfolgt(e), weil sie die stärkste Fraktion waren und (teilweise wieder) sind. Die afghanischen Sicherheitskräften waren und sind trotz massiver westlicher Ausbildungs- und Einsatzunterstützung nicht einsatzfähig, weil
    – Bestechung und Veruntreuung grassieren, Versorgungsgüter abgezweigt und verkauft werden, der Sold unterschlagen wird usw.
    – Vorgesetzte ihre Machtposition ausnutzen um ihre Untergebenen zu misshandeln,
    – alle ihre persönlichen, politischen und parochialen Interessen, insb. ihre persönliche Bereicherung, verfolgen.
    Das gleiche trifft auf die afghanische Regierung und Verwaltung zu, ein afghanisches Unternehmertum ist fast nicht vorhanden, und die, die im Privatsektor tätig sind, nutzen ihre Beziehungen, um massiv Rent Seeking zu betreiben, mit dem Ergebnis, dass die afghanische Wirtschaft und das afghanische Budget praktisch komplett von ausländischen Zahlungen abhängig ist. Insbesondere die besser ausgebildeten Afghanen dienen sich ausländischen Organisationen an, während die Sicherheitskräfte sich vor allem aus den schlecht ausgebildeten Schichten rekrutieren, die darauf hoffen, von dem bisschen Sold leben zu können. Zur Korruption hab ich ja oben schon was geschrieben.
    Protestieren tun in der Regel nur die, die nichts vom Kuchen abbekommen haben. Sobald sie aber davon profitieren, ändert sich wenig bis gar nichts – das hat natürlich auch was mit den bestehenden Institutionen zu tun, Stichwort „ehernes Gesetz der Oligarchie“.

    Achja, bzgl. Hass und Terror gegen den Westen: Dann dürften die Afghanen ja nicht in den Westen flüchten, es sei denn, sie haben feindselige Absichten – eine Islamisierung oder Afghanisierung Deutschlands?

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