Wie erwartet: Kampf um die Rückeroberung von Kundus begonnen

Wie erwartet, haben die afghanischen Sicherheitskräfte am (heutigen) Dienstagmorgen den Versuch gestartet, die am Vortag von den Taliban eroberte nordafghanische Provinzhauptstadt Kundus zurückzuerobern. Dabei griffen auch erstmals die US-Streitkräfte mit einem Luftangriff ein.

Der Sachstand am Vormittag, hier in der Zusammenfassung des Guardian:

Afghan troops have begun a counterattack against Taliban fighters who seized control of the northern provincial capital of Kunduz, as a US military plane hit a position on the outskirts of the city.
“Fresh troops have arrived in Kunduz and an operation has been launched,” the Afghan defence ministry said in a statement on Tuesday. (…)
Col Brian Tribus, a spokesman for the Nato-led coalition in Afghanistan, said: “US forces conducted an airstrike in Kunduz today to eliminate a threat to coalition and Afghan forces operating in the vicinity of Kunduz.”

Heute will auch der afghanische Präsident Ashraf Ghani in einer Pressekonferenz zur Lage im Land und im Norden Stellung nehmen – mal sehen, wie weit er da bereits Erfolge verkünden kann (oder auch nur will).

In Deutschland hat unterdessen die Debatte über einen längeren Afghanistan-Einsatz der NATO-geführten Mission Resolute Support und damit auch der Bundeswehr begonnen. Bislang sprachen sich SPD-Politiker dafür aus, den Einsatz über das geplante Enddatum 2016 hinaus zu verlängern. Angesichts der Lage wäre es falsch, die Afghanen völlig alleine zu lassen, sagte der sozialdemokratische Verteidigungsexperte Rainer Arnold. (Was natürlich die Frage offen lässt, was die Truppen erreichen können, die bereits jetzt nur auf eine beratende und beobachtende Rolle reduziert sind.)

Weiter nach Entwicklung, gerne in den Kommentaren (bin heute weitgehend unterwegs).

Nachtrag: Aus der Zusammenfassung der NYT vom Dienstagabend deutscher Zeit:

A day after Afghan government forces ceded control of the Kunduz provincial capital to the Taliban within a few hours, the promised counterattack also appeared to be falling apart, as the insurgents on Tuesday night began advancing against security forces who were trying to rally at the airport outside the city.
Officials and local elders in Kunduz said they had yet to see all but a few of the promised government reinforcements. Even as the government reported that some of the forces had begun arriving at the airport, most appeared to be delayed on the roads to Kunduz city by ambushes and roadside bombs, local officials said.

41 Gedanken zu „Wie erwartet: Kampf um die Rückeroberung von Kundus begonnen

  1. Der Fall von Kunduz konnte hier ja niemand in AG überraschen, nachdem sich das Erstarken der Taliban dort und die Schwäche der Afghanischen Armee spätestens seit dem Hissen der Taliban-Fahne auf einem ehemaligen Bundeswehrposten angebahnt hat und hier diskutiert wurde.

    Über die peinliche Vogel-Strauß Politik der Bundesregierung ist hier auch schon genug geschrieben worden.

    Wenn die Bundesregierung einen Arsch in der Hose hätte, dann würde hier nicht nur über die Verlängerung des kleinen Ausbildungsmandats in diskutiert, sondern die Bundeswehr müsste mit Kampfauftrag zurück nach AFG verlegt werden und diesmal mit mehr schweren Waffen, und dem klaren Auftrag Kunduz zurück zu erobern und für die nächsten Jahre zu sichern, falls es der Armee von AFG vorher gelingen sollte, Kunduz zurück zu erobern, was ich nicht glaube, falls nicht die US–Truppen massiv in die Kämpfe eingreifen.

  2. @Closius
    Es ist in Deutschland ja mittlerweile gängig, keine Sicherheitspolitik mehr zu betreiben, d.h. vor politischem Handeln zunächst zu fragen welchen eigenen Interessen damit gedient ist, sondern nur noch auf Lagen passiv zu reagieren. Aus reinem Interesse frage ich aber, welchem deutschen Interesse durch den von Ihnen vorgeschlagenen Einsatz gedient wäre?
    Da die Verhinderung von weiterer irregulärer Migration bereits erwähnt wurde: Dieses Interesse könnte man durch wesentlich weniger aufwendige Maßnahmen der Inneren Sicherheit wesentlich effektiver sicherstellen, so wie es z.B. Australier oder Israelis bereits erfolgreich tun.

  3. Einsatz-Verlängerung ist lediglich eine politische Geste, die auf Stützung des Präsidenten zielt. Ob TAA-Einsatz von 700 Deutschen, um 12 Monate verlängert, geeignet ist, Taliban zumindest in Schach zu halten, stellte sich mehr als fraglich dar. Ausbildungs- und materielle Hilfen haben nachgewiesenermaßen, z.B. im Irak, nichts bewirkt, gar nichts.
    Hilfe wäre allein durch Diszlozierung und Einsatz von Kampftruppe erreichbar. Das will niemand, so gesehen muss mit dem Status Quo gelebt und auf den Erfolg afghanischer Regierungstruppen gesetzt werden.
    Fehler gab es zwei,
    – zu früher und überhasteter Abzug in Folge der Obama-Entscheidung sowie
    – das westliche Unvermögen lebbare politische Strukturen zu hinterlassen, die die Interessen der Ethnien zufriedenstellen.
    Ob Kundus wieder genommen wird oder nicht, sei zunächst dahingestellt. Wesentlich, die Taliban haben eine Stärke zurückgewonnen, die taktisch geschlossene Operationen gegen weitere Bezirkshauptstädte in nächster Zeit nahelegt. Darauf muss sich Tr einstellen.

  4. Es gibt doch in Deutschland eine breite politische Meinung, dass Gewalt keine Lösung sei, man als Friedensmacht auftreten müsse und so den Weltfrieden sichert. Könnten nicht mal eben die Protagonisten dieser Denkschule nach Kundus fliegen und die Region befrieden?
    Dann könnte man doch sicherlich auf diese bösen amerikanischen Luftangriffe verzichten und die afghanische Armee könnte in den Kasernen bleiben.

    Alternativ könnte sich Deutschland ja mal eine funktionierende, an der Realität orientierte sicherheitspolitische Strategie zulegen.

    @ Klaus-Peter Kaikowsky

    Was sind „lebbare politische Strukturen(…), die die Interessen der Ethnien zufriedenstellen“?
    Konkret für Nordafghanistan heißt das doch:
    – Ein von unserer Sichtweise arg abweichendes Frauenbild.
    – Verteilung von (sozialer) Macht nach Mechanismen, die mit Demokratie und Freiheit sehr wenig zu tun haben.
    – Verteilung von materiellen Ressourcen nach Methoden, bei denen bei uns Staatsanwalt auf den Plan treten würde.

    Da wir nicht Willens und in der Lage sind, diese von unseren Wertvorstellung doch arg abweichende Lebensweise zu ändern, müssen wir sie akzeptieren. Bleiben wir involviert unter Akzeptanz von Handlungen, die nach unserer Werteordnung Verbrechen sind, lokal aber übliche Kultur, machen wir uns langfristig unglaubwürdig. Wie wollen Sie dieses Dilemma lösen? Wir wandern da wieder in das „unser Diktator“- Problem nach dem Motto: Er mag ein Schwein sein, aber er ist unser Schwein!

  5. Na ja, dann akzepieren wir eben – natürlich niemals offiziell – die Lustknaben der „Babo“, aber dann dürfen wir uns nicht wundern, dass dann ein solcher Lustknabe einen kultur-toleranten westlichen „Berater“ erschießt, weil er von dessen falschen Versprechungen in Sachen Menschenwürde a bisserl enttäuscht ist……….aber egal, Hauptsache unsere Schweine wechseln nicht die Front/SCNR

  6. Ich verstehe überhaupt nicht, warum hier so viele Stimmen dafür laut werden, einen gescheiterten Einsatz fortzusetzen oder gar wieder neu zu beginnen. Wie sollte das denn aussehen? Sehr viel mehr Kampftruppen über eine sehr viel längere Zeit? wer will den das und mit welchem Ziel? Letztlich sind auch die Amerikaner sind mit ihrem deutlich robusteren Einsatz gescheitert, nicht nur, weil sie zu früh abgezogen sind, sondern weil jede aufgebaute Struktur zusammengebrochen ist, sobald Truppen verlegt worden sind. Aber es kann doch niemand wollen, dass man permanent ein Land besetzt und das dann als freiheitliche Entwicklung verkauft.

    Zu neuesten Entwicklung: Ob diese Nachricht die Verteidigungsbereitschaft lokaler Einsatzkräfte und Behörden fördert, darf auch bezweifelt werden:
    „The lawmakers in the Upper House of the Parliament – Meshrano Jirga have said the local government officials in northern Kunduz province should be sentenced to death.“
    https://www.khaama.com/kunduz-officials-should-be-sentenced-to-death-afghan-senate-1580

  7. @ Zepelin

    Unter der Annahme, dass die örtlichen Offiziellen in Kundus gemeinsame Sache mit den Taliban machen, ist die Verurteilung zum Tode gemäß der örtlichen rechtlichen und kulturellen Fazilitäten durchaus logisch.

    Eine saubere Exit-Strategie für uns aus Afghanistan gibt es nicht mehr. Wir sind freiwillig in die Schlammgrube gesprungen und wundern uns nun, dass wir dreckig schmuddelig aussehen.

    Im Prinzip gibt es nun drei Möglichkeiten:

    1) Raus, koste es was es wolle. Uns doch egal, was aus Afghanistan wird.

    2) Wir leisten Hilfe, wollen uns aber selbst nicht mehr die Hände schmutzig machen und hoffen, dass das ausreicht, die fragile Regierung („unser Schwein“) am Leben zu halten.

    3) Wir gehen in die Vollen und bauen Afghanistan zur Muster-Nation-Building Demokratie um, schicken eine Millionen Soldaten und Entwicklungshelfer und gehen mit drakonischen Strafen gegen die Nichtbeachtung unserer Regeln vor. (OK, ist illusorisch, da uns Mittel und Motivation dazu fehlen).

  8. @Ruprecht: Das deutsche Interesse ist es, nicht noch mehr Flüchtlinge aus AFG aufnehmen zu müssen, was uns bei einer Niederlage des Westens in AFG droht. Dann kommen noch hunderttausende von Afghanen nach Deutschland.

    Wenn wir wieder 5.000 Kampfsoldaten hinschicken für die nächsten 10 Jahre, dann bleiben uns eine Menge Flüchtinge aus AFG erspart.

    Wenn die Politik den Menschen die Wahrheit sagen würde, dann würde die Bevölkerung längst eine Intervention in Lybien fordern, um den Fluchtweg übers Mittelmeer zu schließen und die Verfahren von dort durchzuführen auf Asyl. Wenn wir die Flüchtlingsstörme nach Deutschland reduzieren wollen, dann müssen wir die BW regelmäßig in militärische Konflikte schicken.

    Und nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn die USA Kriege planlos anfangen oder nicht anfangen, wo man handeln müsste(rote Linie) und die Flüchtlinge landen alle in Deutschland und die USA drücken sich um die Aufnahme der Flüchtlinge, welche sie selbst verursacht haben.

    Die Methoden von Australien sind unmenschlich und deshalb in Deutschland politisch nicht durchsetzbar und wir können nicht um ganz Europa neue Mauern bauen. Da ist es billiger die BW in ein paar militärische Konflikte zu schicken.

  9. @ Closius

    Völkerrechtlich müsste uns die afghanische Regierung erst einmal um Hilfe bitten, das Land ist schließlich souverän. Nicht wir tragen die Verantwortung für die Afghanen, sondern die afghanische Regierung. Und wir müssten uns dann fragen, ob wir überhaupt einer korrupten Regierung helfen wollen.

    Dann sollte man überlegen, ob Afghanistan nicht ein sicherer Drittstaat ist, vielleicht nicht gerade in Kundus, vielleicht aber in Kabul. Wenn in Deutschland Menschen flüchten mussten, weil ihr Haus im Oderbruch gerade im Hochwasser absäuft, blieben die ja auch eher im Inland und haben anschließend ihre Heimat wieder aufgebaut. Menschen sollten zuerst selbst für ihre Heimat kämpfen, sie müssten aber auch ein Erfolgs- und Befriedungsperspektive haben. Viele Flüchtlinge könnten sich da die Israelis zum Vorbild nehmen, die ihre paar Quadratkilometer voller Elan verteidigen.

    Richtig ist, dass die Organisation von Stabilität und Sicherheit im Ausland Flüchtlingsströme reduziert. Falsch ist, die USA mal wieder zum Universalschuldigen zu machen. Schuld tragen die Akteure, die ihre Länder anzünden und das sind meist lokale Akteure. Aufgrund der massiven Kritik an der präventiven Sicherheitspolitik der USA, primär durch Europa/Deutschland, haben die USA sich in den letzten Jahren mehr und mehr rausgehalten. Da Europa seinen Hinterhof nicht sauber hielt, konnten in diesem Vakuum all die aktuellen Konflikte loslodern (Ukraine, Nahost, Nordafrika). Man könnte allenfalls im Rahmen von R2P von einer Art unterlassener Hilfeleistung sprechen, zuerst von Europa, dann erst von den USA.

    Den Glauben, man könne auf Grenzsicherung verzichten, halte ich für einen Irrglauben. Ungefähr sechs Milliarden Menschen in der Welt leben unter schlechteren Lebensbedingungen, als der durchschnittliche Europäer. Es ist nur logisch, dass viele dieser Menschen sich auf dem Weg ins (vermutete) Glück machen, wenn entsprechende Pull-Faktoren geschaffen werden. Wir landen hier aber in der von Herrn Wiegold nicht gewünschten Flüchtlingsdebatte, daher breche ich mal ab.

  10. @ASDF

    „Da Europa seinen Hinterhof nicht sauber hielt, konnten in diesem Vakuum all die aktuellen Konflikte loslodern (Ukraine, Nahost, Nordafrika). “

    Wer hat den unseren Hinterhof gesprengt?
    Wer hat denn das Vakuum erzeugt?

    Es ist nicht die Aufgabe Europas einen sog Hinterhof sauber zu halten (was such immer sie darunter verstehen.
    Wer unabhängige Staaten (egal ob nach unserem Verständnis demokratisch) in die Steinzeit bombt, muss sich nicht wundern, wenn dann auch Steinzeitrecht ausgeübt wird.

  11. Aus meiner Sicht hätte man am besten erst gar nicht reingehen sollen. Und wenn, dann schon gar nicht so halbherzig, sondern viel früher in die Fläche und ähnlich wie auf dem Balkan mit dem Ansatz eines de-facto-Protektorates.

    Was mich ebenfalls ärgert ist, daß einige Kolleginnen und Kollegen (wie heute im Morgenmagazin) hinsichtlich des gefallenen Kunduz von einer Niederlage für die Bundeswehr sprechen. Das ist keine Niederlage für die Bundeswehr sondern ein Stalingrad für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik. Die Bundeswehr musste die Konzeptionslosigkeit deutscher Sicherheitspolitik allerdings ausbaden. Übrigens nicht nur im Hinblick auf Afghanistan, wie man am Zustand der stolzen Streitmacht ja gnadenlos sieht.

    Am schwersten wiegt, daß wir sicherheitspolitisch vor lauter Afghanistan die unmittelbare europäische Peripherie – vor allem den Mittelmeerraum – aus dem Blick verloren haben.

  12. Die deutschen Soldaten hätten sich am Dienstag vorübergehend «zu Abstimmungsgesprächen» am Flughafen von Kundus aufgehalten, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. Dabei sei es darum gegangen, «zu verstehen, wie die afghanische Armee gedenkt, die Hoheit über die Stadt zurückzugewinnen», fügte er hinzu.
    (europonline)

  13. @ASDF | 29. September 2015 – 12:18

    Sie vergessen eine vierte Möglichkeit:

    Unterstützung des afghanischen Staates bei der Gewährleistung innerer Sicherheit, der Aufbau politischer Strukturen, die rechtsstaatliche Mindeststandards einhalten, aber auf regionale, soziale und religiöse Strukturen aufsetzen und die ökonomische Entwicklung des Landes.
    Die Elemente sind ausreichend in der (zwar in einzelnen Punkten umstrittenen) Counterinsurgency-(COIN)-Strategie beschrieben, welche aber nach meiner Beobachtung nie konsequent umgesetzt wurde.

    Die Folgen des überstürzten Abzugs der westlichen Stabilisierungskräfte kann man jetzt in Kundus beobachten: Der Raum der unter großen Mühen genommen wurde, konnte von den ANSF allein ,nicht gehalten werden. Nun muss versucht werden ihn unter erheblichen Anstrengungen zurückzugewinnen.
    Die Entwicklung Afghanistans – und die gab es auch in den letzten zehn Jahren – erfolgt auf der Langstrecke, nicht durch (innen-)politische motivierte, selbstgesetzte, sicherheitspolitisch nicht begründete kurzfristigen Abzugsszenarien der westlichen Staaten.

  14. Eine Lageschilderung:

    /start/
    The commander of allied forces in Afghanistan said today that Afghan guerrillas had for the first time seized control of a major town, but he said his troops would not reverse their withdrawal to help recapture it.

    General Grom, who spoke at a news conference in Kabul, the Afghan capital, confirmed that Moslem guerrillas had seized Kunduz, a northern provincial capital 40 miles south of the border, shortly after allied troops pulled out of the province.

    General Grom predicted that the Afghan Army would regain control of the town, but he added that allied forces “are not taking part and will not take part in combat actions in Kunduz Province.“

    “Blood is being shed there,“ the general said, blaming complacency by local Afghan leaders for the defeat.

    Kabul has issued almost daily accusations that Pakistan is violating the peace agreement by permitting guerrilla supplies to cross Pakistani territory, but the allies have stopped short of threatening to stop or reverse the withdrawal in retaliation.
    /ende/

    Quelle:
    http://www.nytimes.com/1988/08/15/world/a-big-afghan-town-is-seized-by-rebels.html

    Und was lernt man aus der Geschichte? Wenn man lernfähig ist dass militärisches Eingreifen in Afghanistan sinnlos ist. Wenn nicht dass die Bundeswehr da jetzt mal ganz doll militärisch eingreifen muss.

  15. Geradezu beängstigend, dass manch einer hier nun eine Fortsetzung des Kampfeinsatzes fordert…und wo wir dabei sind, können wir auch gleich noch Truppen nach Syrien, Libyen, in den Irak, etc. schicken, schnell alles befrieden und – schwupps – pünktlich zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft sind alle wieder hier. Toll.

    Hat man denn nichts gelernt? Wer ein Haus auf wackligem Fundament bauen will, der wird immer ein Bauruine produzieren, auch wenn alle 2 Tage der Maler zum Überpinseln der Risse vorbeikommt. Wir sollten JETZT die Möglichkeit wahrnehmen, uns aus diesem gepeinigten Land zurückzuziehen ohne noch mehr Soldaten sterben zu lassen, ein für alle mal. Gesichtsverlust ist auch wurscht, das ramponierte Antlitz der NATO ist schon lange über Bord gegangen.

    (Man verzeihe mir die vielen Metaphern)

  16. @ Zimdarsen
    „Wer hat den unseren Hinterhof gesprengt?“
    In der Ukraine: Russland.
    Im Nahen Osten: Assad mit Russlands Hilfe. Dazu kommen noch allerlei komische Banden mit ethnischem/religiösem/kriminellen Hintergrund.

    „Wer hat denn das Vakuum erzeugt?“
    Europa. Erst die Ordnungsmacht beschimpfen und zum Gehen auffordern, dann aber nicht nachrücken …

    Natürlich hat Europa ein Interesse an stabilen Verhältnissen in seinem nahen Ausland (von mir salopp als Hinterhof bezeichnet). Der Sinn von kluger Außen- und Sicherheitspolitik ist es, Stabilität zu erzeugen.

    Sowohl Afghanistan, als auch der Irak, waren nach der US-Besetzung moderner und mehr in der Neuzeit angekommen, als unter ihren vorherigen menschenverachtenden Diktaturen.

    @ Patrick Horstmann

    Logisch analytisch ist Ihr Punkt vier durchaus richtig. Dummerweise wollte die autonome afghanische Regierung das nicht und hat bei jeder Gelegenheit die ISAF-Kräfte zum Sündenbock gemacht. Die Quittung für das „rauswerfen“ der internationalen Helfer bekommt sie gerade in Kundus.

  17. @ ASDF

    Sowohl Afghanistan, als auch der Irak, waren nach der US-Besetzung moderner und mehr in der Neuzeit angekommen, als unter ihren vorherigen menschenverachtenden Diktaturen.

    Und wie lange haben diese „Strukturen“ Bestand gehabt? Genau … bis zum Abzug der internationalen Truppen. Das Problem ist nicht das Besetzen der Länder, das Problem ist selbsttragende Strukturen und Gesellschaften zu schaffen, die auch ohne Aufpasser von außen klarkommen. Im Irak haben drastische handwerkliche und politische Fehler dazu geführt, daß maßgebliche Teile der Gesellschaft sich gegen das von den USA gestützte Regime stellten, weil sie von diesem nichts zu erwarten hatten. Und in Afghanistan bin ich mittlerweile der Überzeugung, daß dort gar nichts existiert, worauf man gesamtstaatliche Strukturen aufbauen kann – dazu ist das Land zu unerschlossen, zu groß, zu zerklüftet und die ethnischen Strukturen zu verworren und Loyalitäten zu sprunghaft.

  18. @ ASDF

    Was Sie hier in den verschiedenen Fäden kolportieren ist schon mehr als Geschichtsklitterung….ab sofort sind Sie auf meiner ignore-list ;-)

  19. @ csThor

    Da sind wir einer Meinung. In ein paar Jahren kann man mittelalterlichen Clanstrukturen nicht unsere „Moderne“ überstülpen. Das dauert mindestens eine Generation und starke Einflussnahme in die Gesellschaft. Wenn man diesen Aufwand für Nation-Building nicht leisten kann/will, kann man es sich gleich sparen. Der idealistische und auch teure Versuch muss als gescheitert bezeichnet werden.

    @ klabautermann

    Ist in Ordnung. Auf argumentfreie Beschimpfungen verzichte ich gern. Für Ihren weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen alles Gute.

  20. @ASDF

    Kann es sein, dass sie in keinem dieser Länder vor der US Bombadierung waren?

    „In der Ukraine: Russland.“

    Sorry, Ukraine und der bewohnte Teil der RUS ist in Europa und nicht dessen Hinterhof.
    Die Einflussnahme der USA auf Ukraine mal außenvor, war und ist die Ukraine ein unabhängiger Staat welcher weder in der EU noch in der NATO ist. Die Sicherheitsgarantie für die Ukraine nach Abschaffung der A-Waffen wurde doch nicht von der EU oder DEU gegeben, sondern u.a. von den USA.
    Ja RUS ist einmarschiert und ist es deshalb eine Aufgabe der EU?

    “ Im Nahen Osten: Assad mit Russlands Hilfe.“ Da blenden sie die Folgen des Irakkrieges, die Rolle der USA, SA, Katar und die Rolle der Türkei komplett aus.

    „Europa. Erst die Ordnungsmacht beschimpfen und zum Gehen auffordern, dann aber nicht nachrücken … “ Man kann nur raus gehen, wenn man vorher rein ist…..und das war die USA. Europa hat die USA nicht zum Krieg im Irak und Afg gebeten.

  21. @ Zimdarsen

    Ich hatte glücklicherweise die Möglichkeit, alle zur Diskussion stehenden Länder aus beruflichen Gründen sowohl vor, als auch nach den Interventionen bereisen zu dürfen. Daher erlaube ich mir dieses Urteil.

    Aus Sicht Deutschlands ist die Ukraine „Hinterhof“, also nahes Ausland. Selbstverständlich hat Deutschland ein Interesse daran, dass dort Stabilität herrscht.

    Die US-Anwesenheit im Irak hat diesen stabilisiert, auch wenn das wenig Akzeptanz in der örtlichen Bevölkerung fand. Heute zeigt sich, dass die irakischen Sicherheitskräfte nicht mal militärisch wenig potente Banden im Griff halten können. Die Ausübung von Staatsgewalt geht eigentlich anders. Sie vergessen zudem, dass auch Deutschland den USA viel Geld dafür gezahlt hat, dass es im Nahen Osten als Ordnungs- und Schutzmacht aufgetreten ist und Deutschland sich die Hände nicht selbst schmutzig machen musste (Stichwort: Golfkrieg 1991) .

  22. @ASDF

    Dass Counterinsurgency in Afghanistan in weiten Teil gescheitert ist, muss ich leider zugestehen. Aber wenn etwas schlecht gemacht wurde, ist nicht die einzige Alternative gar nichts mehr zu tun. Man kann auch versuchen, es besser zu machen. Oder, um im Bild von @Ich putz‘ hier nur zu bleiben: Man muss ein schlecht gebautes Haus nicht zwingend einstürzen lassen, man kann es auch mit einer Fundamentsanierung versuchen. Ist aufwändig, aber möglich.

    Wie sie richtig festgestellt haben, ist das heutige Afghanistan nicht das von vor zehn Jahren. Ob der Rückzug der internationalen Streitkräfte darauf beruht, das sie von der afghanischen Regierung „rausgeworfen“ wurden, möchte ich bezweifeln. Zumindest haben dann Einige den „Rauswurf“ dankend zur Kenntnis genommen.

    Manche Kommentatoren mögen den Verweis auf Mädchenschulen u.ä. für naiv halten, ich finde allerdings eine solche Entwicklung hoffnungsvoll. Wenn einige dieser Kommentatoren dann angesichts der Entwicklung in den letzten Monaten in dem Sinn argumentieren „Die Afghanen sind halt so, sie wollen es ja nicht anders, halten WIR uns da mal lieber ganz raus“ ist das nicht nur überheblich, sondern auch falsch. Wenn eine Großstadt wie Kundus von Taliban (und möglicherweise im Nachgang von noch ganz anderen Gruppierungen) eingenommen wird, können Viele nicht mehr artikulieren, ob man es gerne „anders“ hätte.

  23. @ASDF

    „Aus Sicht Deutschlands ist die Ukraine „Hinterhof“, also nahes Ausland. Selbstverständlich hat Deutschland ein Interesse daran, dass dort Stabilität herrscht.“

    Das bestreitet keiner, doch sind für Sabilität sorgen und Hinterhof sauber halten unterschiedliche Vorgänge.
    Auch ist die Russlandkrise und die Vorgänge im Nahe Osten nicht in einen Topf zu werfen.

  24. @ patrick horstmann

    „Manche Kommentatoren mögen den Verweis auf Mädchenschulen u.ä. für naiv halten, ich finde allerdings eine solche Entwicklung hoffnungsvoll. “

    und genau da liegt das Problem. Nicht was SIE respektive eine säkularisierte postmoderne mittelstandsgesellschaft für hoffnungsvoll, wünschenswert und zur Gewissensberuhigung für nötig erachten ist relevant sondern die Befindlichkeiten der relevanten Akteure VOR ORT.

    solange „Mädchenschulen“ ein externes Oktroy bleiben und keine Errungenschaft für die die afghanische Bevölkerung SELBST mit Masse zu kämpfen bereit ist sind solche „mission civilisatrice“ Eskapaden zum Scheitern verurlteilt.

    genau dieser moral mission creep hat doch zu den völlig illusionären Zielen der Mission geführt.

    hätte man sich dezidiert auf counter (international) terrorism konzentriert hätte man nach den Anfangsoperationen 2001 eine Restpräsenz SOF vor ort belassen können und so, gepaart mit finanziellen anreizen, eine Präsenz internationalistischer terrorgruppierungen (denen die taliban auch eher skeptisch gegenüberstanden) auschließen können

    problematisch werden diese misisonen immer erst dann wenn erreichbare militärische ziele a la strafexpedition aus innenpolitischen gründen zu „Claudia Roth LGBT Export Feldzügen“ umfunktioniert werden

  25. @ Patrick Horstmann, @ wacaffe

    Das ist eben die Krux westlicher Außenpolitik des letzten Jahrzehntes, die @ wacaffe da beschrieben hat:

    Man will Probleme lösen, die vor Ort keine sind und auch von den Betroffenen nicht als solche wahrgenommen werden. Zum Thema „Gleichberechtigung der afghanischen Frau“ gab es z.B. vor einiger Zeit eine interessante Reportage im TV:
    Während in DEU Frauenrechtsaktivistinnen ein verschärftes und nachhaltiges Vorgehen in AFG forderten, haben sich die afghanischen Frauen „vor Ort“ im Beitrag (im Haus übrigens westlich und leger bekleidet) beim Aus-dem-Haus-gehen die Burka übergeworfen und sich trotzdem nicht unterdrückt gefühlt. Versuchen Sie das mal jemandem in DEU zu erklären, der eben in dieser Vollverschleierung ein Symbol patriarchaler Unterdrückung der Frau sieht…

  26. @wacaffe | 29. September 2015 – 17:18
    @Voodoo | 29. September 2015 – 17:37

    Im Ergebnis irren sie. Es geht gerade NICHT darum, Afghanistan kritiklos „westliche Werte“ überzustülpen, sondern kulturelle und religiöse Werte zu achten und bei einem Nation Building zu berücksichtigen. Wenn zum Beispiel eine afghanische Frau außerhalb der Wohnung eine Burka tragen will, soll sie es tun. Das gleiche gilt für traditionelle Formen Stammesdemokratie in bestimmten Bereichen u.ä.

    Schauen sie sich die Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftswahlen 2014 an. Da haben viele Afghanen – teilweise unter Lebensgefahr – gewählt, weil sie es wollten und nicht weil es der Wunsch einer „postmodernen westlichen Mittelstandsgesellschaft“ war.

    Mädchenschulen und Krankenhäuser sind voll, nicht weil diese den Afghanen aufoktroyiert wurden und Schülerinnen und Patienten von Vertretern einer „säkularisierten westlichen Mittelschicht zur eigenen Gewissenberuhigung“ hinein gezwungen werden. Es soll entgegen der Meinung Einiger durchaus auch Afghanen geben, die Bildung und Gesundheitsversorgung gar nicht so schlecht finden.

    Man macht es sich etwas einfach, wenn man mit Verweis auf unsinnige Positionen einiger durchgeknallter Frauenrechtsaktivistinnen (Entschuldigung!) den Eindruck erweckt, bei der afghanischen Bevölkerung handele es sich durch die Bank um ein Ansammlung mittelalterlicher Stammesvölker, bei denen der Wunsch nach fehlender Bildung, Frauenunterdrückung und Korruption quasi kulturell-genetisch und unabänderlich einprogrammiert ist.

  27. @ P. horstmann

    „Man macht es sich etwas einfach, wenn man mit Verweis auf unsinnige Positionen einiger durchgeknallter Frauenrechtsaktivistinnen (Entschuldigung!) den Eindruck erweckt, bei der afghanischen Bevölkerung handele es sich durch die Bank um ein Ansammlung mittelalterlicher Stammesvölker, bei denen der Wunsch nach fehlender Bildung, Frauenunterdrückung und Korruption quasi kulturell-genetisch und unabänderlich einprogrammiert ist“

    das beabsichtigt auch niemand. es soll lediglich darauf hingewiesen werden das es aufgabe der afghanischen gesellschaft ist die prioritäten der wertepolitischen Orientierung des landes zu setzen und nicht die jenige von externen Funktionären mit missionarischem Weltbeglückungssyndrom.

    unsrpünglicher einsatzzweck der Mission war die Unterbindung weiterer internationalter terroroperationen bzw. der al kaida präsenz auf afghanischem territorium.

    als das erreicht war hätte man abziehen, bzw. mit minimalpräsenz dieses ziel sicherstellen müssen.

    ob es in afghanistan mädchenschulen gibt wäre dann nicht von der spendenbereitschaft pensionierter deutscher Sozialpädagoginnen sondern von dem willend er afghanischen gesellschaft abhängig diese aufzubauen, zu finanzieren und gegen angriffe der mittelalternostalgiker zu verteidigen.

    dies zu leisten ist weder aufgabe noch ist es für Externe leistbar. das gilt übrgiens auch für alle anderen staatlichen strukturen die der westen dort in den letzten jahren etabliert hat. ohne westlich hilfe/finazierung implodieren diese. das ist das gegenteil von nachhaltigkeit

    Kunduz offensive qed.

  28. Nach einer Reuters-Meldung (http://www.trust.org/item/20150929173257-0vwr3) sind die Taliban auf das Gebiet des Flughafens Kunduz vorgestossen.

    Dies wird auch von anderen (davon unabhängigen?) Quellen behauptet.

    Deichbruch oder Propaganda?

    Sollte es sich bewahrheiten, dann wäre der Gegenangriff wohl ins Gegenteil umgeschlagen…

  29. @Memoria
    Sorry für die Nachfrage: Verstärkungen „aufgefangen“ oder „abgefangen? Oder meinten Sie „aufgenommen“?

  30. @KPK:
    Haben sie die Quelle gelesen?
    Der Versuch das Kandak auf dem Landmarsch wurde durch den Gegner vereitelt (Sperren der LOC)
    .
    Der versuchte Durchbruch wurde vereitelt. Also in meinem Verständnis aufgefangen oder meinetwegen abgefangen. Aber sicherlich wurde da kein Truppenteil aufgenommen – außer die Leute haben spontan die Seite gewechselt.

    Aber das ist hier glaube ich nicht das Wesentliche.

  31. Auch wenn’s von den Taliban bislang dementiert wird; zur Info:

  32. „Big blow to the Taliban in Kunduz. Mullah Abdul Salam,“

    big blow? naja, bis dato konnten feldkommandeure immer relativ flott ersetzt werden.

  33. Unabhängig davon, ob Abdul Salam Akhund getroffen wurde, scheint keine Seite mehr zu dementieren, dass es im Bereich des Flughafens zu schweren Kämpfen gekommen ist.
    Eventuell sogar unter Verwendung amerikanischer Luftunterstützung.

    Das scheint wohl nicht der erwartete Verlauf der Gegenoffensive zu sein.

    Ob die Bundeswehr morgen nochmal zu „Abstimmungsgesprächen“ nach Kunduz kommt?
    Oder wohl besser mit CH-53GS MedEvac?

  34. @wacaffe | 29. September 2015 – 18:26

    Dazu ließe sich einiges sagen. Da es in diesem Thread aber um die Kämpfe in Kundus geht, werden wir jetzt ziemlich OT. Also gerne später mal, da wo es paßt.

  35. Wie oben nachgetragen, aus der NYT:

    A day after Afghan government forces ceded control of the Kunduz provincial capital to the Taliban within a few hours, the promised counterattack also appeared to be falling apart, as the insurgents on Tuesday night began advancing against security forces who were trying to rally at the airport outside the city.
    Officials and local elders in Kunduz said they had yet to see all but a few of the promised government reinforcements. Even as the government reported that some of the forces had begun arriving at the airport, most appeared to be delayed on the roads to Kunduz city by ambushes and roadside bombs, local officials said.

Kommentare sind geschlossen.