Gefechte um Kundus gehen in den dritten Tag

Die Gefechte um die nordafghanische Provinzhauptstadt Kundus gingen am (heutigen) Mittwoch in den dritten Tag, und es zeichnet sich eines ab: Die vergleichsweise kleine Zahl von Taliban – sie wird von westlichen Militärs auf rund 500 geschätzt – hat die Stadt offensichtlich nicht nur kurzfristig unter Kontrolle bringen können. Die afghanischen Sicherheitskräfte waren bislang, trotz Luftunterstützung durch die USA, nicht in der Lage, die Aufständischen aus der Stadt hinauszudrängen. Nach den – etwas unübersichtlichen – Berichten wurden zudem Verstärkungen der Regierungstruppen auf dem Marsch nach Kundus zumindest vorübergehend gestoppt.

Als eine Momentaufnahme aus der Übersicht von Reuters am Morgen:

Around 5,000 Afghan troops massed at Kunduz airport early on Wednesday after fighting there raged late into the night, an Afghan security official said, and Taliban fighters were driven back with the help a second U.S. air strike.
However, the morale of Afghan troops was flagging after two days of continuous fighting there, a district official said.

„We still have enough forces to take on the Taliban but sadly there is no will or resolve to fight,“ said Mohammad Zahir Niazi, chief of Chardara, a district in Kunduz.

Laut AFP sind Spezialkräfte verschiedener NATO-Länder in Kundus eingetroffen. (Allerdings ist nicht so ganz klar, ob damit möglicherweise ein 40 Mann starkes Beratungsteam der Mission Resolute Support gemeint ist, darunter elf Deutsche, die sich am Dienstag auf dem Flughafen mit afghanischen Sicherheitskräften zu einem Abstimmungsgespräch getroffen hatten, am gleichen Tag aber auch wieder ausflogen):

NATO special forces have reached Kunduz to bolster Afghan troops after the Taliban seized the strategic northern city, the military coalition said Wednesday.
„Coalition special forces are on the ground in Kunduz advising their Afghan counterparts,“ a NATO spokesman said.
The forces are comprised of US, British and German troops, a Western military source told AFP on condition of anonymity, without specifying the number.

(Nachtrag dazu: Der Pressestelle des Einsatzführungskommandos war am Mittwochmorgen nichts von deutschen Soldaten in Kundus bekannt.)

Derweil geht in Deutschland die Debatte über Schlussfolgerungen aus der erfolgreichen Taliban-Aktion weiter. Während in der Politik eine Verlängerung der internationalen Präsenz in Afghanistan diskutiert wird, geht der ehemalige Befehlshaber des NATO Joint Forces Command Brunssum, der deutsche General a.D. Egon Ramms, einen Schritt weiter – und fordert mehr Engagement der internationalen Truppen über die reine Beratung hinaus:

[Die Bundeswehrsoldaten] sollten zumindest mit den afghanischen Truppenteilen raus aus den Lagern gehen und eine entsprechende Unterstützung sicherstellen, beispielsweise im Bereich Artillerie-Unterstützung, beispielsweise im Bereich, wie jetzt die Amerikaner das machen in Kundus, mit Luftunterstützung.

sagte Ramms im Deutschlandfunk.

Nachtrag: Es scheint nicht gut auszusehen für die afghanischen Sicherheitskräfte, wie das Wall Street Journal berichtet:

The Taliban seized control of one of the Afghan government’s remaining strongholds in the northern city of Kunduz, an Afghan security official said Wednesday, after 60 soldiers surrendered to the militants.
The strategic Bala Hisar hill overlooks the city and is one of two positions that had remained in the hands of the Afghan military following the group’s offensive on Kunduz on Monday.
Afghan officials said they expect the Taliban to capture the second position, the city’s airport, with troops preparing for a likely evacuation.

Weiter nach Entwicklung.

 

83 Gedanken zu „Gefechte um Kundus gehen in den dritten Tag

  1. @ Patrick Horstmann

    Sie scheinen da Grundsätzliches zu übersehen:

    1.) Auf dem Balkan gab es zusammengefasst acht Jahre Bürgerkrieg (1991-1999), in AFG sind es locker über fünfunddreißig Jahre (1978 – heute); und „Mentalität/Krisenbewältigung hin oder her“ schon mal gar nicht, denn da liegt des Pudels Kern!

    2.) Gibt es CAS gem. Auflagen der AFG Regierung ohnehin nur noch im Selbstschutz oder nach Anforderung der AFG Sicherheitskräfte, ihr Punkt ist also schon „in Nutzung“;

    3.) Intelligence, Aufklärung, Ausbildung und vor allem MedEvac gibt es nicht ohne „Force Protection“ – oder glauben Sie, nach diversen Green on Blue verzichtet irgendeine Nation auf diesen Selbstschutz? Damit gewinnen Sie aber keinen Blumentopf mehr, denn wie Sie weiter oben der Presse entnehmen können, ist die Moral der AFG Sicherheitskräfte nebst ANA zum Teufel. Insofern stehen wir wieder am Anfang des von mir umrissenen Problems: Ohne westliche Bodentruppen keine Lagestabilisierung, aber kein Politiker wird sich mehr auf diese Option einlassen. Die Gefährdung eigener Soldaten, auch im o.a. Selbstschutz ist und wäre (mittlerweile) viel zu hoch und niemand aus der Politik wird in AFG Bullshit Bingo spielen, das Thema ist durch.

    „Deal with it…“

  2. ASDF | 30. September 2015 – 16:28

    Erstens, nach meiner Ansicht ganz klar nein. Die Bundeswehr ist AUCH für die Landesverteidigung da, in einer globalisierten Welt aber nicht nur. Ich will hier nicht noch einmal die Diskussion über „Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“ oder die „Hinterhof-These“ wiederholen. Übrigens gehören Einsätze jenseits der Landesverteidigung zur geltenden NATO-Doktrin, ein Bündnis dessen Mitglied wir meines Wissens noch sind.

    Zweitens, die Afghanen halten durch die Bank nichts von westlichen Werten. Sehe ich nicht so, habe ich an anderer Stelle in diesem Blog bereits ausgeführt. Da Fragen sie übrigens mal afghanische Flüchtlinge hier, von denen sich die meisten nicht auf den Weg gemacht haben um hier Flüchtlingslager und die Wohltaten des Asylbewerberleistungsgesetzes zu genießen. (Soll jetzt kein Startschuß für eine allgemeine Flüchtlingsdebatte sein.)

    Mit der Argumentation „die wollen ja alle unsere Werte gar nicht“ gehen sie den Kräften auf den Leim, die unsere Werte wirklich nicht wollen. Das sind aber bei weitem nicht alle Afghanen.

  3. @T.W.
    OK, so herum passt der Schuh.
    Den Inhalt, losgelöst von der „Grippe“ lass ich jedoch mit der Bitte um Beachtung stehen. Die Erfahrungen der europäischen Großmächte seit erster Hälfte des 18. Jahrhunderts sind leider eindeutig in dem Konglomerat namens Afghanistan.
    Und @Voodoo, spijt me – tut mir Leid.

  4. @ KPK

    Alles gut! Ihr historischer Einwand ist ja nicht unberechtigt, wenn man dieses Land betrachtet.

  5. Tagesschau berichtet von 2000 Taliban und deutschen Spezialkräften, die mit unterstützen.

  6. @ Patrick Horstmann | 30. September 2015 – 17:17

    In den angesprochenen Punkten haben wir glaube ich keinen grundsätzlichen Dissens.

    Zu Erstens:
    Die Aufgabe der Bundeswehr ist meiner Ansicht (in dieser Reihenfolge):
    1) Landesverteidigung
    2) Bündnisverteidigung
    3) Sicherung nationaler Interessen

    27) Teilnahme an Strukturen präventiver Sicherheitspolitik, international eingebunden, wie Nation-Building …
    Wenn die Ressourcen nur für 1) und 2) reichen und bei 3) schon knapp werden, bleibt für 27) nicht mehr viel übrig. Wir können froh sein, dass man uns wegen zu geringer Verteidigungsausgaben (weit unter der Nato 2 % BIP Regel) noch nicht aus der Nato geworfen hat … ;-)
    OEF war übrigens 2). ISAF eher 27).

    Zu Zweitens:
    Viele Afghanen sind prima Leute. Habe sehr gute Menschen vor Ort kennengelernt, denen dann im Glauben an unsere Regierung Versprechungen für ein besseres Afghanistan gemacht wurden. Ich bin froh, dass viele von denen, die genau wie ich auf die Lügen (langfristiges Engagement …) unserer Regierung reingefallen sind, vor zwei bis drei Jahren eine neue Heimat außerhalb Afghanistans gefunden haben. Die würden nämlich sonst jetzt in Kundus aktuell hingerichtet. Der Exodus begann mit der Abzugsankündigung für 2014, statt zu sagen: Wir bleiben, solange wir gebraucht werden. Heute ist das Thema durch und der Krieg verloren.

  7. mal von der eintrittswahrscheinlichkeit und sinnhaftigkeit einer solchen operation mit deutscher beteiligung abgesehen.

    eine rückeroberung Kundus gegen kolportierte Feindzahl würde soweit ich weiß alles übersteigen was zur Hochzeit der deutschen Gefechtsaktivität mit substantiell höherem eigenen Kräftereservoir möglich war.

    soweit ich weiß war die größte (einzige?) offensivoperation gegen feind in „urbanem“ raum die OP Halmazag, gegen numerisch deutlich schwächeren gegner in deutlich kleinerem /übersichtlichererem operationsgebiet als es der Stadtraum Kundus darstellen würde.

    Mal Frage an unsere Häuserkampfspezis: Mit welchem Kräftedispositiv müsste man bei ca. 2000 Feindkräften und lokalen gegebenheiten rechnen sofern gegner es auf enscheidungsgefecht ankommen lässt und nicht ausweicht?

    gilt faustregel 1 zu 3 im Angriff noch oder ist das überholt?

  8. @Voodoo | 30. September 2015 – 17:14

    Ich glaube, wir drehen uns argumentativ im Kreis. Natürlich gibt es keinen internationalen Einsatz ohne Force Protection. Es geht mir darum, ein tragfähiges Konzept für die Unterstützung der ANDSF einzufordern und nicht ein „Hauptsache raus und zur Beruhigung des eigenen Gewissens machen wir noch ein wenig Ausbildung“, allenfalls schicken wir für ein paar Stunden ein „Team“ um mit den afghanischen Streitkräften zu „kommunizieren“, die gerade von Taliban überrannt werden. Hebt natürlich ungemein die Moral der afghanischen Truppen vor Ort.

    Und, ach ja? Mit einem Einsatz von Streitkräften in Afghanistan ist in der Öffentlichkeit kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Ist das jetzt der sicherheitspolitische Kotau vor einer sonst hier oft kritisierten Mehrheitsmeinung in der deutschen Politik und Gesellschaft?

  9. O. Punkt | 30. September 2015 – 17:47

    Und noch ein interessanter Beitrag von Tagesschau:
    http://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan/afgahnistan-tagebuch-kundus-101.html

    Aus eigener Erfahrung mit dem Ortskräfteverfahren: Die große Mehrheit dieser angeblichen Bedrohungen ist auf geradezu dreiste Art und Weise inszeniert, um ein Visum nach Deutschland zu ergattern. Problematischerweise haben AA, BMVg und BMZ in der Vergangenheit auch bei nachweisbar inszenierten – und durch die Bearbeiter aufgedeckten – Fällen trotzdem im Sinne des Antragsstellers entschieden und damit eine Antragswelle in Gang gesetzt, sodass selbst Hausangestellte und Fahrer sich erdreisten, die entsprechenden Anträge zu stellen.

  10. Als Ergänzung, weil keine Bearbeitung mehr möglich: In dem beschriebenen Fall hat die Bundesregierung aus ethischer Sicht u.U. Verantwortung für die Sprachmittler, aber nicht für einen afghanischen Beamten – der zudem vergleichsweise unbedeutend sein dürfte, denn sonst hätte er sich schon nach Dubai abgesetzt. Würde man den beschriebenen Forderung nachkommen, könnte man komplette Stämme nach Deutschland umsiedeln.

  11. Dass es bei den Ortskräften Bestrebungen gibt, möglichst viele Familienmitglieder aus dem Schlamassel der im Chaos versinkenden Heimat raus zu holen, ist doch wohl nachvollziehbar. Würde ich auch versuchen. Daher ist m.E. jeder Antrag legitim. Die Frage ist halt, in wie weit man diesen Wünschen in DEU nachkommen kann. Und da seh ich absolut keine Verantwortung der BR Deutschland gegenüber den Familienmitgliedern der ehem. „Angestellten“ – Ehepartner und Kinder ausgenommen. Wenn es in AFG eine darüber hinaus gehende „Sippenbestrafung“ geben sollte, dann ist das bedauerlich. Mehr m.E. aber nicht.

  12. @ Patrick Horstmann

    Die von Ihnen angestrengte Unterstützungs-Debatte hatten wir hier schon 2010 und dann 2013 zur Abzugsverkündung, wie ich bereits schrieb…

    Ich denke auch, dass es wenig Sinn macht, weiter darüber zu diskutieren. Zumal es hier auch nicht um einen wie auch immer gearteten Kotau geht, sondern um dass, was de facto und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit passieren wird – nämlich nichts. Dies wissen wir seit den Statements der Bundesregierung von Montag bis heute recht genau.

  13. @ wacaffe

    Das schon genannte Verhältnis 1:8 ist deutlich realistischer, wenn es kein Himmelfahrtskommando werden soll. Dazu kommen vor Ort zwei Unterstützer für einen Kämpfer. So über den Daumen also 50.000 Mann. Im Umfeld müsste man ja auch wirken.

    Dazu müssten unsere Heimatgesellschaften Tote auf allen Seiten (eigenen Soldaten, Feinde, Zivilisten) ertragen können, was nicht der Fall ist.

    Alternativ kann man das auch SOF- und luftwaffenlastig machen, nimmt damit aber erhebliche Kollateralschäden in Kauf. Die Stadt wäre bei diesem Ansatz anschließend neu aufzubauen.

  14. Ich möchte mal ein paar Punkte zusammenfassen und dann darf jeder seine Schlüsse daraus ziehen, so er denn will.

    – 500 – 2000 Aufständische haben eine 300000 Einwohner Stadt erobert, die von einer größeren Zahl von ANSF-Soldaten und lokaler Polizei verteidigt wurde (angeblich)

    – Tolonews meldete gestern, dass die afg Zentralriegierung annimmt, die vorhandenen ANSF-Kräfte in Kunduz wollten nicht kämpfen und haben sich deshalb schnell zurückgezogen.

    – Kunduz und Umgebung ist Paschtunenhochburg und damit auch Talibanhochburg (Nicht jeder Paschtune ist ein Taliban, aber jeder Taliban ist ein Paschtune)

    – 90 % der religiösen Idelologie der Taliban sind deckungsgleich mit der Ideologie der normalen paschtunischen Dorfbevölkerung

    – aufgrund des extremen Partikularismus in AFG, mit den extremen Unterschieden zwischen der Bevölkerung auf dem Land und in den Städten ist dies auch ein Konflikt zwischen Landbevölkerung und Stadtbevölkerung

    Wenn man diese Faktenlage sich anschaut, wo soll da bitte noch ein westlicher Unterstützungseinsatz für die ANSF stattfinden ?

    [ Ironie an] Am Besten wäre die Stadtbevölkerung würde wieder Stadtmauern bauen und diese mit großen Kanonen verteidigen. Bleibt das Problem der Versorgung. Die müsste dann aus der Luft erfolgen. Illusorisch ? Ja, vielleicht. Vielleicht waren aber die großen Feldlager der Allierten schon das große Vorbild für die Zukunft von AFG um Dorf und Stadt und arm und reich voneinander zu trennen. [Ironie aus]

  15. Zu Kunduz: Keinen Eurocent und erst recht keinen deutschen Soldaten mehr dort einsetzen. Die AFG hatten ihre Chance, haben diese aber nicht genutzt. Völlig Wurst, ob die zu blöd oder schlichtweg nicht Willens oder sonst was waren.
    Ich bin mir inzwischen auch nicht mehr sicher, ob die Talibs gegenüber den korrupten Gouverneurclans nicht das geringere Übel sind. Und mit dem IS haben die Paschtunen ganz sicher nix am Hut. Die verachten die Araber.

  16. @wacaffe
    Für Orts- und Häuserkampf, besser Urban Operations – unter Berücksichtigung von 300.000 Einwohnern-, gibt es keine wirklich seriös zu nennende Zahl.
    Konventionell und symmetrisch gilt im Grundsatz 3:1, ehrlicher stellen sich jedoch die 8:1, von @Thomas Melber dar.
    Jedoch gibt es, wie nicht anders zu erwarten, auch hier unterschiedliche Erfahrungen.
    – Bei den großen Durchbruchsoperationen im Osten massierten die Russen Überlegenheiten von 12:1 im Hauptdurchbruchsabschnitt, ohne Garantie auf Erfolg zu haben.
    – Bei Golf III [Ops Iraqi Freedom] griffen die USA in erster Staffel mit 2 mechInfDiv beiderseits Euphrat/Tigris an. Die Briten im Süden waren in Basra gebunden, die 173. LLBrig (US) blieb in den Kurdengebieten, die Niederländer an der saudischen Grenze. Alles zusammen, mit Air Force, Navy, Marines usw waren ca 300.000 Mann im Einsatz, gegen ca 375.000 Iraker. Der – symmetrische – Teil dauerte vom 20. März bis 14. April. Ergebnis bekannt.
    Was ist zu lernen?
    1. Kampfkraft, u.a. die bloße Zahl, ist nicht alles.
    An Zahl waren die RUS der Wehrmacht ab Sommer ’43 ständig überleben, nicht aber in Können und Fähigkeit der Truppe und der Führer, also im Gefechtswert.
    2. Einsatz- besser Gefechtswert ist wesentlicher.
    U.S. – IRK Kräfte waren etwa pari. Trotzdem trieben zwei mechInfDiv, mit massivem CAS, die irakische Armee in gut drei Wochen in die Niederlage. Warum?
    3. Qualität der Führung (als Menge von Gefechtswert, neben anderen Faktoren), ist im Zentrum. Saddams Truppe war zentralistisch, der (sowjetischen) Befehlstaktik folgend, entscheidungsängstlich, geführt.
    Die U.S Div folgten (Anfängen) von Auftragstaktik (mission command), die Gefechtsgliederung war kein starres System analog Grundgliederung, sonder wurde flexibel gehandhabt.
    Zu Urban Op gelten RUS Erfahrungen in Grozny als Anhalt, die ich hier jedoch nicht ausbreiten möchte, sprengt wohl den Rahmen.
    Ein (Vor)Letztes: Setzen Sie zum Nehmen eines 2-Familienhauses einen InfZg als Anhalt an.
    Zuletzt: Bei 2.000 Taliban rechne ich mit dem Bedarf von einer infanteriestarken mechDiv nebst CAS, intediction, SOF usw., vorausgesetzt es handelt sich um Soldaten, nicht um Uniformträger.

  17. @ K-P-K

    Und mit dieser Stärkeforderung dürfte die Rückeroberung von Kunduz endgültig begraben werden.

  18. Im schlimmsten Fall ergibt sich ein Szenario wie das der „Schlacht um Algier“ (La bataille d’Alger).

  19. Georg | 30. September 2015 – 18:46

    – Kunduz und Umgebung ist Paschtunenhochburg und damit auch Talibanhochburg (Nicht jeder Paschtune ist ein Taliban, aber jeder Taliban ist ein Paschtune)

    – 90 % der religiösen Idelologie der Taliban sind deckungsgleich mit der Ideologie der normalen paschtunischen Dorfbevölkerung

    Diese Analyse war bis 2001 so korrekt, mittlerweile ist sie es nicht mehr. Die Taliban rekrutieren sich mittlerweile aus allen ethnischen Gruppen, sowohl in Afghanistan als auch Pakistan, Usbekistan und Tadschikistan, und nutzen jeden lokalen Konflikt zwischen Regierungsinstitutionen und Dritten zu ihren Gunsten aus. Außerdem sind sie seit 2001 deutlich toleranter geworden, was Entwicklungsprojekte angeht, das betrifft auch Programme, die mit Frauen / Mädchen arbeiten.

    Das Afghan Analyst Network hat zu dieser Thematik ziemlich viel (und gut) publiziert.

  20. Und: es kann sich wohl jeder selbst zum Paschtunen erklären, wenn er das für opportun hält (so wurde mir ‚mal gesagt).

  21. @ Boots on the Ground

    Danke für die Info.
    Ich denke aber trotzdem, dass die Taliban rund um Kunduz, in den Distrikten außerhalb der Stadt, wie Fische im Meer schwimmen. Soll heißen, dass man sie von der Dorfbevölkerung kaum unterscheiden kann und anscheinend habe viele Mitglieder der ANSF Angehörige in den Dörfern der Distrikte, so dass sie nicht bereit waren ernsthaft um Kunduz zu kämpfen (Ein Sohn zu den Taliban, einer zu den ANSF, so dass man irgendwie immer auf der Siegerseite ist aus Sicht der Familie, des Stammes).

  22. Klaus-Peter Kaikowsky | 30. September 2015 – 19:33

    Saddams Truppe war zentralistisch, der (sowjetischen) Befehlstaktik folgend, entscheidungsängstlich, geführt.

    Off Topic: Das stimmt so nicht: Was aussah wie sowjetische TTPs, war tatsächlich die irakische Umsetzung britischer TTPs i.V.m. sowjetischem Material und arabischer Kultur (siehe dazu auch die Veröffentlichungen von Kenneth M. Pollack*).

    Bei 2.000 Taliban rechne ich mit dem Bedarf von einer infanteriestarken mechDiv nebst CAS, intediction, SOF usw., vorausgesetzt es handelt sich um Soldaten, nicht um Uniformträger.

    On Topic: Das hängt von den jeweiligen Zielen ab. Wenn die Taliban ernsthaften Widerstand leisten, ihre Motivation und dementsprechend ihr Gefechtswert hoch ist und sie vernichtet werden sollen, ist es erforderlich, die Stadt abzuriegeln – dafür halte ich eine InfDiv für zu wenig. Wenn sie dagegen keinen bzw. nur symbolischen Widerstand leisten und die afghanische Regierung Kunduz lediglich medienwirksam befreien will, reicht dafür auch eine Brigade oder weniger

    *Pollack (2004): Arabs at War: Military Effectiveness, 1948-1991; Pollack (1996): The influence of Arab culture on Arab military effectiveness; Pollack & Eisenstadt (2001): Armies of Snow and Armies of Sand: The Impact of Soviet Military Doctrine on Arab Militaries.

  23. Georg | 30. September 2015 – 20:20

    Ein Sohn zu den Taliban, einer zu den ANSF, so dass man irgendwie immer auf der Siegerseite ist aus Sicht der Familie, des Stammes.

    Das nennt man „Risk Hedging“ ;) Auch aus diesem Grund sind die meisten der Anträge auf Übersiedlung wegen Bedrohung nicht realistisch.

  24. @Hans Schommer | 30. September 2015 – 19:04

    Ihre Aussage zum IS und den Taliban nehme ich mal auf Wiedervorlage. Mal sehen wie sich das so entwickelt. Soweit mir bekannt ist ist der IS nicht ausschließlich arabisch, sondern mulitethnisch.

    @Boots on the Ground | 30. September 2015 – 20:01

    Ja, die Taliban sind schon deutlich toleranter geworden. Töten nur Regierungsbedienstete und (der Gipfel an Toleranz) deren Familien.

  25. @Boots on the Ground
    Zu Ihrem
    Off topic: sehe keinen – wirklichen -Widerspruch zwischen Ihrer/meiner Auffassung, weil ich britische / sowjetische Art der Gefechtsführung in taktischer Ebene systembedingt als weitgehend deckungsgleich bewerte. Allerdings melde ich, trotz Pollack, leise Zweifel an, ob sich 2003(!) noch britische militärische Traditionen der Kolonialzeit auswirkten, 1920/21 wurde der Irak unabhängig, 1941 kämpften beide gegeneinander, mit übrigens -geringer-deutscher Unterstützung für die Iraker.
    On topic: Abriegelung, selbstverständlich. Die von mir genannte mechDiv verstehe ich als AngrKr.

  26. @Patrick Horstmann: Ihre Polemik können Sie sich sparen, beschäftigen Sie sich mit der aktuellen Situation und der Entwicklung der Taliban seit 2001. Die Meldungen über die Erschießung von Regierungsvertretern sind bisher unbestätigt und können auch anti-Taliban-Propaganda sein, genauso wie die Berichte von Montag über die Erschießung von Ärzten und Pflegern im Regionalkrankenhaus von Kunduz.

    Es geht weiter: http://www.nytimes.com/2015/10/01/world/asia/kunduz-afghanistan-taliban-fight.html

  27. @Patrick Horstmann @Hans Schommer
    Der IS ist multiethnisch, kein Widerspruch. Allerdings, nach allem, was zumindest ich bisher glaube begriffen zu haben, dienen die Konvertiten aus Europa als „Kanonenfutter/Wegwerfkräfte“. Einfluss, wirklichen politischen haben nur (echte) Araber, also solche von der arabischen Halbinsel, nicht etwa Nordafrikaner.
    Wirklichen militärischen Einfluss haben , außer Arabern, die Tschetschenen. Eines der Motive, warum Putin angreifen lässt.
    Abu Bakr al-Baghdadi, der „Kalif“ und Führer des IS führt seine Familie auf den Propheten zurück. Annahme: Bei dieser – behaupteten – Vita erscheint es mir unvorstellbar, Nicht-Araber auch nur in die Nähe der Macht kommen zu lassen.
    Aber vielleicht hat @SamirAwwad Inhaltsreicheres beizutragen, zum personellen Portfolio des IS.

  28. @Klaus-Peter Kaikowsky | 30. September 2015 – 21:50

    Ich will nun keine Prophezeiungen wagen, dafür ist die Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten zu dynamisch. Aber es gibt schon jetzt Ableger zum Beispiel in Libyen und in Ägypten, ganz entsprechend des expansiven Anspruchs des IS. Nicht umsonst wurde aus deren Selbstverständnis aus ISIS der IS.
    Al-Qaida – die „Quelle“ des IS – hat schließlich vorgemacht, dass Franchisemodelle auch in diesem Bereich möglich sind. Siehe zur Zeit Boko Haram mit Treueschwüren gegenüber dem IS.

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