Bundeswehr prüft Einsatz im Norden Malis

NL_Chinook_mali_kl

Im westafrikanischen Staat Mali ist Deutschland militärisch engagiert – in der Ausbildungsmission der Europäischen Union; kürzlich übernahm der deutsche Brigadegeneral Franz Xaver Pfrengle das Kommando über EUTM Mali. Doch die EU-Mission im vergleichsweise sicheren Süden des Landes ist nur ein kleiner Teil des internationalen Engagements in Mali, wesentlich größer ist die UN-Mission MINUSMA, in der vor allem afrikanische Staaten, aber auch einige europäische Länder in einem robusten – d.h. auch mit Kampf verbundenen – Einsatz gegen Islamisten im Norden Malis vorgehen. Die Bundeswehr beteiligt sich mit einigen Stabsoffizieren daran; die Niederlande deutlich offensiver, unter anderem mit Kampfhubschraubern.

Jetzt zeichnet sich ab, dass Deutschland über sein Ausbildungsengagement in der EU-Trainingsmission hinaus auch bei MINUSMA mit mehr Kräften gefordert ist, mit anderen Worten: Sich auch in den Kampfeinsatz im Norden des Landes einbringen soll. Es gibt entsprechende Wünsche der Niederlande, die von ihrem engen Verbündeten Deutschland Unterstützung einfordern, und jetzt wird geprüft, ob und was die Bundeswehr zuzsätzlich tun kann. Das teilten der Parlamentarische Verteidigungs-Staatssekretär Markus Grübel und der Außenamts-Staatssekretär Markus Ederer am (gestrigen) Mittwoch den Obleuten von Verteidigungs- und Auswärtigem Ausschuss des Bundestages mit:

Aus Sicht der Bundesregierung könnte eine Erweiterung der Beteiligung der Bundeswehr an der Mission MINUSMA einen sinnvollen Beitrag zur fortschreitenden Stabilisierung des Landes liefern.
Die Niederlande beteiligen sich seit 2014 substantiell mit einem Kontingent in Gao im Norden des Landes an MINUSMA. Gegenwärtig planen die Niederlande eine Einbindung von Kooperationspartnern im Kreise der Europäischen Union, die einzelne Module übernehmen könnten. Vor dem Hintergrund der engen deutsch-niederländischen Kooperation im Verteidigungsbereich haben die Niederlande besonderes Interesse an einer Zusammenarbeit mit Deutschland in Gao signalisiert.
Im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt und abgestimmt mit dem niederländischen Partner, plant das Bundesministerium der Verteidigung daher eine Erkundungsmission nach Mali zu entsenden, die den genauen Bedarf und die Möglichkeit eines deutschen Beitrags ergebnisoffen prüfen soll. Diese Erkundung wird neben den militärisch-taktischen Erfordernissen auch der Sicherheitslage, der Verfügbarkeit von Ressourcen und den logistischen Aspekt einer möglichen Beteiligung der Bundeswehr sorgfältig Rechnung tragen.

Das lässt offen, welche deutschen Fähigkeiten nach Nord-Mali gehen könnten – die Niederlande scheinen besonderes Interesse an Aufklärungsfähigkeiten zu haben, bis hin zu Drohnen wie LUNA.

Klar ist, dass für eine Erweiterung der Bundeswehr-Beteiligung an MINUSMA das derzeit geltende Mandat geändert werden müsste. Die zuletzt am 19. Juni vom Bundestag gebilligte Verlängerung sieht bislang vor:

Für die an MINUSMA beteiligten Kräfte der Bundeswehr ergeben sich folgende Aufgaben:
– Lufttransport in das Einsatzgebiet und innerhalb des Einsatzgebietes von MINUSMA sowie Unterstützung bei der Verlegung und der Folgeversorgung von Kräften von MINUSMA;
– Wahrnehmung von Führungs-, Verbindungs-, Beratungs- und Unterstützungsaufgaben;
– Einsatzunterstützung durch ggf. temporär bereitgestellte Luftbetankungsfähigkeit für französische Kräfte, die aufgrund eines Unterstützungsersuchens des Generalsekretärs der Vereinten Nationen eine Bedrohung für MINUSMA abwenden sollen.

Der Lufttransport ist inzwischen eingestellt, weil die UN an den eingeschränkten Fähigkeiten der deutschen Transall keinen Bedarf mehr hatten.

Der Norden Malis ist, wie sich erst Anfang dieser Woche zeigte, weiterhin ein gefährliches Gebiet. In der Nähe von Timbuktu fielen am vergangenen Montag bei einem Angriff vermutlich islamistischer Gruppen elf malische Soldaten.

(Foto: Niederländische Chinook-Transporthubschrauber in Mali – defensie.nl)

68 Gedanken zu „Bundeswehr prüft Einsatz im Norden Malis

  1. @Memoria

    MINUSMA wird – wie die meisten „robusten“ VN-Missionen wie Z.Bsp UNIFIL – zu einer never creepending story werden. Die NL stellen zZt alles „was gut und teuer“ ist („….intelligence capability …..special forces, attack and transport helicopters and analysts….“). Das werden wir kaum 1:1 ersetzen (können), schon gar nicht durchhaltefähig.
    Man mag in Berlin wahrscheinlich wissen, auf was man sich da einlässt; ich fürchte aber, man weiß nicht, worauf sich die BW überhaupt noch einlassen kann.

  2. NLD hat langjährige Erfahrung mit den sog. fusion cells (ASIC, u.a.)., schon in AFG.

  3. @klabautermann:
    Wir sollen es ja gar nicht ersetzen (s.o.), aber schon Teilmengen davon sind bezeichnenderweise nur mit grossen Aufwand oder gar nicht leistbar.

    Ichbhabe den Eindruck in Berlin weiss man weder auf was man sich einlässt noch was die Bw noch leisten kann.
    Das werden eine Vielzahl von O-Tönen in den nächsten Wochen wohl wahrscheinlich zeigen.

    Es bleibt spannend.

    @T. Melber:
    NLD hat aus Uruzgan deutlich mehr gelernt als wir aus Kunduz.

  4. Wobei die NLD schon bei der TF-U sehr professionel dabei waren. Mir scheint auch, daß NLD bereits viel Afrikaerfahrung hat, woher auch immer.

  5. @Memoria

    Die NL haben den VN ein specialized package (ASIFU) gestellt, das man imho in Teilmengen nicht übernehmen/ersetzen kann…..its all or nothing. Oder man bastelt ein neues concept/package…….ob das dann so leistungsfähig/effektiv ist wie das niederländische interessiert im AA keine S.. – Hauptsache, man ist dabei und kann in New York mitschwätzen…….

  6. @klabautermann
    Eine ASIFU (ich nenne das ‚mal ASIC) ist idR multinational, so daß man da sicher etwas machen kann. Interessant ist, daß wohl keine Nation „in lead“ gehen wollte.

  7. all sources information fusion unit (ASIFU)
    all sources information cell (asic)
    Die NLD ASIFU in Bao betrieben, umfasst bis zu 150 Mann, wobei UAS hinzugerechnet sind.
    Die Fusion Center sind keine NLD Idee des Gefechts. Ursprung 2012 ISAF/US.

  8. … ASIC bei (damals) DLO schon in 2010 beübt … allerdings unter NLD Zellen-Führung. ‚ist also im Grundsatz – auch für uns – nicht so neu.

  9. Memoria hat ja schon bemerkt, dass VN-Operationen völlig anders „funktionieren“ als NATO-Ops. Ich habe persönlich erlebt, wie „allergisch“ die strategische Führungsebene der VN reagiert, wenn man denen mit NATO-Standards/Erfahrungen in Sachen CONOPS und Order-of-Battle sowie ROE kommt….insbesondere bei so politisch sensitiven Fähigkeitsbereichen wie „Intelligence“, die sich in einem sehr starken Spannungsfeld zwischen VN, Host Nation und natürlich den Truppenstellernationen befindet. Und selbst mit der operativen Führungsebene kann es politischen Ärger geben, wenn man auf der taktischen Ebene versucht, mehr oder weniger sein eigenes – meist nationales – funktionales Süppchen zu kochen als functional area lead nation. Die Marine kann ein Lied davon singen als lead nation bei der UNIFIL MTF damals in 2006ff, denn Maritime Interdiction in Sachen Waffenschmuggel ist ohne Intelligence nicht denkbar. Man muß also die Chain of Command (ASIFU/GAO -JMAC =Joint Mission Analysis Centre von MINUSMA in Bamako – DPKO/New York) und das gültige CONOPS sehr genau nicht nur militärisch funktional sondern auch politisch analysieren, bevor man da einsteigt.
    Als functional lead nation will Berlin wohl nicht die NL ersetzen, die NL wollen den Job loswerden…….wie sieht also das neue CONOPS aus, und welche taktische Rolle wollen wir darin spielen, und welche Funktionen in den Führungsebenen wollen wir beanspruchen ?

  10. Kurzer Nachtrag NLD gem. https://www.defensie.nl/onderwerpen/mali/inhoud/nederlandse-bijdrage

    Taktische Anteile ASIFU sind in Timboektoe und Gao disloziert.

    Eine Nederlandse ASIFU-compagnie beschafft und analysiert Daten aus dem Raum Gao. Dabei werden eingesetzt:
    – UAS (ScanEagle en Raven);
    – ein HUMINT-team im Raum Gao
    ASIFU analysiert Informationen in Zusammenarbeit mit SpezKr des
    – Korps Commandotroepen (KCT) den
    – Mariniers (MarInf) und
    – Apache.
    Was ich bisher noch nirgends erkennen konnte, weder BMVg- noch NLD/defensie-Seiten, sind die Wünsche/Forderungen/Erwartungen der NLD uns gegenüber.
    Außerdem, Sachstand BwErkdKdo, sind die bereits in Mali/noch standby? Wenn der Eins zum jan16 beginnen soll, bleiben noch vier Monate, die assets zusammenzustellen, einschließlich BT-Beschluss.

  11. @klabautermann:
    Bisher ist ja bereits eine SWE ISR TG im Einsatz.
    Man kann sich da schon einbringen, wenn man auf der gleichen Höhe arbeitet. Nur leider sehe ich da im Vergleich einige Defizite.

    @KPK:
    Der Ursprung der fusion cells ist nicht ISAF, sondern JSOC ab Herbst 2003 bei OIF im Irak (siehe das neue Buch von McChrystal, Team of Teams). McChrystal brachte die Idee dann zu ISAF und so mit etwas Verzögerung auch Bewegung in das atjema ASIC im RC-N. Wobei auch hier die Skandinavier das Thema weitaus stärker annahmen als die Bw (und ja auch nun in MALI prominent vertreten sind).

    Die Erkundung soll laut obigem Bericht der RP erst in ein paar Wochen laufen.

    Zeit zur Vorbereitung bleibt da nicht viel.

    Weltklasse.

    @Thoams Melber:
    Mal in 2010 bei der DSO was mitgemacht zu haben wird wohl nicht ausreichen. Über die rudimentären Ergebnisse der Weiterentwicklung von MilNW in SKB und Heer haben wir uns ja schonmal ausgetauscht.

    Der Einsatz hat das Potential wieder mal aufzuzeigen wiebweit entfernt Eigenbild/ Anspruch und Wirklichkeit sind.

    Ob man es dieses mal wenigstens bemerkt?

  12. Zudem lesenswert dieser Bericht der UN – mit dem viel sagenden Titel „Peacekeeping in a counter-terrorism environment“:
    http://m.whatsinblue.org/479808/show/55f772c07a0667695bf8f8491f9a448b/?

    Wir wollen halt wieder so ein bischen mitmachen, aber sobald es ernst wird (ROE, Caveats, Riskibereitschaft, Umfang, Ausrüstung, Rückhalt der politischen und militärischen Vorgesetzten), sind wir wieder weit weg vom eigenen reden.

    Ich höre es schon:
    Counter-Terrorism?
    Das sind getrennte Mandate….

    History repeatin‘? Wir bei ISAF und OEF…

  13. Mitte Juni 2015 sprach der COM MINUSMA vor dem UNSC:
    http://www.securitycouncilreport.org/atf/cf/%257B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%257D/s_pv_7464.pdf

    Dabei fällt besonders die Betonung auf, dass man lediglich defensive Kompetenzen habe und dies auch so beibehalten solle.

    Wie das mit dem oben erwähnten neuen Mandat von Ende Juni 2015 („…take active steps to prevent the return of armed elements to those areas“) zusammenpasst können sicherlich Diplomaten und Militärpolitiker (in Uniform) sehr gut erklären.

    Es ändert aber nichts an den erheblichen Widersprüchlichkeiten zwischen Zweck, Ziel und Mittel.

    Somit hat man offenbar keine kohärente Strategie.

    Mal sehen wie sich die Diskussion bei uns bis zum Herbst entwickelt. Ich befürchte mal wieder mehr von Wünschen als von Fakten geleitet.

  14. Das Papier über das CONOPS sagt doch alles……insbesondere, wenn man es zwischen den Zeilen liest. Mandat und CONOPS sind doch nur dann „in Flucht“, wenn alle FCN und die HN politisch und operativ an einem Strang ziehen…….und das wird bei zunehmender Fragmentierung der Kontingente in den krtischen relevanten functional (insbesondere CIED, CT) und den geographical areas immer zweifelhafter….aus vielerlei Gründen, aber in erster Linie aus Gründen der „Interoperability“ in Sachen Ausrüstung, Ausbildung, Taktik und Verfahren, national caveats&reservations, logistics usw. pp….letztendlich die Quadratur des Kreises, die in der Regel dann so aussieht, dass sich die VN-Truppe zum Eigenschutz „defensiv“ verhält und somit – gefühlt – die HN-Truppe im Regen stehen läßt, bzw. die zu schützende Zivilbevölkerung sich durch die VN im Stich gelassen fühlt, weil sie immer wieder ins Kreuzfeuer der regulären SK und der Rebellen, respektive von Terroristen geraten.

  15. Zum Thema Lage, Mandat, CONOPS, etc.

    MINUSMA hat rundum Kidal in einem Radius von 20 Km eine „Sicherheitszone“ eingerichtet. Sobald bewaffnete Kämpfer diese Zone betreten, werden sie als Bedrohung für die Zivilbevölkerung behandelt und können entsprechend dem Mandat bekämpft werden:
    http://www.dw.com/de/tuareg-konflikt-in-mali-flammt-wieder-auf/a-18656498

    Schein aber eher ein hilfloses Zeichen in unübersichtlicher Lage zu sein
    Zeigt aber auch wie wenig stringent die Vorstellung von der Auftragserfüllung (Selbstverteidigung, hostile intent, preventive action?) ist.

    Da wollen wir prominent mitmachen?

  16. @Memoria &all

    Mache mal einen neuen Beobachtungsthread Mali auf, das Thema rückt ja näher…

Kommentare sind geschlossen.