Kampf gegen ISIS: US-Luftangriffe zur Unterstützung Iraks – und Iran-naher Milizen?

Tikrit_Luftangriff_25mar2015

Angesichts der Entwicklung im Jemen ist eine andere Entwicklung der vergangenen Nacht in der Region in den Hintergrund getreten: Im Kampf gegen die islamistischen ISIS-Milizen im Irak hat die US-geführte Koalition zur Unterstützung von irakischen Einheiten vor Tikrit Luftangriffe geflogen – und damit praktisch auch Milizen unterstützt, die dem Iran nahestehen.

Die offizielle Bestätigung der US-Angriffe war in der Nacht zum Donnerstag zunächst vom Pentagon und dann vom Außenministerium in Washington gekommen:

At the request of Prime Minister Haider al-Abadi, the Coalition today launched airstrikes in and around Tikrit in support of Iraqi Security Forces ground operations. In a statement to the press, Department Spokesperson Jen Psaki said:“These strikes were designed to destroy ISIL strongholds with precision — protecting innocent Iraqis by minimizing damage to infrastructure, and enabling Iraqi forces under Iraqi command to continue offensive operations against ISIL in the vicinity of Tikrit. All strikes were coordinated with the Government of Iraq and Iraqi Security Forces through our Joint Operation Center in Baghdad.


Nach Einschätzung von US-Medien ist das die direkte Unterstützung von Iran proxies:

US military warplanes have begun targeting Islamic State positions in the Iraqi city of Tikrit on Wednesday, a reversal that has placed American airpower dramatically close to a supporting role for Iranian-backed militias on the ground. (…)
The senior general conducting the US’s latest war in Iraq, Lieutenant General James Terry, sidestepped all questions of Iranian involvement or influence in the fight for Tikrit in a statement on Wednesday. (…)
Though expected for the better part of a week and unlikely to be coordinated with Iran’s proxies, the belated introduction of US combat aircraft above Tikrit has brought the Obama administration to an awkward point it has long dismissed: a tactical, if tacit, alliance with its greatest rival in the Middle East.

Von den Luftangriffen bei Tikrit veröffentlichte das Pentagon ein Video, das den Angriff auf eine Brücke zeigt, die unter ISIS-Kontrolle gestanden haben soll:

Nachtrag: Frankreich beteiligt sich auch:

Nachtrag 2: Die Mitteilung der Combined Joint Task Force – Operation Inherent Resolve:

Combined Joint Task Force-Operation Inherent Resolve operations in support of Iraqi Security Forces in Tikrit commenced last night after a request from the Government of Iraq.
In Tikrit, Iraq, Coalition military forces conducted 17 airstrikes approved by the Iraqi Ministry of Defense, using fighter, bomber and remotely piloted aircraft against ISIL terrorists.
In Tikrit, 17 airstrikes struck an ISIL building, two ISIL bridges, three ISIL checkpoints, two ISIL staging areas, two ISIL berms, an ISIL roadblock and an ISIL controlled command and control facility.
„The ongoing Iraqi and Coalition air strikes are setting the conditions for offensive action to be conducted by Iraqi forces currently surrounding Tikrit,“ said Lt. Gen. James Terry. „Iraqi Security Forces supported by the Coalition will continue to gain territory from Daesh.“

Nachtrag 3: Den USA kann man nicht trauen, sagen einige der Milizen laut New York Times:

Three major Shiite militia groups pulled out of the fight for Tikrit on Thursday, immediately depriving the Iraqi government of thousands of their fighters on the ground even as American warplanes readied for an expected second day of airstrikes against the Islamic State there.
The militia groups, some of which until recently had Iranian advisers with them, pulled out of the Tikrit fight in protest of the American military airstrikes, which began late Wednesday night, insisting that the Americans were not needed to defeat the extremists in Tikrit. (…)
“We don’t trust the American-led coalition in combating ISIS,” said Naeem al-Uboudi, the spokesman for Asaib Ahl al-Haq, one of the three groups which said they would withdraw from the front line around Tikrit.

(Foto oben: Screenshot aus dem Video)

11 Gedanken zu „Kampf gegen ISIS: US-Luftangriffe zur Unterstützung Iraks – und Iran-naher Milizen?

  1. Das Foto dürfte wirklich Tikrit von oben zeigen. Die Stelle mit der Brücke findet man per google-Luftbild mühelos (die Brücke zur Insel im Fluss Tigris). Der rechte Bildrand zeigt noch die Altstadt.

  2. Moin,
    mal ganz ketzerisch gedacht: Wäre es gänzlich undenkbar, wenn die USA ihre langjährige Unterstützung für die sunnitisch/wahhabitischen Saudis/Golfstaaten zu Gunsten der schiitischen Iraner aufgeben würden?
    Gegen Öl, einen Verzicht auf die Bombe und für den Bestand Israels etwa? Die Distanz der Verbündeten ist nicht zuletzt durch El Kaida, ISIS, etc. und der zunehmenden Selbstversorgung gewachsen, der Iran ist relativ stabil, hätte nach Aufhebung der Sanktionen erhebliches wirtschaftliches Potenzial und liegt strategisch -auch in Hinblick auf Russland- interessant…
    Keine Vermutung oder gar Forderung, nur ein Gedankenspiel…

  3. @ stubenviech

    in gewisser weise ist das ja bereits eingetreten. die vorischtige dentente zwischen USA und Iran ist ja einer der gründe aus denen primär SA aber auch andere sunnitische staaten in der region zunehmend eingeständig und mit dem westen/USA unkoordiniert eine eindämmung der shiiten frakiton in der region versuchen.

    was den meisten nicht klar ist. die USA sind eben nicht auf gedeih und verderb Alliierter Saudi Arabiens sondnrn sind an einem stabilen regionalen gleichgewicht der kräfte interessiert.

    das kann eben auch eine moderate stärkung des irans in relation zu SA/Katar usw. bedeuten.

    diese interessenkongruenz USA/Iran sieht man im Irak/Syrien ja momentan in Aktion.

    bei allen Problemen die Hisbollah und Co verursachen, das deutlich größere problem sind momentan und auch absehbar die sunnitischen Tafkiri und somit die stellvertreter der saudischen staatsreligion

  4. Mehr Feuerkraft zur Bekämpfung von ISIS ist derzeit unterwegs. Die U.S. Carrier Strike Group 12 mit der USS Theodore Roosevelt im Rahmen einer 9-Monatigen Mission. Erst im Mittelmeer zur Unterstützung der 6. U.S. Flotte und der italienischen Marine und danach im Persischen Golf zur 5. U.S. Flotte (derzeit zusammen mit der Charles de Gaulle).Wenn ich mich nicht verzählt habe inkl. 5 Lenkwaffen-Zerstörer der Arleigh Burke-Klasse und 1 Lenkwaffen-Kreuzer der Ticonderoga-Klasse. Interessant wird der Ersteinsatz der E-2D Hawkeye mit verbessertem Radar auch für kleine Bodenziele. (Kühe nehmt euch in acht)

  5. Die USA sind nicht an einer Übermacht von SA in der Region interessiert. Die strategische Partnerschaft ist für sie gut und wichtig, aber nicht lebensnotwendig und endet auch absehbar wenn das Öl nicht mehr da ist / gebraucht wird.
    In strategischer und wirtschaftlicher Hinsicht bietet der Iran mehr Chancen die gerade durch die Entwicklung des syrischen Bürgerkriegs / Daesh genutzt werden.
    Klassisches offshore balancing. Man darf auf die Zukunft gespannt sein…

  6. Und wenn die vom Iran beeinflusste Hisbollah dann von dem unrealistischen Ziel der Vernichtung Israels Abstand nimmt und sich -zumindest vorübergehend- realistischeren/drängenderen Zielen in der Levante zuwendet, darf man gespannt sein…

  7. Eine einigermaßen aussichtsreiche Konfliktlösung auf der arabischen Halbinsel rückt erst dann in den Bereich des Möglichen, wenn
    − im Irak die sunnitischen Stämme sich von Bagdad angemessen behandelt fühlen und damit eine offene oder stillschweigende Unterstützung des IS aufgeben (Ähnliches gilt für Syrien, auch wenn dort die Lage sehr viel komplizierter ist)
    − und die beiden großen Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran sich zusammensetzen und zu einem halbwegs stabilen Agreement über die jeweiligen Einflusszonen durchringen (derzeit ein allerdings frommer Wunsch).

    Solange beides wie bisher nicht gegeben ist, wird es weiter brennen und früher oder später auch andere Länder in der Region (Libanon, Jordanien, Oman) und darüber hinaus endgültig mitreißen. Wir werden da mit militärischen Feuerwehroperationen von außen nur wenig ausrichten können. Das müssen wir uns eingestehen.

    Eine klassische Aufgabe für die Diplomatie also, bei der wir uns nicht scheuen sollten, so behutsam wie bestimmt Druck auszuüben, vor allem auf die großen Akteure in der Region. Dort, und nicht bei uns, liegt die Hauptverantwortung.

  8. @all

    Interessante Entwicklung, siehe den Nachtrag 3 oben: 3 Shiite Militias Quit Iraqi Siege of ISIS Over U.S. Air Role

  9. Hier geht es mE. um mehr als nur oberflächliche Eifersüchteleien.
    Erdogan und Saudi-Arabien warnen gerade, dass der Iran das Vakuum nach dem IS ausfüllen möchte. Vielleicht waren diese sorgenvollen Äußerungen auch der Anlass für die „Unsportlichkeit“ der Amis gegenüber den Schiitischen Milizen?
    http://rudaw.net/english/middleeast/270320151

  10. Die schiitischen Kräfte unterstützen den Irak und das Assad-Regime. Das ist nicht neu. Letzte Woche zeigt sich der iranische Kommandeur der Al Quds-Brigaden, Qassem Soleimani, wohl mit seinen Kindern, öffentlich an einem Schrein in Damaskus und lässt Fotos davon verbreiten. Das ist neu, obwohl er seit zwei Jahren regelmäßig in Damaskus sein soll.
    Kein Wunder, dass selbst gemäßigte Sunniten dazu tendieren, den IS insgeheim Erfolg zu wünschen, wenn sie befürchten müssen, bald/sonst unter schiitischer Herrschaft, auch in Syrien, zu stehen.
    Es verwundert auch nicht, dass sich die USA scheinbar entschieden hat, die Schiiten mehr oder minder offiziell zu unterstützen. Dafür sprechen auch die Atom-Gespräche. Es könnte die Region, auch wirtschaftlich (im Interesse der USA) stabilieren, und wäre stragetisch in der Russland-Polik hilfreich .
    Hätte sich das so entwickelt, wenn der IS weniger brutal agiert hätte?

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