Die Arktis: Künftig doch militärisches Aufmarschgebiet?

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Die Arktis, das schien in den vergangenen Jahren Konsens unter den Anrainerstaaten, ist zwar langfristig wegen ihrer Bodenschätze wirtschaftlich interessant – aber auf absehbare Zeit nicht zu vertretbaren Kosten erschließbar und schon gar keine Region, in der sicherheitspolitische und militärische Gegensätze aufeinanderprallen. Inzwischen scheint das nicht mehr so sicher, wie nicht nur die Ansprüche mehrerer Länder auf den Nordpol zeigen.

Während die Nutzung der Bodenschätze angesichts des finanziellen Aufwandes weiterhin eine Zukunftsvision bleibt, sehen vor allem Russland und die USA die Projektion militärischer Macht für die Arktis offensichtlich als Notwendigkeit an. Zwei aktuelle Meldungen aus der vergangenen Woche:

Russia declares it will defend Arctic interests with force if necessary
Russia’s defence minister has announced that Russia is prepared to defend its interests in the Arctic by military means if necessary.
Speaking at a ministry of defence meeting, Sergei Shoigu said that both countries near to and distant from the Arctic circle were attempting to expand their presence in the region.
„The constant military presence in the Arctic and a possibility to protect the state’s interests by the military means are regarded as an integral part of the general policy to guarantee national security.“

und auf der anderen Seite

Exercise Spartan Pegasus demonstrates joint military partnership
Paratroopers, with U.S. Army Alaska’s 4th Infantry Brigade Combat Team (Airborne), 25th Infantry Division, performed the largest U.S. airborne mission north of the Arctic Circle in more than a decade during Exercise Spartan Pegasus 15, Feb. 24.
This exercise demonstrated their unique ability to rapidly mass power on an objective in extremely cold and austere environments.
(…)
The large-scale exercise involved intricate planning and coordination amongst several military components including U.S. Army Alaska, or USARAK, the Air Force, the Alaska National Guard, and the state of Alaska.
The purpose of Spartan Pegasus was to validate Soldier mobility across frozen terrain, a key fundamental of U.S. Army Alaska’s capacity as the Army’s northernmost command.

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(Foto oben: Paratroopers, with U.S. Army Alaska’s 4th Infantry Brigade Combat Team (Airborne), 25th Infantry Division, board a C-17 Globemaster III aircraft during Exercise Spartan Pegasus on Joint Base Elmendorf-Richardson, Alaska, Feb. 24, 2015; Foto unten: A paratrooper, with U.S. Army Alaska’s 4th Infantry Brigade Combat Team (Airborne), 25th Infantry Division, recovers his parachute during Exercise Spartan Pegasus at Deadhorse, Alaska, Feb. 24, 2015 – U.S.Army Photos)

18 Gedanken zu „Die Arktis: Künftig doch militärisches Aufmarschgebiet?

  1. Wir könnten uns ja auch als „Speerspitze“ für die Arktis anbieten.- Irgendwie werden wir Klamotten, Waffen und Gerät schon zusammenbringen,- und für eine headline wäre das allemal gut ….

  2. Mich überrascht, daß man überrascht ist. Entsprechende Pläne gibt es doch seit einigen Jahren.

  3. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studien aus dem Planungsamt der Bundeswehr vom Juni 2014. Unter dem Titel „Klimawandel und Sicherheit in der Arktis nach 2014. Hat die internationale und kooperative internationale Arktispolitik eine langfristige Zukunft?“ werden der Ressourcenwettlauf und die Militarisierung sowie die Frage der Rückkehr des Kalten Krieges in den Norden untersucht. Die Kameraden in Berlin sehen zur Zeit nicht, dass sich die bisher durch Kooperation gekennzeichneten Beziehungen zu Russland in eine Konfrontation verwandeln würde. Außerdem fällt auf, dass die Rolle Grönlands und dessen raumbeherrschende Funktion überhaupt nicht untersucht wurde. Denn es geht in der Arktis ganz aktuell eher um die Frage, wie sich China positioniert, dass sowohl in Grönland als auch Island ambitioniert auftritt und unabhängig von den aktuellen Rohstoffpreisen Großprojekte in der Gasförderung und dem Uranabbau forciert. In der ÖMZ wird dazu von mir in der 2. Jahreshälfte ein längerer Artikel erscheinen, der hoffentlich als Augenöffner nützlich ist.

  4. Dürfte die Bundeswehr oder besonders die Marine eher weniger betreffen.
    Selbst bei großzügigster Auslegung reichen die 200 Meilen Wirtschaftsgebiet nicht bis in die Arktis.
    Außerdem ist es dort viel zu kalt um Präsenz zu zeigen…wie wir wissen dürfen nur Infantrieeinheiten mit Kälteschutzmütze Schwarz ausgestattet werden. Alles andere würde den Kostenrahmen um 4,50 Euro pro Mann sprengen.

  5. Diese militärischen Muskelspiele sind doch nicht neu. Was viel interessanter als die mögliche, aber technisch noch kaum realisierbare Ausbeutung von Bodenschätzen anbetrifft, erscheint mir die Frage der künftigen Nutzung der Polroute für Handelsschiffe aus Europa nach fernost und umgekehrt. Die Polroute hat nicht nur den Vorteil, dass sie von RUS nicht behindert werden kann, sondern sie dürfte angesichts des anhaltenden Klimawandels durchaus in den nächsten Dekaden nutzbar werden. Warum machen wir uns nicht eher Gedanken um die notwendigen Schutzmassnahmen von Schiffen vor möglichen Unfällen in der Arktis?

  6. Die Arktis ist ein interessanter Lebensraum, ich selbst war schon zwei Wochen auf einer Expedition dort oben. Wenn ich bedenke was an Logistik und Technik für uns 15 Mann nötig war, bewundere ich jede Nation die 1000 Soldaten dort länger als eine Woche einsetzen kann.
    Momentan ist es, von der technischen Seite, leichter jemanden auf 500 Meter tiefe in den Ozean zu schicken, als jemanden, ohne feste Behausung, in der Arktis am Leben zu halten.

    P.S.: Beim oberen Bild dachte ich auf den ersten Blick „Was macht ein Foto aus Star Wars (Sturmtruppen) auf augengeradeaus.net. :)

  7. Es gibt also eine Reihe von interessanten Allgemeinplätzen über die Arktis, wie jene, ein nicht näher bestimmtes Wirtschaftssondergebiet reiche gar nicht bis in die Arktis, oder das abschmelzende Eis am Polarkreis würde eine neue Seidenstraße auf dem Meer entstehen lassen, oder man könne dort noch gar keine Rohstoffe abbauen. Es lohnt sich, diese Fragen im Detail zu untersuchen, die Antworten könnten Überraschungen beinhalten. Was SvenS schreibt ist auf jeden Fall ein Fakt. Die USA haben im letzten Frühjahr spezialisierte Kräfte in der Arktis einem, nennen wir es Kältetest, unterzogen und mussten die Kräfte bereits nach 9 Tagen zurückziehen, weil das lebensfeindliche Klima ein Überleben selbst dieser Kräfte unmöglich machte. Ich empfehle allen, die sich mit der Arktis befassen, weniger auf das neue russische Säbelrasseln zu blicken, man sollte es natürlich immer im Auge behalten, als auf Chinas Politik gegenüber Island und Grönland und die innenpolitischen Entwicklungen dort.

  8. @Ottone

    Haben die derzeitigen Fregatten und Korvetten keine Eisklasse? Die östlichen Bündnisgebiete der Ostsee gehören doch zum klassischen Einsatzbereich?

    @Jopp

    An welche Schutzmaßnahmen haben sie denn da gedacht? In meinen Augen gibt es da nicht viel außer Eisbrecher zu betreiben und die IACS Polarklassen, welche allerdings mWn nur ein Vorschlag der Klassegesellschaften sind und noch nicht verbindlich.

    Cheers
    Flip

  9. @Ottone

    Danke für die Info. Gut angesichts der extremen Mehrkosten selbst für E1/2 irgendwo nachvollziehbar.
    Welche Eisklasse ist für die MKS geplant?

  10. Es hilft, die Arktis als ein Element von vielen im aktuellen Prozess russischer Identitätskonstruktion zu begreifen. Anders ist die Militärpolitik des Kreml im Hohen Norden – bei de facto völligem Fehlen einer reellen Bedrohung durch einen externen Gegner – nicht zu erklären.

    Die Rede von Sergei Shoigu ist daher (leider) ein typisches Beispiel für viele Statements russischer Amtsträger im Augenblick. Seit 2014 hat das Bedürfnis, auch in der Arktis immer wieder nationalistische Töne anzuschlagen, im Umfeld des Kreml noch einmal merklich zugenommen. Die russische Öffentlichkeit ist gerade jetzt aus nachvollziehbaren Gründen so empfänglich wie nie für Signale politischer Stärke in außenpolitisch schweren Zeiten, und an kaum einem anderen Ort passt das so gut wie in der Arktis, wo die Trennlinie zwischen Russland und der NATO noch dieselbe wie 1990 ist. Der tatsächliche Gehalt der Rede ist eigentlich recht dünn: Natürlich wird die russische Föderation „Aggressionen gegen ihre Souveränität militärisch beantworten“ – das würde sie aber sicherlich auch an allen anderen Grenzen des Landes tun. Und Shoigus Satz „Some developed countries that don’t have direct access to the polar regions obstinately strive for the Arctic, taking certain political and military steps in that direction“ ist einfach nur plump bellizistisch dahingesagt – ich wüsste beim besten Willen nicht, welche nichtarktische Nation militärische Eroberungsgelüste in der Region haben sollte. China sicher nicht.

    Der Anspruch der Russen an einem gewaltigen und vermutlich sehr rohstoffreichen Stück der östlichen Arktis ist völkerrechtlich legitim und im Westen völlig unstrittig. Ob sie aber finanziell und technisch in der Lage sein werden, den Reichtum dieser Region wirklich zu nutzen, wird dann vom weltweiten Öl- und Gaspreis und dem Sachstand der Sanktionen abhängig sein. Momentan sieht es da erstmal düster aus.

    Auch wenn dramatische arktispolitische Statements aktuell zum politischen Geschäft des Kreml gehören, bleibt es aber zunächst Symbolpolitik für den heimischen Konsum. Gleiches gilt für die durchaus substantielle, aber dennoch stets klar als „Show of Force“ inszenierte Wiederverstärkung der russischen Militärpräsenz dort oben. Wenn also in einigen Monaten die Russen ihren aktualisierten Claim bei der UN-Schelfkommission einreichen, werden derartige verbale Spitzen sogar mit Sicherheit noch häufiger werden, und auch Luftwaffe und Marine werden, da bin ich sicher, passend dazu noch ein wenig mehr „Flagge zeigen“.

    Die Amerikaner (zweiter Artikel) wachen hingegen so langsam auf. Lange Zeit waren die USA trotz der wirtschaftlichen Bedeutung Alaskas ein echtes „Entwicklungsland“, was ihre Arktispolitik angeht. Es hat Jahre gedauert, bis überhaupt die Zuständigkeiten zwischen Homeland Security / Küstenwache und Pentagon / Streitkräften geklärt waren, und bei letzteren haben sich NORAD, NORTHCOM, EUCOM und PACOM intern noch um die militärische Federführung gezankt. Nun, da die USA ab April für zwei Jahre den Vorsitz des Arktischen Rates von den Kanadiern übernehmen, kommt der Region deutlich gesteigerte Aufmerksamkeit zu, und die Lage in puncto Russland verstärkt das Ganze natürlich zusätzlich. Auch ist hier die erhöhte Aktivität in Alaska eine sicherlich ganz dankbare Antwort auf die im politischen Bereich gestellte Frage „und was tut ihr so alles wegen des Russland-Problems?“

    Was die Studie des Planungsamtes angeht, so sind dort im Übrigen sehr wohl Grönland und China berücksichtigt und auch ausdrücklich Bestandteil der abschließenden Empfehlung. Bitte auch das „Kleingedruckte“ lesen (Fußnoten 63 und 64), da sind entsprechende Erklärungen nebst einschlägigen Quellenangaben enthalten. Als ich das Papier geschrieben habe, war ich gehalten, der besseren Lesbarkeit wegen einen bestimmten Maximalumfang einzuhalten. Deswegen sind einige Aspekte, so wie diese, hier in den Anhang gewandert.

  11. @gmbartsch: Wir sollten uns in Reykjavik auf eine Tasse Wiking Bier zusammen setzen und die Fragen ausführlich diskutieren. Vielleicht ist dann auch Damien Degeorges in der Stadt, was auf jeden Fall anregend und informativ sein wird.

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