Ein bisschen mehr deutsche ‚Speerspitze‘ für die NATO

In großen Teilen ist es nicht ganz neu, was die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) am (heutigen) Sonntag unter dem Titel Die Deutschen an die Front! zu den Planungen der NATO zu schnellen reaktionsfähigen Kräften und der Rolle der Bundeswehr dabei dankenswerterweise zusammengefasst hat. Dass Deutschland beim Aufbau der neuen superschnellen Eingreiftruppe, der Very High Readiness Joint Task Force (VJTF), wie sie vom NATO-Gipfel im September vergangenen Jahres in Wales beschlossen wurde, eine recht große Rolle spielen will, hatte sich bereits beim Treffen der Außenminister des Bündnisses im vergangenen Dezember gezeigt. Doch im Hinblick auf das Treffen der NATO-Verteidigungsminister am Donnerstag dieser Woche in Brüssel gibt es jetzt offensichtlich ein bisschen mehr Klarheit darüber, was die Bundeswehr noch zusätzlich leisten soll – und wie es mit der Finanzierung aussieht.

Zum Beschluss der Außenminister vergangenes Jahr ist hier einiges nachzulesen; wichtig war dabei, dass Bundeswehr-Generalinspekteur Volker Wieker am 25. November in einem gemeinsamen Brief mit seinen Kollegen aus den Niederlanden und Norwegen dem NATO-Oberbefehlshaber, dem US-General Philip Breedlove, angeboten hatte, Kräfte für eine Provisional Response Capability zur Verfügung zu stellen. Diese vorläufige Speerspitze mit massiver deutscher Beteiligung soll auch für Kampfeinsätze bereitstehen:

The three nations offer their contributions to IRF 2015 for NATO’s response to crisis situations including alert, stage and preparation for deployment after NAC approval. (…) The intention of the three nations is to contribute to a Provisional Response Capability in 2015, which is able to respond swiftly in a fit for purpose fashion to an emerging threat. The Provisional Response Capability in 2015 needs to be an agile and military responsive instrument, within the current NATO structure and NRF regulations. It should be scalable, rapid depoyable and capable to perform a broad range of military operations, including combat.

Nach dem Zeitungsbericht werden zusätzlich zu den Panzergrenadieren in der Provisional Response Capability auch deutsche Fallschirmjäger für einen rotierenden (Übungs)Einsatz in den osteuropäischen NATO-Mitgliedsländern bereitstehen:

Von April an schickt die Bundeswehr nach F.A.S.-Informationen außerdem in jedem Quartal eine Kompanie von Fallschirmjägern los, um die amerikanischen Soldaten zu ergänzen, die schon im vergangenen Frühjahr ins Baltikum und nach Polen verlegt worden waren. Sie werden zuerst in Polen, dann in Litauen und schließlich in Lettland sein. Die Staaten an der Grenze zu Russland sollen nicht alleingelassen werden.

Das scheint mir ebenso neu wie die Angaben des Blattes zur Kostenverteilung für die Eingreiftruppe wie für die ebenfalls geplanten zusätzlichen Depots und logistischen Stützpunkte im NATO-Osten. Die Kosten, so der Bericht, sollen nach Schätzungen der Allianz in den nächsten Jahren vier bis acht Milliarden Euro Kosten, von denen allerdings nur zehn Prozent von der NATO insgesamt, also dem common funding, getragen werden. Der Rest wird nach dem Motto costs lay where they fall von den jeweiligen Mitgliedsstaaten getragen, die sich an diesen Vorhaben beteiligen. Bei seinem jüngsten Besuch in Berlin hatte der neue Generalsekretär Jens Stoltenberg sich zu der möglichen Kostenverteilung noch recht ausweichend geäußert.

Sollte die Finanzierung tatsächlich so vereinbart werden wie berichtet, dürfte das auch für Deutschland ein bisschen teurer werden als bislang absehbar – schon die für Frühjahr und Sommer geplanten Verlegeübung eines ganzen Panzergrenadierbataillons wird nicht billig.

Von den Kosten her überschaubar, aber als politisches Signal wichtig werden die NATO Force Integration Units, die die Allianz laut FAS in den baltischen Staaten, Polen, Rumnänien, Bulgarien und Ungarn aufbauen will. Diese relativ kleinen, aus jeweils 40 Soldaten bestehenden Stäbe mit einer hälftigen Besetzung aus dem Gastland werden sozusagen die Empfangskomitees für eine rasche NATO-Verstärkung. Daran soll sich laut Bericht die Bundeswehr mit 25 Soldaten – also insgesamt, für alle diese Integration Units – beteilen.

Ob das alles so umgesetzt wird, entscheidet sich dann wohl auf dem Verteidigungsministertreffen am 5. Februar. Praktischerweise können die meisten Beteiligten, darunter die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, das dann sofort anschließend auf der Münchner Sicherheitskonferenz erläutern.

Nachtrag: Was die Entsendung der rotierenden Fallschirmjäger-Kompanie angeht: In die Richtung ging, habe das gerade erst wiedergefunden, auch eine Aussage des Chefs der lettischen Streitkräfte im vergangenen Jahr. Interessante Frage wird ja, ob das als Übung im NATO-Rahmen oder, wie bei den schon laufenden Aktivitäten der US-Streitkräfte, eher bilateral angelegt wird.

Nachtrag 2: Das gehört thematisch dazu: Die Vereinbarung zwischen Frankreich und Polen, die unter anderem massive Manöver-Präsenz der Franzosen in Polen beinhaltet: Draft declaration following the French-Polish intergovernmental consultations vom 30. Januar

(Im Bällebad bereits aufgelaufene Kommentare zu dem Thema verschiebe ich hierher.)

(Archivbild März 2014: Deutsche Fallschirmjäger bei der NATO-Übung „COLD RESPONSE 2014“ – Bundeswehr/Bender)

89 Kommentare zu „Ein bisschen mehr deutsche ‚Speerspitze‘ für die NATO“

  • Jas   |   02. Februar 2015 - 0:18

    @axel_f

    Die VJTF ist nicht nur joined sondern als NATO Truppe auch combined also muss das ja keine dt. Flugabwehr machen

  • Jas   |   02. Februar 2015 - 0:29

    @J.R.

    Ich machs kurz weil gleich Kick Off…

    Die Rechtsstaatsproblematik als Schwachpunkt in der hybriden Kriegsführung rührt daher, dass wir in unserem militärischen Handeln eben an Recht und Gesetz verschiedener Coleur zur Rechtfertigung und Legitimation gebunden sind. Es ist eben auch so, das wir nur Unrecht mit militärischen Mitteln bekämpfen – alles andere wird schwierig.

    Also lässt der Gegner alles nach unseren Maßstäben so legal wie möglich aussehen („“Wahlen““) und promotet das ordentlich und bringt einen Rechtsstaat (oder Bündnis) in arge Erklärungs- und Beweisnot sollte es zu einem militärischen Einschreiten kommen.

    Das hat Putin in seiner hybriden Kriegsführung vorzüglich verstanden.

    Go Pats!

  • Stefan H.   |   02. Februar 2015 - 0:57

    @axel_f
    Man geht von eigener Luftüberlegenheit aus und das ist auch begründet. Alleine die USA hat ein ganz anderes fliegendes Potential, als Russland. Eine Verengung auf einen Vergleich des russischen Potentials mit der Luftwaffe ist wenig zielführend: Deshalb leisten wir uns ja kollektive Verteidigungsbündnisse…
    Keiner ist glücklich wenn eine Fähigkeit aufgegeben wird, aber wenn es schon aus Kostengründen sein musste, war das schon richtig gewählt. Waren ja auch die teuersten Landsysteme…

    Neben dem reinen Gefechtswert einer VJTF sind Flaggen und Soldaten von Bündnispartnern immer auch ein Faustpfand. Frühzeitig ausgebracht sind das auch für den hybriden, asymmetrischen Angreifer echte Tretminen.

  • Thomas Melber   |   02. Februar 2015 - 6:19

    „Früher“ gab es dann auch Urlaubssperre, Ausgeh- und Alkoholverbot. Das wird sich heute kaum über lange Zeit durchziehen lassen zumal die Bedrohungslage ja (noch) sehr niedrig ist.

  • axel_f   |   02. Februar 2015 - 7:11

    @Stefan H.

    Ich denke sie waren mal die teuersten Landsysteme wenn ich mir die Kosten der neuen Systeme so ansehe. Es wundert mich nur das Staaten wie Rumänien und Brasilien sich so einen Luxus leisten können. Es geht ja nicht nur um das System, sondern wie richtig angemerkt, dass eine Fähigkeit aufgegeben wurde. Die Fähigkeit gegen feindliche Flugziele im Nah- und Nächstbereich zu wirken und da haben wir keine Alternative.
    Aber man geht ja von Luftüberlegenheit aus ……

  • Nikom   |   02. Februar 2015 - 13:51

    Ich lese hier erstaunlicherweise immer nur militärische Vorschläge, teilweise meilenweit entfernt von gültigem Recht. Auf die Idee den baltischen Staaten vorzuschlagen, ihre russischen Minderheiten anständig zu behandeln und damit solchen Entwicklungen den Boden zu entziehen, auf diese Idee kommt scheinbar keiner. Sowas wäre aber deutlich Ressourcen- und Lebenschonender, wenn auch schlecht für die Rüstung.

  • Bang50   |   02. Februar 2015 - 14:40

    @ Nikom – Kennen Sie das Problem mit der guten Behandlung? Wenn Sie ihre Strategie darauf aufbauen jemand glücklich zu halten, werden Sie auf lange Sicht den Wettlauf mit der Unzufriedenheit der Menschen verlieren.

    Davon abgesehen braucht die russische Strategie keine unzufriedene russische Bevölkerung. Es reicht wenn es medial behauptet wird. Dieser Methode haben sich sowohl die Russen als auch der Westen in der Vergangenheit bedient.

  • K.B.   |   02. Februar 2015 - 14:59

    @ Nikom:

    Vor einiger Zeit wurde mal ein lettisches (litauisches?) Strategiepapier veröffentlicht, das Ihre Punkte anspricht.

    Vorschläge darin waren u.a. die Herkunftsregionen der russischen Bevölkerungsteile stärker zu betonen, um die Pluralität (des russischsprachigen Teils) der Gesellschaft zu steigern und damit den Antagonismus Russen – Letten aufzuweichen.

    Vielleicht hat ja noch jemand den Link.

  • Thomas Melber   |   02. Februar 2015 - 15:20

    @K.B.
    Leistet das nicht eher dem Separatismus Vorschub?

  • K.B.   |   02. Februar 2015 - 15:28

    Möglicherweise.
    Aber besser viele kleine Separatismen, die sich untereinander wenig zusammengehörig fühlen, als ein großer.

    Außerdem: Wenn die eigenen Feinde sich untereinander streiten, dann hat man selbst mehr Ruhe. Diesen Bruderzwist zu befördern, wäre nichts neues in der Weltgeschichte.

  • JCR   |   02. Februar 2015 - 15:32

    „Russe“ in den baltischen Staaten bedeutet praktisch „Sowjetbürger“.
    Ich kenne einige von dort, die keine Esten sind und per definitionem Russen, aber kein einziger von denen kommt wirklich von der Abstammung her aus Russland.
    Das ist vielleicht nicht repräsentativ, aber man kann davon ausgehen, daß bestimmt die Hälfte eigentlich Ukrainer, Weißrussen oder Zentralasiaten (oft auch alles gemischt) sind.
    Der reichlich exclusive baltische Nationalstolz zwang sie halt alle in die russische Identität. Und ich bezweifle, daß sich das rückgängig machen läßt.
    Vor der derzeitigen Krise hatte ich eigentlich das Gefühl, daß die Balten auf einem guten Weg sind, was das Minderheitenproblem angeht, da sich der russischsprachige Teil der Bevölkerung immer mehr an der Politik beteiligte und auch immer mehr Bürger nichtbaltischer Abstammung die Staatsbürgerschaft annahmen.

  • Thomas Melber   |   02. Februar 2015 - 15:57

    Wenn sie am wirtschaftlichen Leben positiv teilhaben und auch die anderen Segnungen der EU genießen können (Freizügigkeit, Auslandsstudienprogramme, u.a.) sollte das kein Problem sein.

    Man muß halt beim „nation keeping“ alle mitnehmen.

  • wacaffe   |   02. Februar 2015 - 16:15

    @ thomas melber

    das „mitnehmen“ im Sinne von konzessionen an ethnische minderheiten führt aber zu einer forderungssprirale seitens des aktivistisch frmedgesteuerten flügels.

    zugeständnisse an die „russen“ im baltikum wären imho ohnehin nur in einer phase sinnvoll in der gerade keine nationalrussische Drohkulisse zu deren erzwingung geführt hat.

    appeasement wird von der gegenwärtigen russischen führung als das gesehen was sie ist: Schwäche die auszunutzen ist.

    gerade der europäische legalismus in „menschenrechts“ und verwandten rechtsgebieten bietet erhebliche möglichkeiten für „lawfare“ im umweg über die nationalen minderheiten.

    hybrid warfare ist eben nur eine komponente der „unrestricted warfare“ in der alle domänen (recht/wirtschaft/politik/subversion/kinetische aktionen/agitprop etc) bespielt werden

  • JCR   |   02. Februar 2015 - 16:20

    Mir kommt dieses ganze Fremdwortgemetzel eigentlich immer vor wie die moderne Think Tank Variante vom Red under the Bed

  • Nikom   |   02. Februar 2015 - 16:24

    @ wacaffee
    Die Konsequenz aus Ihren Ausführungen wäre in der gegenwärtigen Lage also entweder Ausweisung der rusischstämmigen Bevölkerung des Baltikums, oder Internierung ? Oder gleich Liquidierung, weil man so keine Schwäche zeigt, die auszunutzen ist ?

  • wacaffe   |   02. Februar 2015 - 16:36

    @ nikom

    arbeiten sie sich ruhig am „straw man“ ab. eine antwort dürfen sie dann aber nicht erwarten

  • Rico   |   02. Februar 2015 - 18:04

    Eine kurze Wissensfrage: was trâgt der linke Schütze für ein Tarnmuster auf seinem Helm? Bitte keine Anzugsdiskussion.

  • califax   |   02. Februar 2015 - 18:20

    @Rico: Irgendeine neumodische Variante von Splittertarn. Ich suche auch gerade danach, finde das exakte Muster aber nicht.

  • MikeMolto   |   02. Februar 2015 - 18:23

    @ Nikom 13:51

    Wir duerfen nicht vergessen, dass die Balten nach 1941 von den GrossRussen ueberwiegend als minderwertig und der Dissidenz verdaechtig angesehen wurden. das reagierte der ‚primitive‘ Teil der baltischen Mehrheit nach der Staatengruendung 19990ff an den verbleibenden Russen ab.
    Da ist wenig Freundschaft und gegeseitige Achtung vorhanden.

  • Thomas Melber   |   02. Februar 2015 - 18:30

    Zudem haben die Balten noch weit nach 1945 gegen die Sowjets gekämpft (sog. Waldbrüder).

  • J.R.   |   02. Februar 2015 - 22:01

    @ Nikom
    russischen Minderheiten anständig zu behandeln und damit solchen Entwicklungen den Boden zu entziehen

    Das Szenario, das Sie ansprechen (Bürgerkrieg einheimischen Ursprungs), ist eben nicht das, was derzeit Sorgen macht.

    Die Gefahr, dass sich weite Teile der estnischen Bevölkerung radikalisieren, mit dem Staat brechen, und es in Folge zu Revolution und/oder Bürgerkrieg kommt ist schlicht nicht gegeben. Auch nicht wenn von außerhalb gezielt Scharfmacherei gefördert würde.
    (Der Trend geht zum Selbstzitat: Staatszugehörigkeit der estnischen Bevölkerung)
    Wie JCR anmerkt, die Situation in Estland reicht noch in die Sowjetzeit zurück, und ist trotz aller Unschönheiten seit Jahren dabei zusammenzuwachsen.

    Was hingegen Sorgen macht ist das zweite Szenario: Gewaltsame Machtübernahme durch Paramilitärs von Außen. Und anders als viele anscheinend glauben, spielen ideologische Überzeugungen der Bevölkerung dabei praktisch keine Rolle. (Die Krim ist da ja ein sehr anschauliches Beispiel, aber ISIS tut auch.) „Bürgerkriege“ folgen eben einer eigenen Dynamik/Logik, und Gewalt ist dabei ein extrem wirksames Mittel zum Erlangen von Kontrolle. Daher entscheiden in diesem Szenario eben handlungsfähige Strukturen und die Möglichkeit, der Gewalt etwas entgegensetzen zu können.

    Ironischerschweise geht der Einsatz von konventionellem Militär dabei schnell nach hinten los. Bei der Wahl zwischen „Von Paramilitärs beherrscht werden“ und „Echtem Krieg mit Panzern und Artillerie“ tendieren viele Menschen eben zur nicht ganz so tödlichen Option, ganz unabhängig von irgendwelchen Sympathien.
    Gerade das konnte man ja auch im Donbass beobachten: Eine gegenüber den russichen Spezialkräften/Söldnern machtlose Polizei. Und als Alternative der unkoordinierte und ungezielte Rückgriff auf Militäreinheiten, was aber erst recht Ängste vor einer Gewalteskalation hervorrief. Die Ebene dazwischen hat gefehlt.

    @Jas
    Es ist eben auch so, das wir nur Unrecht mit militärischen Mitteln bekämpfen – alles andere wird schwierig.

    Nur sind Sie eben jetzt schon beim „Narrativ“, und nicht mehr beim „Recht“. :)

    Es ist ja nicht so, als wäre die rechtliche Einschätzung der Krim-Invasion irgendwie zweifelhaft gewesen, oder als wäre Russland bei der gewaltsamen Übernahme von Militärbasen und Schiffen irgendwie subtil vorgegangen.

    Nur hatte gerade in Deutschland kaum wer ein Interesse an einem Konflikt mit Russland. Und Moskau hat die passenden Narrative dazu geliefert: „Läßt sich nicht mehr ändern“, „Wir haben ein berechtigtes Interesse“, „Die Einwohner der Krim wollen heim ins Reich“ und „Ist noch kein Krieg, wollt ihr deswegen welchen anfangen?“.
    Und in Deutschland hat man diese Narrative doch nur zu gerne aufgenommen. Trotzdem hält kaum wer die Invasion der Krim für rechtens.

  • Thomas Melber   |   02. Februar 2015 - 22:11

    @J.R.
    Hier wurde ja schon mehrfach auf eine Analyse verwiesen (Estland, Lettland, Litauen – ?), die zu dem Schluß kam, daß der Umgang mit der RUS Minderheit bisher nicht optimal war und (berechtigten) Anlaß zu Unzufriedenheit geben könnte.

    Man ist sich der Fehler der Vergangenheit durchaus bewußt. Der RUS Minderheit muß man eine Perspektive aufzeigen, „Teilhabe“, wie ich schon schrieb. Das bedeutet nicht Bevorzugung, aber Integration bzw. sogar Assimilation.

    Ggf. muß man auch einen sog. Optantenvertrag ins Auge fassen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Optant

  • califax   |   02. Februar 2015 - 22:14

    Der Optantenvertrag ist Realität. Die Leute können ja die lokale Staatsangehörigkeit annehmen oder sich an ein anderes Land wie Rußland wegen eines Passes wenden.

  • JCR   |   02. Februar 2015 - 22:16

    Ich sehe wie gesagt ein Problem auch in der Radikalisierung der „Einheimischen“. Auch wenn die Regierung dort durchaus (mit ausnahme etwas dubiousem Staatsangehörigkeitsrechts) sehr rechststaatlich ist, gibt es da durchaus radikale Elemente unter der baltischen Rechten.
    Wenn dort Heimwehren jetzt staatlich gefördert werden mit Waffen und Ausbildung, sehe ich durchaus ein Risiko, daß einzelne Elemente dieser Radikalen das Gesetz in die eigene Hand nehmen.

    Im Baltikum kam es mir so vor, daß beide Seiten zwar ungeheuer verbal aufgeladen sind, das Zusammenleben im Alltag aber irgendwie recht gut klappt.
    Aber einzelne Radikale auf beiden Seiten kann es immer geben und es reicht ein Einziger

  • Thomas Melber   |   02. Februar 2015 - 22:21

    @JCR
    Man muß dann fragen, warum das Zusammenleben klappt – vielleicht weil jede Ethnie für sich in einem eigenen Bereich lebt (sozial, geographisch)? Es somit es keine Durchmischung gibt?

    Ich kann das jetzt nicht beurteilen, es wäre aber ein interessantes Thema.

  • JCR   |   02. Februar 2015 - 22:23

    Im Grunde kam es mir so vor wie Russen = Städte (Außer Altstadt, da leben Expats und reiche Balten), Balten = Land. Es gibt auch Ausnahmen.
    In Pärnu oder so sieht man nirgendwo einen Russen. Rund um Narva dafür kaum Esten.

    Die „Russen“ (also die Sowjetbürger nichtbaltischer Nationalität) kamen überwiegend als Industriearbeiter, Soldaten oder Verwaltungsangestellte, da konzentriert sich das in Städten.

  • wacaffe   |   02. Februar 2015 - 22:33

    @ JCR

    „Die “Russen” (also die Sowjetbürger nichtbaltischer Nationalität) kamen überwiegend als Industriearbeiter, Soldaten oder Verwaltungsangestellte, da konzentriert sich das in Städten.“

    Soso, sie „kamen“ also. Sowjetisch/stalinistische nationalitätenpolitk sagt ihnen aber schon was?

    In der Zeit von 1945 bis 1990 wurde durch gezielte Ansiedlung nichtestnischer Einwohner, insbesondere von Russen, die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Nationalitäten wesentlich zu Ungunsten der einheimischen estnischen Bevölkerung verändert.

    die forcierte an/umsiedlung zwecks russifizierung ist nun wirklich kein geheimnis. Sie ist übrigens der grund warum die autochthone baltische bevölkerung der russischen minderheit derart skeptisch gegenübersteht. sie ist das relikt stalinscher ethnopolitik um die integrität der baltischen staaten zu unterwandern. genau daran will Putin jetzt möglicherweise anknüpfen indem er diese potentielle 5. kolonne mobilisiert. (kennt man ja von erdogan und der hiesigen diaspora)

    das mit hinweisen auf angeblich harmonische koexistenz als „sowjetbürger“ verschleiern zu wollen ist dann doch eher ahistorisch

  • Thomas Melber   |   02. Februar 2015 - 22:42

    @wacaffe
    „stalinscher ethnopoliti“

    Und wie lange ist das jetzt her? Stalin starb 1953, das ist über 60 Jahre her – über zwei Generationen. Das Rad der Geschichte können wir nicht mehr zurückdrehen, die Flucht aus den deutschen Ostgebieten ist nur acht Jahre älter.

    Wie gesagt, man kann versuchen mit RUS ein Optanten-Abkommen zu schließen, oder eben sich der Herausforderung zu stellen, die es in der Welt öfters gibt (z.B. Palästinenser in Israel).

  • J.R.   |   02. Februar 2015 - 22:46

    Die Verteilung gemäß dem 2000er Zensus hat es auf Wikipedia: „Russians in Estonia“.

  • wacaffe   |   02. Februar 2015 - 22:55

    @ t. melber

    sie haben recht. es ist lange her.

    das ist ja gerade das perfide an ethnischer subversion. sie ist für demokratishe staaten quasi irreversibel und schafft einen dauerhaften hebel zur einflussnahme für den „entsendestaat“. genau aus dieser hilflosigkeit speist sich ja die ethnisch baltishe frustration/furcht. das ist angesichts der weiter östlich praktizierten transnistrisierung/abkarisierung/ossetisierung auch keineswegs irrational. genau dieser aspekt wird hier aber von unserer politischen führung nicht verstanden bzw. ignoriert.

  • JCR   |   02. Februar 2015 - 22:58

    Aha, wieder die Moralkeule anhand einzelner Formulierungen.
    Ab ins Welt Online forum bitte :)

    Ich kenne einige dieser „Siedler“ und sie wollen A. weder siedeln noch B. wurden sie in Viewaggons dort hin gebracht um ihre Scholle zu beackern.
    Es waren völlig normale Posten wie alle anderen.

    Wenn es in der Nachstalinzeit dort eine bewußte Ansiedlung gab, dann funktionierte sie darüber, daß die baltischen Staaten extrem attraktiv waren, weil dort der Lebensstandard wesentlich höher war als in der russischen SSR. Ganz zu schweigen von Westfernsehen aus Schweden und einem recht schwunghaften Handel mit Westwaren aus Finland.
    Es lohnte sich, dort hin zu gehen, und jeder der die Möglichkeit hatte, nahm sie auch wahr.

    Ist für Sie ein Marineoffizier, der zu einem Minensuchgeschwader (Brigade) in Estland verlegt wird und natürlich seine Frau mitnimmt und dann dort 2 Kinder bekommt ein „Siedler“?

  • Thomas Melber   |   02. Februar 2015 - 23:05

    @JCR
    Nun, man muß die Familie fragen. Wie auch immer die Antwort ausfällt, das macht sie nicht zu schlechten – aber ehrlichen – Mitbürgern. Und natürlch muß man ihnen auch eine perspektive aufzeigen.

    Allerdings: im geschichtlichen Kontext ist das überhaupt nichts neues, das gab es schon oft (z.B. DEU-FRA, GR-TR, PAK-IND).

  • wacaffe   |   02. Februar 2015 - 23:07

    @ JCR

    so naiv sind sie doch sonst nicht.

    ihr marineoffizier reagier auf incentives die staatlicherseits gesetzt werden. (materieller art, ansiedlung seiner basis im zu besiedelnden zielland usw.) die individuelle motivation ist dabei nicht verwerflich.

    das problem ist die struktur die den ansiedlungswillen fördert. auch die polonisierung/sinisierung und sonstige -sierungen funktionieren/ten so. zuckerbrot und peitsche. peitsche ist dann eben repression baltischer kultur/sprache usw. und bei renintenten fällen Erlebnisurlaub in Workuta. genau so wurde es praktiziert.

    das sollte man imho nicht relativieren.

  • JCR   |   02. Februar 2015 - 23:19

    Das Problem ist, daß die UdSSR in ihrer immerhin fünfzigjährigen Nachkriegsgeschichte als monolithischer Block angesehen wird.
    So schlim wie zu Stalins Zeiten war es wohl seit den 60ern nicht mehr.
    In den 80ern gab es in Estland estnisches Fernsehen und alles war zweisprachig.
    Bei Youtube kann man sich „Meisterwerke“ estnischen Werbefernsehens von 1985 anschauen, z.B. die Werbung für Hühnerfleisch des Hühnerkombinates Nr. 1 in Tallin, zu einer estnischen Version von „Satisfaction“ ;)

    Es war natürlich keine vorbildliche Minderheitenpolitik und nicht gerade ein rechtmäßiger Zustand, aber von stalinistischem Terror weit entfernt.

    Es gibt auch Grauzonen und man muß nicht immer dem Narrativ von Leuten, die das Baltikum zwischen 1945 und 1991 nie betreten haben folgen ;)

  • J.R.   |   02. Februar 2015 - 23:23

    @ wacaffe
    dauerhaften hebel zur einflussnahme für den “entsendestaat”

    Wo denn?
    Irgendwelche Minderheiten als 5. Kolonne einer ausländischen Macht sind doch Angstkonstruktionen. Auf die historischen Beispiele für eine einheimische Revolution mit „Anschluss! Anschluss!“-Forderungen wart ich ja immer noch. ;)

    Umgekehrt wird halt eher ein Schuh draus: Ist ein Gebiet erstmal unter einer bestimmten Kontrolle, entsteht meist recht bald auch eine zugehörige Identität. Die BRD und die DDR wären so Beispiele. Und das gleiche gilt auch für die baltischen Staaten.

    Und auf perverse Weise folgt doch auch der Krieg im Donbass dieser Regel: Ohne militärisch besetzte Gebiete würde Russland in der Ukraine doch politisch keinen Fuss mehr in die Tür kriegen. So besteht für den Kreml immer noch die ferne Hoffnung, irgendwann moskauverlesene „Repräsentanten der LNR/DNR“ in einer „Einheitsregierung“ in Kiev unterzubringen.

  • wacaffe   |   02. Februar 2015 - 23:27

    @ JCR

    ich bestreite ja auch nicht das zwischen „viehwagendeportation“ anno 1950 und „kommt nach Tallin für größere datscha und schönere frauen“ anno 1980 eine veränderung eingetreten ist.

    trotzdem war es bis zuletzt raison d`etat „problematische“ SSR’s ethnisch aufzulockern.

    die methoden habne sich unteschieden der grundsätzliche impetus blieb aber gleich.

    mit den konsequnezen dieser strategie müssen die balte heute eben leben.

    putin hat es jdenfalls genau verstanden. wenn er europa mal so richtig foppen will kann er den „staatenlosen“ „diskriminierten“ ethnorussen ja einfach russische pässe anbieten.

    RT macht dann die kampagne „Putin Verteidiger der Menschenrechte“.

    so viele schöne möglichkeiten wenn man erstmal ein minderheitenvehikel vor ort hat

    ————-

    @ J.R.

    das kann ich nicht wirklich beurteilen. was ich bisher dazu gelesen habe. zugebenermaßen primär baltische quellen gibt es durchaus russische vorfeldorganisationen im baltikum. heutzutage eben eher in form politischer parteien/kulturvereine und weniger in gladio manier.

    das kann sich aber ändern wenn man im kreml die entsheiung dazu trifft.

    ob das dann erfolg hat muss man sehen. die option besteht aber

  • K.B.   |   03. Februar 2015 - 0:35

    @Thomas Melber:

    Hier das angesprochene Strategiepapier:

    http://www.naa.mil.lv/~/media/NAA/AZPC/Publikacijas/PP%2002-2014.ashx

  • MikeMolto   |   03. Februar 2015 - 8:21

    @ wacaffe 23:27
    ‚den “staatenlosen” “diskriminierten” ethnorussen ja einfach russische pässe anbieten.‘

    Haben die denn nicht noch/oder wieder russische Paesse?

  • J.R.   |   03. Februar 2015 - 8:42

    Hier nochmal der Link zu den Zahlen für Estland. Stand Januar 2015. Mit Bildchen.
    http://estonia.eu/about-estonia/society/citizenship.html