Re-post: Russisches Flugzeug 600 Meter im NATO-Luftraum

— Dieser Eintrag vom 22.10.2014 wurde wg. Domainumzug auf augengeradeaus.wordpress.com veröffentlicht, deshalb hier als erneutes Posting —

Schnell die sachliche Darstellung, ehe die Meldungen eine falsche Dramatik schaffen: Ein Aufklärungsflugzeug der russischen Luftwaffe vom Typ Iljuschin IL-20 (Foto oben) ist am (gestrigen) Dienstag über Estland in den Luftraum eines NATO-Mitglieds eingedrungen – etwa 600 Meter weit. Der Zwischenfall ereignete sichüber der estnischen Insel Saaremaa und dauerte weniger als eine Minute. Bereits zuvor war die IL-20 von Abfangjägern der NATO beobachtet und begleitet worden.

Mehr Details in der Mitteilung der NATO unten; vorher ein Hinweis: Dass Piloten von Kampfflugzeugen, sei es zum Austesten anderer Streitkräfte, sei es aus Nachlässigkeit, gerne mal dicht an die Grenze (eines Landes, wo sie nicht sein sollten) gehen, ist nichts Ungewöhnliches – auch nicht in der NATO, wie altgediente Offiziere mit Erfahrung aus dem Kalten Krieg auch gerne bestätigen. Bei einem Aufklärungsflugzeug wie der IL-20 dürfte natürlich der Wunsch dahinter stehen, ein bisschen näher an lohnende Ziele heranzukommen. Obwohl gerade der Ort der Luftraumverletzung über einer Insel in der Ostsee nicht ausschließt, dass der Pilot eine Abkürzung nehmen wollte…

Die NATO-Mitteilung:

NATO Air Policing Fighters Intercept Russian Aircraft over the Baltic Sea
MONS, Belgium – NATO radars detected and tracked one unidentified aircraft flying in the vicinity of Allied airspace in the Baltic Sea on Tuesday, 21 October at approximately 9 a.m. CET. Fighter jets from NATO Ally Denmark (F-16) were scrambled, as were Portuguese F-16 aircraft from NATO’s Baltic Air Policing Mission in order to identify the aircraft and maintain the security of Allied air space. Non-NATO fighters from Sweden were also involved in the intercept.

The aircraft was identified as a Russian IL-20 (intelligence collection aircraft). The Russian IL-20 took off from Kaliningrad and commenced flying over the Baltic Sea towards Denmark. The Russian aircraft was first intercepted by Danish F-16’s and as the IL-20 headed further north it was intercepted by fighters from Sweden. The Russian aircraft headed south again and Portuguese F-16’s were scrambled. At 12:53 p.m. CET the IL-20 approached Estonian airspace from the northeast. The Russian aircraft entered Estonian airspace near the island of Saaremaa for a period of less than one minute, which represented an incursion of about 600 meters into NATO airspace.

Portuguese F-16’s made visual contact with the IL-20 and escorted it until it was further away from NATO airspace. NATO jets assigned to the Baltic Air Policing Mission were available throughout the duration of the Russian flight and the IL-20 was continually tracked using Allied assets on the ground and in the air.

Deutsche Eurofighter, die im Rahmen des Baltic Air Policing in Ämari in Estland stationiert sind, wurden offensichtlich nicht alarmiert. Das dürfte daran liegen, dass sich die Luftwaffe den Quick Reaction Alert (QRA), die ständige Alarmrotte in 15-Minuten-Bereitschaft, wochenweise mit den Alarmrotten anderer NATO-Mitglieder teilt, die auf anderen Flugplätzen in den baltischen Staaten stationiert sind.

Nachtrag: Die NATO scheint den Vorfall als bewusste Luftraumverletzung einzuordnen:

Nachtrag 2: Estland hat wegen des Vorfalls den russischen Botschafter einbestellt, meldet Reuters.

Nachtrag 3: Das russische Verteidigungsministerium bestreitet, dass estnischer Luftraum verletzt wurde, meldet die russische Agentur TASS.

(Um die später Übertragung zu augengeradeaus.net zu vereinfachen, nehme ich ggf. Hinweise aus den Kommentaren in den Eintrag)

(Foto: Flickr-User Dmitry Terekhov unter CC-BY-SA-Lizenz)

2 Gedanken zu „Re-post: Russisches Flugzeug 600 Meter im NATO-Luftraum

  1. Also so langsam bekomme ich das Kichern. Wer – so wie ich – die intelligence challenge and reply Spielchen zwischen WP und NATO in den 80ern in der Ostsee direkt mitbekommen, bzw. mitgemacht hat, der kann bei solchen Angaben wie eine Minute und 600 Meter nur den Kopf schütteln. Da schickt man dänische, schwedische und portugiesische Abfangjäger einer ollen IL20 auf den Pelz und wundert sich, wenn der russische Pilot einfach genervt die Kurve ein wenig zu weit dreht.
    Und die Schweden jagen munter weiter ein Phantom-Uboot, wobei die eine Sichtung wohl mittlerweile als Party-UBoot einer schwedischen Event-Agentur identifiziert worden ist.
    Allerdings mein ein US-amerikanischer „Experte“, dass „Die Russen wollten möglicherweise ihre neuen besonders leisen U-Boote der Lada-Klasse testen – zumal sie zuletzt viel in die Diesel-Elektro-Technologie investiert hätten.“ (Quelle: N-TV). Wer mal ein büschen googelt, der wird feststellen, dass die russische Marine komplett verrückt sein muß, mit ihrem einzigen und ziemlich rotten Ostsee-Lada ausgerechnet im schwedischen Schärengarten Erprobungen durchzuführen.
    Mir ist einfach schleierhaft, warum die NATO nicht langsam begreift, dass die breite Öffentlichkeit in den meisten europäischen Ländern solche „Tatarenmeldungen“ nicht mehr ganz so ernst nimmt.

  2. @ klabautermann
    kann dem nur zustimmen und mal die Frage aufwerfen, welche Flugrichtungsänderungen die russische Maschine nach Angaben der NATO wohl vollzogen haben muss: Aus Kaliningrad Richtung Dänemark, nach Interecpt Abbiegen nach Norden, um die Schweden zu wecken und dann – wo blieben die Finnen? – ab an die Grenzen des estnischen Luftraums, um zu schauen, ob die Portugiesen reagieren – wo bleibt da bloß die Intergretation, der Flug habe wohl dem Testen der Reaktionszeiten der QRAs im ganzen Ostseeraum gedient. Ach die NATO und ihr Beinahemitglied Schweden sind einfach zu langsam, zu inkosequent. So eine Chance lässt man sich doch nicht einfach entgehen….

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