RC N Watch: ‚Schlacht um Kundus‘

Diese Meldung der Nachrichtenagentur Reuters stammt vom (heutigen) Mittwoch. Nicht etwa aus dem Jahr 2010:

Afghan forces battle for control of symbolic Kunduz province

Afghan security forces are battling the Taliban for control of the northern province of Kunduz, where insurgents are threatening to overrun the capital and terrorizing residents who have fled to nearby districts. (…)
Kunduz city residents have once again grown used to the daily sound of gunfire as fighting rages just a few kilometers away. While the government still holds the capital, it lacks resources – including military air power – to regain areas beyond the perimeter that are now largely under Taliban control.
„People are concerned and most of them have already fled to safe places outside Kunduz,“ said Chahar Darah district police commander Abdul Shukor Surkhi.

Dazu ein Foto eines afghanischen Journalisten, das die Taliban bei der Übernahme des Polizeihauptquartiers von Char Darrah zeigen soll:

Nachtrag, wie in den Kommentaren schon erwähnt: Auf nationaler Ebene sieht es mit der Einigung auf ein Ergebnis (!) der Präsidentenwahl nicht gut aus:

Afghan presidential candidate Abdullah Abdullah will reject the results of a UN-supervised audit of the election, his spokesman says, tipping the country deeper into crisis a week before the scheduled inauguration.

(Archivbild 2010: Deutsch-afghanischer Checkpoint im Raum Kunduz – Bundeswehr/Wayman via Flickr unter CC-BY-ND-Lizenz)

81 Gedanken zu „RC N Watch: ‚Schlacht um Kundus‘

  1. Mal zu den Vergleichen mit Vietnam und Irak:

    In beiden Nationen ist der Westen eben gerade nicht gescheitert sondern wurde vom ehemaligem Verbündeten in einer Kampfpause aufgefordert zu gehen. Gescheitert sind dann diese ehemaligen Verbündeten nachdem sie in ihrem eigenem Haus keine Ordung halten konnten.

    Oder anders formuliert, jeder der die westlichen Verbündeten zu früh wegschickt hat seine eigene Zukunft mit Sicherheit verspielt.

    Das schliesst nicht aus dass man mit zuverlässigen Teilen der ehemaligen Verbündeten weiter kooperiert sobald die Entscheidungsträger die Kontrolle verlieren – immerhin kann dieser Weckruf sich positiv auf eine zukünftige Zusammenarbeit auswirken oder anders gesagt, dann kann man harte Bedingungen stellen, friss oder stirb. Dann klappts auch mit der Partnerschaft.

  2. Bei der Übergabe der Polizeistation War es schon klar das diese bei einem Angriff nicht durch die Kräfte vor Ort gehalten werden kann. Denn ohne CAS war jede Operation der Afghanen ein Reinfall

  3. Zitat TomCat: „Warum fällt mir jetzt das Bild mit dem US Hubschrauber in Saigon ein, … die letzten kommen gerade noch raus, und alles war umsonst.“

    Das wäre dann Kabul Ende 2016.

    Bitte nicht vergessen: Die Amerikaner sind nach den Pariser Abkommen 1972 mit ihren Kampftruppen geordnet abgezogen.

    1974 hat dann Nordvietnam das Friedensabkommen gebrochen und hat den Süden überfallen – ermutigt durch die Unfähigkeit der südvietnamesischen Regierung und mit Unterstützung von Teilen der Bevölkerung. Die USA sind aus innenpolitischen Gründen dann nicht – wie eigentlich vereinbart – zu Hilfe gekommen und so war die Invasion erfolgreich.

    Die Operation Frequent WInd (bei der auch das berühmte Foto entstand) diente hauptsächlich der Evakuierung des Botschaftspersonals und südvietnamesicher Flüchtlinge aus Saigon. Außer dem Bewachungspersonal der Botschaft waren da keine amerikanischen Truppen dabei.

    @Wait&C: Korrekt. Mal schauen, ob der zukünftige afghanische Präsident diese Lektion gelernt hat.

  4. Übrigens, der örtliche dpa-Mitarbeiter weist mich heute via Twitter darauf hin, dass das Polizeihauptquartier in Char Darrah nicht von Taliban besetzt wurde.

    Wg. Details vertröstet er mich auf eine dpa-Geschichte später… da bin ich gespannt.

  5. Darf ich mal bitte eine Frage in den Raum stellen …. und ich bitte gleich vorab um Absolution von einem Bashing !!!

    Unter der Annahme das Staaten immer nur Interessen verfolgen und nur politisch eine Menschenfreundlichkeit der Öffentlichkeit als Motivation vorgespielt wird …

    WAS SIND DIE INTERESSEN IN AFGHANISTAN ?????

    Selber war ich schon in dem wunderbaren Traumland … Bis dato konnte mir aber niemand ( quer durch alle Dienstgrade bis zum General ) meine Frage vernünftig und ohne halbseidenes Gestammel beantworten ….

    Danke !!!

  6. @ Pilgrym | 28. August 2014 – 9:59

    Im Prinzip Zustimmung.

    Wenn Sie weiter Analogien aufbauen, was würden Sie sagen: Wer ist der “afghanische” General Vo Nguyen Giap?

    Analog zu folgendem Diskussionsbeitrag aus dem Jahr 2010:
    http://augengeradeaus.net/2010/09/plan-b-fur-afghanistan-sud-vs-nord/#comment-802

    Keiner unserer Politiker kann heute sagen, er hätte es nicht wissen können. Aber in selbstgefälliger Arroganz hat unsere Politik jeglichen sicherheitspolitischen Sachverstand verteufelt. Leute, die schon vor über 10 Jahren auf die strukturellen Fehler hingewiesen haben, wurden kaltgestellt und diffamiert. Man wurde als Unmensch bezeichnet, wenn man feststellte, dass von uns betriebene Mädchenschulen für Afghanistan nicht unserem sicherheitspolitischen Interesse dienen und diese Einmischung in die afghanische Lebensweise Aufstandsbewegungen verstärken wird. Erinnert sich noch jemand an die Petersberg-Afghanistankonferenz Ende 2002? Ab da an war absehbar, dass die Afghanen falsch spielen, wir/der Westen doch bitte ganz viele Ressourcen bei den afghanischen Fürsten abliefern sollten, damit diese damit den Dschihad gegen uns bezahlen können.
    Ich bin mal gespannt, wie nun mit den Soldaten, die diesen Einsatz getragen haben, umgegangen wird. Den Charakter eines Volkes erkennt man daran, wie es seine Soldaten nach einem verlorenen Krieg behandelt.

    PS: Was hat Sie zu Ihrem Benutzernamen inspiriert?

  7. So, jetzt habe ich die dpa-Meldung gesehen (u.a. bei der Rheinischen Post, Schwere Gefechte an früherem Bundeswehr-Standort, Link aus bekannten Gründen nicht).

    Bleibt deutlich hinter der gestrigen Reuters-Meldung (siehe oben im Eintrag) zurück und hat nicht allzu viele Details. Insbesondere das Polizeihauptquartier in Char Darrah wird in der Fassung, die ich lesen kann, nicht thematisiert.

  8. @ SER | 28. August 2014 – 11:48

    Zitat: „WAS SIND DIE INTERESSEN IN AFGHANISTAN ?????“

    Für OEF fällt mir da ein: Böse Buben verhauen, die Leib, Leben und Freiheit von unseren Staatsbürgern oder die unserer Verbündeten bedrohen. Das halte ich für ein veritables nationales Interesse, weswegen man diese bösen Buben jagen und auch töten darf.

    Für ISAF, also Brunnen bohren, Mädchenschulen bauen und den Afghanen die Errungenschaften von Gendergerechtigkeit und Demokratie vermitteln, fällt mir leider kein ernsthaft vertretbares nationales Interesse ein.
    Übereinstimmungen von ISAF mit neokolonialem „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ kann ich hingegen sehr wohl erkennen.

    Man könnte jetzt mit einer Übertragung der Domino-Theorie auf den Islamismus etc. anfangen. Solange wir aber bei uns keine relevanten Anstrengungen zur Eindämmung des Islamismus vornehmen, ist es nicht logisch, dass „sehr dicke Brett“ Afghanistan anbohren zu wollen.

  9. @ Patrick Horstmann | 27. August 2014 – 22:51

    Gerne stimme ich Ihnen zu, dass der islamistische Extremismus unsere vitalen Sicherheitsinteressen berührt und dass man tunlichst versuchen sollte, ihn mit geeigneten Mitteln einzudämmen. Den Mix an Instrumenten dazu haben Sie ja genannt.

    Aber was heißt das konkret mit Blick auf die militärische Dimension der Sicherheitsvorsorge? Wollen Sie tatsächlich ein weiteres Jahrzehnt mit einem starken Truppenkontingent in Afghanistan verbleiben und zugleich neue militärische Fronten im Irak, in Syrien, in Libyen, in Mali, in Zentralafrika und gegen die Boko Harem im Nigeria eröffnen, um nur einige der aktuellen Brennpunkte, die vermutlich alle einer never-ending-story ziemlich nahekommen, zu nennen? Und dann auch noch gleichzeitig die Anstrengungen zur Landes- und Bündnisverteidigung mit Blick auf die neue, brisante Lage in Osteuropa verdoppeln?

    Man kann nicht alles haben und leisten. Daher sehe ich keinen vernünftigen Grund, unser Engagement in Afghanistan wieder hochzufahren. Eine solche Entscheidung hätten wir vor gut 10 Jahren treffen sollen, anstatt eher halbherzig dem Prinzip Hoffnung zu huldigen. Jetzt ist es zu spät.

    Wenn wir eine Gesamtstrategie entwickeln wollen, müssen wir zu allererst Schwerpunkte setzen. Das fehlt bisher. Nicht nur was wünschenswert, sondern auch was realsierbar ist, muss dabei leiten. Und wenn dann Lücken entstehen, muss man versuchen, sie anderweitig einigermaßen zu schließen. Etwa durch verstärkten Einsatz anderer sicherheitspolitischer Instrumente oder durch internationale Aufgabenteilung oder auch gar nicht. Nicht schön, aber wohl kaum zu ändern. Ich glaube nicht an sicherheitspolitische Paradiese.

    @ SER

    Unsere Interessen in Afghanistan? Sicherheitspolitisch ganz klar, auch wenn es banal klingt: Dort darf nicht wieder ein völkerrechtsfreier Raum entstehen, aus dem heraus ein Terrornetzwerk Anschläge wie die von New York und Washington und Madrid und London völlig geschützt planen und durchführen kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Die Ratio des Einsatzes seit Anfang 2002 war dann: Je stabiler ein Land im Sinne unserer demokratischen Standards ist, desto geringer die Gefahr eines Rückfalls. Nur: Das klingt einfacher als es im wirklichen Leben ist.

  10. Der Spiegelbericht mit:“ Taliban hissen Flagge auf ehemaligen Bundeswehrcamp“ ist schon deutlich und sollte zu einer breiten Debatte darüber führen, ob der Rückzug sinnvoll ist der Bundeswehr, aber ich denke die Regierung wird alles tun, um diese Krise zu ignorien oder Kleinzureden und sich hinter den Krisen in der Ukraine und Irak zu verstecken!

  11. @Closius
    Mir ist es lieber die Taliban hissen ihre Flagge in einem aufgegebenen deutschen Camp als in einem was bis unmittelbar zuvor noch von DEU Kräften gehalten wurde.

  12. @Thomas Melber: Wenn die Bundeswehr noch da wäre, wäre die Lage in und um Kundus noch unter Kontrolle. Offensichtliich ist die Afghanische Armee alleine zu schwach…

    Natürlich ist es besser, daß das Camp schon aufgegeben ist, als wenn es unmittelbar noch gehalten worden wäre(was eine deutsche militärische Niederlage implizieren würde) aber wie gesagt, bin ich sicher, daß die BW das Camp gehalten hätte bzw. die Taliban vermutlich gar keinen Großangriff riskiert hätte, wenn die BW noch da wäre.

  13. @KaLaBe und Sun Tzu

    Wenn die Störung / Vernichtung eines terroristischen Rückzugs- und Planungsraum die Motivation für den ISAF Einsatz darstellt …. Was zur Hölle mache ich da mit einem normalen Truppenkontingent ???

    Der MOSSAD, KGB, CIA etc. nehmen ganz andere Mittel in die Hand bzw. SOF-Einsätze a la SAS etc. machen dann auch mal in den Camps der bösen Buben kurzen Prozeß !

    Aber mit welcher Verblendung will oder wollte denn ernsthaft jemand Afghanistan stabilisiieren ? Ist die Fähigkeit Bücher zu lesen abhanden gekommen in Berlin ???

  14. Frage in die Runde zu dem oben via Twitter eingebetteten (und auch bei SpOn) veröffentlichten Foto, auf dem Taliban ihre Flagge auf einem Beobachtungsturm über Hescos hissen: Auf Twitter heißt es nun, es handele sich um Nawabad, nicht um das Char Darrah PHQ.

    Hat jemand aus eigener Erfahrung noch vor Augen, wie das aussah, und kann es ggf. bestätigen?

  15. @ Closius | 28. August 2014 – 13:08

    Aber da kommen wir doch langsam tatsächlich zum Vietnam-Syndrom. Die USA haben im Feld alle Schlachten gewonnen, den eroberten Raum dann aber nicht gehalten und der Feind musste einfach abwarten und konnte dann wieder die Macht übernehmen. Genau das beobachten wir gerade in Kunduz.
    Den Krieg haben die USA verloren, weil man die Heimatfront und damit die Willenskraft zu Durchhaltefähigkeit verloren hatte. Wie nun beim Thema Afghanistan.

    Es drängt sich der Schluss auf: Westliche Demokratien sind nicht in der Lage, langfristiges Nation- Building durchzuführen, weil es uns an der langfristigen Willenskraft fehlt, die ein bis zwei Generationen, die Nation-Building braucht, durchzuhalten. Uns selbst wenn bei einzelnen Personen oder Parteien die Willenskraft da wäre, in unserer Demokratie würden sie nach einiger Zeit abgewählt.

    Der Schluss kann nur sein: Finger weg von längerfristigen Auslandseinsätzen. Kurzfristige „Feuerwehr-Einsätze“ kann man überlegen, aber alles darüber hinaus widerspricht unseren Interessen, da es nachhaltig nicht funktioniert.

  16. @Wait&C, @KeLaBe

    Auch wenn Sie es wahrscheinlich nicht wahrhaben wollen:
    Kriege werden von der Rüstungsindustrie, bestimmten Politikern und Medien nicht geschürt, um gewonnen zu werden (höchstens im Auftrag bestimmter Rohstoffhändler), sondern um geführt zu werden, damit man eben möglichst viele Waffen (möglichst an beide Seiten) verkaufen kann. Gleichzeitig führen die Aktionäre der Rüstungsbetriebe sowie deren Vorstände ein schönes Leben.

    @KeLaBe

    Zu den Anschlägen in New York eine wichtige Information: Stahl bzw. Eisen schmilzt erst bei etwa 1500°C. Mit einem einfachen Feuer bekommt man solche Temperaturen nicht hin (s. Windsor-Tower oder das Hotel beim CCTV-Komplex in Peking 2009).

    Menschen, die gegen eine Besatzungsarmee kämpfen nannte man früher Partisanen, heute sind das Terroristen oder Rebellen. O tempora o mores!

  17. @ SER | 28. August 2014 – 13:11

    Praktisch sind wir einer Meinung, dass ISAF der falsche Ansatz war und man es bei OEF mit seinem SOF-lastigen Agieren hätte belassen sollen.

    Wenn man Afghanistan erfolgreich hätte besetzen und umbauen wollen, hätte man nur in der Literatur nach klassischen Besatzungsschlüsseln für solche Aktionen nachlesen müssen.

    Die Zahl eins zu zwanzig wird da gern genannt. Für 20 Einheimische brauche ich einen eigenen Soldaten, um im Zielland meinen Willen aufzuzwingen, und sei es auch nur ein anderes Frauenbild. Afghanistan hat ca. 30 Mio. Einwohner, macht mal eben 1.500.000 ISAF-Soldaten, die man für einen Erfolg gebraucht hätte, so für 30 Jahre Besatzung … leider ist Nation-Building wie Schwangerschaft: Entweder ganz oder gar nicht.

    Diese Verhältnisse sollten sich vielleicht auch unsere Bundestagsabgeordneten vor Augen führen, wenn sie in aller Welt Einsätze anzetteln. Ich sehe uns schon wieder beim Mädchenschulen bauen im Irak … Islamisten werden das Prima finden, die Gebäude machen sich anschließend gut als Koranschule zwecks islamistischer Frühindoktrination.

    Zitat: „Aber mit welcher Verblendung will oder wollte denn ernsthaft jemand Afghanistan stabilisiieren ? Ist die Fähigkeit Bücher zu lesen abhanden gekommen in Berlin ???“

    Das müssen Sie unsere lieben Politiker oder die Vertreter der Zivilgesellschaft fragen, die diesen Weg beschlossen haben. Vielleicht geben Ihnen Frau Roth oder Frau Käßmann ja eine Antwort.

  18. @ Sun Tzu
    Wer der afghanische General Vo Nguyen Giap oder gar Ho Chi Minh werden mag, ist m.E. nicht ganz klar. Das hängt wohl entscheidend auch vom zukünftigen Vorgehen Pakistans ab.
    Dagegen scheint sich das Rennen um den dortigen Nguyen van Thieu auf zwei Kandidaten zugespitzt zu haben.

    Was mich an meinem Dienstherren – bzw. unserer Gesellschaft ganz allgemein – so sehr stört, ist der Unwillen und die Unfähigkeit, deutsche Interessen zu definieren, diese zu diskutieren und dem Volk zu vermitteln.

    ISAF war nie ein Einsatz zum Brunnen bohren und Schulen bauen – auch wenn die Politiker dies immer gern in Sonntagsreden vorgeschoben haben.
    Es war und ist auch nie ein NATO-Einsatz gewesen – auch wenn die NATO die militärische Führung übernommen hat (nachdem sich manch ein nationaler Befehlshaber nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte)
    Es war auch nie Ziel, den Afghanen einen Staat westlicher Prägung „aufzuzwingen“.

    Es war der erklärte Wille der Weltgemeinschaft, die „Islamische Republik Afghanistan“ aufzubauen und zu derem militärischen Schutz internationale Kräfte zu entsenden.
    Das drücken die diversen Resolutionen des Sicherheitsrates, die Mandate der UN-Vollversammlung und auch das deutsche Bundestagsmandat klar aus – man muss sie nur lesen.

    Versagt hat die deutsche Politik, als sie sich vom relativ friedlichen Einsatzbeginn im Norden einlullen liess und am Ende die Mär vom bewaffneten THW selber geglaubt hat.
    Versagt hat die deutsche Politik, als sie die zwingend notwendigen zivilen Maßnahmen in Afghanistan mehr und mehr schleifen liess. Immerhin waren ja die Soldaten dort – das muss reichen.
    Versagt hat die deutsche Politik, als sie keine Anstrengungen machte, alle Parteien an einen Tisch zu bekommen – und sei es inoffiziell.
    Und versagt hat die deutsche Politik, als sie es unterliess, den Deutschen den wahren Sinn des ISAF-Einsatzes – und den zu bezahlenden Preis, auch in Menschenleben – zu erklären. @KeLaBe hat das sehr prägnant zusammengefasst.
    In einer globalisierten Welt betreffen heutzutage Gegenden unsere Sicherheitsinteressen, die früher zu Recht „nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert“ waren.

    Zu der Frage nach meinem Nick – ich habe das bekloppte Hobby, manchmal in’s Mittelalter abzutauchen und interessiere mich sehr für diese Zeit.
    Für den ersten Charakter, den ich auf derartigen Veranstaltungen verkörperte, habe ich mir viele Anregungen in Chaucers „Canterbury Tales“ geholt – und er hieß einfach „Pilger“. Der Nick entstand dann aus dem englischen „pilgrim“ und einer meiner weiteren Marotten – der mit dem „y“ im Namen meiner Figuren.

  19. T. Wiegold – das ist definitiv nicht das Polizei HQ in Char Darra.

    Es ist wahrscheinlich ein ALP-Posten, muss noch nichtmal Nawabad sein, da war ja in den letzten Wochen einiges über Gefechte in Kunduz (erst Taliban-Offensive, in den letzten Tagen wieder Offensive der Regierung) in den Medien die Rede (07.08.: http://www.tolonews.com/en/afghanistan/15866-local-policemen-joins-taliban-ranks-in-kunduz; 17.08.: http://www.tolonews.com/en/afghanistan/15999-increasing-insurgency-in-kunduz; 24.08.: http://www.tolonews.com/en/afghanistan/16090-ansf-drive-taliban-away-from-kunduz-districts). Einige ALP-Checkpoints wurden erobert bzw. übergeben, viele davon inzwischen wieder von der Regierung zurückerobert. Die übliche Sommeroffensive also, mit Kräfteverhältnissen nicht ganz so schlecht wie 2009/10…

    Weiterhin waren die Taliban im ganzen Land mit Ausnahme von Nurestan nicht in der Lage ein Distriktzentrum einzunehmen und zu halten. Das Distriktzentrum von Char Darra ist soweit ich weiß noch nicht einmal angegriffen worden.

  20. @ Pilgrym | 28. August 2014 – 13:57

    Danke für Ihren sehr guten Diskussionsbeitrag. Sehr Lesenswert!

  21. @ Fernmelde-SaZ a.D. | 28. August 2014 – 13:41
    Ich habe zwar Ihren Zusammenhang nicht verstanden, aber zum Zusammensturz eines Gebaeudes brauchen Sie keinen schmelzenden Stahl.

    Baustahl verliert bereits bei 550GrdC so viel von seiner Festigkeit, dass es sich durch eigenes Gewicht durchbiegt und nicht ,mehr traegt. Diese Temperaturen erreicht jedes Grossfeuer.

    Andererseits kann man auch in Gebaeuden durch Luftstroemungen aus Lueftungsanlagen und Klimageraeten aus brennendem Diesel/Kerosene per ‚Schmiederfuereeffekt‘ oder bei elektrischen Leitungsabrissen leicht Temperaturen von 14-1500Grad erzeugen.

  22. @ KeLaBe | 28. August 2014 – 12:26

    Im Ergebnis liegen wir garnicht weit auseinander. Es gibt eine Vielzahl von Aufgaben für die deutsche und europäische Aussen- und Sicherheitspolitik, die aber jeweils eigene Antworten und Lösungen benötigen. Das sind – im Hinblick auf Extremismus – in Mali oder am Horn von Afrika andere als jetzt im Nordirak und eben AFG. Ganz zu schweigen von den Entwicklungen in Osteuropa.

    Es gab ja – wie ich meine – überzeugende Konzepte zur Counter-Insurgency, man hat sie nur in der Vergangenehit nicht konsequent umgesetzt und tut es auch jetzt mit dem geplanten Abzug bis Ende 2014 nicht.

    Mit dem „Clear“ hat es ja in weiten Teilen von AFG noch einigermassen funktioniert, bei dem „Hold“ gibts jetzt erhebliche Probleme, vom „Build“ mal ganz zu schweigen.
    Bloß weil man von Seiten der internationalen Gemeinschaft und ISAF in der Vergangenheit Fehler gemacht hat, ist die Alternative ja nicht, jetzt gar nichts mehr zu. Man könnte ja auch lernen und einiges in Zukunft besser machen.

    Das hieße zum Beispiel – in militärischer Hinsicht – die Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, die die afghanischen Sicherheitskräfte benötigen, aber zur Zeit schlicht nicht haben. Das wären zum Beispiel CAS, MedEvac und Ausbildung. Das erfordert natürlich – wurde hier auch schon an anderer Stelle gesagt – einen langen Atem.

    Die Alternative mag auf den ersten Blick verlockend sein: „Hauptsache raus nach zehn Jahren. Sollen die in Afghanen doch machen was sie wollen!“ Aber man braucht keine prophetischen Gaben, um einen dann wieder neuen zukünftigen Konfliktherd zu erahnen.
    Islamischen Extremismus kann man nur eindämmen, wenn man ihm den Nährboden entzieht, politisch durch die Förderung funktionierender Staatsgebilde, aber auch durch Beschränkung seiner Bewegungsmöglichkeiten. Ersteres geht nur in einem halbwegs sicheren Umfeld, für letzteres ist eben auch manchmal militärische Gewalt nötig.

  23. @ Patrick Horstmann

    Jetzt führen wir eine (durchaus notwendige) Grundsatzdiskussion. Aber das Beispiel AFG eignet sich ja auch gut als ein Aufhänger für Lessons Learned, auch wenn jede Herausforderung anders gelagert ist. Ich würde es mal – sehr vereinfachend! – so formulieren:

    – In der Sicherheitspolitik liegt die Priorität 1 bei den „weichen“ Faktoren. Das sind nicht zuletzt all die Dinge, die sich unter dem Handeln von sog. Gutmenschen (die hier so gern verächtlich gemacht werden) zusammenfassen lassen. Also Diplomatie, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Entwicklungspolitik, Hilfe zum good governance und vieles andere mehr. Man kann es auch Prävention nennen. Im Ergebnis folgt das der Linie: Jeder Staat ist selbst für Stabilität verantwortlich. Das gilt auch für AFG. Wir helfen aber dabei im Rahmen unserer Möglichkeiten und schaffen Anreize.

    – Manchmal (und leider immer öfter) reicht das nicht aus. Man braucht als Priorität 2 also auch „harte“ Instrumente, vor allem militärische, die im konkreten Fall dann sogar meist eine Hauptrolle übernehmen. Diese Mittel sind äußerst knapp, wie wir wissen. Ohne Zweifel zu knapp. Daher dürfen wir sie nicht verzetteln. Ihr Einsatz kommt nur in Frage, wenn und solange unsere vitalen Sicherheitsinteressen (die man freilich klar definieren muss, wobei der Begriff „vital“ auch recht dehnbar ist) in ernste Gefahr geraten. Und weil die Welt eben so risikoreich und unvorhersehbar ist, sind wir gut beraten, ein militärisches Engagement vor Ort auf das wirklich Entscheidende zu reduzieren und auch so weit es geht zeitlich zu begrenzen. Jede lange Bindung raubt den politisch Verantwortlichen die nötige Handlungsfähigkeit. Ohne Reserven lässt sich die eigene Sicherheit aber nicht gestalten.

    Daher noch mal: Wir haben Fehler gemacht in AFG. Aber das ist Geschichte und nicht mehr zu ändern. Aktuell sehe ich wenig Chancen, die Lage durch ein „Weiter so“ der militärischen Präsenz nachhaltig zu verbessern. Daher ist es mit Blick auf andere Konfliktherde jetzt ratsam, unser Engagement am Hindukusch wie geplant zurückzufahren und uns dort wieder auf Priorität 1 (siehe oben) zu konzentrieren. Die Aussichten für ein Gelingen sind aus meiner Sicht zwar durchwachsen, aber auch nicht völlig unrealistisch. Eine große Wahl bleibt uns nicht.

  24. @ KeLaBe | 28. August 2014 – 17:07

    Zitat: „In der Sicherheitspolitik liegt die Priorität 1 bei den „weichen“ Faktoren. Das sind nicht zuletzt all die Dinge, die sich unter dem Handeln von sog. Gutmenschen (die hier so gern verächtlich gemacht werden) zusammenfassen lassen. Also Diplomatie, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Entwicklungspolitik, Hilfe zum good governance und vieles andere mehr. Man kann es auch Prävention nennen. Im Ergebnis folgt das der Linie: Jeder Staat ist selbst für Stabilität verantwortlich. Das gilt auch für AFG. Wir helfen aber dabei im Rahmen unserer Möglichkeiten und schaffen Anreize.“

    Was Sie beschreiben, ist kluge Diplomatie. Gutmenschentum ist was anderes.

    Gutmenschen sind Personen die humanistische, altruistische, auch religiös-mitmenschliche Lebensziele und Argumente höher einschätzen als utilitaristische und ihr Handeln, ihre Politik, ihr Leben danach ausrichten. Da internationale Politik primär Interessenpolitik ist, sind gutmenschliche Handlungsspielräume sehr begrenzt.

    Es gilt hat auch in der internationalen Diplomatie: Speak softly and carry a big stick. Gutmenschen vergessen halt gern den großen Knüppel und wundern sich dann (langfristig), dass sie von Wertesystemen unterworfen werden, die so gar nicht in ihr gutmenschliches Weltbild passen.

    Das Paradoxe ist zudem: Der, der notfalls Gewalt wirksam einsetzen kann, ist bei der Politik mit „weichen“ Faktoren oft viel erfolgreicher, weil die Möglichkeit der Alternative bekannt ist. Der ohne großen Knüppel wird halt oft verarscht.

  25. @ Sun Tzu

    Mag sein, dass ich bei der Definition des sog. „Gutmenschen“ in der einschlägigen Szene nicht voll auf Stand bin. Aber auch so, wie Sie ihn beschreiben, gibt es überhaupt keinen Grund, ihn verächtlich und geradezu zum Feindbild zu machen, wie das hier oft geschieht (siehe Kässmann, Roth u.a.). Mir persönlich ist offen gestanden ein solcher Gutmensch tausendmal lieber als ein Schlechtmensch.

    Und ja, Politik ist (auch) Interessenpolitik. Nur darf man nicht übersehen, wie sehr gerade auch das Einstehen für Werte unseren Interessen entspricht. Und Werte muss man übrigens auch vorleben. Haben wir alles mal in der militärischen Führerausbildung gelernt.

    Jetzt entfernen wir uns aber recht deutlich vom Thema, weshalb wir es damit belassen sollten.

  26. @ KeLaBe | 28. August 2014 – 19:00

    In der Tat, wir kommen ins OT. Daher nur ganz kurz.

    Das Problem mit Gutmenschen sind nicht ihre Werte, sondern die Tatsache, dass sie damit an den Realitäten dieser Welt scheitern und so viel Unheil anrichten. Gut gemeint ist halt leider oft noch lange nicht gut gemacht – siehe das deutsche Afghanistan-Engagement. Die formulierten Ziele waren prima, das heutige Ergebnis ist leider eine Katastrophe. Die aktuelle „Schlacht um Kundus“ zeigt ja wieder, dass was schief gelaufen ist und „Übergabe in Verantwortung“ vielleicht nicht so doll geklappt hat, wie das manch eine PowerPoint-Präsentation glauben machen will.

  27. @ KeLaBe | 28. August 2014 – 17:07

    Sie beschreiben ja genau die „three pillars of counterinsurgency“, auf die die aktuelle US-amerikanische Doktrin der Aufstandsbekämpfung beruht: Security (Herstellung von öffentlicher Sicherheit durch Militär und Polizei); Political (v.a. Herstellung stabiler ziviler Verwaltung im Sinne von Good Governance), Economic (v.a. Herstellung tragfähiger wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse).

    Entwickelt wurde diese Doktrin bekanntlich nicht von „Gutmenschen“ (nach welcher Definition auch immer, ich denke man sollte auf den Begriff in der Diskussion wegen seiner Vorbelastung ganz verzichten), sondern von Militärs. Gerade dort hat sich spätestens seit Mitte des letzten Jahrzehnts die Erkenntnis durchgesetzt, dass Konflikte wie in AFG nicht mit militärischen Mittel zu lösen sind. Militärische Mittel sind allerdings ein wichtiger Baustein der ersten Säule.
    Idealerweise nimmt die Bedeutung der ersten Säule, der Herstellung von öffentlicher Sicherheit ab, die der zweiten und dritten (vor allem zivil ausgestalteten) Säulen nehmen zu.

    Es braucht aber immer aller drei Komponenten. Das heißt für AFG, solange nicht alle Säulen stehen, sollte man nicht die Unterstützung in einem Bereich zurückziehen.
    Sie haben Recht, dass der ISAF-Einsatz in der jetzigen Stärke weder für die Bundeswehr, noch für den Rest der NATO durchhaltbar, erst recht nicht politisch vermittelbar ist. Das scheint mir militärisch auch gar nicht notwendig zu sein. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind zwar nicht optimal aufgestellt (wie uns manche Abzugsbefürworter glauben machen wollen), sie sind aber auch nicht mehr in dem Zustand von 2001. Bloß bestimmte Fähigkeiten – zum Beispiel alles wofür fliegendes Gerät benötigt wird – haben sie einfach nicht und werden sie auch bei noch so grossem Engagement mittelfristig nicht entwickeln können.
    Bei einem überstürzten (nahezu) vollständigen Abzug der NATO-Truppen besteht die Gefahr, das AFG kollabiert. Auch das gehört zum lessons learned: was dann passiert kann man zur Zeit im Irak besichtigen.

  28. Bei diesen ganzen LL- Diskussionen über nation building im Anschluß an regime change und/oder coin etc. wird imho immer 1. die strategische Kausalkette ausgeblendet (warum hat wer, wann „eingegriffen“), und 2. die tatsächlichen Interessens-Strukturen in solchen Ländern nicht realistisch berücksichtigt im Rahmen solcher strategischen Interventionen.
    zu 1.:
    „Im April 1992 wurde der Islamische Staat Afghanistan durch die Peshawar Accords gegründet. Gulbuddin Hekmatyār begann mit der Unterstützung Pakistans einen jahrelangen Krieg in Kabul gegen den Islamischen Staat, der weite Teile Kabuls zerstörte.
    „Pakistan hatte es auf einen Durchbruch in Zentralasien abgesehen. … Islamabad wusste, dass die neu ernannten islamischen Regierungsmitglieder [in Afghanistan] … nicht ihre eigenen nationalen Interessen denen Pakistans unterordnen würden, damit Pakistan seine regionalen Ambitionen erfüllen konnte. … Ohne die logistische Unterstützung und die Lieferung einer großen Menge an Raketen durch die ISI [pakistanischer Geheimdienst], hätten Hekmatyārs Truppen nicht halb Kabul in Beschuss nehmen und zerstören können.“
    – Amin Saikal: Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival (2006)“
    Pakistan hatte und hat keinerlei Interesse an einem stabilen, prosperierenden Afghanistan, egal ob islamisch oder westlich-säkular organisiert.
    zu 2.
    Die international organisierte Kriminalität; das Öl Afghanistans ist das Opium. Die Schwierigketen der Umstellung einer Drogenvolkswirtschaft auf eine „normale“ Volkswirtschaft gegen die Interessen der „Drogenbosse“ kann man in Mexiko studieren.

  29. Die Frage, die ich mir stelle, ist, wie man den Familien der gefallenen und verwundeten deutschen Soldaten diese Lageentwicklung erklären soll. Wenn Char Dara nun wirklich wieder in Talibanhand fällt, war am Ende alles umsonst und auch unsere deutschen Soldaten haben ihr Leben für nichts und wieder nichts gelassen. Und außerdem haben wir die Menschen, die Vertrauen in die deutschen Einsatzkräfte gesteckt haben, bitter enttäuscht. Iche rinnere auch daran, was deutsche Soldaten in Char Dara leisten mussten. Das lässt sich im folgenden Video gut nachvollziehen: http://youtu.be/cwGTWcTvPv0 Ich empfehle ansonsten das Buch „Feindkontakt“, „Vier Tage im November“ und „Generation Einsatz“. Da liest man Gefechtsberichte der deutschen Truppen in Char Dara aus erster Hand. Wenn das alles umsonst gewesen sein soll…

  30. Wird die Öffentlichkeit in Deutschland und der Bundestag nicht mal wieder hinters Licht geführt und die wahre Lage in Afghanistan verschwiegen?

    Denn der Bericht auf der BW-Seite über die Auslandseinsätze erwähnt die Offensive der Taliban und deren vorrücken bis kurz vor Kundus mit keinem Wort. Auch wenn es um den Zeitraum nur bis zum 24.08. geht, aber am 27.08. veröffentlicht, dann muss die BW zu diesem Zeitpunkt schon gewusst haben, daß die Taliban vorrückt und die Afghanische Armee Probleme hat diese aufzuhalten.

    http://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/!ut/p/c4/04_SB8K8xLLM9MSSzPy8xBz9CP3I5EyrpHK9pPKUVL3UzLzixNSSqlS93MziYqCK1Dy9qtKinMT0VP2CbEdFAEe1mt0!/

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