Weniger Piratenangriffe vor Somalia – aber kein Grund zur Entspannung

Die Meldungen der vergangenen Monate zeigten den Trend, und die aktuellen Berichte bestätigen es: Am Horn von Afrika, vor der Küste Somalias, sind die Angriffe und damit auch die Erfolge der Piraten drastisch zurückgegangen. Von den 66 Piraterie-Vorfällen weltweit gingen im ersten Quartal dieses Jahres gerade mal fünf auf das Konto der Seeräuber aus Somalia, meldet das Piracy Reporting Centre in Kuala Lumpur am (heutigen) Montag in seinem regelmäßigen Quartalsbericht. Also Grund zur Freude, gar zur Entwarnung, und ein Anreiz, die (teure) Stationierung von Kriegsschiffen in der Region doch bitte herunterzufahren?

Nicht ganz, warnen die professionellen Piraten-Beobachter:

 As attacks continue to drop significantly in the first quarter of 2013 the continued requirement and presence of the navies cannot be underestimated. One fishing vessel was reported hijacked by the Somali pirates in this period. The presence and response of the navies ensured that the hijacked fishing vessel was rescued. In similar responses the pro active response of navies to suspicious / potential pirate action groups has ensured that the threat of piracy is continually addressed. This drastic drop is also due to the continued preventive measures used by the merchant vessels (as per latest BMP recommendations) and employment of Privately Contracted Armed Security Personnel (PCASP).
(…) The threat of an attack is still present despite the drastic drop.

Zudem sind noch mindestens zwei Handelsschiffe und ihre Besatzungsmitglieder in der Hand der Piraten (in den offiziellen Statistiken tauchen manche kleinen Boote oder Dhows, die als Mutterschiffe gekapert werden, gar nicht auf). Laut Piracy Reporting Centre waren Ende März noch 60 Seeleute Geiseln – weitere 17 an Land; ihre Schiffe wurden bereits zurückgegeben. Und auch das gehört zu der Statistik: Allein die EU-Antipirateriemission Atalanta hat in diesem Jahr drei so genannte Pirate Action Groups aufgebracht; und Atalanta ist nur ein Teil der versammelten Seestreitkräfte im Indischen Ozean.

Fun fact am Rande: Das von den (westlichen) Kriegsschiffen recht schnell befreite Piratenopfer war ein Fischerboot aus – dem Iran.

Das Netzwerk der somalischen Piraterie hat sich die Weltbank mal genauer angeguckt: Ending Somali Piracy: Go after the system, not just the pirates heißt der jüngste Bericht dazu. Die Kosten, die die Seeräuberei dort für den Welthandel bedeutet, gehen weit über die paar hundert Millionen US-Dollar Lösegeld hinaus. Der Erfolg der Piraten in den vergangenen Jahren

has global consequences. Between 2005 and 2012, more than 3,740 crewmembers from 125 countries fell prey to Somali pirates, and as many as 97 died. On the Somali side, the number of pirates lost at sea is believed to be in the hundreds. The ransom extracted during that period rose to as much as $385 million. Piracy also hurts trade, as shippers are forced to alter trading routes and pay more for fuel and insurance premiums, costing the world economy $18 billion a year, the study estimates. Since 2006, tourism and fish catches, as well as other outputs from coastal commerce, have declined in neighboring countries in East Africa.

Während die ruhige, aber weiter teure Lage am Horn von Afrika offensichtlich nur mit so viel Aufwand wie bisher gesichert werden kann, tut sich eine neue Problemregion auf – auf der anderen Seite des Kontinents. Aus Sicht westlicher Militärs ohnehin, weil sie einen möglichen Zusammenhang zwischen Piraterie und islamistischen Terroristen sehen. Aber auch für das Piracy Reporting Centre ist es eine area of concern – 15 der weltweit 66 Zwischenfälle, darunter drei Hijackings, ereigneten sich vor der westafrikanischen Küste. Noch ist allerdings eine multinationale Aktion gegen Piraterie dort nicht absehbar. Aber das kann sich ja auch recht schnell ändern.

Das deutsche Gesetzgebungsverfahren ist inzwischen dem vor fast zwei Jahren verkündeten Ziel ein wenig näher gekommen, den Einsatz privater bewaffneter Wachmannschaften auf Schiffen unter deutscher Flagge zu regeln. Die Zulassungspflicht für das neue Gewerbe „Bewachungsunternehmen auf Seeschiffen“ soll am 1. Dezember 2013 beginnen, teilte das Bundeswirtschaftsministerium vergangene Woche den Grünen auf eine entsprechende Kleine Anfrage im Bundestag mit. Und die Entwürfe für Seschiffbewachungsverordnung (SeeBewachV) und Seschiffbewachungsdurchführungsverordnung (SeeBewachDV) sollen dem Parlament in diesen Tagen zugestellt werden.

(Archivbild 4. November 2011: Die Fregatte Köln entdeckte etwa 60 Seemeilen vor der Küste Tansanias ein vermutliches Piraten- Mutterschiff und ein Motorboot. Nach dem Boardingeinsatz durch Deutsche Marinekräfte und der Durchsuchung beider Boote wurden insgesamt sieben piraterieverdächtige Personen an Bord der deutschen Fregatte in Gewahrsam genommen. Anschließend wurden beide Boote versenkt – Bundeswehr/PIZ Marine Djibouti via Flickr unter CC-BY-ND-Lizenz)

1 Gedanke zu „Weniger Piratenangriffe vor Somalia – aber kein Grund zur Entspannung

  1. Joa mei, bisher wurde halt eine Drohkulisse aufgebaut, was Piratenangriff etwas eindämmt. Solange aber strukturelle Probleme nicht behoben werden kommen die Piraten wieder, sobald die Drohkulisse nachlässt oder die strukturellen Probleme sich verschärfen (vllt ne neue Hungersnot oder Dürre).

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