Frankreichs Streitkräfte: Weniger Geld, nicht weniger Anspruch

Französisch müsste man können. Ich gestehe offen, dass meine Kenntnisse dieser Sprache nicht ausreichen, das am (gestrigen) Montag veröffentliche neue französische Weißbuch (Livre blanc) wirklich würdigen zu können. Der Berichterstattung entnehme ich allerdings, dass die Streitkräfte des Nachbarlandes trotz allen Spardrucks ihren weltweiten Anspruch keineswegs aufzugeben gedenken:

Die französischen Streitkräfte müssen den Gürtel enger schnallen, doch die Luft geht ihnen in den kommenden Jahren nicht aus, und ihre Bewegungsfreiheit soll schon gar nicht eingeschränkt werden, im Gegenteil. Das am Montag in Paris vorgestellte Weissbuch zur Verteidigungspolitik steht zu einer ambitiösen Machtprojektion der Republik und hält insbesondere an der nuklearen Abschreckung sowie an Kapazitäten zur Ergreifung der Initiative im Ausland fest. Der Zwang zum Sparen führt indessen dazu, dass der Anteil des Verteidigungshaushalts am Bruttoinlandprodukt von 1,56 auf 1,50 Prozent schmilzt.

berichtet die Neue Zürcher Zeitung.

Wenn die BIP-Berechnung so zutrifft, dann wirtschaften die Franzosen beim konventionellen Teil ihrer Streitkräfte extrem gut. Denn die künftig 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts klingen zwar nach mehr als der Anteil des deutschen Verteidigungshaushalts (der nach meiner Erinnerung immer so bei 1,3 Prozent liegt) – aber darin sind sowohl die nukleare Abschreckung, die force de frappe, als auch die Gendarmerie enthalten. Faktisch dürfte also die Ausgabe für die französische Armee, Luftwaffe und Marine unterhalb des deutschen Ansatzes liegen.

Ich lese und würdige dieses Weißbuch gerne – wenn es denn mal auf Englisch (oder vielleicht sogar auf Deutsch) vorliegt – ja, das ist mein Makel… Aber vielleicht bekommt einer meiner Leser so etwas in die Hände?

Nachtrag: die deutsche Zusammenfassung der französischen Botschaft in Berlin:

Das französische Weißbuch der Verteidigung und nationalen Sicherheit – Eckpunkte –

Das neue Weißbuch der Verteidigung und nationalen Sicherheit wurde heute von Staatspräsident François Hollande gebilligt. Nach dem Weißbuch 2008 beinhaltet das neue strategische Dokument die Einschätzungen Frankreichs zu den heutigen Sicherheitsbedrohungen und listet die Mittel auf, die künftig für die Verteidigung und die Sicherheit des Landes eingesetzt werden müssen.
Der erste Entwurf des Weißbuchs wurde von einer Kommission vorbereitet, der zum ersten Mal ein Deutscher und ein Brite angehörten. Das Dokument zeichnet eine langfristige Perspektive (ca. 15 Jahre). Die nationale Sicherheitsstrategie Frankreichs soll dennoch auch künftig alle fünf Jahre überprüft werden.
Auf der Grundlage einer Analyse des strategischen Umfelds Frankreichs und Europas legt das neue Weißbuch fünf Prioritäten der französischen Sicherheitspolitik fest: Schutz, Abschreckung, Einsatzfähigkeit, Aufklärung und Prävention.
In dieser Hinsicht kommen die Verfasser des Weißbuchs zu folgenden Schlussfolgerungen:
– Die Sicherheit Frankreichs ist mit der Sicherheit seiner europäischen Partner eng verknüpft. Das Weißbuch hebt besonders die deutsch- französische Partnerschaft seit dem Elysée-Vertrag hervor und ruft zu weiteren deutsch-französischen Fortschritten im Sicherheitsbereich auf. Europa muss künftig – wie auch von Washington erwartet – mehr für die eigene Sicherheit tun und sich neue Ziele für seine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik setzen;
– die Verteidigungs- und Sicherheitshaushalte müssen der seit 2008 bestehenden internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise Rechnung tragen und zu deren Überwindung beitragen. Gleichzeitig muss sich Frankreich jedoch die Fähigkeiten bewahren, das eigene Staatsgebiet sowie die Interessen Frankreichs und seiner Partner zu schützen. Infolgedessen sollen die Verteidigungsausgaben Frankreichs für die Zeit von 2014 bis 2025 laut Weißbuch 364 Mrd. € betragen. Davon sollen für den Zeitraum 2014-2019 179 Mrd. € bereitgestellt werden. Damit bleibt das Verteidigungsetat auf dem jetzigen Niveau;
– die zunehmende Bedrohung im Cyber-Bereich und die weiterhin hohe Terrorgefahr erfordern, dass den Mitteln für die Cyber-Verteidigung und die Aufklärung besondere Priorität eingeräumt wird;
– die Verknüpfung zwischen innerer und äußerer Sicherheit, die bereits im Weißbuch 2008 festgehalten wurde, bleibt die Grundlage der Sicherheitsstrategie Frankreichs;
–    die Rolle Frankreichs als Vollmitglied einer starken, einsatzfähigen und effizienten NATO wird bestätigt. Die Komplementarität von NATO und EU muss gestärkt werden.
Auf der Grundlage des Weißbuchs wird der Entwurf für ein militärisches Planungsgesetz vorbereitet, der voraussichtlich im Herbst 2013 dem Parlament vorgelegt wird./.
Französische Botschaft – 29.04.13

(Foto: Französische Rafale-Kampfjets in der malischen Hauptstadt Bamako – Französische Luftwaffe/EMA)

74 Kommentare zu „Frankreichs Streitkräfte: Weniger Geld, nicht weniger Anspruch“

  • St.Michael   |   01. Mai 2013 - 20:08

    @wacaffe

    Sorry – sehe ich nicht so. Das ist ja das schöne an Streitkräften in der Demokratie – ich muss das auch nicht so sehen. Mag aber auch an dem liegen, was man im eigenen Umfeld wahrnimmt.

    Und die Diskussionskultur in den US-Streitkräften beschränkt sich aus meiner Sicht zum Großteil auf Tactics, Techniques and Procedures.

    @Sönke Marahrens
    sic!

  • J.R.   |   01. Mai 2013 - 20:24

    @ St. Michael
    Und die Diskussionskultur in den US-Streitkräften beschränkt sich aus meiner Sicht zum Großteil auf Tactics, Techniques and Procedures.

    Das nimmt dort zum Glück einen großen Stellenwert ein, geht aber noch deutlich weiter. Bei der BW kommt „Doktrin“ und „Strategie“ gefühlt so gut wie gar nicht vor.

    Um es mal fies zu überspitzen: Der Unterschied im Diskurs in den US-Streitkräften und in Deutschland ist der zwischen „Small Wars Journal“ und „Infobrief Heer“.

  • wacaffe   |   01. Mai 2013 - 20:28

    @ soehnke maharens

    Ich kann ihre Kritik an meinem Post nicht ganz nachvollziehen. Naturgemäß muss es auch grenzen der Meinungsäußerung geben. Mir ging es darum das diese Grenzen in der BW derart gezogen sind, dass man ausgehend von einem fiktiven Mittelwert in eine Richtung zu 90 % und in die andere zu 10 % abweichen darf. Das links/rechts schema passt hier natürlich nur ungenau und war eher allegorisch gemeint.

    @
    St.Michael
    „Und die Diskussionskultur in den US-Streitkräften beschränkt sich aus meiner Sicht zum Großteil auf Tactics, Techniques and Procedures.“

    Also um die Primäraufgaben bewaffneter Streitkräfte, das ist doch schon was und findet hier nicht statt.

  • St.Michael   |   01. Mai 2013 - 20:38

    @wacaffe und J.R.

    Ok – dann hatte ich da einen falschen Eindruck.

    TTP’s diskutiere ich auch gerne – auch wenn wir da mit den US-Streikräften in der öffentlichen Diskussion nicht mithalten.

    Also die Feinheiten von OpIK, LLOp, LgestOp, SchSchtz Sekundärbewaffnung und/oder der Ablauforganisation am APOE für MilEvakOp im Szenar II.

    Ich habe nur gelegentlich das Gefühl, dass wir hier in den militärpolitischen / strategischen Bereich bzw. in die Frage der „richtigen“ Besetzung von Dienstposten abdriften. Und das diskutieren unsere aktiven US-Kameraden nach meiner Wahrnehmung nicht kritisch öffentlich. Das geschieht noch am ehesten auf den Foren des britischen ARSE.

  • Sönke Marahrens   |   01. Mai 2013 - 23:33

    @wacaffe

    Es wundert dann mich nur, mit wem Sie wann was wo diskutieren?

    What Happens at the Officer’s Club (OHG) / NCO Club stays there…., so habe ich es kennen gelernt (gleich an meinem ersten oder zweiten Cdr’s call hatte ich 1992 eine heftige Auseinandersetzung mit meinem damaligen Kdr über EF2000 vs F15)…. Und es blieb genau dabei was es war, eine Intellektuelle Auseinandersetzung….

    Ich durfte mittlerweile 2 zweimal STS Beemelsmans in Kamingesprächen erleben können
    Und auch das waren intellektuelle Diskussionen getragen von GEGENSEITIGER Wertschätzung…. Und keine Befehlsausgaben….

    Wenn jemand die Öffentlichkeit sucht, wie bspw der Chefredakteur der Campus, dann darf er sich auch nicht wundern, wenn er sie findet!

    Und ohne OTl Rose oder M (OTL?) Pfafff nun persönlich zu kennen, glaube ich nicht, dass es die beiden (mal als Beispiel für ihre 90%) es immer EINFACH gehabt haben…..

  • dfari   |   02. Mai 2013 - 9:20

    @ ZDL
    Die DF war als Brigade drei mal im Einsatz:
    96-98 SFOR, 00-01 SFOR/KFOR, 04-06 ISAF

    Teile der Brigade waren immer mal wieder parallel, aber unter nationaler Führung auf dem Balkan und in AFG.

    Die Brigadeführung drängt schon seit Jahren wieder auf einen gemeinsamen Einsatz, bisher leider erfoglos. Zum einen sind die DEU und FRA Einsatzzeiträume schwer zu koordinieren. Die FRA Teile der Brigade sind ständig im kleinen Maßstab irgendwo unterwegs (Tchad, Franz.Guyana, etc), die DEU Teile entsprechend dem rest der Bundeswehr entweder gar nicht oder voll im Einsatz.
    Mein Endruck aus einigen Besprechungen auf unterschiedlichen Ebenen ist auch, das das KdoH den DEU Teil der Brigade eher als Pers/Mat-Pool zur Ergänzung der Leitdivisionen sieht und einen gemeinsamen Einsatz nicht unbedingt nach Kräften fördert.

  • chickenhawk   |   02. Mai 2013 - 9:42

    Sind denn nicht diese gemischt-nationalen Brigaden, wenn man ehrlich ist, nur dazu da, europäische Einheit zu zelebrieren?

    Es ist ja auch nichts schlechtes daran, und jeder der sich mit der deutsch-französischen Geschichte in den letzten beiden Jahrhunderten beschäftigt, muss bei einem Appell der deutsch-französischen Brigade sicherlich eine Träne der Rührung verdrücken.

    Aber nach einem echten militärischen Wert der Veranstaltung muss man vermutlich doch angestrengt suchen.

  • dfari   |   02. Mai 2013 - 10:09

    WENN die Brigade richtig – also geschlossen, unter einheitlicher Führung – eingesetzt wird entspricht der militärische Wert grundsätzlich einer rein nationalen Brigade, vielleicht sogar etwas mehr, wir haben ja noch eigene Artillerie ;)
    Die Reibungsverluste zwischen DEU und FRA Verbänden sind im Einsatz recht gering und vieles, das im „Friedensbetrieb“ problematisch ist, wird im Einsatzfall pragmatisch gelöst.

    Hierzu bedarf es allerdings auch Seitens der übergeordneten Führung des Willens die Brigade entsprechend zu verwenden- aber es ist halt bequemer die Verbände im nationalen Takt einzusetzten. Wobei dies aus meiner Beobachtung besonders für die DEU Führung zutrifft.
    Dazu kommt noch die Rotation des Schlüsselpersonals (Kdr, stv Kdr, CdS, G3) in zu kurzen Abständen und ein teilweise falsches Arbeitsverständniss bei manchen Beteiligten – fertig ist die Schaufensterbrigade mit viel Symbol – und wenig Einsatzwert.

    Das es auch anders geht wurde in der Vergangenheit ja schon bewiesen.

  • chickenhawk   |   02. Mai 2013 - 10:19

    Die Szenarien, in denen eine ganze Brigade in toto eingesetzt wird/einzusetzen wäre, sind ja nicht so häufig.

    Und wenn es sie doch einmal gibt, dürfte es auf der politischen Ebene in beiden Ländern am nötigen Willen mangeln (und in der Regel bedeutet das konkret: die Deutschen machen nicht mit).

  • dfari   |   02. Mai 2013 - 10:31

    Es muß ja nicht die ganze Brigade sein, eine D/F-Battle Group reicht ja schon.
    Auf politischer Ebene (VtdgM D und F) wurde eine gemeinsamer Einsatz bereits mehrfach zugesichert bzw. unterstützt. Eigentlich war ein gemeinsamer Einsatz KFOR 2014 vorgesehen, daraus wird aber wohl wieder ein nationaler D-Einsatz. Anträge FRA-Teile (InfKp) zu integrieren wurden bisher abgelehnt.

    Meiner bescheidenen Meinung nach liegt das Problem im Kdo H. Die Herren wissen einfach nicht was Sie mit der Brigade anfangen sollen. Das CFT (FRA Kdo H) ist da wesentlich offener.

  • J.R.   |   02. Mai 2013 - 19:23

    @ St.Michael
    Ich habe nur gelegentlich das Gefühl, dass wir hier in den militärpolitischen / strategischen Bereich bzw. in die Frage der “richtigen” Besetzung von Dienstposten abdriften. Und das diskutieren unsere aktiven US-Kameraden nach meiner Wahrnehmung nicht kritisch öffentlich.

    Gerade angesichts des teils sehr emotional geführten Meinungskampfes um COIN würd ich das so nicht stehen lassen. Und das ist jetzt nur der Ausschnitt, den ich etwas intensiver verfolgt habe.

    Oder Artikel wie:
    Winning in Afghanistan mit Vor-Ort-Einsichten von 2009
    Succeeding in Afghanistan über die Rolle des ländlichen Raums für Aufständische und wie man ihnen mit von Landwirtschafts-Reformen das Wasser abgräbt.

    Da steckt eben schon einiges an Arbeit drin, sowas erarbeitet man nicht eben nebenbei beim Flurgespräch. Und oft auch genug Vor-Ort-Erfahrung und Außenperspektive, so dass die Bundeswehr alleine sich schwer tun würde etwas vergleichbares zu erarbeiten (ganz davon abgesehen, dass die BW-Crowd auch um einiges kleiner ist als die amerikanische oder internationale Community). Auch hier ist es wieder erstaunlich, wie berufsgruppenübergreifend die Diskussion mittlerweile ist – eben nicht zuletzt wegen personeller Überschneidungen dank Reservisten, Universitätspersonal, Think Tanks oder externe Berater. Im Vergleich hab ich durchaus den Eindruck, dass man bei der BW lieber im eigenen Saft schmort.

    Und es ist ja nicht nur der Diskurs. Es ist auch immer wieder erschreckend, wie wenig vom (meist auf Englisch) frei verfügbarem Wissen tatsächlich bis in die Einsätze durchdringt.

    Stattdessen scheint im geschlossenen an deutschen Eigenlösungen gebastelt zu werden (wenn überhaupt), und manchen Konzepten hätte kritisches Abklopfen im Vorfeld glaub ganz gut getan. (Etwa die umständliche zivil-militärische Doppelspitze bei den PRTs, die am Bedarf vorbeigehende deutsche Herangehensweise an die Polizeiausbildung, Herrn Niebels nutzloser Regionalentwicklungsfonds, etc. Eigentlich die ganze verfehlte Schwerpunktsetzung des deutschen Engagements.)

    Und zumindest ich hab nicht den Eindruck, dass da wirklich aus vergangenen Fehlern gelernt wird – sondern beim nächsten Einsatz geht’s weiter wie gehabt. Eben jetzt in Mali: Mit den gleichen konventionell-militärischen Strukturen, dem gleichen zuschauenden militärisch-symbolischen Kleinklein, dem Fokus auf schnelle Wahlen ohne gesellschaftliche Substanz etc.

    Oft genug wäre es nichtmal eine Frage des Geldes, sondern eine von Wollen, Durchdenken und Durchführen.

    Tatsächlich gibt Deutschland doch regelmäßig zu viel Geld für zu wenig Anspruch aus. Und das Verlegen von hunderten zuschauender Soldaten samt eigener Infrastruktur in eine sichere Hauptstadt gehört da dazu.

  • aufreger   |   02. Mai 2013 - 20:47

    @ J.R. Stimme zu und möchte das nochmal verstärken. Im Folgenden gilt der Grundsatz: Übertreibung macht anschaulich.

    1. Was unterscheidet den Vortrag eines höheren US-amerikanischen von dem eines entsprechenden deutschen Offziers? Der Amerikaner empfiehlt Fachliteratur, die sich mit aktuellen militärischen Themen auf durchaus ansehnlichem Niveau beschäftigt. „Die“ begreiffen Krieg eben als Wissenschaft. Dies paart sich gelungen – meiner Beobachtung nach – mit einer angelsächischen Streit-/Dikussionskultur, die zumindest in Teilen konstruktiv prägend ist.
    Dem gegenüber ist es augenscheinlich oberste Bw-Prämisse bloß nicht von den Erfahrungen verbündeter Nationen zu profitieren, stets einen Schuldigen benennen können zu müssen sowie prinzipiell gleich „hoch zu emotionalisieren“, sprich sich persönlich angegriffen zu fühlen.

    2. Ich kann die Trennung zwischen TTP und der „großen Politik“ nicht sehen. M.E. sind die Zeiten vorbei, in denen der Feldmarschal, General oder-wer-auch-immer mit einem genialenFederstrich auf der Lagekarte, das Schlachtenglück wendet und damit den Verlaufe der Geschichte zu ändern vermag.
    In den für uns relevanten Konflikten/Kriegen (Ende20. Jhd./Beginn 21. Jhd.), wird der Erfolg in der „Schlammzone“ erarbeitet. Und dort ist das militärische Handwerk stets politisch (wie eigentlich immer). D.h. auch der Hauptfeldwebel, der mittlerweile nicht nur deutlich mehr als 3 x 2to und 1 x Iltis zu koordinieren hat, muss auch intellektuell in der Lage sein, seinen Auftrag auszuführen. Und hier reicht auch übrigens der Verweis darauf nicht, einfach nur weniger Hochzeitsgesellschaften als die anderen bombardiert zu haben.
    Das in-die-Lage-versetzen ist m.E. der Schwerpunkt der Vorgesetzten. Aber wie kann der das, wenn eigene geistige Kapazität nicht durch einen fruchtbaren Diskurs angeregt wird sondern sich z.B. in x-ten Reform verliert (Das die Neuausrichtung sich im Wesentlichen auf Hardware und Standortdebatte beschränkt, ist wohl allg. Konsens).
    Hinzu kommt, eine Verwaltungsarchitektur, die quasi von der SBL (od. DPL?), Weihnachtsbäumen, Sachschadensmeldungen, den Vorgesetzten ziemlich viel Zeit klaut.
    Andere Argumente (Karierredenken, etc.) wurden an anderer Stelle angeführt.
    3. Einen Punkt noch zu öffentlichen bzw. nichtöffentlichen Diskussion über Spitzendienstposten innerhalb der US-Streitkräfte. In 2006 od. 2007 verfasste ein gewisser LtCol Yingling einen Artikel für das Armed Forces Journal, der sich sehr kritisch mit dem Besetzungsverfahren von Generalsdienstposten innerhalb der US Army befasste. Er tat dies übrigens während seiner Zeit als er – ich glaube – OpsO seines Btl im Irakeinsatz war. Dabei machte er auch argumentativ vor der parlamentarischen Kontrolle nicht halt. Da könnte man herrlich die Frage diskutieren, was darf der Staatsbürger in Uniform denn so alles sagen?
    Ich frage mich, a) welcher DEU Offizier wäre dazu geistig, im Einatz in der Lage gewesen und b) was wäre mit dem passiert?
    P.S. Yingling wurde übrigens Oberst und ist – soweit ich weiß – mittlerweile „retired“.
    Von der Diskussion der COINdinistas vs. Big Army ganz zu schweigen.

    just my 10 cents

  • J.R.   |   02. Mai 2013 - 21:46

    Kleiner Nachtrag:
    Hab gerade gesehen, dass ich den Link zu „Winning in Afghanistan“ verpfuscht hatte. Daher hier nochmal, gleich mit dem zugehörigen Blog-Post.

  • St.Michael   |   03. Mai 2013 - 14:42

    Oh boy – what have I started…

    Ohne jetzt die gesamte sicherheitspolitische Debatte Deutschlands seit dem II. Weltkrieg aufzuarbeiten sehe ich für aktive Soldaten weiterhin einen deutlichen Unterschied zwischen der internen Debatte (hoffentlich lebhaft, kontrovers und reichlich) und einer wie auch immer kommunizierten externen Debatte (hier gelten §14 und §15 SG). Das sich die DEU sicherheitspolitische Debatte von der in den USA unterscheidet ist jedoch sicher richtig.

    Wie aktiver Kameraden die Diskussion in der Truppe erleben muss dann jeder mit sich selbst ausmachen und hängt eben stark davon ab wo und als was man gerade eingesetzt ist.

    Ob aber die sicherheitspolitischen Debatte in den USA im Ergebnis zu einer besseren Sicherheitspolitik der USA beiträgt wäre ein Thema für eine Dissertation (mit hoffentlich richtigen Zitaten).

  • Sönke Marahrens   |   03. Mai 2013 - 22:22

    St Michael

    Frei nach Goethe…. Die Geister, die ich rief ;-)

    Aber ein bisschen mehr lesen…. Und auch das im Angelsaechsischen damit verbundene Schreiben zur Textanalyse würde den Gehalt der Diskussionen schon deutlich befördern….

    Nur wer schreibt, der bleibt… , ich wünsche mir schon ab und zu die Truppenpraxis und die Zeitung für die Unteroffiziere (wehrausbildung in Wort und Bild oder so zurück),

  • St.Michael   |   03. Mai 2013 - 22:38

    @ Sönke Marahrens

    Um den oben genannten Klischees nachzukommen:

    Alle doof, außer Mutti… ;-)

    „Cynicism is the smoke that rises from the ashes of burned out dreams.“
    Maj (CENTCOM) on the daily thrashings delivered to AOs at his Command

  • Sönke Marahrens   |   03. Mai 2013 - 22:57

    St Michael

    „You are part of the world’s most feared and trusted force. Engage your brain before you engage your weapon.“

    General Mattis…

  • Boots on the Ground   |   03. Mai 2013 - 23:02

    St.Michael | 03. Mai 2013 – 14:42
    Ohne jetzt die gesamte sicherheitspolitische Debatte Deutschlands seit dem II. Weltkrieg aufzuarbeiten sehe ich für aktive Soldaten weiterhin einen deutlichen Unterschied zwischen der internen Debatte (hoffentlich lebhaft, kontrovers und reichlich) und einer wie auch immer kommunizierten externen Debatte (hier gelten §14 und §15 SG).

    Eine interne Debatte findet aber nicht statt, die Masse der Stabsoffiziere bleibt gerne in ihrer kleinen Welt unterhalb des Tellerrands und Kritik an der politisch-militärischen Führung wird nicht geduldet bzw. kleingeredet.
    Eine Armee, die sich das Geschichtsbild der demokratisch-gesinnten Attentäter vom 20. Juli 1944, die Innere Führung und den Staatsbürger in Uniform gebastelt hat, sollte da eigentlich zu mehr bereit sein. Die britische Armee ist, was die Kritik aktiver Offiziere an der politischen Entscheidungen angeht, wesentlich weiter. Herausragendes Beispiel ist da der Fall von Lieutnant Colonel Stuart Tootal, ehemaliger BtlKdr 3PARA, der 2007 aus Protest über die schlechte Ausstattung, Ausbildung und Versorgung öffentlichkeitswirksam zurücktrat.

  • Sönke Marahrens   |   03. Mai 2013 - 23:04

    @boots

    Da hilft nur mit guten Beispiel vorausgehen und einen Raum schaffen, wo sowas möglich ist….

  • J.R.   |   03. Mai 2013 - 23:27

    „In this age, I don’t care how tactically or operationally brilliant you are, if you cannot create harmony—even vicious harmony—on the battlefield based on trust across service lines, across coalition and national lines, and across civilian/military lines, you need to go home, because your leadership is obsolete. We have got to have officers who can create harmony across all those lines.“ (wer wohl)

  • baguette   |   03. Mai 2013 - 23:27

    Was für eine seltsame Diskussion.
    Wer mit unseren amerikanischen und/oder französischen zusammen gedient hat, dürfte eigentlich ganz stolz auf seine eigene Truppe sein.
    Was die Bundeswehr unterscheidet ist ein völlig anderes Menschenbild.
    Da mag der eine oder andere spöttisch den Mund über die Idee Innere Führung verziehen. Ich kann nur sagen: Sie ist das Beste, was die junge Bundesrepublik ihren Streitkräften angedeihen lassen konnte.
    In Frankreich suchen sie das, wenn sie einmal die Fassade durchbrochen haben, vergebens.
    Dafür finden sie einen hilflosen Stolz auf ehemalige Größe, die deswegen um so starrköpfiger vertreten wird.
    Das macht unsere Nachbarn manchmal schwierig im Umgang, aber eben auch liebenswert menschlich, gallisch eben.
    Nirgendwo wird die Zukunft der Streitkräfte offensichtlicher: Frankreich kann es nicht mehr alleine. Genausowenig wie wir, die wir das nie konnten.
    Wir hatten immer eine Bündnisarmee. In Frankreich muss diese Erkenntnis erst einmal wachsen.
    Das ist die einzige Chance, die es je für europäische Streitkräfte geben wird: Der finanzielle Bankrott, der zur Zusammenarbeit zwingt. Endlich.
    Wär hätte das gedacht?

  • Sönke Marahrens   |   04. Mai 2013 - 7:03

    @baguette

    Die Diskussion nicht persönlich nehmen, ich habe immer noch den Eindruck, dass es uns (so wie sie ja anscheinend auch) eigentlich ganz gut geht!

    Dass das Gras auf der Nachbarweide meist gruener wahrgenommen wird als es dann tatsaechlich ist, ist eine alte Weisheit…

  • diba   |   04. Mai 2013 - 8:04

    @baguette u. Sönke M.: ich bin bei euch, v.a. was die Innere Führung betrifft …
    und aus eigener Erfahrung mit unseren frz. Kameraden, die ich sehr schätze, kann ich die Ausagen von Baguette nur unterstreichen. Ergänzend möchte ich aber anmerken, dass im OffzNachwuchs einige Erkenntnisse zum Thema „Grande Nation – Anspruch und Wirklichkeit“ schon seit einigen Jahren angekommen ist. Das wird allerdings als treuer frz Staatsbürger (anerzogen bereits in der maternelle) nicht nach aussen getragen. Intern aber sehr wohl diskutiert.

  • J.R.   |   04. Mai 2013 - 9:17

    @ baguette
    Schöne Zusammenfassung.

    Aber:
    Da mag der eine oder andere spöttisch den Mund über die Idee Innere Führung verziehen.

    Ich glaub, hier wird weniger um die Idee, als um die Umsetzung der Inneren Führung der Mund verzogen.

    Dass bei den anderen Streitkräften nicht alles gold ist was glänzt kriegt man beim Blick über den Tellerrand durchaus mit (auch die Soldaten-als-verschleißbarer-Befehlsempfänger-Einstellung in den Strukturen der US Army und den Wir-waren-mal-wer-Komplexen in Großbritannien und Frankreich).

    Auf der anderen Seite haben die USA zwei- bis dreimal so viele Citizen Soldiers wie Deutschland hauptberufliche Soldaten. Und die machen die Hälfte der eingesetzten US-Kräfte im Irak und Afghanistan aus.
    Da ist der Austausch zwischen Einsatzsoldaten und Bevölkerung die letzten Jahre wohl stärker geworden (und der öffentliche Diskurs wohl auch lebhafter). Auch was den Sinn der US-Einsätze angeht.

    Bei der Bundeswehr scheint die Tendenz in den letzen Jahren zum widerspruchslosen Klappehalten gegangen zu sein.