RC N Watch: Sicherheit in Nordafghanistan? Eine Frage der Wahrnehmung.

Im Mittelpunkt der Berichterstattung über den am (heutigen) Dienstag vorgelegten Bericht der UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) zum Schutz von Zivilisten steht eine vordergründig erfreuliche Entwicklung: Die Zahl der zivilen Opfer des Konflikts am Hindukusch ist erstmals seit sechs Jahren zurückgegangen; die Zahl der zivilen Toten sank 2012 im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent. Allerdings: Bei 2.754 Toten und 4.805 Verwundeten unter der Zivilbevölkerung, innerhalb eines Jahres, mag man nicht wirklich von erfreulichen Zahlen sprechen.

Jenseits dieser Zahlen fällt bei einem deutschen Blick auf den Gesamtbericht auf: In der Bewertung der Sicherheitslage im Norden Afghanistans, wo das ISAF-Regionalkommando von der Bundeswehr geführt wird und Deutschland die Führungsnation ist, scheint es bei ISAF – und Bundeswehr – einerseits und der UN eine grundsätzlich unterschiedliche Wahrnehmung zu geben. Aus offizieller deutscher Sicht gibt es eine grundlegende Verbesserung, wie der scheidende Regionalkommandeur Generalmajor Erich Pfeffer im Interview mit dem Bundeswehr-Magazin Y erläuterte:

In Nord-Afghanistan hat sich die Sicherheitslage in den vergangenen gut 18 Monaten langsam, aber kontinuierlich verbessert. In sechs der insgesamt neun Provinzen haben wir eine ausgesprochen ruhige Lage. Die Operationen der Sicherheitskräfte konzentrieren sich im Wesentlichen auf drei Provinzen, und auch dort auf einige wenige Distrikte. Insgesamt kann ich sagen, dass die Fähigkeiten der Aufständischen zu komplexen Angriffen im Grunde nicht mehr vorhanden sind, sondern sie sich praktisch ausschließlich auf versteckte, improvisierte Sprengfallen (IED) konzentrieren. Damit wollen sie die afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF) oder uns davon abhalten, dass wir uns in bestimmten Räumen bewegen, in denen sie noch die Bewegungsfreiheit haben. Insgesamt hat sich die Sicherheitslage erfreulich entwickelt, wenn sie in einigen Distrikten auch noch fragil ist. Das betrifft auch Regionen im Raum Kundus.

Das Glas halb voll? UNAMA sieht es eher halbleer – vor allem angesichts der zunehmenden Präsenz bewaffneter Gruppierungen in Nordafghanistan. Nicht nur Aufständische, auch andere Gruppen, die teilweise auf Seiten der afghanischen Regierung stehen, teilweise nicht, teilweise weiß man’s nicht. Aus dem Bericht (S.63ff):

In 2012, UNAMA documented increasing human rights abuses carried out by armed groups. The presence and re-emergence of such groups particularly in the north and northeast regions of the country was observed. The rise of these groups may have been a reaction to an increased presence of Taliban and other Anti-Government Elements, particularly in remote districts, security gaps related to transition of military forces, political instability, criminal intent and general insecurity. In many areas, UNAMA observed that Government security forces appeared to accept the presence and activities of armed groups as part of the Government’s fight against Anti-Government Elements.
UNAMA documented the operation of armed groups in 40 districts of northern and northeastern Afghanistan. In some areas in the north and northeast, local interlocutors confirmed these groups had increased their control, local influence and numbers in 2012. In some areas, such groups had a presence and held power and control greater than local Afghan National Security Forces. For example, in Qala-e-Zal district, Kunduz province, members of an armed group of 230 far outnumbered the ANP presence, enabling the armed group a degree of control of the area. In other areas, UNAMA observed that the influence of armed groups was weaker and patchier.  (…)
In some areas, armed groups’ links to the Government were more tenuous involving family connections and personal loyalties, rather than incorporation into command structures. In other areas, the power relationship was more extreme, with the armed group exercising control over local Government decisions. Other armed groups were not linked to Government figures.
Presence or re-emergence of armed groups often resulted in reduced protection for civilians and increased human rights abuses. Civilians were increasingly caught in the line of fire between armed groups and Anti-Government Elements and suffered human rights abuses at the hands of armed groups.  (…)
Recruitment of entire armed groups into ALP (Afghanistan Local Police) heightens existing concerns about the viability and appropriate conduct of Government security forces based on the true loyalties of those serving within them. Community members in the northeast region reported to UNAMA that some members of armed groups who recently joined ALP, continued their previous activities and affiliations. This was particularly the situation when prominent commanders were recruited as ALP members or when entire armed groups were absorbed as ALP. A local health-worker from Takhar province described this situation as: “ALP by day, militia by night”.

Die Armed Groups in the North and Northeast of Afghanistan sind der UN-Mission ein eigenes Kapitel im Bericht wert – ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Lage im RC North so befriedigend nicht sein kann. Der Widerspruch zwischen der ISAF-Sicht und den UNAMA-Ergebnissen, oder, netter und militärischer ausgedrückt, das Delta, hat sicherlich damit zu tun, dass die ISAF-Truppen weit weniger als früher im Visier der Aufständischen sind. Weniger Angriffe auf die internationalen Truppen bedeuten allerdings noch lange nicht eine friedliche Entwicklung.

(Foto: Bundeswehrkonvoi bei Masar-i-Scharif – Bundeswehr/Linden via Flickr unter CC-BY-ND-Lizenz)

 

 

15 Kommentare zu „RC N Watch: Sicherheit in Nordafghanistan? Eine Frage der Wahrnehmung.“

  • iltis   |   19. Februar 2013 - 14:42

    Angesichts der notorischen Unzuverlässigkeit von Statistiken aus Krisengebieten, darf man getrost von einer gewissen Streuung der Zahlen ausgehen. Dann muß man sich eigentlich auch ansehen, ob die Lieferanten der Zahlen nicht ein eigenes Interesse bei der Interpretation haben und wie es allgemein um deren Glaubwürdikeit bestellt ist.

    Nimmt man aber zu Kenntnis, daß die Zahl der Opfer unter den ISAF- Angehörigen zurückgeht, während sie unter der Bevölkerung ansteigt, kann man zwei Schlüsse ziehen:

    1 – Weil sich ISAF immer weiter zurückzieht, wird auf immer größere Entfernung gewirkt. Mit Nebeneffekten.

    2 – Ohne Angreifer auf ISAF und Zivilbevölkerung keine Reaktion durch ISAF, also auch keine Kollateralschäden. Wer `provoziert die zivilen Opfer denn nun? Brandstifter oder Feuerwehr?

  • Roman   |   19. Februar 2013 - 14:55

    Etwas OT:

    Schade das wir solche Verfahren, wie auf dem Bild gezeigt, erst schmerzhaft und dnn auch noch mehrfach schmerzhaft lernen mussten.

    b2T:

    Es muss ja besser geworden sein, denn alles andere wäre ein Eingeständnis des Scheiterns. Und wer im Haus sitzt bzw. sich mit riesen Kolonnen fortbewegt, der wird nicht mehr von den Räubern/Schurken überfallen.

  • Memoria   |   19. Februar 2013 - 17:55

    @Roman:
    Richtig – vorallem das Mehrfache scherzt zusätzlich.
    Wenn ich mir den Kameraden auf dem Bild anschau ist dies jedoch ein weiteres Beispiel für mehrfaches Nichtlernen, denn nachts sollte wohl nichts passieren… (aber das ist OT).

    Zurück zum Thema: Nach mehr als 10 Jahren hat ISAF weiterhin eine sehr eigenzentroerte Wahrnehmung – auch wenn das Selbstverständnis des eigenen Handelns (population-centric COIN) diametral anders ist. Organisationswissenschaflich interessant…

  • Roman   |   19. Februar 2013 - 18:27

    @ Memoria

    Wenn ich mir die beteiligten Fahrzeuge anschaue, dann befürchte ich, das er so etwas gar nicht hat bzw. anzuwenden weiß. Und er scheint so jung zu sein, das man Black Hawk Down nicht unbedingt geschaut haben muss. Brille, Kragen, Sackschutz (muss man nicht haben, aber er läuft ja auch nicht viel), Gehörschutz, Zweitwaffe, Wasserflasche usw. fehlt alles.

  • Memoria   |   19. Februar 2013 - 18:34

    @Roman:
    Das befürchte ich auch (siehe Helm ohne Lucie-Halterung, G36A1 ihne Anbauteile) – genau das meine ich mit mehrfach lernen (warum denn das EinsUstgBtl mit sowas ausrüsten? Ist doch keine Kampftruppe!). Ne Schutzbrille war auch wohl auch nicht zur Hand.

    Aber nun Schluss von meiner Seite mit den Details, die Diskussion über die Gesamtausrichtung und -sichtweise von ISAF, UNAMA etc. find ich ja noch spannender(und wird viel zu selten geführt)..

  • bonk   |   19. Februar 2013 - 19:55

    Hier passts noch am ehesten hin, da er ja noch vor kurzem COM ISAF war.

    General Allen wird nicht SACEUR.
    Die Quellen werden sich in den nächsten Minuten sicherlich häufen.

  • Hugo803   |   19. Februar 2013 - 21:00

    Na dann los Tiger und NH-90! Kämpft, Kämpft!! Im Lager rumquanzen wird den Zivilisten nicht helfen. Man, ist das alles lächerlich.

  • Alarich   |   19. Februar 2013 - 21:56

    Als die Rußen abzogen war das nicht mehr Lange bis Regierung viel
    Das wird dann wieder der Fall sein , Zudem das gerade 3% Pastunen in der Armee sind und von denen wahren auch die Anschläge gegen ISAF , nur das die 80- 90 % der Bevölkerung sein sollen

  • Amoebe   |   19. Februar 2013 - 22:23

    @Alarich:
    Die Regierung hat sich auch nach dem Abzug der Russen gehalten, sie brach erst zusammen nachdem die Zahlungen aus Moskau eingestellt wurden.

  • T.Wiegold   |   19. Februar 2013 - 22:42

    @bonk

    yep, jetzt ist es auch offiziell.

    (Kaum bin ich mal paar Stunden unterwegs&offline… mache gleich einen Thread zu allen auf.)

  • Hugo803   |   20. Februar 2013 - 1:01

    @T.W.:
    interessant wie Sie hier einen Thread zerreissen, Sie berichteten gerade von über 2700 zivilistischen Toten. In einem Jahr. Das ist fast 50x so viel wie eine Nation die sich „so called“ im Krieg befindet erleiden muss. Davon fast die Hälfte durch Unfälle die auch zu Hause hätten passieren können. In D wird Staatstrauer gehalten weil 3 Soldaten im Gefecht fallen, sterben 20 Junge Menschen bei der Loveparade dreht die NAtion frei. Und 2700 Tote Zivilisten sind so nebenbei???
    Der Westen sollte sich schämen. Nur noch peinlich das AFG Manöver. Was anderes ist es wohl nicht.

  • zog   |   20. Februar 2013 - 1:49

    @Hugo803: Die Zivilisten sind aber von brauner Hautfarbe, arm, aus einer fremden Kultur, mit einer misstrauisch beäugten Religion … was erwarten Sie?
    Man kann auch fragen, wieso hierzulande fast jeder nicht-reguläre (in Ermangelung einer besseren Wortwahl zu dieser Stunde) Todesfall medial (und politisch) so ausgeschlachtet wird.

  • iltis   |   20. Februar 2013 - 7:03

    @Hugo803: Was denn nun? Los kämpfen bis die Schwarte kracht oder eher darauf achten, daß die Kollateralschäden gegen 0 tendieren. Bitte entscheiden!

    Wir haben hier in den letzten Wochen doch schön herausgearbeitet, daß man bei INS, die sich in der Masse verstecken auch bei aller möglichen mil Präzision immer auch mal daneben haut. Das ist das typische „wasch mir den Pelz aber mach mich nicht naß dabei“

    @zog: Medien sind zwar eine kulturelle Errungenschaft, müssen aber wirtschaften. Siehe Frankfurter Rundschau. Und warum ist die Blöd- Zeitung wirtschaftlich so erfolgreich? Weil sie nichts, aber auch rein gar nichts mit Journalismus zu tun hat. Sie befriedigt ausschließlich die etwas einfacher gestrickten Instinkte.

    Ich bin da selbst nicht ganz frei in meiner Sicht. Mich stört ein Toter auf meiner Seite auch mehr als einer in Nachbars Garten.

  • T.Wiegold   |   20. Februar 2013 - 7:56

    @Hugo803

    Verstehe nicht ganz, wieso ich einen Thread zerreißen soll… Ich habe aus dem UNAMA-Bericht einen bestimmten Aspekt herausgegriffen, derwas mit der deutschen Perspektive zu tun hat. Die bedrückende Gesamtzahl ist Thema in vielen anderen Berichten und fällt – hoffentlich – nicht unter den Tisch; dieser Nord-Aspekt spielt dagegen außer bei mir sonst keine Rolle. Als winziges Rädchen in der Medien-Gesamtmaschinerie maße ich mir nicht an, alles abdecken zu können.

  • Elahan   |   20. Februar 2013 - 10:14

    „Die Zahl der Opfer bei gezielten Taliban-Angriffen auf zivile Mitarbeiter der afghanischen Regierung hat sich nach UN-Angaben fast verachtfacht….Unama sprach von einem «atemberaubenden» Zuwachs. Der UN-Sondergesandte Jan Kubis nannte die Zahlen «extrem besorgniserregend». (dpa)“

    -255 solche Opfer in 2012-