Laut WAZ: Deutsche G36 in der Hand der Taliban

Bundeswehrsoldaten in der Grundausbildung mit dem Gewehr G36 (Foto © Thomas Köhler/photothek.net)

Wenn das stimmen sollte, was die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) heute berichtet und dann doch recht versteckt in ihrer Geschichte über deutsche Rüstungsexporte platziert, wäre es ein Knaller: Die Taliban in Afghanistan verfügen nach Angaben des Blattes über moderne deutsche Sturmgewehre vom Typ G36.

Entgegen meiner üblichen Praxis, deutsche Verlegerwebseiten hier nicht zu verlinken, tue ich das dennoch diesmal – denn die WAZ hat diese Geschichte bislang exklusiv, auch eine ausführliche Internetsuche hat sonst kein Ergebnis gebracht:

Bei den Infanterie-Waffen gehört Heckler & Koch zu den Top 5 in der Welt – und steht in der Kritik. Gewehre des schwäbischen Herstellers tauchen immer wieder in Krisenregionen auf. Zuletzt sind G36 in den Händen der libyschen Armee Gaddafis und von afghanischen Taliban aufgetaucht.

heißt es in dem am (heutigen) Freitag online veröffentlichten Bericht.

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Nachtrag: Inzwischen hat die WAZ-Redaktion, ohne diese Veränderung kenntlich zu machen, den online stehenden Artikel verändert und damit die vorherige Aussage völlig zurückgenommen:

Zuletzt sind G36 in den Händen der libyschen Armee Gaddafis und deutsche Gewehre in den Händen von afghanischen Taliban aufgetaucht.

(Hervorhebung von mir, T.W.) heißt es jetzt – eine journalistisch nicht besonders saubere Art der Korrektur. Zumal auch diese Aussage nicht belegt ist – in der unten verlinkten Übersicht des Verteidigungsministeriums ist von einem (!) G3 die Rede, außerdem von Karabinern aus dem Zweiten Weltkrieg. Die jetzt offensichtlich der Autor als Beleg heranziehen will?

Zudem findet sich in der Ausgabe vom 7. Januar 2010 der Westfälischen Rundschau, die zum WAZ-Konzern gehört, eine sogar noch weiter gehende Aussage:

Zuletzt schossen Taliban in Afghanistan mit deutschen Gewehren auf deutsche Soldaten.

(Screenshot, danke für den Leserhinweis.) Auch dafür kenne ich bislang keinen Beleg.

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Nun waren G36 in Libyen bekannt – aber von diesen Waffen in Händen von afghanischen Taliban kenne ich keine Berichte. Auch eine im Sommer veröffentlichte Übersicht des Verteidigungsministeriums zu Waffenfunden in Afghanistan listet zwar ein Gewehr des älteren Typs G3 – ohne Munition – auf. Aber kein G36.

Da drängt sich doch die Frage an meine kundigen Leser auf: Hat jemand davon schon was gehört? Oder ist das ein Produkt der WAZ-Redaktion?

Der Patriot-Einsatz in der Türkei läuft langsam an: „Active Fence Turkey“

(Grafik: Niederländisches Verteidigungsministerium)

Passiert ist eigentlich noch nichts, aber eine weitere Marke beim Einsatz von Patriot-Flugabwehrsystemen aus drei NATO-Ländern in der Türkei ist erreicht: Die ersten US-Soldaten für diese Mission sind auf der türkischen (de facto: US-)Luftwaffenbasis Incirlik bei Adana in der Türkei eingetroffen. Die zwei amerikanischen Patriot-Batterien werden allerdings nicht dort stationiert – dort gehen die Niederländer mit ebenfalls zwei Patriot-Batterien hin, die US-Truppen nach Gaziantep. Die zwei deutschen Patriot-Staffeln werden bei Kahramanmaras aufgestellt.

Aus der Mitteilung des U.S. European Command:

U.S. personnel and equipment began arriving at Incirlik Air Base today to support NATO’s Patriot battery deployment to Turkey.
Approximately 400 U.S. personnel and equipment from the 3rd Battalion, 2nd Air Defense Artillery (3-2 ADA) based at Fort Sill, Okla., will continue to flow into Turkey over the next several days by U.S. military airlift.  The troops will man two Patriot batteries supporting NATO’s mission there. Additional equipment will be moved by sea, arriving later this month.

In der kommenden Woche, am 8. Januar, werden die Vorauskommandos der Bundeswehr und der niederländischen Streitkräfte gemeinsam in die Türkei verlegen, zeitgleich beginnt die Verschiffung des Materials, wie die Luftwaffe heute mitteilte:

Am 08. Januar verlegen gemeinsam die ersten deutschen und niederländischen Soldaten des Vorkommandos für den Einsatz „Active Fence Turkey“ in die Türkei.
Vom militärischen Teil des Flughafens Eindhoven in den Niederlanden verabschiedet der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Generalleutnant Rainer Glatz, die ersten rund zwei Dutzend deutschen Soldaten des Vorkommandos in den Einsatz.
Ebenfalls am 08. Januar beginnt parallel der Transport der deutschen Waffensysteme und des Materials vom Hafen Travemünde auf dem Seeweg in die Türkei. Die Verlegung des deutschen Hauptkontingents mit insgesamt bis zu 350 Soldatinnen und Soldaten ist für die 3. Kalenderwoche geplant.
Den Luftwaffenanteil des deutschen „Einsatzmoduls PATRIOT“ stellen hauptsächlich Soldatinnen und Soldaten der Flugabwehrraketengruppen 21 (Sanitz) und 24 (Bad Sülze) in Mecklenburg-Vorpommern.
Zum „Einsatzmodul PATRIOT“ zählen zwei Feuereinheiten sowie ein Führungs- und Versorgungselement. Truppenteile aus den Bereichen Logistik, Sanität, Feldjäger sowie weiterem Unterstützungspersonal komplettieren das Modul.

Bei den Niederländern, die übrigens die Mission Operation Anatolian Protector nennen, ist die Verschiffung des Materials in Eemshaven für den 7. Januar geplant.

Was lange währt…. Neue Webseite für den Kosovo-Einsatz

Es hat ein bisschen gedauert, aber es wird: Im 14. Jahr des NATO-Einsatzes im Kosovo gibt es eine Internetseite der Mission. (Genau genommen gab es schon vorher eine, die allerdings, nun, sehr sparsam bedient wurde.) Gestern bekam ich die Mitteilung, dass die neue Seite scharf geschaltet wurde, allerdings ging es da nicht über Internal Server Error hinaus, jetzt tut  sie.

Unter www.aco.nato.int/kfor sollen künftig aktuelle Meldungen und Fotos aus dem Kosovo erscheinen. Entscheidend für den Nutzen (und die Akzeptanz) wird natürlich sein, wie aktuell die Seite wirklich gehalten wird. Und ob sie noch ausgebaut und ergänzt wird – auch wenn die Manpower der KFOR-Mission vermutlich nicht ausreichen wird, dem Vorbild von ISAF und deren ganzen social media-Kanälen nachzueifern…

(Übrigens gibt es nach wie vor eine KFOR-Facebook-Seite, aus der allerdings nicht so ganz klar hervor geht, ob und wie sie mit der Internetseite verbunden sind… Jedenfalls wird weder Facebook auf der Webseite erwähnt noch umgekehrt.)

Abschied von Peter Struck: Die Schneiderhan-Rede


Vor Djibouti

Politik und Bundeswehr haben sich zusammen mit Angehörigen und Freunden am (gestrigen) 3. Januar in Uelzen vom ehemaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden und Verteidigungsminister Peter Struck verabschiedet, der am 19. Dezember nach einem Herzinfarkt starb. In der Berichterstattung über die Trauerfeier mit großem militärischen Ehrengeleit wird vor allem aus den Reden von Verteidigungsminister Thomas de Maizière und dem SPD-Fraktionschef Frank Walter Steinmeier zitiert, eine Rede kommt dagegen nur kursorisch vor: Die des früheren Bundeswehr-Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan.

Da ich die Rede für wichtig halte, weil sie viel über das Verhältnis von Soldaten zu Struck aussagt, und weil sie (im Unterschied zu denen von de Maizière und Steinmeier) bislang nicht vollständig zu finden ist, hier mit freundlicher Genehmigung von General a.D. Wolfgang Schneiderhan der Text seiner Ansprache in Uelzen:

Es war in unserer gemeinsamen Zeit im Amt, in der Pflicht, in der Verantwortung als Peter Struck vielen von uns seine  Freundschaft geschenkt hat. Für die, die so beschenkt wurden, darf ich heute mit ganz schwerem Herzen vor Ihnen allen unserem Freund Peter Struck zum Abschied danke sagen. Sehr viele Markierungen auf dem Weg zur Freundschaft setzte für die meisten von uns der Chef, also der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt, für andere war es der Chef in anderen Aufgaben der Politik.
Als er im Juli 2002 Minister der Verteidigung wurde, war ich gerade mal 19 Tage Generalinspekteur, andere waren länger in ihren Funktionen, andere brachte er mit oder holte sie nach.
Wir waren in der Bundeswehr seit längerem schon auf dem Weg der Veränderungen. Die Richtung war definiert. Wir wussten aber alle, dass nach dem sicherheitspolitischen Beben des Jahres 2001 das Marschtempo erheblich beschleunigt werden musste. Und das jetzt plötzlich mit einem, auf den wir nicht gefasst waren – er auf uns ja auch nicht. Schnell haben wir miteinander Fassung gefunden. Peter Struck baute Vertrauen auf, gespeist aus Quellen,  von denen ich nur einige nennen werde. In seiner Art verkörperte er, was Streitkräfte als Kontinuität dringend brauchten in solchen Zeiten der Umbrüche: ganz wenig Pathos und ganz viel Ethos. Er ließ uns erfahren, dass wir dem Primat des Politischen zu dienen haben, nicht aber dem Primat des gerade kommandierenden Politikers. weiterlesen