Schießende Holzfäller im Kosovo

Diese Meldung aus dem Kosovo hatte ich am gestrigen Donnerstagabend wegen der späten Veröffentlichungszeit nicht mehr aufgegriffen (nur getwittert):

Am 10. September 18.50 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit wurden deutsche Kräfte während einer gemeinsamen Patrouille mit einer serbischen Grenzpatrouille im Raum Gornja Repa (Nord-Kosovo) vermutlich von illegalen Holzfällern mit Handwaffen beschossen.
Sowohl der deutsche Patrouillenführer als auch der Führer der serbischen Grenzpatrouille bewerteten den Vorgang als Maßnahme der illegalen Holzfäller, um eine weitere Annäherung der Patrouille an die eigene Position zu verzögern.
Nach Einschätzung des serbischen Patrouillenführers ist dies eine bekannte Praxis.
Die Holzfäller sind ausgewichen. Die gemeinsame Patrouille hat ihren Auftrag weiter fortgesetzt und am 11. September gegen 2.30 Uhr ohne weitere Zwischenfälle das Camp Novo Selo erreicht.
Personen oder Material kamen nicht zu Schaden.

Abgesehen von der Frage, warum so was mit gut zwei Tagen Verzögerung öffentlich wird, finde ich daran zwei Dinge bemerkenswert:

Zum einen, und das ist nicht überraschend, ist eine der wesentlichen Bedrohungen für die KFOR-Truppen nach wie vor die (organisierte) Kriminalität im Kosovo. Die auch hinter etlichen scheinbar politisch/ethnisch motivierten Auseinandersetzungen im Norden steht – wer am Schmuggel über die Grenze zwischen Kosovo und Serbien gutes Geld verdient, lässt sich doch ungern das Geschäft von internationalen Truppen kaputt machen.

Zum anderen: Vielleicht habe ich bislang einfach nicht aufgepasst, aber mir war nicht bekannt, dass es gemeinsame Grenzpatrouillen von KFOR und serbischen Truppen gibt. Vielleicht sagt das auch niemand gerne laut, weil das ja als Eingeständnis Serbiens verstanden werden könnte, dass es eine Grenze zwischen Serbien und Kosovo gibt – während nach offizieller serbischer Lesart doch der Kosovo unverändert Teil Serbiens ist? Zum Beispiel hier: According to our Constitution, Kosovo is an integral part of Serbia, and backing down would represent a violation of the Constitution.

Mit Pfeil markiert: Der Raum Gornja Repa (Karte: Openstreetmap.org – Hinweis für Kenner: Openstreetmap kennt den Ortsnamen, G0ogle Maps nicht…)

8 Gedanken zu „Schießende Holzfäller im Kosovo

  1. KFOR schafft es einerseits nicht, die illegalen Straßensperren im Norden zu räumen.
    Andererseits führt KFOR jedoch gemeinsame Patrouillen mit serbischen Kräften durch.
    Damit dürfte es sich ja wohl nur noch um eine Zeitfrage handeln, bis KFOR durch die „Mehrheitsgesellschaft“ im Kosovo als Besatzer angesehen und entsprechend behandelt wird.
    Da KFOR den eigentlichen Auftrag (Ensuring the protection and freedom of movement of itself, the international civil presence, and other international organizations) zugunsten eines nichtmandatierten Auftrages vernachlässigt, dürfte die weitere absehbare Entwicklung wohl leider selbstverschuldet sein.

    Vom Befreier zum Besatzer…oder wie man eine eigentlich erfolgreiche Mission gegen die Wand fährt…

    „FOCUS: Wie wollen Sie verhindern, dass aus den KFOR-Befreiern KFOR-Besatzer werden?

    Reinhardt: Das darf nicht passieren. Die Friedenstruppe muss den Menschen klarmachen, dass sie für sie da ist und neue Auseinandersetzungen verhindert. Bis jetzt ist der KFOR-Einsatz eine Erfolgsgeschichte.“

    Bis jetzt war allerdings 1999…

  2. Suche noch nach mehr Auskünften zu diesen gemeinsam Patrouillen, bin aber noch nicht fündig geworden.

  3. Sehr geehrter Herr Wiegold, diese Patrouillen gibt es seit mehreren Jahren und sind nichts außergewöhnliches. Hier arbeiten Serbien und KFOR eigentlich sehr gut zusammen, seltsamer Weise aber nur in diesem Bereich.

  4. @Thomsen

    Wenn dem so sein sollte, dann besteht irgendwo ein Erklärungsbedarf, der für den KG nicht unbedingt positiv ausfallen wird.

  5. Ich hab da – bei einem anerkannten souveränen Staat – die 3-Säulen-Theorie aus dem Staatsrecht im Kopf. Abgesehen davon dass ich mir aufgrund meiner Erfahrungen in dem Land nicht vorstellen kann, dass die kosovarische Regierung sowas einfach so duldet.

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