De Maizière relativiert Aussage zu „ethisch neutralen“ Waffen

Aus dem heute in Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung veröffentlichten Interview mit Verteidigungsminister Thomas de Mazière (Links aus den bekannten Gründen nicht) werden meist seine Aussagen zum MAD und zu Waffenexporten zitiert; die finden sich genügend und die brauche ich hier nicht aufzugreifen. Interessant (und bislang nicht berichtet) finde ich seine Relativierung einer früheren Aussage – dass nämlich eine Waffe ethisch stets als neutral zu betrachten sei. Die nunmehr etwas andere Position:

Ich möchte die Gelegenheit dieses Interviews nutzen zu sagen, dass ich diese Bemerkung so nicht mehr aufrechterhalten möchte. Denn natürlich gibt es zwar Waffen, die wegen ihrer speziellen Wirkweise oder ihrer verheerenden Nachwirkungen auf Menschen und die Umwelt als ethisch verwerflich anzusehen sind: Streubomben etwa, zu deren Vernichtung wir uns 2008 verpflichtet haben, aber auch chemische und biologische Waffen.

Das war eigentlich zu erwarten. Und ebenso war zu erwarten, dass der Minister dieses Problem bei bewaffneten Drohnen nicht sieht:

Ich bleibe aber dabei, dass sich ein unbemanntes Flugzeug von einem klassischen Kampfflugzeug ethisch nicht unterscheidet. Es kommt auf Menschen an – und es ist irrelevant, ob der Mensch im Cockpit sitzt und eine Bombe auslöst, oder vor einem Monitor auf dem Boden. Insoweit sind Drohnen und Flugzeuge ethisch neutral. (…) Distanz haben wir heute schon, zum Beispiel bei der Artillerie, die Dutzende Kilometer weit schießen kann. Aktuell diskutieren wir den Einsatz von Drohnen doch deshalb so kontrovers, weil ihr Einsatz gegen Terroristen in Pakistan völkerrechtliche Fragen aufwirft. Es wären aber die gleichen Fragen, wenn die Raketen dort von Kampfflugzeugen abgefeuert würden.

Eine Position, die ich für nachvollziehbar und richtig halte – die aber dennoch in der deutschen Debatte über bewaffnete Drohnen bislang auf deutlichen Widerstand stößt. Allerdings haben die Kritiker eines solchen Waffensystems, von der Opposition im Bundestag bis zum katholischen Militärbischof, zu diesem Punkt leider kaum Stellung genommen: Was unterscheidet eine von Piloten am Boden gesteuerte Waffenplattform von dem Bediener einer Panzerhaubitze2000, der sein Ziel auch nur auf dem Monitor einer Aufklärungsdrohne sieht und die Koordinaten für den Einschlag einer Granate in einem 30 Klimeter entfernten Ziel einprogrammiert?

 

41 Kommentare zu „De Maizière relativiert Aussage zu „ethisch neutralen“ Waffen“

  • Timmy   |   15. September 2012 - 13:08

    Vielleicht wichtig zu erwähnen:
    Die Geschützbesatzungen, einer PzH2000
    o.ä. artilleristischen Wirkmitteln,
    sehen das Ziel weder durch die Augen einer Drohne
    noch irgendwie sonst.
    Der Kommandant erhält nur den Planzeiger/Koordinate
    und Munitionsansatz von der Feuerleitstelle.
    Die Einzigen die das Ziel sehen oder erahnen sind die Beobachter
    bei der Kampftruppe oder eingegliedert in
    die Patrouillie.

    Der Drohnenpilot sieht das Ziel wenigstens…sogar in Echtzeit!

  • hanz   |   15. September 2012 - 13:09

    In der Tat ist das eine völlig bizarre Diskussion. Das Problem ist nicht die Drohne selbst, das Problem ist der Krieg. Es ist heuchlerisch, sich an bestimmten Waffensystemen hochzuziehen. Der deutsche Staat mordet – das ist das Problem. Und der deutsche Staat hab bisher auch ohne Drohnen gemordet.

  • Koffer   |   15. September 2012 - 13:13

    @Timmy
    „Der Drohnenpilot sieht das Ziel wenigstens…sogar in Echtzeit!“

    Grundsätzlich haben Sie damit recht.

    Und ich möchte mich auch keinesfalls auf die Seite der Drohnengegner schlagen, die ihre grundsätzliche Ablehnung des militärischen hier aus meiner Sicht nur schwer kaschieren können.

    Aber eines gefällt mir persönlich rein psychologisch bei den Drohnen nicht: im Kampfflugzeug ist ein Pilot unter physisch belastenden Situation dazu gezwungen eine Entscheidung zu treffen. Dies fördert eine gewisse Form der persönlichen Verantwortlichkeit.

    Die Drohnenpiloten vor einem Monitor, deren Vorgesetzte im Zweifel unmittelbar hinter ihnen stehen arbeiten eher wie in einem Videospiel…

  • Sönke Marahrens   |   15. September 2012 - 13:44

    @Koffer

    Was macht Sie glauben, dass Situation „in der Wüste von Nevada sitzen und Abends nach Las Vegas nach Hause zu fahren“ psychologisch „einfacher“ sei, als mit dem Jet über Afghanistan zu kreisen und später auf einem Flugzeugträger zu landen…..?

  • JCR   |   15. September 2012 - 13:54

    Nach dieser Argumentation hätte man nie aufhören müssen, dem Gegner das Schwert in die Eingeweide zu rammen.
    Denn jede Art von Distanzwaffe zieht eine „Distanzierung“ des Tötenden zu seinem Ziel mit sich.

  • markus   |   15. September 2012 - 13:56

    die fehleinschätzungen durch „medikamenten“gabe vor nachtflügen könnten ebenfalls reduziert werden. mal abgeshen davon, dass bei modernen Flugzeuggestützten waffensystemen inzwischen Auslösepunkte erreicht werden, die dem Wirkungsbereich der artillerie entsprechen (Jdam und ähnliche Gleiter…). visueller Kontkt zum Ziel ist damit auch nur noch bedingt möglich …

    wichtig ist vor allen dingen, dass mit Drohnen keine parallelstrukturen aufgebaut werden, die sich parlamentarischer kontrolle entziehen (ala JSOC, CIA usw. )

    ein grund, warum drohnen hier owhl so heiß diskutiert werden, ist die sinkende Hemmschwelle solcherlei gerät auch einzusetzen. Solange nur ein Flugzeug verloren geht, wird der öffetnliche aufschrei gering bleiben, piloten in kriegsgefangenschaft oder KIA .. kommen hier nicht gut.

  • klabautermann   |   15. September 2012 - 14:14

    Die ethische Dimension von Waffen läßt sich letztendlich nur auf der Grundlage von internationalen Konventionen (Ottawa etc.) diskutieren. Dabei allerdings trennen zwischen den Waffen an sich und den ethischen/völkerrechtlichen Aspekten des Waffeneinsatzes.
    Seit der Einführung von weitreichenden Lenk-Flugkörpersysthemen (zumeist see- und luftgestützt) sollte diese Trennung eigentlich klar sein.

    @Koffer

    Ihr Argument kann ich insofern nur begrenzt nachvollziehen, weil ein unter physisch-/psychischer Belastung stehender Waffeneinsatzoffizier in einem Kampfhubschrauber oder -jet in der Regel eine eingeschränktere Wahrnehmungsfähigkeit hat als Drohnenoperateure außerhalb des Einsatzgebietes.

  • MK   |   15. September 2012 - 14:55

    @hanz

    Von „Mord“ zu sprechen ist schon starker Tobak. Können Sie Ihre Anschuldigung auch mit halbwegs fundierten Argumenten belegen bzw. untermauern?

  • Memoria   |   15. September 2012 - 17:07

    Wenigstens ist der Minister in dieser Sache lernfähig.
    Interessant wären noch Aussagen zu Afghanistan nach 2014 gewesen. Zumal GenLt Kammerer diese Woche nochmal auf die Dringlichkeit der Grundsatzentscheidungen für Afghanistan nach 2014 hingewiesen hat – auch wenn er auf die Grundsatzentscheidungen der NATO (train, advise, assist) bezeichnenderweise nicht eingeht.
    Aber Politik und Generalität zählen ja lieber Container, anstatt ebenengerechte Entscheidungen zu treffen.

  • Wanderer   |   15. September 2012 - 17:25

    @Memoria
    Zu Politik, Generalität und Drohnen empfehle ich den Redebeitrag von Jürgen Koppelin im Bundestag zum Einzelplan 14 am 12.09.2012. Dort wird Herr Koppelin sehr deutlich, was er von der Generalität erwartet. Zitat: „Es ist nicht die Aufgabe eines Inspekteurs der Luftwaffe, in der Öffentlichkeit eine Pressekonferenz abzuhalten (..).“

    Und mit dieser klar vorgebenen Marschroute kann ich den Generalen und Admiralen es nicht mehr übel nehmen, wenn sie nur noch Container zählen. Ist schließlich der klar definierte Auftrag.

    Ich hoffe Sie verstehen wie ich es meine ;).

  • Jörg Reinhardt   |   15. September 2012 - 23:29

    Drohnen stellen einen Paradigmenwechsel dar, da Sie Krieg skalierbar machen.
    Für quasi null Kosten und garantiert null Verluste, lassen sich ganze Regionen, ja sogar Kontinente kontrollieren, ohne das je Krieg erklärt werden, oder in irgend einer Form das Völkerrecht eingehalten werden müsste.
    Das ist derzeit ja schon gang und gebe: Im nahen Osten werden täglich „Terroristen“ von Drohnen getötet, ohne demokratische Legitimation, oder Gerichtsverfahren, in autonomen Staaten mit denen sich die USA gar nicht im Krieg befinden.
    Nie wieder die lästige Frage: „was machen wir mit der Region nach dem Krieg?“. Stabilisierungsmassnahmen, Versuche der Demokratiestiftung, Garnisonen alles überflüssig… einfach ein paar Drohnen schicken, die UN wird’s nie erfahren und wenn: „plausible deniability“.
    Kein schwarzer Plastiksack mit einem „unserer Jungs“, keine Berichterstattung.

    Versuch das mal mit Schiffen und Panzerhaubitzen.

  • T.Wiegold   |   15. September 2012 - 23:43

    @Jörg Reinhardt

    Klingt scheinbar logisch. Hakt aber an zwei Stellen und ist deshalb eine ideologische, keine rationale Argumentation:

    Ob das Völkerrecht eingehalten wird, ist keine Frage des Waffensystems. Das lässt sich mit anderen Waffen noch ganz anders verletzen.

    „Ganze Regionen“ lassen sich bei Luftüberlegenheit auch mit einem Flugzeugträger vor der Küste kontrollieren, auch mit ziemlicher Sicherheit von null Verlusten.

    Von daher ist das mit dem Paradigmenwechsel eine Behauptung, für die ich noch immer nicht den Beleg gesehen habe.

  • JCR   |   16. September 2012 - 0:03

    „Terroristen“ in Anführungsstrichen zu setzen zeugt bei namentlich bekannten Opfern wie Haqani schon von einer erstaunlichen Verblendung.
    Natürlich gibt es da auch kollateralschäden aber zu der geistigen Gymnastik, mit einem einzigen Satzzeichen alle Opfer von Drohnen zu Unschuldigen zu erklären sind glaube ich leider nur meine Landsleute fähig…

  • schleppi   |   16. September 2012 - 1:33

    @ memoria und wanderer

    In der Tat scheint der Minister in diesem Punkt sensibel genug gewesen zu sein über die Nachfrage der Abgeordneten Keul in der Debatte am 12.9. zum Einzelplan 14 für 2013 noch einmal nachzudenken. Bemerkenswert finde ich, dass damit wohl der Anstoß für eine ethische Debatte wenigstens unter den Politikern gegeben wurde. Denn auch Herr Koppelin hat neben seiner Inspekteursschelte auch diese Diskussion angemahnt.
    Liest man die Redebeiträge, dann hat der Insp Lw dem Minister sogar einen Gefallen getan: Das Drohnenthema ist von allen aufgegriffen worden und hat die Kritik an der Reform und deren fehlendem Einsparbeitrag in den Hintergrund gedrängt.

  • Stefan H.   |   16. September 2012 - 2:16

    @Koffer
    Wobei man ergänzen muss, dass der Bediener nicht die Entscheidung zum auslösen einer Waffe trifft.
    Damit gibt es zwei Einsatzformen:
    1. Taktischer CAS mit eigener Truppe am Boden und einem Ground Force Commander der nach geltenden ROE den Einsatz steuert. Unproblematisch, da weder ethisch noch faktisch ein Unterschied zum CAS durch Flugzeuge.
    2. Preplaned Targetting auf operativer oder strategischer Ebene. Da muss man halt politisch definieren, was man möchte. Aber aktuell auch unproblematisch, da Deutschland da eh nichts macht. Grundsätzlich könnte das z.B Taurus auch heute schon, wenn es politisch gewollt wäre. Ohne politischen Willen wird kein Militär so etwas anfassen, oder glaubt im Ernst jemand, dass das Targetting der USA im Jemen oder Pakistan ohne Billigung des Präsidenten läuft?

  • Memoria   |   16. September 2012 - 7:27

    @Wanderer und schleppi
    Die Kritik von Herrn Koppelin ist aus meiner Sicht nicht als Redeverbot für Generale zu verstehen. Die neue Verantwortungsverteilung zwischen GI und den Inspekteuren wird von der Politik nun eben eingefordert.
    Ein Inspekteur hatte zudem noch neue Produkte auszuwählen.
    Ob dabei der Tonfalll von Herrn Koppelin stets der Richtige ist läßt sich sicher bezweifeln.
    All das kann jedoch nicht als Begründung dafür dienen, dass die militärische Führung ihre Aufgaben an vielen Stellen nicht erfüllt.

  • KeLaBe   |   16. September 2012 - 10:16

    Der Verteidigungsminister hat seine Meinung revidiert. Das ist erfreulich, grundsätzlich wie speziell. Eine angemessene Portion Selbstkritik gehört zu den wichtigsten Tugenden eines Politikers. Und so, wie er jetzt formuliert und damit eine intensive Diskussion anregt, kann ich ihm durchaus folgen.

    Aus meiner Sicht sollte man sich die Bewertung von unbemannten, aber bewaffneten Drohnen nicht zu leicht machen. Denn sie begründen vielleicht keinen Paradigmenwechsel, aber durchaus eine neue Qualität. Entscheidend ist dabei nicht die Technik, sondern das, was der Mensch mit ihr macht. Denn kein Zweifel: Was machbar erscheint, das wird auch gemacht in der realen Welt, solange dieses einen Vorteil verspricht.

    Der Vorteil der Drohnen liegt auf der Hand: Vergleichsweise geringe Kosten und extrem geringes Risiko bei zugleich hoher, auch punktgenauer Wirkung. Es ist legitim und m.E. auch legal, das für sich auszunutzen, sofern die generellen durch das Völkerrecht gegebenen Einschränkungen eingehalten sind. Und wenn man selbst über diese Technologie verfügt und der Gegner nicht, erhält das alles einen höchst prgamatischen Reiz. Das gilt auch trotz der zu Recht gesetzten Fragezeichen, die an dieses Waffensystem geknüpft werden müssen sind und auch hier in diesem Blog bereits angesprochen wurden (psychologische Hemmschwelle, Anonymität, Legitimität der Zielauswahl, Videospielcharakter etc.).

    Die Frage ist allerdings auch, wie wir das bewerten, wenn eines Tages nicht nur wir, sondern viele andere auch (und nicht nur solche, die uns wohlgesonnen sind) diese Mittel besitzen sollten. Dieser Tag wird kommen. Wie sieht die Welt, wie sieht unsere Sicherheit dann aus? Dann stehen wir vielleicht vor der gigantischen Aufgabe, den Geist wieder in die Flasche zu bekommen. Bei den Nuklearwaffen – obwohl diese uns Mitteleuropäer durch ihre Abschreckungswirkung existenziell geschützt haben, und zwar jahrzehntelang – haben wir diese Lage ja schon: Aus heutiger Sicht, mit Blick auf den Iran und den Nahen Osten und Nordkorea etc., wären sie am besten nie erfunden und gebaut worden, und wir könnten so etwas wie „Global Zero“ verwirklichen (was wir vermutlich nicht mehr schaffen).

    Daher bin ich aus heutiger Sicht der Auffassung, wir sollten zweigleisig fahren: Zum einen die Anschaffung der Drohnen sorgfältig prüfen und ggf. auch realisieren. Zum anderen aber internationale Initiativen starten mit dem Ziel, erstens eine gemeinsam getragene Bewertung zu forcieren und zweitens, falls diese Bewertung es anzeigt, eine verbindliche qualitative Beschränkung oder gar eine Ächtung zu erreichen. Das klingt widersprüchlich und unrealistisch, das ist mir klar. Aber ich glaube, man darf der Entwicklung neuer Waffentechnologien nicht kritiklos ihren Lauf lassen. Denken, bewerten, nutzen – in dieser Reihenfolge.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 12:34

    @KeLaBe

    with all due respect: ich halte das alles für eine placebo-Debatte. Die Regierung drückt sich einfach darum herum in Sachen Deutsche Sicherheitsstrategie einen klaren way-ahead vorzulegen.
    Wieviel ‚Spielzeug‘ braucht denn die BW noch ohne strategisch und operativ, systemisch nachhaltige Konzepte.
    Alles nur noch Phrasen und Slogans.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 12:37

    p.s.

    die Bundespolizei hat heute schon vorsichtshalber verlautbart, dass sie leider undermanned und underequipped ist um unsere Botschaften vor flashmobs mit Steinschleudern neuerer Bauart zu schützen……vernetzte Sicherheit, ha ha

  • KeLaBe   |   16. September 2012 - 12:38

    @ klabautermann

    Kein Widerspruch – leider.

  • Memoria   |   16. September 2012 - 12:53

    @Klabautermann:
    Volle Zustimmung!
    Clausewitz, Scharnhorst, Gneisenau, Moltke (natürlich d. Ä.), Seeckt, Hammerstein-Equord, Beck und auch Baudissin würden sich über die heutige Denkfaulheit bei gleichzeitiger Technokraten- und Technikerdenke sehr wundern. Gerade auch der militärischen Führung fehlt erkennbar die Grundlage politisch und wirklich militärisch zu denken, zu beraten und zu handeln. Stattdessen herrscht weitestgehend Denken in Kategorieren des bürokratischen Selbsterhaltes (Ressort vs. Ressort, 87a vs. 87b, TSK vs. TSK, Truppengattung vs. Truppengattung, etc) ohne Blick auf das Ganze.
    Im Führungsnachwuchs gibt es hier nur wenige aber umso heller scheinende Ausnahmen. Genau diese verfügen jedoch über eine „klassische“ Bildung und gleichzeitig hohes Maß an Realitätsnähe.
    Die Politik ist als Korrektiv dieser eigentlich normalen Tendenzen einer Großorganisation leider weitestgehend ein Totalausfall.

    Die Bürokatisierung der Politik schreitet hierdurch immer mehr voran.
    Führung ist eben etwas anderes als Management.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 13:01

    @Memoria

    im anglikanischen Sprachraum nennt man ‚Führung‘ leadership, aber management ist ja viel einfacher, das kann jeder ;-))

  • KeLaBe   |   16. September 2012 - 13:08

    @ Memoria (und auch klabautermann)

    Gut gebrüllt. Und was sagt uns das jetzt über die ethische Bewertung von bewaffneten Drohnen?

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 13:17

    @KeLaBe

    es sagt mir, dass diese Bewertung zunächst einmal im nationalen Strategiekontext erfolgen sollte, und da es einen solchen nicht gibt, kann ein Minister eine völlig akademische Diskussion zur Ablenkung von der eigentlichen Frage nutzen…….placebo !

  • Memoria   |   16. September 2012 - 13:24

    @klabautermann:
    Daher gibt es ja in der amerikanischen Managementforschung ja einen wachsenden Ruf nach „leadership“ – ich wollte mir nur den Anglizismus sparen.

    @KeLaBe:
    Mit Blick auf Drohnen bedeutet dies, dass man sich erstmal klar wird wie die Gesamtlage ist und was wir in diesem Rahmen überhaupt durch Gewaltandrohung und -anwendung bewirken können und wollen.
    Allen Diskussionen der letzten Jahren fehlt diese Standortbestimmung. Am Ende dieser „Lagefeststellung“ stünde eine klare Grundlage für eine wirkliche „Neuausrichtung“ unserer Sicherheitpolitik über das rein militärische hinaus. Eine solche wirkliche Strategie ließe sich auf 3 bis 4 DIN A4 Seiten zusammenfassen. Davor liegt aber ein wirkliche Analyse der Gegebenheiten.

    Ohne diese Denkarbeit kaufen wir weiter Dinge für viel Geld bevor wir überhaupt wissen ob wir es brauchen.

    Im konkreten Fall bin ich eindeutig für bewaffnete Drohnen – sie müssen aber in einen Gesamtansatz eingefügt werden, der weitaus bescheidener ist als die bisherige Zielvorstellungen von 10.000 Soldaten in langwierigenden Stabilisierungseinsätzen.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 13:28

    @Memoria

    Zustimmung, und als erstes sollten wir mal „Stabilisierungseinsätze“ aus unserem Vokabular streichen…..dieses Konzept basiert auf einem aristotelischen Weltbild. In einem darwin’schen Universum ist aber Stabilität und somit Sicherheit eine Illusion.

  • KeLaBe   |   16. September 2012 - 13:32

    @ Memoria und klabautermann

    Okay, da sind wir selbstredend einer Meinung. Dennoch geht es in diesem thread doch primär um die Frage, ob eine etwaige Beschaffung von bewaffneten Drohnen gegen ethische Grundsätze verstößt oder nicht, und wie generell mit dieser Problematik (wenn sie denn eine solche ist) umgegangen werden sollte.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 13:46

    @KeLaBe

    zu 1. meiner Meinung nach ist das kein ethisches Problem, mir sind keine ethischen Grundlagen bekannt, die das verbieten würden und T.W. ist mein Zeuge, dass wir uns hier in Stavanger vor wenigen Wochen mit Ethik und Krieg beschäftigt haben ;-))
    zu 2. ich halte es – in light of my #1 – für keine ethische Problematik, allenfalls für eine politische und somit sollten die Herren Politiker sich einen Kopf machen und nicht wieder dieses ‚wir brauchen eine globale Debatte über Katzenstreu‘ – Nummer abziehen !

  • Soenke Marahrens   |   16. September 2012 - 13:49

    @Klabautermann.

    ich bleibe bei Aristoteles……. Sozialdarwinismus hatten wir schon, da sagte der bereits zitierte Gen Hammerstein in etwa dazu, dass die Deutschen eine absolute Niederlage brauchen, um darueber hinweg zu kommen……(und damit es nicht wieder kommt…) an dem Teil der Vorhersage leiden anscheinend ein paar hier …

    Was Strategisches Denken und USA anbelangt….. der Nachfolger von Adm Harvey hat „Efficiency“ zum Leittthema seine „Regentschaft“ gemacht…. vielleicht klingelt es….
    und der macht dann auch ein Controlling beyond Kolibri…… da fuellt man mehr Woerter in Formblaetter fuer die Prozessdurchfuehrung, als hinterher im Produkt des Prozesses (bspw eine neue Vorschrift….) stehen.

    und Doctrine man – die US Army Doctrine Gang aus Leavenworth auf Facebook (absolut lesenwert) hat gestern folgendes Buch beworben…

    „Bleeding Talent: How the U.S. Military Mismanages Great Leaders and Why It’s Time for a Revolution“ ….

    da scheint auch ein Mangel an
    „Clausewitz, Scharnhorst, Gneisenau, Moltke (natürlich d. Ä.), Seeckt, Hammerstein-Equord, Beck und auch Baudissin “ zu herrschen

    Btw mit Ausnahme von Seeckt war keine der vorher Aufgefuehrten unumstritten , der Mainstream sah anders…, und der ein oder andere wurde erst NACH seiner Karriere famous…

  • Memoria   |   16. September 2012 - 14:03

    @Soenke Marahrens:
    Sicher waren auch diese Leute keine Heiligen, aber wo sind die „Nicht-Unumstrittenen“ heute?
    Das Lodenmantelgeschwader zähle ich nicht dazu.

    Ja und auch in den USA ist weiterhin „scientific management“ gerade in den Streitkräften sehr populär – aber müssen wir die gleichen Fehler zwangsläufig auch machen??

    Nichts ist perfekt, aber zumindest die Richtung sollte stimmen. Da liegt aus meiner Sicht das Problem. Es fehlt ja schon an einer Diskussion hierüber. Erinnere mich dabei gerne an die hier geführte Diskussion um EBO/EBAO, COPD.

    Zuviel wird einfach unreflektiert übernommen ohne die Konsequenzen zu beachten.

    Wir haben ja nicht mal eine „toxic leadership“-Debatte. Der neue Inspekteur des Heeres hat in seinem ersten Tagesbefehl das Heer als „Weltklasse“ bezeichnet. Wieder ne große Chance vertan.

    Danke für den Buchtipp.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 14:05

    @Soenke

    1. „aristotelisch“ vs „darwinistisch“ benutze ich nur um klar zu machen, dass selbst Clausewitz in einer Welt lebte, die eben ungleich weniger komplex war als die heutige.
    2. Die Reflexion und Diskussion historisch-strategischer narratives sind heutzutage von ungleich höherer Bedeutung als vor 100 Jahren, es sei denn, man erkennt das nicht und ist gewillt, wieder Atom-Bomben aus taktischen quick-fix Überlegungen heraus zu schmeissen.
    3. Aus eins und zwei folgt, dass Grand Strategy nicht mehr funzt.
    4. Strategisch-technokratische (LaPlace’scher Dämon-Denke) Ansätze sind extrem risikobehaftet, selbst (politisch/historisch) kurzfristig.
    5. Natürlich kann ich peak-oil und demographic bulge als threat definieren, aber dann sind wir wieder in der Steinzeit.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 14:21

    ach ja, und da ich gerade etwas zornig bin:

    solange ein Botschafter im Sudan sich lieber unter den (persönlichen?) Schutz der sudanesischen Regierung begibt, anstelle ein Kabel (mit Nebenabdruck an BILD) nach Berlin zu schicken, in dem zu lesen steht: „Wo zum Teufel bleibt das KSK und die GSG 9“ , bin ich sowas von beeindruckt über unsere Politik.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 14:24

    ….oder auch : die Ethik des 4.Affen…..der auf seinen Händen sitzt

  • Memoria   |   16. September 2012 - 14:38

    @Klabautermann:
    Das mit dem Botschafter hatte ich noch gar nicht gehört. Verstehe nur nicht warum daran schon wieder „die Politik“ Schuld dran sein soll.
    Wenn der Botschafter – wie der Affe – die Hand nicht hebt… Wahrscheinlich hat er nichmal ein KUT 1/2 angefordert.
    Schuld der Politik?

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 14:48

    @Memoria

    …Schuld der Politik insofern, weil der AA himself – trotz Vorwarnung – wieder nur diese ‚wir verlangen vom Sudan ….blabla‘ Parolen losgelassen hat, anstatt mal sein sonst übliches ‚inakzeptabel‘-Geschwätz zu unterfüttern

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 14:52

    @Memoria

    was ist denn wichtiger : deutsche Handelsschiffe vor Somalia schützen oder deutsche Botschaften im Sudan ???

  • Memoria   |   16. September 2012 - 15:21

    @klabautermann:
    Sogar die Amis akzeptieren die Weigerung des Sudan 50 Marines einreisen zu lassen.
    Erzwingen der Einreise? Kosten/ Nutzen?

    Zu Schiffen oder Botschaften:
    Botschaften sind zweifellos wichtig, aber bis zu einer – politisch zu bestimmenden – roten Linie ist die Sicherheit der selbigen Aufgabe des Gaststaates. Gebe daher Recht, dass man für sich – als Land – wissen muss was akzeptabel und was inakzeptabel ist und danach entsprechend handeln. Wenn das Kind aber schon im Brunnen liegt?

    Es ist halt wieder ein „wasch mir den Pelz, aber…“-Thema.

  • klabautermann   |   16. September 2012 - 15:54

    Der Heilige Krieg überrennt
    das grimmig kalte Feld
    und schreitet voran

  • Jörg Reinhardt   |   19. September 2012 - 17:34

    @T.Wiegold Die Kosten und die Unbemerktheit mit der der Einsatz möglich wird, sowie die Tatsache, das kaum Personal benötigt wird, für reine Überwachung sogar gar keines (s.a. „Gorgon Stare“) unterscheiden Drohneneinsätze von konventionellen Waffen.

    Daher wird das ganze skalierbar.
    Das geht mit konventionellen Waffen die sehr viel teurer sind und bedient werden müssen nicht. Für immer und alle Zeiten einen Flugzeugträgerverband vor jeder Problemregion liegen lassen ist nicht möglich, das permanete Eingreifen mit Drohnen sehr wohl.
    Das verändert eben auch alle Implikationen die sich sonst so aus Krieg ergeben. Freiden wieder herstellen ist nicht mehr notwendig.
    Darum ist es ein Paradigmenwechsel.

    Amazon verkauft auch nur Bücher online, trotzdem stellt die Tatsache, das kein Personal und keine Lager benötigt werden einen Paradigmenwechsel dar.
    Barnes and Noble ist zwar riesig, aber Amazon können Sie nicht werden, solange Sie sich mit den ärgerlichen Details der physikalischen Realität rumschlagen müssen.

  • zog   |   19. September 2012 - 18:39

    Amazon hat kein Lager?
    Gorgon Stare braucht kein Personal?
    Das ist ja nur die halbe Wahrheit.