Eine Autostunde außerhalb Kabuls: Taliban richten Ehebrecherin hin

Die Meldung ist zwar noch nicht bestätigt, aber dennoch schreckt diese Reuters-Meldung auf:

A man Afghan officials say is a member of the Taliban shot dead a woman accused of adultery in front of a crowd near Kabul, a video obtained by Reuters showed, a sign that the austere Islamist group dictates law even near the Afghan capital.
In the three-minute video, a turban-clad man approaches a woman kneeling in the dirt and shoots her five times at close range with an automatic rifle, to cheers of jubilation from the 150 or so men watching in a village in Parwan province.

Dazu ein Bericht von Al-Jazeera mit Ausschnitten aus dem Video:

Es gibt die Meldungen von zunehmender Kontrolle durch afghanische Sicherheitskräfte, es gibt positive Nachrichten vom Hindukusch. Und es gibt diese und andere besorgniserregende Meldungen (auch im Süden des Distrikts Char Darrah bei Kundus haben, so heißt es, die afghanischen Sicherheitskräfte die Kontrolle …)

20 Gedanken zu „Eine Autostunde außerhalb Kabuls: Taliban richten Ehebrecherin hin

  1. Und so traurig es klingt, es ist nicht mal ausgeschlossen, dass die Ursache für den „Ehebruch“ eine vorangegange Vergewaltigung ist.

  2. Leider richtig.
    Wahrscheinlich wird der Schuldige noch nicht mal strafrechtlich verfolgt. Soviel dann zu den Gesetzen von Karsai.
    Was haben die Geberländer gerade für dieses wunderschöne Land mit diesen stolzen Menschen lockergemacht? Sobald der Geldhahn zugedreht wird, herscht leider wieder Anarchie!

  3. Es tut mir von Herzen leid für diese Frau. Aber wundert irgendjemand sowas wirklich? Das scheint mir in Afghanistan ein „normaler“ Vorgang zu sein. Unsere Maßstäbe passen einfach vorne und hinten nicht.

  4. In einem Land, in dem westliche Politiker nach wie vor nicht nach vorheriger Ankündigung auftreten können und nach ihrem überraschenden Einfliegen möglichst schnell wieder verschwinden müssen, da sonst die Sicherheit der dortigen Soldaten und ihrer selbst gefährdet wäre, wollen wir in den nächsten Monaten größtenteils die Sicherheitsverantwortung an die dortigen „Behörden“ übergeben?
    Gelächter.
    Mauer drum und zu. Alles andere wird scheitern.

  5. @RLG
    Das Geschehen ist doch kein Anzeichen von „Anarchie“, im Gegenteil: Hier hat jemand gezeigt, dass er in der Lage ist, seine Rechtsvorstellungen durchzusetzen. Das widerspricht nicht einmal den Wünschen der meisten Paschtunen (um die dürfte es sich im dargestellten Fall handeln).

    Ich erinnere mich an Erlebnisse aus meiner aktiven Zeit: Viele Paschtunen äußerten Unterstützung für Vorfälle wie den hier geschilderten. Kritisiert wurde es allenfalls, wenn die Strafe nicht durch männliche Verwandte der Frau vollzogen wurde bzw. die Bestrafte beim Vollzug der Strafe für nichtverwandte Männer sichtbar war. Dass die nach der entsprechenden Vorstellung auch im Fall einer Vergewaltigung „Unzucht“ begehende Frau zu bestrafen ist, war Konsens. Motiv schien nicht die von westlichen Beobachtern gerne unterstellte „Frauenfeindlichkeit“ zu sein, sondern die Tatsache, dass die soziale Ordnung auf der Wahrnehmung der „Ehre“ einer Familie beruht, die wiederum u.a. darauf beruht dass eine Familie die eigenen Frauen unter Kontrolle hat. „Ehebruch“ (freiwilliger oder erwungener Art) stellt die Fähigkeit einer Familie infrage, die eigenen Frauen zu kontrollieren, und führt dazu, dass man meint sich gegenüber dieser Familie auch andere Dinge herausnehmen zu können. Tötet die Familie die eigene Tochter, beweist sie damit, dass in ihr noch ein Mindestmaß an Stärke vorhanden ist, und ihre „Ehre“ und damit die Fähigkeit am sozialen Leben teilzunehmen ist bedingt wiederhergestellt.
    Ich habe Paschtunen kennengelernt, denen die Vorstellung durchaus zuwider war, ggf. ihre Frauen, Töchter oder Schwestern töten zu müssen, aber dass dies notwendig sei wenn man nicht das Schicksal der gesamten Familie gefährden will, wurde allgemein eingesehen oder zumindest gegenüber Fremden nicht in Frage gestellt.
    Diese paschtunischen Vorstellungen sind übrgrigens im internationalen Vergleich gar nicht so ungewöhnlich, auch wenn die paschtunische Form recht stark ausgeprägt ist. „Ehre“ ist oft nicht mehr als die Wahrnehmung von Stärke, und wer als schwach wahrgenommen wird, ist überall Beute des Stärkeren. Also tötet der Mensch „Ehebrecherinnen“, betreibt über Generationen dauernde Blutfehden, zieht das Messer wenn man sich durch einen falschen Blick beleidigt fühlt etc., um nicht als schwach zu gelten. Im internationalen und historischen Vergleich ist das Verhalten der Paschtunen vielleicht weniger abnorm als unsere Gesellschaft es ist, weshalb wir in entsprechenden Kulturkreisen gerade für das verachtet werden, was wir für unsere kulturellen Leistungen halten.

  6. @klabautermann
    Ich wollte keinesfalls sagen, dass wir solche Sitten übernehmen sollten, aber für unsere eigene Identität werden wir eben nicht von allen Menschen geliebt und müssen unsererseits wenigstens als stark wahrgenommen werden, um bei aller Verachtung für unsere im Vergleich ungewöhnlichen Sitten zumindest respektiert zu werden. Sonst ergeht es westlichen Menschen wie der von den Tätern als als Freiwild betrachteten Journalistinnen Lara Logan, Caroline Sinz und Natasha Smith auf dem Tahrir-Platz, die m.E. als Metapher für westliche Blauäugigkeit gelten können. Nichts ist gefährlicher als verachtet und gleichzeitig als schwach wahrgenommen zu werden.

  7. @Orontes

    Roger, dann kauf ich auch Ihren letzten Satz (auch den ursprünglichen) ;-) Dann müssen die Laras nur lernen, wann man leise sprechen und wann man einen big stick tragen sollte.

  8. @ BausC | 08. Juli 2012 – 11:39 – – –

    Ohne Sie persönlich angreifen zu wollen-das will ich wirklich nicht-, und im Wissen dafür wieder verbal mein Fett weg zu bekommen:

    Doch unsere Maßstäbe zur Bewertung solcher Unakzeptabelkeiten passen. Wenn jemand so etwas gutheißt, dann muss er umerzogen werden. Und der, der sich diesbezüglich in den Weg stellt, muss hinweggefegt werden.

  9. @ orontes
    Sie treffen die Dinge mitten ins Herz. Wann hören unsere Träumer endlich auf, sich die Lage in Afghanistan schön und westlich-demokratisch zu reden? Es ist & wird noch lange ein Land jenseits der Aufklärung sein. Nur wenn man seine Überlegungen an diesem Punkt ansetzt, wird man überhaupt irgendeinen noch so kleinen Erfolg nach Jahren sehen.

  10. @Sachlicher

    Unterhalb der Eskalationsstufe eines Mongoleneinfalls dürfte dieses Ziel nicht zu erreichen sein.

  11. @ JCR | 08. Juli 2012 – 18:46 – –

    Ich empfinde es als immerwährendes Ziel. Zwar kann man nur Schritt für Schritt darauf zu gehen. Aber man muss es tun.

  12. @Sachlicher
    Von Gutheißen bin ich weit entfernt. Wenn wir aber den Kampf aufnehmen wollen, hätten wir viel zu tun auf der Welt. Wo fangen wir an? Wo hören wir auf? Welche Mittel benötigen wir dafür? Was sind wir bereit für so einen Kampf zu opfern?

  13. @BausC:
    Von Gutheißen bin ich weit entfernt.

    Selbstverständlich. Das ist unbestritten.

    Wenn wir aber den Kampf aufnehmen wollen, hätten wir viel zu tun auf der Welt.

    Ja, korrekt.

    Wo fangen wir an?

    Eine eher nachrangige Frage für mich. Aber wenn Sie mich festnageln wollen: Im Jemen und in Somalia. Die Gelegenheit ist günstig.

    Wo hören wir auf?

    Denken Sie sich dieses Unterfangen als Fortsetzungsroman, der endlich ist. Dort wo der letzte Dominostein übrig stehen bleibt muss die letzte Schlacht, ggf. unmilitärische, darum stattfinden.

    Welche Mittel benötigen wir dafür?

    Willen, Ausdauer, ein Konzept mit vorwiegend und vorrangig ökonomischen, sowie weiteren zivilen Stilmitteln von Machtpolitik, eng verzahnt mit dem jeweils zu konzentrierenden militärischen.

    Was sind wir bereit für so einen Kampf zu opfern?

    Wir sehen, dass die Gegenseite ihre Ansichten/ Sichtweisen diesbezüglich bereit ist, ohne Kompromisse geschweige denn Zugeständnisse in unsere Hoheitsgebiete hineinzutragen. Insofern: alles. Alle Ressourcen werden benötigt. Kompromisse in dieser existenziellen Frage des eigenen Friedens sind fehl am Platz.

    Wie bemerkt: Schritt für Schritt. Es ist ein Märchen, dass dies uns mehr abverlangte, als es uns unterm Strich nützte. Es ist ein Märchen, dass unsere eigenen Vorstellungen von Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit an der eigenen Hoheitsgrenze enden bzw. man sich auf der Gegenseite mittels Hoheitsgrenze gegen Grundlagen von Menschlichkeit qua Prinzip wehren dürfe.

    Diese Meinung zu vertreten, halte ich für zulässig.

  14. Das Geschehen ist doch kein Anzeichen von “Anarchie”, im Gegenteil: Hier hat jemand gezeigt, dass er in der Lage ist, seine Rechtsvorstellungen durchzusetzen.
    Orontes | 08. Juli 2012 – 14:18

    Rechtsvorstellungen? Wenn zwei sich streiten, erschießt man einfach die Dritte?

    „Parwan province governor Abdul Basir Salangi told CNN that as both Taliban men ‚had some kind of relationship with the woman‘, they instead opted to accuse her of adultery to ’save face‘.“

    http://www.dailymail.co.uk/news/article-2170503/Caught-middle-Taliban-love-triangle-The-moment-helpless-Afghan-woman-22-gunned-fighters-decide-her.html#ixzz20DtBuZOd

    Aber immerhin: „It is understood that both Taliban commanders have subsequently been executed.“

  15. @Prediger
    Aber der Fall entspricht der islamischen Rechtsprechung, die Frauen werden hierbei wesentlich härter bestraft als die Männer.

  16. @Hans

    „The video has been condemned by the Afghan government as un-Islamic and inhuman.“

    Und offenbar war die Abteilung für Innere Angelegenheiten der Taliban wohl auch der Meinung, daß das Verhalten der beiden Herren nicht so ganz einwandfrei war.

  17. @Hans,
    mir fällt es einfach schwer, nein mir ist es gar unmöglich, trotz der Erklärung von @Orontes | 08. Juli 2012 – 14:18 zu diesem Thema, irgendetwas wie Verständnis aufzubringen. Ich weiß das Menschen anders leben können und dürfen. Ferner ist mir klar, das wir von solchen Verhaltensweisen historisch nicht weit entfernt sind. Wenn ich dann auf der anderen Seite ältere wohlhabende Afghanen sehe die junge Knaben für sich „tanzen“ lassen, ist mein Innerstes völlig überfordert. Diese und ähnliche Arten und Weisen auf der Welt mit Menschen umzugehen, ist doch weit verbreitet und nicht auf Afghanistan begrenzt. Insofern habe ich allen Respekt vor den Argumenten von @Sachlicher | 09. Juli 2012 – 11:12 zu dieser Thematik. Allerdings scheint mich diese Aufgabe zu überfordern.

  18. @BausC
    Damit Sie mich nicht missverstehen: Verständnis habe ich dafür auch nicht.
    Aber die (vllt pessimistische) Ahnung dass es so ist wie es ist und man es nicht wird ändern können, da die Sowjets und die Briten daran schon gescheitert sind und auch wir die Ziele sehr auf Sicherheit reduziert haben.
    Auch ich stimme @Sachlicher zu, trotzdem ist es mE fast überall in der Welt leichter als in AFG. Auch wenn wir hier eine Diskussion über Bedingungen von Auslandseinsätzen und generell zivilem Engagement im Ausland anstoßen.

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