Der Schutzraum gegen Piraten – so sieht das aus

Da vermutlich die meisten meiner Leser (und ich) noch nie einen dieser empfohlenen Safe Rooms (auch Zitadelle genannt) gesehen haben, die Handelsschiffen nach einer Entführung durch Piraten zum Schutz der Besatzung empfohlen werden, hier ein paar Bilder.

Sinnvoll ist eine solche Zitadelle natürlich nur, wenn Technik und Organisation stimmen: Die Mannschaft muss aus diesem Schutzraum die Schiffstechnik lahmlegen oder sogar steuern können, es müssen Kommunikationseinrichtungen vorhanden sein (die auch funktionieren, wenn Piraten die Satellitenantenne wegknallen), und genügend Wasser und Lebensmittel sollten auch da sein.

Die hier gezeigte Schutz-Einrüstung ist nur ein Beispiel, in diesem Fall von dem britischen Unternehmen SPS. Und selbst der voll ausgestattete Schutzraum bringt es nicht alleine, worauf dereren deutscher Vertriebspartner SKABE hinweist:

Wobei eine Zitadelle – auch die beste – nicht hilft, wenn nicht ordentlich trainiert wird und das ganze somit in eine Krisenmanagementsystem eingebettet ist. Das ist dann dasselbe wie mit dem Schiff, das zu schnell für ein Skiff ist, aber wo der Kapitän mangels Ahnung über Waffenwirkung nach wildem Geballere der Piraten einfach anhält und die Herrschaften an Bord läßt. Gleiches ist von Zitadellen bekannt, die beschußfest waren, aber nach Beschuß aus Panik geöffnet wurden. Inzwischen gibt es auch Möglichkeiten ein Schiff aus einer Zitadelle zu steuern.

Und natürlich gehört noch etwas dazu: Die Hoffnung auf bewaffnete Hilfe innerhalb einer überschaubaren Zeit. Wenn die Piraten tagelang Zeit (und die Ausrüstung) haben, einen solchen Schutzraum zu knacken, hilft alle Technik nichts. Die kann nur Zeit kaufen.

(Fotos: SPS)

(Disclaimer: Die oben genannten und verlinkten Unternehmen habe ich erwähnt, weil sie mir diese Bilder zur Verfügung gestellt haben. Es handelt sich nicht um einen gesponsorten Beitrag – muss man wohl heute immer dazu sagen.)

12 Kommentare zu „Der Schutzraum gegen Piraten – so sieht das aus“

  • Christoph Engelhardt   |   01. Mai 2012 - 13:32

    Interessante Idee für einen Artikel.

    Was mir fehlt ist eine Erklärung dessen, was ich auf diesen Bildern überhaupt sehe.
    Sind das zwei Aufnahmen der gleichen Einrichtung? Ist das die Schutztür?

  • Sebastian Br   |   01. Mai 2012 - 13:35

    Ich begutachtete vor zwei Jahren mal ein Schiff, da war der Schutzraum im Bugsteven. Gerade weil die Schutzraumtaktik veritable Erfolgsmeldungen produziert („Kein Schiff mit Zitadelle erfolgreich gekapert!“): Die Gefahr ist tatsächlich, dass manche sich auf den Schutzraum als einziges Mittel verlassen. Nach den Best Management Practises (BMP4) sollte eine mehrstufige Anti-Piraterie-Taktik zur Regel werden, so dass man die Zitadelle eben nur im letzten Notfall aufsucht. Dann müssen, auch das ist richtig dargestellt, aber auch alle wissen, wie sie am schnellsten dahin kommen und wie sich die Durchhaltefähigkeit der Bude darstellt. Trinkwasser, Provianz, sanitäre Anlagen und Frischluft müssen sichergestellt werden und dürfen von außen nicht unterbindbar sein. Die Panik in solch einem Raum kann man sich denken; ähnlich, wenn von draußen Schweißbrenner o.ä. zu hören sind.

  • T.Wiegold   |   01. Mai 2012 - 13:44

    Entschuldigung, ich sah das als selbsterklärend an… das ist, von außen und von innen gesehen, eine nachträglich eingerüstete Schutztür, die laut Hersteller innerhalb weniger Minuten installiert werden kann und gegen Aufbruchversuche – bis zu einem gewissen Grad – gerüstet ist.

  • Christoph Engelhardt   |   01. Mai 2012 - 16:14

    @T.Wiegold

    vielen Dank für die Aufklärung. Wäre natürlich klasse, wenn man noch Einblicke gewinnen könnte, wie die Schiffssysteme lahmgelegt werden sollen, wie die Kommunikation aussieht, wie für ausreichend Frischluft gesorgt wird, etc.

  • A. Horstmann   |   01. Mai 2012 - 21:06

    Schutz vor „Geballere“ bis zu wohin eigentlich? Wenn die ersten Piraten dazu übergehen diese Türen „prophylaktisch“ mit Hohlladungen zu bearbeiten wird wohl auf dem nächsten Schiff niemand mehr dahinter Zuflucht suchen. Einziger zuverlässiger Schutz bleiben die VPTs. Leider wette ich jetzt schon meine Augenklappe darauf, dass es nicht all zu lange dauern wird, bis die ersten gut ausgebildeten und trainierten Söldner darüber nachdenken, wie sie trotz ausbleibender Soldzahlungen ihren Lebensunterhalt sichern können.

    Die einzige Lösung für das Piratenproblem lautet bedingungsloses Grundeinkommen! Wer fordert das noch mal? ;-)

  • Friedrich Haas   |   01. Mai 2012 - 21:07

    Eine gute kurze Übersichtsdarstellung zum Thema Zitadelle vom Piraterieexperten der brit. Kanzlei hfw John Knott:

    Deutsche Übersetzung http://www.reederei-nsb.de/_uploads/media/3517_Piraten_Download_D.pdf

    „Eine Zitadelle schaffen – Eine Idee, die immer mehr Zuspruch erhält aber auch Gegner auf den Plan ruft, ist der Ruf zur Schaffung eines gesicherten Bereiches, oftmals Zitadelle genannt, wohin sich die Mann- schaft eines angegriffenen Schiffes zurückziehen kann, wenn es sicher scheint, dass sich die Übernahme des Schiffes durch Piraten nicht mehr vermeiden lässt. Tatsächlich werden eini- ge Neubauten mit einer Zitadelle sowie anderen Anti-Piraten Maßnahmen ausgestattet. Die Absicht, die dahinter steht, ist, dass die Mannschaft in relativer Sicherheit – es gibt keine ab- solute Sicherheit auf See – abwarten kann, bis sie von See- streitkräften und Militäreinheiten gerettet werden. Jedoch ist größte Achtsamkeit hinsichtlich der Details erforderlich, und ein umfangreicher Plan muss vorbereitet werden, um alle Aspekte einer derartigen Einrichtung abzudecken. Zu den Grund- überlegungen bei der Schaffung einer Zitadelle gehört, dass die Menschen in der Zitadelle vor Gewehrfeuer geschützt sind, dass sie Stromanschluss haben, Vorräte an Essen und Wasser, einige medizinische Ausrüstung, Hygieneräume, dass es eine Möglichkeit gibt, mit der Außenwelt zu kommunizieren, und dass sie eine Fluchtmöglichkeit im Falle eines noch größeren Notfalles haben. Zusätzlich wäre es sinnvoll, wenn die Men- schen die Möglichkeit hätten, die Aktivitäten auf und in der Nähe des Schiffes zu beobachten. Natürlich gibt es noch viele andere Dinge, die die Sicherheit betreffen und andere Dinge, die bedacht werden müssen, bevor eine Zitadelle geschaffen und bezogen werden kann, einschließlich – ganz besonders – der Methoden, die den Piraten zur Verfügung stehen, um Zugang zum Schiff zu erhalten. Ein ausgeklügeltes Modell würde aus mehreren Schichten bestehen und würde die Mög- lichkeit bieten, sich sicher zwischen den einzelnen Decks zu bewegen – aber Berücksichtigungen von dem zur Verfügung stehenden Raum sowie Kosten werden etwas zu anspruchvol- les verhindern. Sollte eine Zitadelle genutzt werden, müssten die Kommandozentralen darüber informiert sein. Anderenfalls wäre es höchst unwahrscheinlich, dass ein Befreiungsversuch unternommen werden würde.“

  • Janmaat   |   02. Mai 2012 - 1:06

    Es handelt sich, soweit ich das sehen kann, offensichtlich um einen normalen Ausgang (EXIT) vom Maschinenraum (oder einem Vorraum) zum freien Deck. Diese Tür wird mit Riegeln (sogen. Vorreiber) seefest verriegelt, was zur normalen Ausrüstung gehört. Eine Sicherung gegen unerwünschtes Öffnen dieser Tür von außen kann ich auf dem Foto nicht erkennen. (Auf meinem Schiff hatten wir diese Vorreiber alle von innen durch starke Bolzen gegen Bewegen gesichert – als erste Schutzmaßnahme sozusagen).
    Dann wurde hier zusätzlich (wie schon von TW erwähnt) eine Stahlwand installiert, die mit Flügelmuttern von innen befestigt wird. Diese Wand besteht anscheinend aus mehreren Sektionen, wohl damit sie händelbar bleibt, wobei man sich fragt, wie sicher und wie dicht die Stellen sind, wo die Einzelplatten aneinander stoßen.

    Auf dem zweiten Foto ist noch eine offen stehende Tür zu sehen, dort geht es anscheinend in den Maschinenraum bzw Kontrollraum. – Möglicherweise wurde auf diesem Schiff der gesamte Maschinenraum als „Zitadelle“ verbarrikadiert. Dazu müssten dann alle Zugänge wie die gezeigte Tür gesichert sein. Dies kann u.U. kostengünstiger sein als jede andere „Zitadellenlösung“.
    Vorteil dieser Lösung ist, dass die Besatzung die volle Kontrolle über sämtliche Maschinenaggregate hat. Für Belüftung ist gesorgt und Ver- und Entsorgung ist ebenfalls leicht zu realisieren. Für Kommunikationmöglichkeit mit der Außenwelt sollte durch ein zusätzliches UKW Gerät gesorgt sein. Allerdings dürften die Piraten inzwischen auch so schlau sein und die Kommunikation durch Zerstören sämtlicher Antennen zu unterbinden oder zumindest zu erschweren versuchen. Man muss also die entsprechende „Notantenne“ möglichst versteckt installieren. Schwierig.

    Fazit: Zitadelle ist gut, bewaffnetes Security Team ist besser.

    PS: Das dumme Gesicht der Piraten möchte ich sehen, wenn sie die erste Tür aufgebrochen haben und dann vor einer massiven Stahlwand stehen!
    ;-)

  • f28   |   02. Mai 2012 - 13:56

    @janmaat: „Das dumme Gesicht der Piraten möchte ich sehen, wenn sie die erste Tür aufgebrochen haben und dann vor einer massiven Stahlwand stehen!“

    ja, und wenn dann in dieser massiven Stahlwand noch so ’ne dekorative Kugelblende sitzen würde – wie ehemals seitlich am Marder zum Durchstecken einer UZI o.ä….

    Zur Notantenne: halte ich für gar nicht sooo schwierig. Eine UKW-Seefunkantenne wie auf Yachten gebräuchlich ist ca. 1 Meter lang und kann auch einfach mit einem dünnen Plastikrohr maskiert werden. Das Ding irgendwo an die Reling tüddeln oder mit einer Flaggleine hochziehen. Wenn man auf ein paar Meter Reichweite verzichtet, dürfte das locker reichen. Ich möchte auf einem ausgewachsenen Seeschiff nicht nach so einem Ding suchen müssen…

    Und weil so ein Ding irgendwie gar nicht nach Antenne aussieht, ist garantiert im Schutzraum der Wodka aufgebraucht, lange bevor irgendein Pirat über diese Antenne gestolpert ist.

  • Friedrich Haas   |   02. Mai 2012 - 14:09

    @Janmaat: Danke für die interessanten Infos von Bord. „Zitadelle“ ist sicher ein weiter Begriff vom Ausbau von Räumen oder Einbau spezieller Räume an Bord bzw. auf einer Plattform. Zudem ist eine gute Zitadelle nicht sofort erkenn- und auffindbar. Auch das schafft Zeit und Sicherheit. Im Prinzip wie der versteckte „Panic Room“ in Gebäuden an Land.

    Nach meinem Kenntnisstand aus Gesprächen u.a. mit Reedern, werden VPT und bzw. bewaffnete Security Teams nur als Übergangslösung gesehen. Noch haben die Piraten schwächere Ziele, rüsten aber bereits auf, wenn man den Waffenhandel aufmerksam verfolgt. Dazu könnten auf Mutterschiffen angebrachte 50mm MG, hoch moderne Scharfschützengewehre, etc. gehören, die Skiff-Angriffe aus sicherer Distanz unterstützen, indem gezielt VPT eliminiert bzw. zur Aufgabe gezwungen werden. Zudem gibt es neue Taktiken wie Schwarmangriffe mit über zehn Skiffs auf ein Schiff oder das Entern im Hafen bzw. Einschleusen von blinden Passagieren mit Waffen. Mindestens ein Fall ist belegt, wo ein Schiff gekapert wurde, unmittelbar, nachdem das VPT in einem Hafen von Bord ging … . Lösungen können m.E. daher nicht im „besser ist“ sondern nur in Systemlösungen von Technik, Intelligence, Training und Zusammenarbeit aller Beteiligten liegen. Zudem macht das „Geschäftsmodell“ leider Schule – gestern wurde wieder vor der Küste Westafrikas gekapert und gekidnappt …

  • Rado   |   07. Mai 2012 - 7:48

    Bin gespannt, wann die ersten somlischen Piraten im Hamburger Hafen auftauchen und dort Schiffe kapern.
    Aufhalten wird sie bis dorthin keiner.

  • Dante   |   08. Mai 2012 - 3:50

    Ich verstehe erlich gesagt die Problematig nicht . Das ist doch ähnlich wie mit einem Banküberfall. Das Schiff gehört doch nicht der Besatzung. Ich würde denen als chef schlicht den Zündschlüssel überrreichen und die können mich dann mal.
    Warscheinlich bin auch nur naiv.
    lg Heiko

  • chickenhawk   |   09. Mai 2012 - 19:11

    @ Dante | 08. Mai 2012 – 3:50

    Es geht doch bei den Entführungen nicht um das Schiff und um dessen Ladung (beides ist im Zweifel ohnehin gut versichert); die Piraten nehmen Menschen gefangen und fordern für diese Lösegeld.

    Deswegen haben sie ja auch schon Ferien-Hotels im Norden Kenias überfallen und urlaubende Rentner nach Somalia verschleppt.