Kein Schutz in der Zitadelle: Griechischer Chemietanker von somalischen Piraten gekapert

Erstmals in den vergangenen Wochen haben somalische Piraten wieder einen größeren Erfolg erzielen können: Am (gestrigen) Montag wurde im Golf von Aden der Chemietanker Liquid Velvet gekapert, der unter der Flagge der Marshall Islands fährt und einer griechischen Reederei gehört. Nach Informationen von Augen geradeaus! hatte sich die Besatzung zwar in den Schutzraum, die Zitadelle, zurückziehen können – doch während die Crew auf bewaffnete Hilfe wartete, gelang es den Piraten, diesen Schutzraum aufzubrechen.

Die Kaperung fand im westlichen Golf von Aden statt – noch im Bereich des Sicherheitskorridors, den die internationalen Seestreitkräfte zum Schutz vor Piraten dort eingerichtet haben. Wie Reuters unter Berufung auf den ostafrikanischen Piraterie-Experten Andrew Mwangura berichtet, hatte der Tanker 21 Besatzungsmitglieder und einen Sicherheitsmann an Bord – letzterer allerdings unbewaffnet.

Die Crew hatte, so höre ich, in dem Sicherheitsraum drei Stunden ausharren können, ehe die Piraten Zugang bekamen. Ein Beobachtungsflugzeug konnte später nur feststellen, dass sowohl Piraten als auch Besatzungsmitglieder auf der Brücke zu sehen waren und damit klar war, dass die Seeleute Geisel der Piraten waren.

Nach Angaben des NATO-Schiffahrtszentrums ereignete sich die Kaperung bei den Koordinaten 12º 00‘ Nord, 45º 33‘ Ost. Eigentlich ein Bereich, der als International Recommended Transit Corridor (IRTC) unter der Kontrolle von Kriegsschiffen ist:

Karte: OpenStreetMap

(Interessanterweise gibt es bislang weder vom Piracy Reporting Centre des IMB noch von der EU-Antipirateriemission Atalanta eine Meldung zu dieser Kaperung.)

10 Gedanken zu „Kein Schutz in der Zitadelle: Griechischer Chemietanker von somalischen Piraten gekapert

  1. Eine Frage, die in diesem Zusammenhang gestellt werden kann, lautet, ist eine Zitadelle immer ein Schutzraum oder ist es in einer Zeit, in der an allem gespart wird, auch manchmal nur ein einfach gesicherter Maschinenraum bzw. ein mit einem Riegel gesicherter Toilettenraum?

  2. Ist eine berechtigte Frage. Oder, noch ein bisschen weiter gehend: Selbst wenn es tatsächlich ein Schutzraum ist, hat der Zugriff auf die Maschinensteuerung und vor allem Kommunikationsmöglichkeiten?

  3. *Einen* Sicherheitsmann, dazu noch unbewaffnet, mitfahren zu lassen auf so einem Kahn – und bei den genannten Daten (Nationalität der Reederei u.a.) kann man durchaus darauf spekulieren, dass der Sicherheitsheitsraum tatsächlich keine gehärtete Zitadelle nach „Best Management Practises 4“ war – das grenzt ja fast schon an Hohn.

    Die Frage wäre jetzt, ob diese erfolgte Kaperung *trotz* Sicherheitmann an Bord in die Gesamtstatistik einfließt und unbotmäßige Wellen schlägt. Denn bisher galt „Sicherheitsteam an Bord = keine erfolgreiche Kaperung“.

  4. @Sebastian B.

    Nicht ganz: Bisher galt (und gilt wohl auch weiter): bewaffnetes Sicherheitsteam an Bord = keine erfolgreiche Kaperung.

  5. @Sebastian und TW: Sebastian hat recht: es ist bisher (vor Liquid Velvet) kein Schiff gekapert worden mit Sicherheitsteam and Bord – bewaffnet oder unbewaffnet. Es sind einige Schiffe erfolgreich durch Piraten geboardet worden, die unbewaffnete Sicherheitskräfte hatten, die aber alle durch erfolgreiche Zitadellen letztlich die Kaperung verhindern konnten. Allerdings kann man auch in mindestens 2 Fällen (Geo Barents und Tiba Folk) von Teilerfolgen der Piraten gegen bewaffnete Sicherheitskräfte sprechen; im ersten Fall gelang es einem Piraten an Deck zu kommen bevor er überwältigt wurde, und im zweiten Fall mußte der Schlepper seine Barge loswerfen um den Piratenmutterschiffen zu entkommen. Beide Schiffe hatten bewaffnete Security an Bord.

  6. @bewaffnete Sicherheitsteams: Somit bleibt die Statistik bzgl. „keine erfolgreiche Kaperung“ bei eingeschifften, bewaffneten Sicherheitsteams unberührt. Es bleibt abzuwarten wann es „wirklich“ passieren wird und wie die Piraten dann mit dem Sicherheitspersonal umgehen, bzw. wer deren Lösegeld, vor dem Hintergrund der vielen kleinen „Ltd.’s“ welche da aus dem Boden spriesen, bezahlt….. (Besorgniserregend finde ich die Tatsache hier das in der Öffentlichkeit bekannt gegeben wird das sich ein Sicherheitsmann an Bord der LIQUID VELVET befindet….Dies sollte man vielleicht, zum Schutz, nicht soweit nach Aussen tragen)

    @Zitadelle: Grundsätzlich müssen neben der „Einbruchssicherheit“ noch weitere Faktoren, insbesondere in den Bereichen Kommunikation, Machinen- und Ruderkontrolle, Verpflegung u.a. erfüllt werden um einen Schutzraum zu einer Zitadelle umzutaufen. (Internationale Standards sucht man auch hier vergebens…….Wie so oft gibt es „Empfehlungen“ an die Seeschifffahrt…)

  7. Eine Ergänzung zu dem Fall kommt von Dirk St. aus HH, via http://piraten.tumblr.com/post/12196652185/griechischer-tanker-gekidnappt-update.

    „Ein paar Fakten:

    · Vermittels Seekarte, Group Transit/Convoy Fahrplan und Position des Überfalls läßt sich schnell ermitteln, daß das Schiff ohne Schutz fuhr – obwohl es sich um ein Schiff handelt für das generell die Empfehlung gilt nur in der Gruppe oder im Konvoi zu fahren. Der IRTC bietet nur Sicherheit für diejenigen, die sich darin auch an die Regeln halten.
    · EU Navfor wußte nichts, da das Schiff nicht angemeldet war (eigentlich eine Selbstverständlichkeit), und die Zitadelle (wenn sie den Namen überhaupt verdient) nur über UKW Sprechfunkverbindung verfügte (entgegen klarer UKMTO/MSCHOA Weisung) und alles per VHF-Relay laufen mußte. Das sagt wohl auch einiges über die Qualität des „Consultants“ aus der an Bord war.
    · Die USS Carney (DDG 64) war sofort zur Stelle, aber da war die Situation schon so verfahren, daß nichts mehr zu retten war. Die Carney hätte auch kein Boarding Team an Bord gehabt. Wer rechnet schon damit, daß jemand im IRTC so schnell überwältigt wird.
    · Fazit: selber schuld. Wer sich nicht im geringsten an die Vorgaben der Seestreitkräfte hält, kann auch keine Hilfe (auf Kosten derjenigen, die Folge leisten) erwarten. Eine Weisheit, die übrigens so alt ist wie das Konvoisystem. Die einzigen, die mir hier leid tun sind die Seeleute, die von einem billigen, griechischen Reeder verarscht worden sind, indem für vermutlich wenig Geld „Pseudo-Sicherheit“ inszeniert wurde.

  8. @Bernd

    Kann das mit den aktuellen Veränderungen im Google Reader zu tun haben? (Weiß im Moment auch nicht, wie ich das beheben kann.)

  9. Eine „Zitadelle“, die nach nur drei Stunden aufgebrochen wird, ist keine Zitadelle. Da wurde es den Piraten wohl zu leicht gemacht. Und alleine nützt die Zitadelle auch nicht viel, wenn nicht schon vorher alle nur möglichen Zugänge gesichert sind. Türen, Schotten, Fenster, Auf- und Niedergänge – alles muss regelrecht verbarrikadiert sein. Klar, das macht Arbeit und ist unbequem – dafür fühlt man sich aber auch sicherer.

    Sich darauf zu verlassen, dass schon nichts pasieren wird, wenn man brav im IRTC Korridor fährt – und dass im Notfall die Navy schon rechtzeitig kommen wird, ist naiv oder leichtsinnig oder beides. Dabei gehörte dieser Zossen doch zu den besonders gefährdeten Schiffen: Klein, langsam, niedriger Freibord. Wenn die ohne bewaffnete Security fahren, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sie gekapert werden.

    Ich selbst bin in 2010 mehrmals durch den Korridor gefahren, und auf der gesamten Strecke von fast 500 Seemeilen (rund 900 km) habe ich – wenn überhaupt – nur ganz selten ein Kriegschiff gesehen. Will sagen, meistens fährt man allein. Wenn man Glück hat, ist das nächste Kriegsschiff vielleicht „nur“ 50 oder 60 Seemeilen entfernt – aber das ist dann schon außerhalb der UKW Reichweite.

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