Kosovo: Weiterer Schritt zum deutschen Abzug

Ziemlich genau 19 Jahre nach dem Einmarsch der NATO im Kosovo hat die Bundeswehr ihre Präsenz in dem Balkanland weiter deutlich reduziert. Zum 30. Juni endete planmäßig die Bereitschaft einer deutsch-österreichischen Eingreiftruppe, die für Notfälle in den Heimatländern in Bereitschaft stand. Mit dem Ende des so genannten ORF-Bataillons (Operational Readiness Reserve Force) wurde auch das im Kosovo eingelagerte Gerät der Eingreiftruppe für den Rücktransport fertiggemacht, wie die Bundeswehr am (heutigen) Mittwoch auf ihrer Webseite* berichtete. weiterlesen

Die deutsch-österreichische Reserve hat (erneut) übernommen

Damit es nicht untergeht: Am (heutigen) 1. Oktober hat das deutsch-österreichische Reservebataillon (Operational Reserve Forces, ORF), erneut seinen Dienst im Kosovo angetreten. Dass Deutschland und Österreich in diesem Jahr noch mal dran sind, war seit August klar. Die Soldaten von Bundeswehr (rund 550) und Bundesheer (rund 150) lösen das italienische ORF-Bataillon ab. Leitverband ist das ABC-Abwehrregiment 750 aus Bruchsal, und dessen Kommandeur Oberstleutnant Ralf Schipke ist auch Kommandeur des ORF-Bataillons.

Auch wenn die Zwischenfälle vor allem im Norden des Kosovo in jüngster Zeit nachgelassen haben: Wie das Deutsche Heer stelle ich mir die Frage, was der Sinn einer Reserve ist, wenn man sie dauerhaft einsetzt. Vielleicht hat die NATO die KFOR-Truppen doch ein wenig zu ehrgeizig reduziert?

ORF-Bataillon erneut ins Kosovo

Erneut wird das von Deutschland und Österreich gestellte Reservebataillon für den Kosovo ausrücken müssen: Der KFOR-Kommandeur (bis zum 7. September noch der deutsche Generalmajor Erhard Drews) hat bei der NATO erneut Verstärkung angefordert:

Der Kommandeur KFOR sieht weiterhin mögliches Potential für eine erneute Lageverschlechterung. Ausgehend von dieser Lageeinschätzung hat der Kommandeur KFOR über die vorgesetzten NATO-Dienststellen den Verbleib des operativen Reservebataillons (Operational Reserve Force – ORF) im Kosovo bis mindestens 15. Dezember 2012 beantragt.
Das gegenwärtig im Einsatz befindliche italienische ORF-Bataillon steht der NATO jedoch nur noch bis September zur Verfügung. Deshalb wurde durch das zuständige NATO-Kommando in Neapel am 22. August der Vorbefehl für den Einsatz des deutsch-österreichischen Reservebataillons erlassen, das sich planmäßig in Bereitschaft befindet.
Absicht ist, das italienische Vorgängerbataillon bis 30. September abzulösen und die Einsatzbereitschaft des deutsch-österreichischen Reservebataillons im Kosovo bis zum 1. Oktober herzustellen.

Nun dürfte es so aussehen, dass die Einheiten, die in den vergangenen Monaten schon mehrfach als Eingreifreserve ins Kosovo ausrücken mussten, erneut gefragt sind (obwohl ich mir gerade nicht sicher bin, ob weiterhin das ABC-Abwehrregiment aus Bruchsal das ORF-Bataillon stellt oder ob da schon ein Wechsel stattgefunden hat?). Auf jeden Fall scheint der Plan der NATO, die KFOR-Truppen im Kosovo stetig zu reduzieren, bis auf Weiteres nicht aufzugehen.

RUDARE, Kosovo – Kosovo Force (KFOR) removed a roadblock on the outskirts of Rudare preventing freedom of movement to the people of Kosovo, June 1, 2012. Two KFOR soldiers were injured by gunfire during the operation after unidentified individuals in a violent crowd opened fire on security forces providing a cordon around roadblock removal efforts. KFOR forces responded in self-defense, using tear gas, rubber bullets and live ammunition. (U.S. Army photo by Sgt. 1st Class Jim Wagner)

Nachtrag: Das Heer sagt jetzt was zur Zusammensetzung des ORF-Bataillons:

Das ABC-Abwehrregiment 750 „Baden“ aus Bruchsal ist im 2. Halbjahr 2012 wiederum Leitverband für das ORF-Bataillon. „Das Personal der 1. Kompanie des ORF-Bataillons ist aus unterschiedlichen Einheiten zusammengesetzt“, so Oberstleutnant Ralf Schipke, Regimentskommandeur und designierter Kommandeur des deutsch-österreichischen ORF-Bataillons. Weiter wird die 2. Kompanie durch die leichte ABC-Abwehrkompanie 120 aus Sonthofen gestellt, die 3. Kompanie kommt vom ABC-Abwehrbataillon 7 aus Höxter, die 4. Kompanie wird von den österreichischen Kräften gestellt. Ergänzt wird das Bataillon mit Feldjägerkräften aus Hannover, Pionieren aus Gera und Sanitätssoldaten aus Kempten.

ORF-Bataillon im Kosovo: Noch nicht ganz raus, schon wieder drin

So schnell kann’s gehen: Ende April März hatte das deutsch-österreichische Operational Reserve Forces (ORF) Bataillon im Kosovo seine Arbeit beendet und an eine italienische Eingreiftruppe übergeben. Der Abzug der ORF-Kräfte ist noch nicht mal abgeschlossen, wie die Bundeswehr vergangene Woche an die Abgeordneten des Bundestages meldete

Die Nachbereitungsarbeiten im deutsch-österreichischen ORF-Bataillon schreiten zügig voran und werden voraussichtlich wie geplant bis Anfang Mai 2012 abgeschlossen. Inzwischen wurden drei Lufttransporte zur Rückführung des deutschen ORF-Personals durchgeführt. Mit Stand 16.04.12 befindet sich noch rund ein Viertel des deutschen Personals im Einsatzgebiet. Bis Anfang Mai 2012 soll die Rückverlegung abgeschlossen werden.

da kommt schon das Kommando Kehrt marsch. Denn angesichts der für Anfang Mai geplanten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Serbien drohen neue, möglicherweise gewalttätige Spannungen im Kosovo, weil die Serben im Norden des Landes an diesen Wahlen teilnehmen wollen:

Aufgrund dieser Lageeinschätzung hat COM KFOR beim vorgesetzten NATO- Kommando in Neapel die erneute Verlegung des deutsch-österreichischen Bataillons der operativen Reserve beantragt. Das NATO-Kommando in Neapel hat inzwischen einen ersten Einsatzbefehl erlassen, der sich zurzeit allerdings noch in Prüfung bezüglich der darin aufgezeigten Zeitlinien befindet. Absicht ist, die volle Einsatzbereitschaft des deutsch-österreichischen Reservebataillons in Kosovo am 01. Mai 2012 hergestellt zu haben.

Deutschland und Österreich werden den eingegangenen Verpflichtungen nachkommen und das Reservebataillon vorübergehend wieder in den Kosovo verlegen, um die erfolgreiche Fortsetzung der Operation bestmöglich zu unterstützen.

Damit werden dann gleich zwei Reservebataillone der KFOR-Truppen im Einsatz stehen, das italienische und das deutsch-österreichische, gestellt unter anderem vom ABC-Abwehrregiment 750 in Bruchsal, parallel. Und sie dürfen sich erneut auf Ärger einstellen. Denn selbst wenn es zu einer Einigung zwischen Serbien, Kosovo und der moderierend beteiligten OSZE kommen sollte, haben zwei serbische Gemeinden im Nordkosovo bereits angekündigt, auf jeden Fall ihre eigenen Kommunalwahlen durchzuführen. Da bestehe erhebliches Konfliktpotential, ist die Einschätzung in der Bundeswehr.

Allerdings, und das wird in der deutschen Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen: Auch ohne das Reservebataillon stehen deutsche Soldaten im Kosovo, unverändert an der Verwaltungsgrenze (Administrative Boundary Line) zwischen Serbien und dem Kosovo. Seit Anfang April sichern Teile der deutschen Schutzkompanie, unterstützt von einem amerikanischen Infanteriezug, den Grenzübergang Jarinje – und sollen nicht zuletzt verhindern, dass die Kosovo-Serben ihre eigenen Übergänge über die grüne Grenze schaffen und nutzen.

ABC-Abwehrregiment 750 in Bruchsal vor dem Kosovo-Einsatz

Die formale Entscheidung ist zwar noch nicht gefallen, aber die Wahrscheinlichkeit steigt: Noch vor Weihnachten werden voraussichtlich Soldaten des ABC-Abwehrregiments 750 in Bruchsal in den Kosovo verlegen. Sie stellen dann die deutschen Teile des ORF (Operational Readiness Forces)-Bataillons für KFOR und lösen das Raketenartilleriebataillon 132 aus Thüringen ab, das seit September im ORF-Einsatz ist. Der Bruchsaler Kommandeur Oberstleutnant Ralf Schipke hat bereits Balkan-Erfahrung – unter anderem war er 1999/2000 Kompaniechef in Prizren.

Die Österreicher hatten den Einsatz ihrer Truppenteile im ORF-Bataillon kürzlich bis zum Jahresende verlängert. Bei den Deutschen ist allerdings die Absicht, die jetzt eingesetzten Soldaten der Eingreifreserve vor Weihnachten nach Hause zu holen. Offen ist derzeit noch, ob der Einsatz des deutsch-österreichischen Bataillons in das nächste Jahr hinein verlängert wird.

Das ORF-Bataillon war in den vergangenen Wochen immer wieder bei der Räumung von Barrikaden im serbisch dominierten Norden des Kosovo eingesetzt. Am Montag wurden dabei zwei deutsche Soldaten angeschossen, unter ihnen der Bataillonskommandeur Klaus Glaab. Insgesamt gab es 30 Verwundete bei dem Einsatz in dieser Woche.  Nach dem Ausfall Glaabs, der heute im Feldhospital operiert wurde, hat sein Stellvertreter, der österreichische Oberstleutnant Franz Pirker, das Kommando übernommen: Die Lage ist völlig unberechenbar, aber wir sind gut vorbereitet.

 Nachtrag: Das Verteidigungsministerium hat mir am (heutigen) Donnerstagmorgen offiziell bestätigt, dass das die deutschen Anteile des ORF-Bataillons, d.h. vor allem die Soldaten des Raketenartilleriebataillons 132, noch vor Weihnachten den Kosovo verlassen sollen.

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