Meilenstein der Militärbürokratie: 100 Jahre Hufnagelerlass

Der deutsche General Hans von Seeckt, vor gut einem Jahrhundert (unter anderem) Chef der Heeresleitung der Reichswehr, war eine, sagen wir vielschichtige Persönlichkeit. In historischer Erinnerung ist unter anderem sein Spruch Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr, mit dem er die Weigerung begründete, den Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik 1920 niederzuschlagen. In die Annalen der Militärgeschichte ist von Seeckt aber aus anderem Grunde eingegangen: Heute vor genau 100 Jahren erließ er den berühmten Hufnagelerlass, in dem er mit der Militär- und Beschaffungsbürokratie abrechnete.

In dem Text, der immer wieder gerne als Beispiel für überbordendes Mitzeichnungswesen gerade in der Beschaffung von militärischer Ausrüstung zitiert wird, nahm der damalige General der Infanterie einen der kleinsten Ausrüstungsgegenstände der Streitkräfte ins Visier: Den Hufnagel, vor 100 Jahren angesichts der Bedeutung von Pferden für den Transport (und wenn auch abnehmend, für die Kavallerie) durchaus bedeutsam:

Zur besseren Lesbarkeit:

Der Geschäftsgang der Heeresleitung fängt an, mir zu schleppend und zeitraubend zu werden. Ich schiebe diese Verzögerung gewiß nicht auf einen Mangel an Fleiß, sondern im Gegenteil auf ein Überhandnehmen bürokratischer Sitten. Vor allem fürchte ich eine Ressorteitelkeit, die nicht zuläßt, dass mir die neue Form eines Hufnagels vorgeschlagen wird, ehe nicht T1, 2, 3, 4, V.A., J.W.G., In 1 – 7, Rechtsabteilung und Friedenskommission ihr schriftliches Votum abgegeben haben und Meinungsverschiedenheiten durch eine Besprechung der Referenten ausgeglichen sind. Ich fürchte aber noch mehr, dass über diesen Hufnagel sowohl von Seiten der Abteilungen wie der Inspektionen einzeln alle Truppenteile befragt worden sind. Wenn mir dann der Hufnagel zur Entscheidung mit allseitiger Zustimmung von der allein maßgebenden Veterinär-Inspektion vorgelegt wird, dann sind entweder inzwischen 100 Pferde unnötig lahm geworden, oder es bleibt bei dem alten bewährten Hufnagel und Ministerium und Truppe haben umsonst gearbeitet.
Ich ersuche alle Stellen der Heeresleitung, diesen Hufnagel als Symbol aufzufassen und nur zu helfen, dass uns eine bürokratische Schwerfälligkeit fern bleibt, die sich mit dem Soldatenstand nicht verträgt.
5. Dezember 1925

Ein Jahrhundert später haben sich die deutschen Streitkräfte deutlich mehr verändert als solche bürokratischen Prozesse. Die gibt es in ähnlicher Form immer noch – ich hatte das mal (ist auch schon wieder über 14 Jahre her) am Beispiel des komplexen Systems Strickmütze aufgeschrieben.

(Foto: Reichswehrsoldaten überqueren im August 1931 bei einer Übung mit Pferden die Oder – Bundesarchiv Bild 102-12106, Reichswehr-Manöver, Überqueren der Oder, CC BY-SA 3.0 DE; Faksimile: Bundesarchiv BArch RH 1/85)