EU-Satellitenavigation seit Tagen außer Betrieb. Fällt erst mal nicht so auf.

Das europäische Satellitennavigationssystem Galileo ist seit ein paar Tagen außer Betrieb und liefert keine Positionsdaten für seine Nutzer. Das fällt zunächst nicht so auf, weil andere Systeme wie vor allem das Global Positioning System (GPS) der USA die Navigation ermöglichen – aber stellt Fragen an Europas Anspruch.

Bereits am vergangenen Freitag hatte das Fachportal GNSS über den Ausfall seit Donnerstag berichtet: Die European Global Navigation Satellite Systems Agency hatte schon am Vortag in einem Hinweis für die Nutzer von einer Verschlechterung der System-Signale gesprochen. Am Samstag folgte ein Update mit der Nachricht, dass das System auf unbestimmte Zeit außer Betrieb sei:

NOTICE ADVISORY TO GALILEO USERS (NAGU) 2019026
DATE GENERATED (UTC): 2019-07-13 20:15

NAGU TYPE: GENERAL
NAGU NUMBER: 2019026
NAGU SUBJECT: SERVICE OUTAGE
NAGU REFERENCED TO: 2019025
START DATE EVENT (UTC): 2019-07-12 01:50
END DATE EVENT (UTC): N/A
SATELLITE AFFECTED: ALL

EVENT DESCRIPTION: UNTIL FURTHER NOTICE, USERS EXPERIENCE A SERVICE OUTAGE. THE SIGNALS ARE NOT TO BE USED.

Eine Erklärung gab es zunächst nicht. Nach bislang nicht bestätigten Medieninformationen soll ein Fehler in der Software einer Bodenstation in Italien den Ausfall der Satellitennavigation ausgelöst haben. In Deutschland hatte zuerst das Fachportal golem.de darüber berichtet.

Am späten Sonntagabend, mehrere Tage nach Beginn des Ausfalls, lieferte die europäische Betreiberagentur weitere Informationen:

Update on the availability of some Galileo Initial Services
Galileo, the EU’s satellite navigation system, is currently affected by a technical incident related to its ground infrastructure. The incident has led to a temporary interruption of the Galileo initial navigation and timing services, with the exception of the Galileo Search and Rescue (SAR) service. The SAR service – used for locating and helping people in distress situations for example at sea or mountains – is unaffected and remains operational.
Galileo provides ‘initial services’ since December 2016. During this initial „pilot“ phase preceding the ‘full operational services’ phase, Galileo signals are used in combination with other satellite navigation systems, which allows for the detection of technical issues before the system becomes fully operational.
Experts are working to restore the situation as soon as possible. An Anomaly Review Board has been immediately set up to analyse the exact root cause and to implement recovery actions.

Nun ist das – zunächst – kein (für Augen geradeaus! interessantes) militärisches Problem: Galileo ist ein ziviles System der EU, das zwar auch vom Militär genutzt werden kann, aber noch kaum eingesetzt wird. Nach Angaben des Geoinformationsdienstes der Bundeswehr gebe es zum Beispiel in den deutschen Streitkräften keine Navigationsgeräte im Einsatz, die auf Galileo angewiesen seien, sagt das Verteidigungsministerium. Die Bundeswehr nutzt wie andere NATO-Staaten das US-System und das europäische System, wenn überhaupt, zur Ergänzung.

Noch besser dran sind zivile Nutzer: Aktuelle Smartphones greifen auf die Daten des US-Systems sowie zusätzlich das russische GLONASS- und das chinesische Beidou-System für ihre Navigation zu. Einen Galileo-Empfänger hat bislang nur eine handvoll moderner Smartphones eingebaut. Der Galileo-Ausfall fällt deshalb schlicht nicht auf.

Allerdings ist dieser Systemausfall vor dem Hintergrund des europäischen Anspruchs kein gutes Zeichen: Noch am Samstag hatte Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron in seiner Rede vor dem französischen Militär erneut das Bemühen um eine strategische Autonomie Europas betont (und den Aufbau eines eigenen Weltraumkommandos angekündigt).

Galileo sollte ja nun gerade eine europäische Unabhängigkeit von den Navigationssystemen der USA wie denen anderer Staaten schaffen. Da sorgt ein mehrtägiger Systemausfall nicht für Vertrauen – auch wenn das System noch nicht im Regelbetrieb ist, sondern praktisch in der Testphase.

(Foto: Screenshot des Satelliten-Status von Galileo am 14. Juli 2019)

13 Gedanken zu „EU-Satellitenavigation seit Tagen außer Betrieb. Fällt erst mal nicht so auf.

  1. so wird es mit der Autonomie wohl nichts.

    Hat es so etwas in der Geschichte des GPS schon gegeben (Frühphase)? Das Chaos das heute ein entsprechender Fehler im GPS System auslösen würde möchte man sich nicht vorstellen.

  2. Die Europäer wären m.E. gut beraten, Galileo zum festen Bestandteil militärischer Positionsbestimmung zu machen. Zum einen als zusätzliche, unabhängige Quelle weil GPS-Signale offenbar immer häufiger gestört werden. Zum anderen aber auch im Interesse der strategischen Unabhängigkeit.
    Dazu gehört dann aber auch bei den Bodensegmenten ausreichende Redundanz, um Fehler wie den aktuellen (Fehlfunktion einer einzelnen Bodenstation) weitestgehend auszuschließen.

  3. Wie wirkt der Brexit auf Galileo aus, die Briten waren schließlich beteiligt.
    Auftraggeber von Galileo ist die Europäische Union. Der Sitz der Agentur für das Europäische GNSS (Galileo-Agentur, GSA) ist Prag. Das UK war materiell/finanziell von Beginn an dabei, wie wirkt deren Abschied also aus?
    Noch Theresa May hatte angeordnet, ein Konkurrenzsystem zum europäischen Satellitennavigationssystem Galileo zu schaffen, Global Navigation Satellite System, GNSS und £100 Mio eingestellt.

  4. @Navales

    Kann das Galileosignal nicht auch gestört werden?
    Momentan wird es doch nur nicht gestört, weil kaum genutzt.

  5. Ein Software-Problem in einer einzigen italienischen Bodenstation? Cappuccino über die Tastatur, oder wie? USB-Stick verkehrt rum eingesteckt? Oha!
    Und schon geht goar nixen mehr?
    Echt jetzt?
    Ich denke, dass sich die europäischen Galileo-Marketing-Menschen dringend eine andere Ausrede einfallen lassen sollten. Denn diese seltsame Begründung für den Ausfall des mehrfach redundanten, abgesicherten Gesamtsystems taugt wohl nur für absolute Technikmuffel.
    Und Europa sollte sich dringend der Macron-Weltraum-Initiative anschließen, denn dieser Galileo-Blackout ist peinlich und zeigt eindrucksvoll, dass nur ein gemeinsames militärisches europäisches Gegenhalten (gegen wen auch immer) Stabilität sichert.

  6. @aerowind:
    Jamming (das Überlagern der genutzten Frequenzen durch einen stärkeren Störsender) funktioniert bei Galileo wohl ähnlich „gut“ wie bei GPS. Gegen Spoofing – also das gezielte Vorgaukeln falscher Positionsdaten für Empfänger in einer bestimmten Region – ist bei Galileo aber ein Schutzmechanismus in Arbeit. Man führt derzeit nämlich ein spezielles Authentifizierungsverfahren ein:
    https://www.gpsworld.com/ku-leuven-galileo-signals-will-become-more-difficult-to-falsify/

  7. @Militärökonom
    Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Wobei die Macron-Weltraum-Initiative spät kommt. In D gibt es genau für diese Themen das Weltraumlagezentrum der Luftwaffe ( in Zusammenarbeit mit der DLR ) und das schon seit 2009. In 2015 hätte die Chance bestanden, dass sich F dort einklinkt. Aber wir sehen, jeder kocht zunächst sein eigenes Süppchen. Falls Oberst i.G. Spangenberg oder ein weiterer Kamerad des Weltraumlagezentrums hier mit liest, kann Galileo durch andere Satelliten beeinflusst werden? Den Ausführungen bei Hensoldt zur Folge wurde das schon angedeutet.

  8. Hier ein Artikel zur Geschichte des GPS und seit wie vielen Jahrzehnten die Amerikaner dort schon experimentieren:
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Das-Navi-weiss-den-Weg-40-Jahre-GPS-Satelliten-3975516.html

    Da finde ich ein paar Kinderkrankheiten bei Galileo, deren Ursache keiner kennt nicht so tragisch. ich kann mich an Zeiten Ende der 80er Jahre erinnern, da war ein GPS-Signal nicht jederzeit verfügbar, weil kein Satellit in der Nähe war, oder das Signal zu schwach. Und die Genauigkeit war bis Ende der 90er Jahre auch eher dürftig. +/- 10 m sind in einer Minensperre Welten.

  9. @Navales:
    Galileo wird Bestandteil zumindest der deutschen militärischen Satellitennavigation. Das wird sich aber naturgemäß noch über viele Jahre hinziehen bis zur vollständigen (oder auch nur teilweisen) Implementierung. Übrigens eine Entscheidung, welche die Unterschrift von Staatssekretärin Suder trägt.

    Das enthebt uns aber nicht davon, auch ohne Satelliten navigieren zu können und müssen (wegen Jamming, z.T. Spoofing, gar kinetische Angriffe auf Satelliten)!

    @Kaikowsky:
    Wie sich der Brexit im Einzelnen auswirkt auf Galileo weiß ich persönlich nicht. Ich weiß aber, dass die französische und italienische Industrie schon lange kräftig mit den Hufen scharrt, um das britische Stück des Kuchens abzubekommen. Bedauerlich, dass man GBR trotz Brexit nicht die Möglichkeit des weiteren Mitarbeitens in Galileo gestattet und so unnötig Brücken abbricht.

    @Militärökonom:
    Die Begründung für den Ausfall von Galileo ist glaubwürdig (Precision Time Faciliti(ies) Ausfall, diese spielen im Gegensatz zu GPS eine größere Rolle bei Galileo), auch wenn die Tatsache des Ausfalls äußerst blamabel ist.

    Warum sie Galileo mit der (nationalen!) französischen Initiative zum Aufbau eines Weltraumkommandos innerhalb der französischen Luftwaffe verbinden, ist mir unklar. Galileo wird europäisch zivil betrieben (auch wenn es einen Galileo-Dienst für öffentliche Sicherheit, den Public Regulated Service, gibt)

    @Zulu1975:
    Wie schon gesagt: Galileo wird auf europäischer Ebene zivil betrieben. Weder das deutsche Weltraumlagezentrum noch ein zukünftiges nationales französisches Weltraumkommando haben mit der Unfähigkeit bzw. dem Versagen (so muss man es wohl nennen) des europäischen zivilen Betreibers zu tun, ein funktionierendes System zu betreiben. Das Satelliten auch kinetisch angegriffen werden könn(ten) ist eine andere Sache.

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