Wer hat die Kontrolle in Afghanistan? Die Daten braucht das Militär nicht

Die US-Truppen und die NATO-geführte Resolute Support Mission  (RS) in Afghanistan benötigen keine zentrale Übersicht mehr, ob und welche Teile des Landes unter der Kontrolle von Aufständischen sind. Entsprechende Statistiken auf Distriktsebene würden nicht mehr geführt, weil sie für die militärischen Entscheidungen nur wenig Wert hätten. Das geht aus dem jüngsten Quartalsbericht des des U.S. Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) hervor, der am (gestrigen) Dienstag veröffentlicht wurde.

Der SIGAR als Aufsichtsbehörde begutachtet regelmäßig den Stand des Wiederaufbaus in Afghanistan und den Einsatz (US-amerikanischer) Steuergelder. Neben eigenen Prüfungen zieht der Special Inspector General dafür auch die Informationen des Militärs heran. Im jüngsten Vierteljahresbericht musste er dabei erstmals auf die detaillierte Übersicht der Lage in den Distrikten des Landes, das so genannte district-level stability assessment, verzichten:

This quarter, RS formally notified SIGAR that it is no longer producing its district-level stability assessment of Afghan government and insurgent control and influence, expressed in a count of the districts, the total estimated population of the district, and the total estimated area of the districts. According to RS, they determined the district-stability assessments were “of limited decision-making value to the [RS] Commander.”

Die angeblich nicht mehr erforderliche Übersicht, welche Teile des Landes von den Aufständischen kontrolliert werden, reiht sich ein in eine zunehmende Verringerung öffentlich zugänglicher Daten zur Lage am Hindukusch. So hatten die US- und NATO-Truppen zum Beispiel 2015 dem SIGAR zeitweise Informationen über die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte verweigert.

Das Schreiben, mit dem die U.S. Forces in Afghanistan den Verzicht auf das district-level stability assessment mitteilen, hat SIGAR seinem Quartalsbericht beigefügt. Die Aussagen sind interessant:

The District Stability Assessment (DSA) is no longer being produced. The DSA was of limited decision-making value to the Commander, RS.
District stability data has not been collected since the October 22, 2018 data submitted last quarter.

und vor allem

There are no products at command and other forums that communicate district stability or control information.

Nun macht der SIGAR aus solchen Informationen ja Dinge, die in der Öffentlichkeit nicht so gut ankommen. Zum Beispiel, wie vor einem Jahr, auf den starken Schwund bei den afghanischen Sicherheitskräften hinzuweisen. Das gefällt vermutlich dem Militär nicht so.

SIGAR selbst räumt in dem Bericht ein, dass die Übersicht zur Lage in den Distrikten kein vollständiges Bild liefert – aber ein wichtiger Indikator ist:

SIGAR recognized and reported the limitations of the district-stability assessment, including its increasing level of subjectivity. However, senior RS officials had previously cited its importance in public statements. For example, in November 2017, the RS commander said that improving population control in Afghanistan (to 80% by the end of 2019) was one of his strategic priorities. Additionally, RS told SIGAR in May 2017 that the district-control assessments were being “methodologically improved” by making them more subjective, basing them on RS regional commanders’ informed opinions about the control status of districts within their area of responsibility. Despite its limitations, the control data was the only unclassified metric provided by RS that consistently tracked changes to the security situation on the ground. While the data did not on its own indicate the success or failure of the South Asia strategy, it did contribute to an over-all understanding of the situation in the country.

Andererseits ist es einer der – nach meiner begrenzten Kenntnis – sehr selten Fälle, in denen militärische Führung erklärt, dass sie bestimmte grundlegende Informationen aus ihrem Verantwortungsbereich schlicht nicht braucht. Es scheint also auch mit weniger zu gehen. Das wäre mal eine interessante Frage an den Stabschef von Resolute Support, der müsste das ja erklären können. Und ist übrigens von der Bundeswehr, derzeit Generalleutnant Andreas Marlow.

(Auf dieses Detail im umfangreichen Bericht bin ich zunächst nicht selbst gestoßen, das muss ich fairerweise dazu sagen. Sondern durch einen Bericht der New York Times. Aufschlussreich ist auch der Bericht von AP: US military cuts back on Afghanistan war data)

(Archivbild Februar 2019: The Resolute Support Headquarters in Kabul, Afghanistan – DoD photo by Lisa Ferdinando)

7 Gedanken zu „Wer hat die Kontrolle in Afghanistan? Die Daten braucht das Militär nicht

  1. Tarnen, täuschen, verp…

    Ich bin sicher, daß man die Daten nach wie vor erhebt, aber nur für den internen Gebrauch. Schließlich sind die „metrics“ ja Teil des „campaign assessments“, und man sollte dies auch mit den AFG abgleichen (Lagebeurteilung, und so).

  2. Vor ca. Jahren konnte ich einen hochrangigen US „think-tanker“ nach seiner Prognose für AFG befragen. Die Antwort war kurz und aufschlussreich: „We will declare victory and retreat.“

  3. Wie praktisch. Dann muss man der Welt nicht sein eigenes Versagen und den Misserfolg der Mission zeigen.
    Da ist wie mit wertlos gewordenen Aktien. Solange ich diese nicht verkaufe, habe ich keinen Verlust realisiert.

  4. Wieso, wenn man sich eh in 100% der Fläche so bewegen muss als wäre man im ‚Indianerland’…?

  5. Thomas Melber,
    die in Rede stehenden Daten waren immer mehr Schein als Sein und reflektierten immer nur eine ziemlich eindimensionale Sichtweise. So kann etwa aus der Perspektive der Bevölkerung eine Region auch dann stabil sein, wenn sie vollständig von Taliban kontrolliert wird. Schließlich gibt es dort dann aufgrund der Abwesenheit von Regierungskräften faktisch keine militärische Gewalt. Man kann dort also im Grunde ein friedliches Leben führen, natürlich unter den Regeln der Taliban, welche vielerorts tatsächlich nur noch wenig mit denen der 90er Jahre zu tun haben.

  6. Die Abkehr der sicher nicht perfekten Metrik „Kontrolle über Distrikte“ ist ja nur ein Ausschnitt aus der sich grundlegenden Strategie der US-Administrator in Afghanistan. Wenn man eine Strategie als Zweck-Ziel-Mittel-Relation versteht, dann wird klar, daß die USA schlichtweg Zweck und Ziel des Einsatzes erheblich einschränken und somit auch die Mittel (und deren Messung).

    In den USA gibt es dazu eine sich entwickelnde Diskussion um Zweck und Ziel des Einsatzes: https://smallwarsjournal.com/jrnl/art/thoughts-making-peace-afghanistan

    Im Kern die alte Diskussion der COINistas mit eher konventionellen Denkschulen.

    In Deutschland gibt es dazu kaum vergleichbare Diskussionen.
    Trotz der teilweise neuen Think-Tanks.

    Wie wenig wir selbst noch Impulse auch nur auf taktischer Ebene geben zeigt unfreiwillig dieser Bericht:
    https://tinyurl.com/y44ooude

    Afghanen und (!) Amerikaner werden in der deutschen Sanitätseinruchtung in Kunduz versorgt.

    Aber wofür (Zweck) soll was (Ziel) womit (Mittel) aus der Sicht der Bundesregierung in dem Land noch erreicht werden?

    Nach meinem Eindruck sind wir einfach weiter dabei, um dabei zu sein. Egal in welche Richtung der Einsatz geht – und wie der Erfolg gemessen wird.

    Hauptsache wir sind der zweitgrößte Truppensteller.
    Für was und wie auch immer.

  7. @Memoria

    Der Bundestag hat ein aktuell gültiges Mandat beschlossen, dies drückt aus, dass die Politik in der BRD mehrheitlich hofft, dass das Engagement im besten Fall den Afghanischen Bürgern nützt und unserem Bündnis gerecht wird.

    Auch in der Politik und internationalen Beziehungen gilt, wer sich vertraut macht, macht sich verantwortlich.

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