NATO-Speerspitze unter deutscher Führung: Zertifiziert in Schnöggersburg

Die Land-Einheiten für die NATO-Speerspitze, deren rotierende Führung die Bundeswehr im kommenden Jahr übernimmt, sind von der Allianz als excellent und damit einsatzbereit zertifiziert. Im Oktober und November muss die Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) bei der Großübung Trident Juncture in Norwegen beweisen, dass sie nicht nur kampfbereit ist, sondern auch innerhalb kurzer Zeit ihre Truppen verlegen kann.

Mit dieser positiven Zertifizierungs-Nachricht konnten der Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9 und künftiger VJTF-Brigadekommandeur Ullrich Spannuth und Heeresinspekteur Jörg Vollmer aufwarten, als sie am (heutigen) Dienstag auf dem Truppenübungsplatz Altmark und in der neuen Übungsstadt Schnöggersburg nördlich von Magdeburg die Truppe öffentlich präsentierten.

Vor allem Vollmer machte dabei aber auch deutlich, dass die vollständige Ausrüstung der schnellen NATO-Eingreiftruppe erst einmal zu Lasten anderer Einheiten geht: Weil die Verbände nach wie vor keine komplette Ausstattung und Ausrüstung haben, musste sich der Bundeswehr-Anteil an der VJTF, gut die Hälfte der insgesamt 8.000 Mann starken Brigade, einiges zusammenleihen – ähnlich wie schon beim ersten Testlauf für diese Speerspitze im Jahr 2015. (mehr dazu unten)

Die VJTF-Brigade unter deutscher Führung besteht aus deutschen, norwegischen und niederländischen Einheiten:

Die gepanzerten und mechanisierten Gefechtsverbände setzen vor allem Kampfpanzer Leopard 2A6 und Schützenpanzer Marder (Deutschland), Kampfpanzer Leopard 2A4 (Norwegen) und Schützenpanzer CV90 (Norwegen und Niederlande) ein.

Die Brigade ist nicht nur voll ausgestattet, sondern auch voll aufgestellt: Neben den Kampftruppen gehören wie für eine solche Gliederung erwartbar auch ein Versorgungsbataillon und ein Panzerpionierbataillon dazu, ebenso Sanitätskräfte. Eines fehlt dem Kommander der VJTF-Brigade allerdings vorerst: Eigene Hubschrauber hat er bislang nicht; erst zum 1. Januar 2019, dem Beginn der Einsatzbereitschaft in der so genannten standy-by-Phase, sollen US-Kampf- und Transporthubschrauber der Speerspitze zur Verfügung stehen.

In dieser heißen Phase der Einsatzbereitschaft müssen die ersten Kräfte der VJTF-Brigade innerhalb von zwei bis drei Tagen nach Alarmierung zur Verlegung in einen Einsatz bereit sein, die Hauptkräfte fünf bis sieben Tage. Die NATO hatte 2014 diese schnelle Eingreiftruppe als Reaktion auf die Ukraine-Krise beschlossen. Allerdings steht keineswegs nur die Ostflanke der NATO in ihrem Aufgabenheft – der Anspruch ist, dass die Brigade bei einer Krise weltweit verlegt werden kann.

Die Bundeswehr mit ihren Ausstattungsmängeln tut sich da erwartbar schwer. Und auch bei der Zertifizierung in diesen Tagen war die persönliche Ausstattung der Soldaten noch nicht vollständig. Die Lieferung der Schutzwesten zum Beispiel ist für August versprochen – aber noch rechtzeitig vor der Übung in Norwegen. Das gleiche gilt, für norwegische Herbst- und Wintertage fast noch wichtiger, für die zusätzliche Winterbekleidung.

Der Kraftakt, den das Heer für die VJTF 2019 stemmen muss – und die Erwartung, dass die nächste planmäßige VJTF unter deutscher Führung im Jahr 2023 dann von vorherein besser ausgestattet da steht, bestimmte die Aussagen von Heeressinspekteur Vollmer nach der Übung in Schnöggersburg:

VJTF_Vollmer_19jun2018     

 

 

Die Schwierigkeiten bei der Ausrüstung der VJTF 2019 hatte der frühere Kommandeur der 1. Panzerdivision und heutige Abteilungsleiter Führung Streitkräfte im Verteidigungsministerium, Markus Laubenthal, im April in einem Interview des Deutschen Bundeswehrverbandes* recht ausführlich dargestellt. Nicht nur die materielle Gesamtsituation, sondern auch die Kommunikation, die nach heutigen Maßstäben nicht aktuell ist:

Die Panzerlehrbrigade 9 kann selbst etwa 60 Prozent des benötigten Materials stellen, aus den Brigaden der 1. Panzerdivision kommen weitere circa 10 Prozent hinzu. Zugleich müssen aber auch die einsatzvorbereitende Ausbildung für Resolute Support und die grundlegende Dienstpostenausbildung unserer Soldatinnen und Soldaten mit Material hinterlegt sein. Daher wird für die VJTF(L)-Brigade die noch fehlende Ausrüstung aus den Beständen des Heeres ergänzt beziehungsweise rasch beschafft werden. Ich gehe davon aus, im Sommer dieses Jahres mit der Panzerlehrbrigade 9 eine kampfstarke und sehr gut ausgestattete VJTF(L)-Brigade bereitstellen zu können.

Um die Verbindungen unter den beteiligten multinationalen Verbänden in der VJTF(L)-Brigade sicherzustellen, werden daher Verbindungselemente eingesetzt. Diese „Drehstuhlschnittstellen“ auf den Gefechtsständen der Bataillone sind in der Lage, Informationen der jeweils anderen Nation in das eigene Führungsinformationssystem einzubringen. Dieser Mehraufwand wird die VJTF-Brigade befähigen, die für die Erfüllung des Auftrags notwendigen Kommunikationsverbindungen zu halten.

Allerdings: Als ich den stellvertretenden Kommandeur der VJTF-Brigade, den norwegischen Oberst Jan Østbø, fragte, ob denn das öl-reiche Norwegen sich über die Materialprobleme der Bundeswehr wundern müsse, winkte er ab. Eigentlich seien diese Probleme bei allen europäischen Streitkräften ähnlich: Wir fahren den Leopard 2A4, die Deutschen den Leopard 2A6. Und eigentlich wollen wir alle einen Leopard 2A7.

Oberst Jan Østbø, stellvertretender Kommandeur der VJTF-Brigade

Mehr Fotos hier.

 

*Angesichts der absehbaren Umstellung der Bundeswehr-Webseiten dürfte der Link nicht dauerhaft funktionieren; hier der Text als pdf-Datei:
Schnelle Eingreiftruppe der NATO: Ein personeller und materieller Kraftakt

 

53 Kommentare zu „NATO-Speerspitze unter deutscher Führung: Zertifiziert in Schnöggersburg“

  • Boots on the Ground   |   26. Juni 2018 - 13:14

    ThoDan   |   25. Juni 2018 – 13:55

    @Boots on the Ground
    Nein, ich bin der Meinung die BW sollte darauf ausgerüstet und ausgebildet sein in allen Jahreszeiten operieren zu können.

    Ich werde die Ironie für Sie das nächste Mal kennzeichnen! ;)

    Zum Thema: Gefechtsausstattung muss für die in Mitteleuropa vorherrschenden klimatischen Bedingungen (Sommer, gemäßigte Temperaturen, Winter) natürlich querschnittlich für alle Soldaten vorhanden/verfügbar und Teil der ständigen persönlichen Ausstattung sein.

  • Pio-Fritz   |   26. Juni 2018 - 14:08

    Koffer | 25. Juni 2018 – 12:52

    „Aber das es nicht möglich ist, jedem Soldaten eine Schutzweste im Rahmen seiner persönlichen Bekleidung zu verpassen, ist mir unbegreiflich. Die kosten nun wirklich fast nichts mehr.“

    Naja, angesichts der Anzahl um die es hier geht (170.000 zzgl. Verschließ/Garantiefrist, zzgl. Lagerbestand) sind wir hier ja schon in einem Bereich von zahlreichen Millionen und das vor dem Hintergrund eines sowieso schon vollkommen unterfinanzierten EP14?!

    Naja, die Zahl ist sicherlich zu hoch gegriffen. der Bedarf lässt sich doch ermitteln, im Prinzip jeder, der sich in einer Kampfzone aufhält oder die große Wahrscheinlichkeit besteht, das er unter Beschuß gerät (z.B. Objektschutz, Flugabwehr etc.). Bei einem Piloten wäre sie unangebracht, auch im Kommando Cyber wird man diese kaum brauchen, bei der Marine nur das Seebataillon usw. da reden wir dann über vllt. 100.000 Westen. Selbst wenn man € 1.000 pro Weste kalkuliert und zu den vorhandenen Westen genau diese Menge dazu kauft reden wir über max. 100 Mill €. im Vergleich zu anderen Beschaffungsvorhaben ein Klacks.
    Selbst wenn man wirklich jedem Soldaten eine Weste verpasst, ist das immer noch bezahlbar.
    Das ist ein Rahmen, über den man noch nicht mal groß nachdenken muss, bei den Kostensteigerungen bei A400M und Puma und.. und… und.

  • Klauspeterkaikowsky   |   02. Juli 2018 - 17:39

    Bw bei read: https://www.instagram.com/p/Bku-zXrAQRr/ zur VJTF-Verantwortung ab 2019.

    [Um den kryptischen Hinweis aufzulösen: Der Link führt zu einem Video der Bundeswehr, in dem MELLS bei der Vorbereitung für die VJTF 2019 gezeigt wird. T.W.]