Sneak Preview: Neuer Traditionserlass am 28. März

Die Umbenennung der bisherigen Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover am 28. März wird Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, nicht ganz unerwartet, zur Inkraftsetzung des neuen Traditionserlasses der Bundeswehr nutzen. Die offizielle Mitteilung für die Medien steht noch aus, die geladenen Gäste erhielten in diesen Tagen aber schon die Einladung mit Programm:

Die Bundesministerin der Verteidigung, Dr. Ursula von der Leyen, bittet aus Anlass der Unterzeichnung des Traditionserlasses der Bundeswehr zu einer Feierstunde mit Podiumsgespräch am Mittwoch, dem 28. März, um 10.00 Uhr.
Im Anschluss findet der feierliche Appell der Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr zur Umbenennung der Emmich-Cambrai-Kaserne in Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne statt.

Wer sich schon mal einlesen möchte: Die jüngste Fassung des neuen Erlasses vom 19. Februar dürfte auch die sein, die dann unterzeichnet und in Kraft gesetzt wird. Anlass für die Überarbeitung des bisherigen, seit 1982 geltenden Traditionserlasses war die im vergangenen Jahr geführte Traditionsdebatte der Bundeswehr – allerdings wäre eine Überarbeitung auch so nach mehr als 30 Jahren fällig gewesen. (Wer die Diskussion des vergangenen Jahres nachvollziehen möchte: Hier gibt es einiges dazu.)

Der Sneak Preview, das aktuelle Dokument, hier:

20180219_Traditionserlass_Bundeswehr

Im Vergleich zur vorangegangenen Version vom 20. November vergangenen Jahres gab es einige Änderungen; am auffälligsten bei der Einordnung der Nationalen Volksarmee der DDR. Die Fassung 2017:

Die NVA war mit ihrer Aufstellung fest in das Bündnissystem der sozialistischen Staaten, den Warschauer Pakt, integriert. Ihr Ethos orientierte sich an der Staatsideologie der DDR. Traditionsverständnis und Fahneneid der NVA leiteten sich aus ihrem Selbstverständnis als sozialistische Klassen- und Parteiarmee ab. Die NVA wurde von der SED geführt, handelte im Sinne ihrer Politik und trug maßgeblich zu ihrer Herrschaftssicherung bei. (…)
Auch die NVA begründet als Institution keine Tradition der Bundeswehr. Als Hauptwaffenträger der Partei-Diktatur der SED war sie fest in die Staatsideologie der DDR eingebunden und wesentlicher Garant für die Sicherung ihres politisch-gesellschaftlichen Systems.
Auch die Aufnahme einzelner Angehöriger der NVA in das Traditionsgut der Bundeswehr ist grundsätzlich möglich. Voraussetzung ist ebenfalls eine sorgfältige Einzelfallbetrachtung und Abwägung, die die Frage persönlicher Schuld einschließt sowie eine sinnstiftende Leistung bedingt, die vorbildlich oder sinnstiftend in die Gegenwart wirkt, etwa die Auflehnung gegen die SED- Herrschaft oder besondere Verdienste um die Armee der Einheit.

Dagegen die neuere Variante vom Februar 2018:

Die Nationale Volksarmee (NVA) war eine sozialistische Klassen- und Parteiarmee, die mit ihrer Aufstellung fest in das Bündnissystem der sozialistischen Staaten, den Warschauer Pakt, eingefügt wurde. Ihr Selbstverständnis orientierte sich an der Staatsideologie der DDR. Die NVA wurde von der SED geführt, handelte im Sinne ihrer Politik und trug maßgeblich zu ihrer Herrschaftssicherung bei. Während der Friedlichen Revolution 1989 ging sie jedoch nicht gegen das Freiheitsstreben der Bevölkerung vor. Ausgewählte ehemalige NVA-Angehörige wurden 1990 in die Bundeswehr übernommen und trugen zum Gelingen der Deutschen Einheit bei. (…)
Die NVA begründet als Institution und mit ihren Verbänden und Dienststellen keine Tradition der Bundeswehr. In ihrem eigenen Selbstverständnis war sie Hauptwaffenträger einer sozialistischen Diktatur. Sie war fest in die Staatsideologie der DDR eingebunden und wesentlicher Garant für die Sicherung ihres politisch-gesellschaftlichen Systems.
Grundsätzlich ist jedoch die Aufnahme von Angehörigen der NVA in das Traditionsgut der Bundeswehr möglich. Sie setzt ebenfalls immer eine eingehende Einzelfallbetrachtung sowie ein sorgfältiges Abwägen voraus. Dieses Abwägen muss die Frage nach persönlicher Schuld berücksichtigen und eine Leistung zur Bedingung machen, die vorbildlich oder sinnstiftend in die Gegenwart wirkt, etwa die Auflehnung gegen die SED-Herrschaft oder besondere Verdienste um die Deutsche Einheit.

Nun kann man lange darüber streiten, ob das lediglich redaktionelle Änderungen sind oder ob die früheren NVA-Angehörigen damit anders betrachtet werden. Erkennbar ist aber das Bemühen, frühere DDR-Soldaten nicht von vornherein auszugrenzen.

(Die früheren Traditionserlasse von 1965 und 1982 zum Nachlesen hier.)

(Foto: Blick in einen Traditionsraum beim Jägerbataillon 291 in Illkirch im Mai 2017 – der Besuch der Ministerin dort im Zusammenhang mit dem Fall Franco A. hatte die Debatte über den Traditionserlass ins Rollen gebracht)

23 Gedanken zu „Sneak Preview: Neuer Traditionserlass am 28. März

  1. Der Erlass geht absehbar an der Wirklichkeit vorbei. Tradition wird nicht politisch beschlossen, sondern wächst durch Überlieferung, wobei nur das Glaubwürdige überliefert wird. Und aus der Sicht des Soldaten ist oft derjenige, der selbst im Gefecht stand, meist glaubwürdiger als der ungediente Politiker. Das muss man nicht gut finden, aber man sollte es wenigstens zur Kenntnis nehmen. Der neue Traditionserlass dürfte ebenso ignoriert werden wie der alte und in seiner Verkennung soldatischer Wirklichkeit dazu beitragen, dass sich manch alleingelassener Soldat sehr unbeholfen mit dem Thema Tradition auseinandersetzt.

  2. „Während der Friedlichen Revolution 1989 ging sie jedoch nicht gegen das Freiheitsstreben der Bevölkerung vor.“

    Verständnisfrage: wer ging vor 1989 gegen das Freiheitsstreben der Bevölkerung – indem auf das eigene Volk an der Grenze geschossen wurde – vor?
    Waren es nicht die Grenztruppen der NVA?

  3. Hm, ich sehe schon, es wird wieder eine lustige Debatte, die schärfere Moderation angeraten sein lässt. Im übrigen ist etliches schon in den vorangegangenen Threads gesagt worden; wir müssen nicht wieder bei Null anfangen mit der Diskussion.

  4. Auch wenn sich die Verfasser des Erlasses offensichtlich zumindest davon haben überzeugen lassen, dass es 1918 keine „feudalen“ Landesherren mehr gab, ist der historische Abriss in dem neuesten Entwurf nur marginal verbessert worden und damit immer noch großer Unsinn.

    Die Aussage, dass es gesamtdeutsche Streitkräfte erstmals in der Weimarer Republik gegeben habe, um nur mal ein Beispiel herauszugreifen, ist und bleibt nun mal schlicht falsch. Das Reichsheer im HRR, die Reichsflotte von 1848, das Bundes- bzw. Reichsheer des Norddeutschen Bundes und in der Folge des Kaiserreichs und die von Anfang an gesamtdeutsche Kaiserliche Marine völlig zu ignorieren – sowas ist einfach haarsträubend.

    Wenn wir einen Erlass über Tradition und damit notwendigerweise über Geschichte haben, der sich in seinem historischen Überblicksteil von jedem einermaßen pfiffigen Studenten im ersten Semester auseinandernehmen ließe, dann ist und bleibt das in meinen Augen ein Armutszeugnis.

  5. @Simon – Das eine schließt das andere nicht aus – Traditionen bleiben am Leben nur dann, wenn sie von der neuen Generation auch angenommen wird. Aber es muss politisch gelenkt werden, was Tradition werden soll und darf, denn sonst verselbstständigt sich die Traditionsbildung mit den viel zu häufig beobachteten Fehlentwicklungen.

  6. @Simon & all diejeingen, die hier immer wieder behaupten, „Tradition“ wachse nur von „unten“: Da sagt die historische Traditionsforschung aber deutlich was anderes. Wenn man genauer guckt, ist ganz viel von dem, was so als vermeintlich altehrwürdige Tradition daherkommt (insb. im Kontext der Nationalstaaten), eine Erfindung des 19. Jh., noch dazu häufig als Elitendiskurs, der dann – genau: von „oben“ – durchgesetzt wurde.

    Wer sich dazu über sein traditionalistisches Bauchgefühl gern einlesen mag: Die Lektüre dazu beginnt 1992 mit Hobsbwam/Ranger: The Invention of Tradition und hat danach in zahlreichen weiteren Büchern, Sammelbänden und Aufsätzen in den Geschichts- und Sozialwissenschaften Niederschlag gefunden. Da sollte sich viel Lektürematerial finden lassen.
    Vielleicht bekommt die Debatte dann ja auch nochmal eine theoretische Grundierung, die sie trotz der Teilnahme zahlreicher Historiker/Sozialwissenschaftler (bemerkenswert: keine/r davon als „Traditionsexperten“ ausgewiesen…) an den Workshops bislang eher vermissen ließ.

  7. gelesen – und für gut befunden.

    Mit diesem Erlass kann ich leben. Ich kann ihn verstehen und seinen Sinn deshalb weitergeben an jüngeren Kameradinnen und Kameraden. Im Kern sagt dieses Dokument doch, dass wir nicht pauschal stigmatisieren oder glorifizieren sollen, sondern stets differenzieren. Zugegeben: Das erfordert eine gewisse intellektuelle Mindestleistung.

    Außerdem gebe ich zu bedenken, dass ein Erlass, eine Verordnung oder ein Gesetz niemals perfekt ist. Unsere Sichtweise von heute wird morgen schon die von gestern sein. Niemand weiß doch z.B., ob das, was wir heute unter „Anstand“ verstehen, ewig gültig bleiben wird. Bestimmt ist auch nicht alles, was in den Gründerjahren der Bundeswehr als durchaus „anständig“ galt, heute noch so zu bewerten und damit traditionswürdig. Geschichte lebt eben.

    Also nehmen wir diesen Erlass als das, was er ist – nämlich ein Teil des Rechts, das wir durch Bindung an Eid oder Gelöbnis tapfer zu verteidigen haben. Und vor allem: Bleiben wir unverkrampft. Ich bin überzeugt, damit dienen wir Deutschland.

  8. Nun wird der neue Erlass eben oktroyiert. Zu spät, um noch etwas zu ändern.
    Am allerschlimmsten finde ich aber die nicht vorhandene gesellschaftliche Diskussion, abseits der tollen Arbeitskreise, deren Mission ohnehin nur legitimistische Basis für die „korrekte“ Änderung des Erlasses sein sollte. Ergebnisoffen war da nichts, sondern dem allgemeinen Berliner Zeitgeist unterworfen. Das Resultat war absehbar: Alles pfui ausser Bundeswehr, auch wenn es in noch so viele Worthülsen verklausuliert wird. Man möge mir die provokante Frage verzeihen, was an einem in AFG gefallenen Soldaten so traditionswürdig ist, dass man eine Kaserne nach ihm benennt. Damit möchte ich ausdrücklich nicht sein Andenken schmälern!

    Allgemeines Interesse in der Gesellschaft: Fehlanzeige. Und das macht die Sache so bitter.

  9. @TobyR

    „Die Aussage, dass es gesamtdeutsche Streitkräfte erstmals in der Weimarer Republik gegeben habe, um nur mal ein Beispiel herauszugreifen, ist und bleibt nun mal schlicht falsch.“

    Nein sie bleibt richtig, denn zuvor gab es keinen einheitlichen deutschen Staat im heutigen Sinn. Am Beispiel Bayerns, das als zweitgrößter Staat Vorrechte hatte, wie Beibehaltung der eigenen Armee, der eigenen Postverwaltung, der eigenen Eisenbahnverwaltung, das Recht auf eine eigene Außenpolitik mit eigene Diplomaten, wird deutlich dass es dann doch nicht so einfach mit der Definition ist.

    Mann sollte auch da Geschichte nicht mit Tradition verwechseln. Ggf gibt es ja Standorte in Württemberg uva welche noch Verbindungen bis ins 19.Jahrhundert haben. Überregional traditionsstiftend kann das nicht sein.

    P.S.: 1866 haben deutsche Staaten noch heftig gegeneinander gekämpft.

  10. Moin, vielleicht ein wenig OT,
    aber ich finde das doppelplusgut was das Friedensministerium so erlässt.
    Zum Thema Resilienz:
    Als Resilienz (lateinisch resilire „zurückspringen“, „abprallen“) bezeichnet man die ressourcenabhängige und individuell unterschiedliche Fähigkeit, krisenhafte Lebensumstände ohne gesundheitliche Einbußen physischer oder psychischer Art zu bewältigen (persönliche Widerstandskraft). Resilienz ist kein Zustand, sondern ein stetiger Prozess. Das Gegenteil von Resilienz ist Verwundbarkeit. Faktoren, die Resilienz beeinflussen sind:
    Umweltfaktoren (Familie oder Gemeinschaft, schulische Umgebung)
    Personale Faktoren (Intelligenz, Deutungs- und Sinngebungs-Modelle der Realität, Religiosität)
    Emotionale Faktoren (Emotionskontrolle, Selbstwirksamkeitserwartung, Beziehungsfähigkeit, Frustrationstoleranz)
    Prozessfaktoren (Wahrnehmung, Perspektiven, Konzentrationsfähigkeit, persönliche Strategien)
    Lebenseinstellung (selbstbestimmt/keine Opferhaltung, Lösungsorientierung, Vertrauen in die Selbstwirksamkeit, Optimismus)

    Da nich für

  11. Was ist ein Erlass, egal ober er sich auf „Haar und Bart“ bezieht oder gar mit „Tradition und Traditionspfelge“ befasst, egal ob Bundesministerium der Verteidigung oder Bundesminister des Inneren?

    Ein Erlass ist, nicht mehr und nicht minder, eine Anordnung der Exekutive zu einem bestimmen, und im Sinne des jeweiligen Erlasses dann, zu einem korrekten und fehlerfreien Handeln im pflichtgemäßen (Eigen-)ermessen.

    Wer also in seiner Führungsverantwortung für die Traditionspflege in seinem Verantwortungebereich handeln will oder muss, der sollte sich eindringlich das letzte Kapitel im (neuen) Erlass und den Hinweis auf die Ansprechstelle in Potsdam vornehmen. Hält er sich darn, handelt er immer korrekt im Sinne des (Regelungs-)erlasses, der am 28. März 2018 Inkrafttreten wird. Weitere Führungshilfen werden, so die Führungs Streitkräfte im BMVg, folgen.

    Dem letzten Kapiel vorgelagert ist eine weitgehend eigene innerministerielle „Geschichtspolitk“, die man teilen kann oder auch nicht. Was die Geschichte betrifft, lese ich eher in Büchern, die sich in der Sache damit sehr weit befassen können und sollen, aber nicht in einem Erlass. Der regelt das erlassgemäße, und damit fehlerfreie und nicht disziplnar und disziplinargerichtlich zu würdigende „Tun und/oder Unterlassen“ in der Traditionspflege der Exekutive.

    Oder liege ich da total falsch?

  12. @HotelVictor – nicht geschossen, geprügelt und Demonstranten zugeführt – die
    Offiziersschüler in Dresden. Das hatte – und das kenne ich jetzt nur als mündliche Überlieferung – erst ein Ende als sich ranghohe Generäle der NVA dagegen verwahrt haben.

    Erwähnt werden sollte auch, dass es die NVA war die im ersten Halbjahr 1990 in Absprache mit dem runden Tisch die Betriebskampfgruppen entwaffnet hat. Selber gesehen habe ich das bei: VEB Plattenwerk Max Dietel, Meissen. Dort hat es heftige Diskussionen mit dem NVA Offizier darum gegeben. Was nicht verwunderlich ist da die Betriebskampfgruppen auf die Verteidigung des Sozialismus eingeschworen worden waren. Bei der NVA war das insofern differenzierter, als das die Befreiungskriege – als gerechter Volkskrieg – Teil des ideologischen Fundamentes waren. Und gerade der gerechte Volkskrieg und die Diskussion was ist das führte die NVA 1989/90 in das Dilemma, dass sie nicht gegen die „Erhebung“ der Massen vorgehen konnte ohne sich auf der falschen Seite wiederzufinden. Diese Nuancen gab es bei den Betriebskampfgruppen nicht.
    Zum Thema Quellen: ich reflektiere vorstehen auf Gespräche in der Zeit und auf Teile des ideologischen Unterrichts im DDR Bildungssystem sowie eigenes Erleben (Offiziersschüler bei den Demonstrationen und Entwaffnung Betriebskampfgruppen).

  13. @Elahan Bayern bis 1918 das Recht auf eine eigene Außenpolitik mit eigenen Diplomaten? Also wirklich und nicht bloß irgendwelche Operettendiplomaten, die keiner ernst nahm? Die deutsche Einheit von 1871 eine Erfindung?
    Eine erstaunliche Erkenntnis. Offensichtlich ist die Diplomatiegeschichte von 1871 bis 1918 nichts als eine schwarze Legende, um den wichtigen Beitrag Bayerns zu unterdrücken. Mein Großvater, ein stolzer Offizier des Königlich Bayerischen 6. Chevaulegers-Regiment „Prinz Albrecht von Preußen“ im ersten Weltkrieg wäre sicher verblüfft gewesen. Auf der anderen Seite ist dann Ludwig II. der – wie von bayrischen Patrioten behauptet – von den Saupreußen 1886 bei einem Staatsstreich ermordet wurde, völlig umsonst gestorben.
    Aber Spaß beiseite: Deutschland und seine Gliedstaaten haben eine stolze militärische Tradition. Ich für meinen Teil sehe nicht ein, warum ich die Leistung (und auch die schrecklichen Opfer), die mein Großvater und seine Kameraden erbrachten, nicht ehren sollte. Er war ein junger Mann von zwanzig Jahren als der Krieg begann und hat tapfer für sein deutsches Vaterland gekämpft. Warum soll das nicht traditionswürdig sein? Stattdessen soll ein sinnloser Kolonialkrieg in Afghanistan auf einmal sinn stiftend werden. Tut mir leid, aber eine derartige Tradition ist eher einer Söldnertruppe angemessen, in der niemand nach Sinn und Zweck fragt, so lange das Geld stimmt.

  14. @ATLAS-Doe
    Der Marxist Eric Hobsbawn repräsentiert wohl kaum „die“ historische Traditionsforschung bzw. die Geschichtwissenschaft, sondern nimmt in ihr eine durchaus fragwürdige Sonderrolle ein. Am Beispiel der Bundeswehr zeigt sich schließlich ja gerade, dass der Versuch, Tradition entgegen der vorhandenen Strömungen zu verordnen, nicht wirklich funktioniert.

    Dem tatsächlichen Geschehen was Traditionsbildung angeht , scheint mir die Forschung zum Thema „kreative Minderheiten“ näher zu sein, denen es aus verschiedenen Gründen gelingt, auf kulturelle Entwicklungen Einfluss zu nehmen. Ein Staat kann sich dabei durchaus auf das Wirken solcher Minderheiten stützen.

    Im Fall der Bundeswehr und ihres Traditionserlasses ist das aber nicht der Fall. Hier werden nicht kreative Ideen von Vordenkern aus der Truppe aufgegriffen (diese gibt es durchaus), sondern es wird ein offensichtlich am Reissbrett ohne Anknüpfung lebendige Traditionen oder authentische Impulse entstandener Entwurf ohne Diskussionsmöglichkeit einfach verordnett. Kennen Sie auch nur einen einzigen Fall, in dem dieser Ansatz eine dauerhafte Tradition begründet hätte?

  15. Ohnehin greift das offensichtlich nur auf politischen Erwägungen beruhende Traditionsverständnis des Traditionserlasses viel zu kurz. In der Bundeswehr finden sich Traditionsbestandteile, die z.T. bis auf das Rittertum des Mittelalters und möglicherweise noch ältere, z.B. römische Elemente, zurückgehen. Auch die Innere Führung der Bundeswehr beginnt nicht mit der Aufstellung der Bundeswehr, sondern hat wesentlich tiefer in die Militärgeschichte zurückreichende Wurzeln.
    Mit viel gutem Willen kann man vermuten, dass es den Autoren des Traditionserlasses tatsächlich nicht darum ging, die militärische Tradition der Bundeswehr darzustellen, sondern darum, die politische Tradition der Bundesrepublik herzuleiten. Das sind aber zwei sehr verschiedene Dinge.
    Und dass man z.B. nicht die Weltanschauung von Landsknechtheeren übernimmt, wenn man anerkennt dass die Bundeswehr das eine oder andere Traditionselement von ihnen übernommen hat, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Indem der Traditionselement solchen Fragen ausweicht, offenbart er mangelnden Mut, was seine Defizite zusätzlich unterstreicht.

  16. Einen Erlass erlassen ist das eine, diesen „anzunehmen“ ist was anderes. Solange der Gefreite, Feldwebel und Leutnant von heute sich in Computerspielen aber freiwillig lieber mit dem Wehrmachtssoldaten oder dem Tiger Panzer identifiziert als mit den zur Verfügung gestellten Alternativen wird der Erlass keine Konsequenzen auf das Denken der Soldaten haben. Von daher „Im Westen nichts neues“.

    „Treue um Treue“ ist zwar auch seit langem verboten und wird doch tag täglich gelebt…

  17. Dieser Traditionserlass ist erneut genauso schwammig und nichtssagend, wie die vorigen Schriftstücke. Die Mutlosigkeit dieses Unterfangens wird bereits daran deutlich, dass zwar großzügig aus der Geschichte gestrichen wird und Ausschlusskriterien benannt werden, wenn es aber um traditionsfähige Inhalte geht, nicht ein Beispiel genannt wird.
    So heißt es dort:
    “ Die Bundeswehr ist freiheitlichen und demokratischen Zielsetzungen verpflichtet. Für sie kann nur ein soldatisches Selbstverständnis mit Wertebindung, das sich nicht allein auf professionelles Können im Gefecht reduziert, sinn- und traditionsstiftend sein.“
    Wenn die beiden Kriterien demokratisches Selbstverständnis und nicht-einem Unrechtsregime-gedient konsequent Anwendung finden, ist außerhalb der Bundeswehr und der Reichswehr vor 1933 keine Traditionsfähigkeit gegeben und auch bei der Reichswehr spricht noch genug dagegen. Die preußischen Heeresreformer, die Armeen der Freiheitskriege, von Clausewitz, die Armeen der Reichseinigungskriege (die, ob man will oder nicht, zum blutigen Gründungsmythos der Deutschen Nation gehören) sind dann mangels demokratischer Gesinnung leider alle nicht traditionswürdig. Eigentlich scheint es dem BMVg am liebsten Tradition beginne erst mit 1956, mit der Ausnahme der Männer vom 20. Juli, obwohl von Stauffenberg auch nicht unbedingt überzeugter Demokrat war, aber lassen wir das lieber.
    Die Bundeswehr wurde ursprünglich ohne Truppenfahnen und Verbandsabzeichen als Identifikationsfaktoren gegründet, weil man sich deutlich von den Vorgängern distanzieren wollte und im Zeitalter der ideologischen Auseinandersetzung keine Notwendigkeit mehr für solche Symbole sah. Sie mussten nachgereicht werden. Diese Verkennung von Tradition und Identität wurde in der Bundeswehr weitergeführt, was schon daran deutlich wird, dass man es über 60 Jahre nicht geschafft hat, Verbände mit durchgehender Kontinuität zu erhalten, sondern pragmatisch restrukturiert und umbenannt hat, wie es gerade passte. Wenn die letzte Neuauflage des Bildersturms und dieser Traditionserlass Ausdruck einer Erinnerungskultur in der Bundeswehr sein sollen, ist nicht erkennbar, wie dies “ Einsatzwert und Kampfkraft“ erhöhen soll. Der Truppe wird mitgeteilt, was verboten ist, aber es wird nicht ausreichend gezeigt, was denn beispielhaft sein soll. In dieser Form orientierungslos gelassen, ist es nicht verwunderlich, dass der Einzelne selbst auf die Suche geht und nicht immer findet, was offiziell sanktioniert ist.

  18. @ Elahan
    Ich habe wirklich keine Lust, hier jetzt noch ein weiteres Mal Don Quixote gegen die Windmühlen nachweislich falscher Geschichtserzählungen zu spielen. Der korrekte Hinweis durch @Tom, dass Bayern natürlich mitnichten eine eigene Außenpolitik betrieben hat (vermutlich als Legende aus dem Zugeständnis an Bayern, bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk einen eigenen Vertreter beisteuern zu dürfen, geboren) reicht aus.

    Lesen Sie einfach den ausgezeichneten FAZ-Artikel „Heldentum nach Ladenschluß“, der ja wohl auch die minimalen Verbesserungen, die es gegeben hat, bewirken konnte.
    Nicht, weil ich meine Ansichten aus diesem Artikel hätte (der wurde mir erst später zugetragen), sondern weil es offenbar leider so ist, dass Kenntnis und Verstand in solchen Diskussionen wenig, die Autorität und Stellung einer Qualitätszeitung dagegen viel zählen.

  19. „Der Truppe wird mitgeteilt, was verboten ist, aber es wird nicht ausreichend gezeigt, was denn beispielhaft sein soll. In dieser Form orientierungslos gelassen, ist es nicht verwunderlich, dass der Einzelne selbst auf die Suche geht und nicht immer findet, was offiziell sanktioniert ist.“

    Das fasst die Sachlage meiner Meinung nach recht gut zusammen.

  20. „Identitätsbildung in den Streitkräften über Kämpfen als Kernauftrag und bestimmendes Alleinstellungsmerkmal“ haben die Damen und Herren im VG-Ausschuss kenntnisreich bestätigt, oder doch nicht? Weil, solche Binsen nicht gewollt sein dürfen?

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