Berlin plant Wiederaufnahme der Kurden-Ausbildung im Nordirak (Nachtrag: BPK)

Nach Telefongesprächen von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit Vertretern der irakischen Zentralregierung und der Kurden-Regierung im Nordirak plant die Bundeswehr, die zunächst ausgesetzte Ausbildung von kurdischen Peshmerga-Kämpfern in den nächsten Tagen wieder aufzunehmen. Wenn sich keine gravierende Lageänderung ergibt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Ausbildung am Sonntag wieder aufgenommen wird, sagte Ministeriumssprecher Jens Flosdorff am (heutigen) Freitag in Berlin. Allerdings flössen in die Lagebeurteilung auch neue Meldungen über erneute Auseinandersetzungen zwischen Kurden und der irakischen Zentralregierung ein.

Die Bundeswehr hatte die Ausbildung in Erbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Nordirak, vergangene Woche vorerst gestoppt. Grund waren die Spannungen nach einem Unabhängigkeitsreferendum der Kurden und die folgenden auch gewaltsamen Auseinandersetzungen. Am Freitagmorgen gab es allerdings erneute Berichte über Kämpfe zwischen Kurden und Vertretern des Irak.

Von der Leyen hatte nach Flosdorffs Angaben am Vortag sowohl mit dem Präsidenten der Kurdenregion, Masud Barzani, als auch mit dem irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi und ihrem US-Kollegen James Mattis telefoniert. Dabei habe sich gezeigt, dass beide Seiten im Irak an einer Beruhigung der Lage und an einem politischen Ausgleich interessiert seien.

Die Lage in der Region scheint allerdings unübersichtlich, mal sehen, wie das am Wochenende noch weitergeht.

Nachtrag: Die Abschrift der Aussagen Flosdorffs in der Bundespressekonferenz:

Frage : Ich möchte zu Kirkuk und zu dem Kampf der Peschmerga gegen die Iraker kommen. Herr Flosdorff, Herr Streiter, auf welcher Seite steht die Bundesregierung bei diesem Konflikt?

SRS Streiter: Sie haben Herrn Flosdorff angesprochen. Ich habe dazu nichts zu sagen.

Zusatzfrage : Auf welcher Seite steht die Bundesregierung?

Flosdorff: Ich kann gerne anfangen. Das Auswärtige Amt fühlt sich wahrscheinlich auch noch angesprochen. – Wir haben eine sehr einheitliche Haltung dazu. Für die Bundesregierung ist es ganz wichtig, den IS aus dem Irak zu verdrängen – nicht nur aus dem Irak, sondern auch aus Syrien und anderen Gebieten. Der Bundesregierung war es auch immer sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir eine Einheit des Iraks für eine Aussöhnung der Volksgruppen für sehr wichtig halten, die in dem Staatsgebiet leben und sich untereinander auf eine gedeihliche Zukunft des gesamten Landes verständigen. Insofern sehe ich jetzt nicht, wie man die Frage von Ihnen anders sinnvoll beantworten könnte.

Zusatzfrage : Sie sprechen davon, dass der IS bekämpft wird. Mir geht es darum, dass sich zwei deutsche Alliierte bekämpfen.

Flosdorff: Wenn Sie darauf anspielen, dass es in der vergangenen Woche dort punktuell zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen ist: Das ist eine Entwicklung – das haben wir hier schon einige Male besprochen -, die von der Bundesregierung und auch vom Verteidigungsministerium bedauert worden ist. Nach den Informationen, die uns vorliegen, hat sich die Gesamtlage im Irak mittlerweile beruhigt, auch die Auseinandersetzung zwischen der autonomen Regierung in Kurdistan, den kurdischen Kräften, die sich außerhalb des unbestrittenen Autonomiegebietes aufgehalten haben, und Regierungstruppen sowie unterschiedlichsten anderen Gruppierungen im Irak.

Die Bundeswehr hat in der vergangenen Woche darauf reagiert, indem wir mit der Entscheidung vom vergangenen Freitag, aber mit Wirksamkeit vom vergangenen Sonntag die Ausbildung ausgesetzt haben. Mittlerweile hat sich die Lage schon wieder beruhigt und auch etwas verändert.

Die Ministerin hat sich gestern eng mit unseren Verbündeten abgestimmt und mit dem Amtskollegen Mattis in den USA gesprochen. Sie hat auch mit dem Premierminister der irakischen Zentralregierung al-Abadi und mit dem Präsidenten der kurdischen Autonomieregion Barzani gesprochen. In allen diesen Telefonaten hat sich klar herauskristallisiert, dass sich alle Seiten um eine weitere Beruhigung der Lage und um politischen Ausgleich bemühen wollen.

Vorsitzender Feldhoff: Möchte das Auswärtige Amt noch etwas ergänzen?

Adebahr: Nein.

Zusatzfrage : Sie sagen jetzt, die kämpfen nicht mehr miteinander. Seit wann kämpfen die beiden Seiten nach Ihren Erkenntnissen nicht mehr miteinander? Denn sogar noch heute Morgen wurde berichtet, dass sie sich bekämpfen.

Flosdorff: Ich kann Ihnen nicht in Echtzeit sagen, was im gesamten Irak los ist. Die Meldung, die heute Vormittag über den Ticker lief, ist ein Bericht über Berichte von lokalen Medien, dass es dort erneut Gefechte geben würde. Die haben wir heute Vormittag nicht verifizieren können. Das heißt aber nicht, dass da nichts ist. Es bleibt abzuwarten, was sich dort als tatsächliches Geschehnis herausstellt. Es steht auf jeden Fall nicht im Einklang mit den Informationen, die wir gestern aus erster Hand von den politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten erhalten haben.

Frage: Herr Flosdorff, das Thema der temporären Aussetzung hatten wir auch schon am Mittwoch. Hat das, was Sie über die Gespräche der Verteidigungsministerin referiert haben, dazu geführt, dass die temporäre Aussetzung jetzt schon aufgehoben wurde oder dass sie mutmaßlich sehr kurzfristig aufgehoben werden wird? Denn das, was Sie berichtet haben, ist sozusagen eine Beruhigung und ein Aufeinander-Zugehen von allen Seiten.

Flosdorff: Wir beobachten die Lage sehr genau. Im Moment sieht es in der Tat so aus – die Lehrgänge beginnen immer am Sonntag -, als wenn wir am kommenden Sonntag damit beginnen könnten, die Ausbildung wieder aufzunehmen. Wir haben uns mit den Verbündeten eng abgestimmt, die auch ausgesetzt haben. Andere Nationen sind alle bereit und willens, diesen Schritt mitzugehen in Anerkenntnis der Situation, die wir im Moment dort haben.

Zusatzfrage: Das bedeutet, wenn sich die Lage gegenüber der aktuellen Situation nicht zum Negativen verändert, wird mit der Ausbildung am Sonntag wieder angefangen?

Flosdorff: Wenn sich bis Sonntag keine gravierende Lageänderung ergibt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Ausbildung am Sonntag wieder aufgenommen wird.

19 Gedanken zu „Berlin plant Wiederaufnahme der Kurden-Ausbildung im Nordirak (Nachtrag: BPK)

  1. Noch schnell einen Kommentar aus dem alten Post aufgreifend:

    Die deutschen Soldaten sind schon lange nicht mehr im Hotel untergebracht.
    Mittlerweile gibt es ein multinationales Camp am Flughafen in Erbil.

  2. Was macht eigentlich der BND? Ist dort Urlaubszeit? Wie kann man ernsthaft die Wiederaufnahme ankündigen, wenn spätestens um 8:00 am Morgen nicht nur Text sondern auch Bilder von Kämpfen die Netzwerke fluten, vor zwei Tagen bereits viele irakische/PMF Einheiten nach Kirkuk verlegt wurden?

  3. Es kommt einigen Meldungen zu Folge zu kämpfen in Kirkuk zwischen der schiitischen Hezeb As-Shabi wie Peshmerga. Peshmerga sollen von der Soldateska des schiitisch dominierten Baghdad geköpft worden sein.(Isis.liveuamap.com / FB: International Peshmerga Volunteers )

  4. „Wenn sich keine gravierende Lageänderung ergibt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Ausbildung am Sonntag wieder aufgenommen wird, …“ (So Jens Flosdorff)
    Eine der Grundfesten des Systems „Beurteilung der Lage“ ist der Entschluss des Abweichens vom Aufrag, bei wesentlicher Änderung der Lage.
    http://augengeradeaus.net/2017/10/kurden-im-irak-berichten-von-unterstuetzungs-zusage-von-der-leyens/#comment-279722

    Eine solche Änderung MUSS (!) aber angesichts der Lageentwicklung in „Irakisch-Kurdistan“ festgestellt werden.
    Mit Datum von gestern, siehe Vorgängerfaden, führte Frau vdL ein Telefongespräch mit Masud Barzani in dem sie u.a. folgendermaßen zitiert wird: „… She added by saying that Germany will continue to support the Peshmerga forces. …“

    Das kann als (noch) verantwortungsbewusst akzeptiert werden, da die irakischen Besetzung der Region KIRKUK samt zugehöriger Ölfelder offenbar ohne Waffengebrauch abging. Die Zentralregierung habe, kann gefolgert werden, die ihr verfassungsgemäß zustehenden Rechte angewandt, angesichts der – juristisch – unzulässigen Volksabstimmung mit dem Ziel der kurdischen Unabhängigkeit.
    Nach heutiger Meldung verschiedener Medien, dabei die sicherlich unverdächtige BBC
    „Weitere Lagemeldung aus der Region, von einem BBC-Producer vor Ort“ (T.Wiegold | 20. Oktober 2017 – 12:28):
    Joan Soley @JoanSoley
    #Kirkuk #erbil road – #peshmerga fighting, saying surprise #attack by #Iraq forces started early AM. #baghdad say, part of control of K op
    haben irakische Truppen nunmehr allerdings in einem überraschenden Vorgehen in den frühen Morgenstunden den Raum KIRKUK kampfweise genommen, nennt sich auch Handstreich.
    Somit ist, um mit Jens Flossdorf zu sprechen, durchaus eine „gravierende Lageänderung“ eingetreten.
    Bliebe es bei dem seitens Fr vdL am Telefon zugesagten „continue to support the Peshmerga forces“ hieße dies Unterstützung
    – der Kriegspartei Peschmerga gegen
    – die Kriegspartei irakische Armee.
    Dass beide Seiten dabei DEU Waffen etc nutzen ist „unschön“; eine Waffenrückgabe war aber ohnehin nur seinerzeitige Beruhigung des Parlaments und der Öffentlichkeit.
    Entscheidender ist, Kurden/Peschmerga und irakische Armee waren quasi DEU Waffenbrüder via CJTF OIR im Kampf gegen Daesh.
    Und Deutschland schlägt sich jetzt mit WuG auf eine der beiden Seiten, sehenden Auges was in den frühen Morgenstunden in „Kurdistan“ ablief, ein absolutes politisches Unding!

  5. PMF = https://en.wikipedia.org/wiki/Popular_Mobilization_Forces
    … is an Iraqi state-sponsored umbrella organization composed of some 40 militias, which are mainly Shia Muslim groups, but also including Sunni Muslim, Christian, and Yazidi individuals as well.

    In der Tat eine verworrene Lage, sofern die Angaben zur Ausschaltung von einem M1 Abrams zuträfen,
    – kommen dazu von Peschmerga-Seite eigentlich nur die MILAN und/oder
    – PzFst 3 mit PzVernTrp infrage.
    Wie auch immer, eine durchaus abenteuerliche Vorstellung.
    Abwarten.
    Die Bundesregierung kennt hoffentlich die tatsächlichen Sachverhalte.

  6. Bei taz.de werden die Berichte der Nutzung deutscher Waffen ebenfalls aufgegriffen („Kampf mit deutschen Waffen?“). In einem dort verlinkten Video sind – wenig überraschend – G36 zu sehen. Zudem wird auch hier ein möglicher Einsatz der MILAN gegen M1 Abrams angesprochen.

    Staatszerfallskriege kehren ihre Richtung eben nicht mittendrin um.

  7. Ich möchte noch auf Iraq.liveuamap.com wie kurds.liveuamap.com hinweisen. So kann man aktuelle Kampfhandlungen nachvollziehen. Hezeb As-Shabi rückt auf Erbil vor?

    Zudem: Gerade aus journalistischer Perspektive mit Blick auf die Berichterstattung. Ich sehe bei Kampfhandlungen eigentlich immer die Shiitische Miliz Hezeb As-Shabi – gelbe Flagge ähnlich Hezballah/Libanon – aber keine irakische Armee.

  8. Haida Abadi, Premier des Irak, kündigt an, die pre 2003 Grenzen zum Kurdengebiet wieder herstellen zu wollen. Wiederholt sich Geschichte? Werden die Kurden wieder fallen gelassen?
    https://twitter.com/mustafalhadithi/status/921339143589912577

    Unter dem Strich ist auch dieses Vorgehen seitens Baghdad verfassungswidrig. Sprechen wir also bitte von einem Bürgerkrieg im Irak.

    Mit dem Moment, wie CJTFOR heute der SDF zur Befreiung Raqqas gratuliert hat, bombardieren Flugzeuge Afrin in Syrien. Vgl. syria.liveuamap.com

  9. Glauben Sie mir, hier unten wird die Lage genauestens beobachtet und bewertet, auch wenn es mit Blick auf die Medienmeldungen vielleicht nicht so erscheint.

  10. Sorry für den Thread-Fehler, hier daher erneut.
    Russia’s Rosneft To Take Controlling Stake Of Iraqi Kurdish Oil Pipeline.
    Jetzt wird es natürlich verzwickt, nicht ökonomisch, sondern politisch: Kurden-Irak-Russland-Deutschland.
    https://www.rferl.org/a/russia-rosneft-iraq-kurdish-pipeline-controlling-stake/28806471.html
    – Russia’s state-owned Rosneft oil company says it has agreed with the government of Iraq’s autonomous Kurdish region to take a controlling stake in the region’s main oil export pipeline. – Datum von heute -.
    – Diplomats in Moscow have expressed sympathy for the Kurdish independence bid
    – “ … supplies of oil from [the Kurdish autonomous region] to Rosneft oil refineries in Germany“
    An welcher Stelle hat der Altkanzler seine Finger im Spiel? Vor diesem Hintergrund machen die neuen Zusagen an die Peschmerga einen ganz anderen Sinn.

  11. Es hat offenbar einen Deal YPG-Russen gegeben, dass die Russen mit Präsenz von Ka-50-Hubschraubern einen Angriff der Türken bei Al Bab verhindern. Im Gegenzug dürfen die Truppen der Zentralregierung das Al Omar-Ölfeld im Osten einnehmen. Damit wäre ein Vorrücken der SDF unter amerikanischer Führung nach Süden nicht mehr so einfach möglich, d.h. der Schiitische Halbmond bleibt weiterhin bestehen!

  12. Im Prinzip sind das die im Nahen Osten üblichen Verteilungskämpfe nach gewonnenen Schlachten. Insofern ist das ein Zeihen dafür, dass es mit dem IS in Kurdistan vorbei ist.

    Was genau ist nun unser strategisches Interesse an einer Fortführung der Kurden-Ausbildung, wenn der IS besiegt ist?

    Wird der Inhalt der Ausbildung langsam vom „durchsetzungsstarken Kämpfer“ Richtung „Polizist“ umgestellt?

    Wird seitens der Bundesrepublik Einfluss auf die Verteilungsquoten der Kriegsbeute geben, Stichwort kurdische Autonomie?

  13. Dr. Naufel Alhassan, stellvertretender Stabschef des Premierministers von Irak, berichtet vom Einsatz deutscher MILAN auf Seiten der Kurden bei Gefechten gestern und heute um den (überwiegend assyrischen) Ort Alton Kubri, südlich von Erbil.

    Dabei kamen mehrere irakische Soldaten ums Leben.
    https://twitter.com/naufelalhassan/status/921659152602140672

    Netanyahoo hat gestern bei Merkel angerufen und um weitere deutsche Hilfe für die Barzani Mafia gebeten berichtet Reuters. In wieweit hat das mir der Ankündigung der Wiederaufnahme der Ausbikdung der Kurdentruppen zu tun?
    https://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-kurds-israel/netanyahu-lobbies-world-powers-to-stem-iraqi-kurd-setbacks-idUSKBN1CP181
    Netanyahu lobbies world powers to stem Iraqi Kurd setbacks
    (Hintergrund: Die Peshmerga des Barzani Klans sind in den 1960ern von israelischen Offizieren aufgestellt und ausgebildet worden. Kurdisches Öl wird (illegal) zu Billigpreisen an Israel geliefert.)

    DIe politische Partei des Talibani Klan, PUK, nimmt Stellung zu den Ereignissen in Kirkuk. Sie weisst Vorwürfe zurück das Iran ihre Entscheidungen beeinflusst hätte und erklärt sich mit dem zuvor abgesprochenem Vorgehen der irakischen Regierung einverstanden
    PUK Statement on events in Kirkuk
    https://www.facebook.com/AnjumaniNawandPukcc/posts/1422760421175600

  14. @b

    Ein Problem ist, dass m.W. die Berichte über den Einsatz deutscher Waffen nicht überprüfbar sind (die Plausibilität mal außen vor) und gestern div. Fotos kursierten, die recht eindeutig älteren Datums sind. Derzeit bin ich mit Aussagen beider Seiten recht vorsichtig.

  15. @Zum Heulen @AoR
    Die wesentlichen, namhaften Schlachten im Ex-Kalifat waren Falluja und Mossul im Irak sowie Aleppo und Rakka in Syrien.
    Der Verlust von Rakka bedeutet nicht automatisch die endgültige Niederlage für Daesh, auch wenn das was als Operationsfähigkeit verstanden wird, nämlich „… militärische Handlung von Großverbänden mit gemeinsamer operativer oder taktischer Zielsetzung. …“ für das „Kalifat“ nicht mehr machbar ist. Es fehlen dazu mittlerweile Ressourcen an Truppe, Logistik, Kämpfern und Finanzmitteln.
    Die endgültige Niederlage wäre dann gegeben, wenn auch die Befähigung zu taktischen Guerilla-Aktionen verloren gegangen wäre, bzw. die Absicht dazu fehlt.
    Da aber aus dem seit drei Monaten umkämpften ar-Rakka zahlreiche Kämpfer samt erklecklicher Teile an Ausrüstung nach Deir-es Sor im mittleren Euphrat-Tal ausweichen konnten, kann von einem „Endsieg“ nicht gesprochen werden. Vielmehr handelt es sich um einen großen symbolische Sieg für die US-geführte Koalition, der am Boden fast ausschließlich durch Kurden der Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF) errungen wurde. Nun ist ar-Rakka jedoch, selbst bei großzügiger Auslegung, nicht Teil des historischen kurdischen Siedlungsgebietes, von der Ist-Lage ganz zu schweigen. (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurdistan#/media/File:Umgriffe_Kurdistans.png )
    Dennoch, die Claims sind seit Sykes-Picot, wesentlicher im Vertrag von Sèvres vom 10. August 1920, abgesteckt. Verteilungskämpfe von territorialer Bedeutung werden nicht stattfinden, niemand rüttelt am status quo, was kaum ausschließt, dass es nicht Gezerre um das eine oder andere Ölfeld geben wird: Keiner der real existierenden Staaten im Raum samt der beteiligten Großmächte denkt an die Realisierung von Grenzveränderungen.
    Andere Tagträume haben nur die Kurden, jene im Irak als auch die syrischen. Mit den irakischen Attacken der vergangenen vier Tage gegen den Raum KIRKUK hat Haida Abadi, Premier des Irak, seinem kurdischen Widersacher Masud Barzani nachdrücklich verdeutlicht, es wird kein völkerrechtlich und auch kein de-facto unabhängiges Kurdistan auf irakischem Boden geben. Insofern besteht generöses Einvernehmen mit der Türkei, dem Iran und stillschweigendes mit den sonstigen Kriegsparteien, einschließlich der Großmächte.

    „Kriegsbeute“-Überlegungen
    – beschränken sich in ökonomischer Hinsicht auf die Ölförderung und benötigte Transportrouten. Dazu stehen die Kurden in Abhängigkeit von der Türkei via „Blue-Stream“, vom Irak via Basra oder Russland, vertreten durch Rosneft (mit Gerhard Schröder, siehe: Russia’s Rosneft To Take Controlling Stake Of Iraqi Kurdish Oil Pipeline, 20. Oktober 2017 – 21:58).
    – in politischer Abfolge und deutschem Interesse können in dem Ende der Migrationsbewegung nach Beendigung großräumiger Kampfhandlungen erkannt werden.
    Bedeutsam in mittelfristiger Entwicklung wird sein, ob die UN zur Organisation einer Konferenz befähigt sein werden, die eine Nachkriegsordnung völkerrechtlich verbindlich organisiert.

  16. @b: Es gibt bestätigte Abschüsse von Fahrzeugen der schiitischen Milizen durch Panzerabwehrlenkflugkörper russischen Bautyps, jedoch keine Milan darunter. Wenn es so wäre gäbe es Beweisfotos.

    Interessant, die PUK des verstorbenen Kurdenführers Talabani koordiniert mit irakischer Armee. Auf PUK – Terretorium wurden keine schiitischen Milizen gesichtet.
    http://iraq.liveuamap.com/en/2017/21-october-iraqi-army-is-now-moving-towards-chamchamal-with

    Zudem haben die USA Baghdad dazu aufgerufen, keine Truppen in umstrittene Gebiete zu verlegen:
    #BREAKING: US calls on Iraq forces to limit movements in disputed areas to those coordinated with Kurds @AFP
    https://twitter.com/wgdunlop/status/921498190318358528

    Gleichzeitig lehnt Talabani einen von den USA vermittelten Status Quo „Kurden-Baghdad“ ab:
    PUK’s Pavel Talabani says leaders in Kurdistan rejected „a historic“ proposal by the US on the future of Kurdistan.
    https://twitter.com/zaidbenjamin/status/921499583695507456

    Lagebeurteiliung: Die Kurden sind mal wieder unfähig, gemeinsam Interessen zu verfolgen…

  17. @ Klaus-Peter Kaikowsky | 21. Oktober 2017 – 12:56

    „– in politischer Abfolge und deutschem Interesse können in dem Ende der Migrationsbewegung nach Beendigung großräumiger Kampfhandlungen erkannt werden.
    Bedeutsam in mittelfristiger Entwicklung wird sein, ob die UN zur Organisation einer Konferenz befähigt sein werden, die eine Nachkriegsordnung völkerrechtlich verbindlich organisiert.“

    Um den Zustand der Kurden (als Volk, Nation, politischer Partner/Gegner) zu beschreiben, könnte man wieder Monty Python zitieren: https://www.youtube.com/watch?v=RtmSLZk2Y-I

    Nur dass sie nicht mehr Judäische Volksfront oder Volksfront von Judäa heißen, sondern KDP und PUK.

    Da Verrat und wechselnde Koalitionen ebenfalls immanent in dieser Region sind, setzt Stabilität in dieser Region die starke Hand voraus. Die hieß mal Saddam Hussein, vorher setzte man mal auf den Schah von Persien. Heute heißt sie Premier Abadi, mit massiver Unterstützung der halben Welt. Das Dumme an diesen „Autoritäten“ ist leider, dass sie mit der Zeit korrupt und größenwahnsinnig werden. Zudem sind ihre Methoden mit unseren Vorstellungen von Rechtstaat und Menschenrechten nicht vereinbar. Zudem neigten diese Nationenführer dazu, die unterworfenen Stämme als Nation in geopolitische Stellvertreterkriege zwischen Weltmächten zu führen, waren also auch keine Lösung.

    Der postpragmatische Ansatz, das Problem mit eigenen Soldaten zu lösen (2003 ff.), weil einem die Stellvertreterkrieger dann doch zu zweifelhaft waren, hat dann lediglich zur Entfernung einiger etablierter Diktatoren im arabisch islamischen Bogen geführt und Migrationsströme freigesetzt (nicht ausgelöst, gern vorhandenes Missverständnis). Der deutsche Beitrag zur Lösung der Situation beschränkte sich in Schönwetterpredigten, die abgekoppelt von der Realität lediglich Gelächter auslösten.

    Und hier soll jetzt eine Konferenz in Tradition der Petersbergkonferenzen für Afghanistan die Lösung der Probleme sein?

    Da kann ich nur noch Frau Nahles zitieren (Nein, diesmal nicht „in die Fresse“, sondern Pipi): https://www.youtube.com/watch?v=8-s6IX4SwXg

    Das ist doch mal wieder außen- und sicherheitspolitischer Blindflug.

    Und das Mantra von Entwicklungshilfe ist doch auch eine Chimäre. Jegliche Befähigung und materielle Ressource landet in diesem Raum spätestens mittelfristig nicht in Wohlstand oder gesellschaftlicher Stabilität, sondern in Vorbereitung und Durchführung des nächsten Raubzugs. Die ca. 6 Kinder pro Frau liefern jede Generation aufs Neue genug Kämpfer, für die im Siedlungsraum kein Platz mehr ist.

  18. @zum Heulen: Ich fasse sie so zusammen, als müsse Berlin darauf achten, bei Hilfe zur Selbsthilfe zu bleiben, und tunlichst nicht zu weit rein zu rodeln?

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