Airbus gegen Polen: Da brennt die Luft

20150715_airbus_hm225m_caracal

Vor wenigen Tagen hat die polnische Regierung einen bereits sicher scheinenden Vertrag mit Airbus über die Lieferung von 50 Hubschraubern abgesagt. Das führte nicht nur zu wütenden Reaktionen aus Frankreich

France reacted angrily on Friday after Poland scrapped a multi-billion-dollar helicopter deal with Airbus, warning it would review defense cooperation with its NATO ally and cancelling a presidential visit to Warsaw.
Poland had agreed to buy 50 Airbus utility helicopters in April 2015 for 13.5 billion zlotys ($3.5 billion) as part of efforts to modernize its military at a time of tensions with Russia. Its previous centrist government, beaten by the Law and Justice (PiS) party in elections last October, had agreed the provisional deal, but on Oct. 4 the new authorities said they were scrapping the contract altogether.

sondern am (heutigen) Dienstag auch zu öffentlichen Reaktionen des Unternehmens, wie ich sie jedenfalls aus der Rüstungsindustrie so noch nicht gesehen habe.

Aus der Stellungnahme von Airbus-Chef Tom Enders, im Original auf Deutsch veröffentlicht:

Noch nie wurden wir von einem Regierungskunden in ähnlicher Art behandelt wie jetzt durch die polnische Regierung. Die kontroversen und widersprüchlichen Erklärungen der polnischen Regierung im Laufe dieses Beschaffungsvorgangs vermittelten den Eindruck beispielloser Konfusion.

Airbus beabsichtigte, im großen Stil in Polen zu investieren und wollte zum Aufbau einer wettbewerbsfähigen Luft- und Raumfahrtindustrie im Land beitragen. Doch Polens Regierung hat uns die Tür vor der Nase zugeschlagen! Wir haben dies zur Kenntnis genommen.
Verschärft wurde dieses Durcheinander durch die jüngsten Erklärungen der polnischen Regierung über Hubschrauber-Anbieter, die unzulässige Angebote eingereicht haben und damit vom Ausschreibungsverfahren ausgeschlossen wurden. Wir haben den Eindruck, dass wir von der aktuellen polnischen Regierung seit Monaten an der Nase herumgeführt worden sind. Im Vertrauen auf ein faires und professionell geführtes Ausschreibungsverfahren haben wir in den vergangenen Jahren enorm viel Zeit und Geld investiert. Wir werden nun selbstverständlich geeignete Maßnahmen ergreifen.

Bereits zuvor hatte die Tochterfirma Airbus Helicopters einen offenen Brief ihres Chefs Guillaume Faury an die polnische Regierung veröffentlicht. Kernaussage:

Our offset offer would have generated more value in Poland than the revenues that would have been generated for Airbus Helicopters through the helicopter supply contract.
Out of a global Airbus Group ambition to create 6000 jobs in Poland, the Airbus Helicopters project would have led to the creation of 3800 jobs, including 1250 direct employments mainly in Lodz, Radom and Deblin.

Der ganze Brief hier.

Das scheint ein recht ungewöhnlicher Vorgang, dass ein Unternehmen der Verteidigungs-, aber auch der Luftfahrtindustrie einen abgesprungen Kunden so öffentlich angeht. Mal sehen, was daraus noch wird.

(Archivbild: H225M Caracal auf er Paris Airshow in Le Bourget, 2015 – Airbus Group/JV. Reymondon)

67 Gedanken zu „Airbus gegen Polen: Da brennt die Luft

  1. @ Bin_dabei

    Im amerikanischen Kontext ist die F-35 aber mehr ein Problem des Nutzers/der Nutzer, da sich die verschiedenen TSK schlicht nicht auf eine Variante einigen konnten. Ich würde die Industrie daher in Schutz nehmen, denn andererseits dürfen die modifizierten Maschinen natürlich bestenfalls auch nichts kosten… ;-)

  2. @Voodoo | 13. Oktober 2016 – 14:16

    Es wird jetzt doch etwas sehr OT aber so ganz mag ich Ihre äußerst positive Sichtweise nicht zu teilen. Wenn sie sich mal die aufgetretenen Mängel und verschiedenen Sperrungen wegen Materialfehlern und Performanceeinschränkungen im Vergleich zum versprochenen Produkt ansehen, sieht das doch in Teilen fast wie beim Eurofighter aus.

    Wenn ich dann noch die Schelte von @SER | 12. Oktober 2016 – 18:52

    Besonders der letzte Absatz bezüglich des scharfen Bestehens eines Kriegseinsatzes stütze ich vollkommen, denn die gelieferten Produkte stellen eine Gefahr für das Personal dar unter den Bedingungen des Feldbetriebes !
    Da findet man leider derzeit nur die Produkte aus den USA und Russland auf dem Markt, denn diese konstruieren nicht für die norddeutsche Tiefebene von Flugplätzen aus, sondern für den Betrieb von Feldflugplätzen in allen Klimazonen !

    ansehe dann möchte ich gerne auf die unter nachstehendem Link
    http://www.ainonline.com/aviation-news/defense/2016-04-21/gao-questions-deployability-redundancy-f-35-alis-system
    aufgeführten Probleme mit der Wartungssoft- und Hardwarelösung der F-35 verweisen. Da kommen mir gleich wieder Flashbacks hinsichtlich der SASPF-Anbindungserfordernisse unserer Hochwert-Produkte von Airbus.

    Pilots, maintainers and officers at three of five F-35 sites the GAO visited raised doubts that the system can be deployed as planned to forward locations. “For example, users are concerned about the large server size and connectivity requirements, and whether the system’s infrastructure can maintain power and withstand a high-temperature environment,” the agency said.

    Fazit: Auch beim großen Freund in Übersee ist nicht alles Gold und die Probleme ähneln sich doch sehr…

  3. @ Bin_dabei

    Zugegeben, bei der F-35 ist es spezieller und nicht unbedingt leicht auf einen Nenner zu bringen; nicht umsonst ist das Ding ein Milliardengrab und killt fast den US-Militärhaushalt.

    Bei den militärischen Drehflüglern hingegen erscheint es mir auf den ersten Blick aber doch so, dass die marktverfügbaren US-Modelle („Blackhawk“ etc.) und deren Nachfolger (ggf. unter Abstrichen bei der V-22 Osprey) gefragter sind, als ihre europäischen Pendants – bleibt die (rhetorische) Frage: Warum ist das so?

    Es wird seitens Airbus gerade extrem viel Pozellan medienwirksam zerschlagen, hat man da vielleicht etwas die Nerven verloren, weil man im Wettbewerb nicht (mehr) mithalten kann?

  4. @Voodoo

    Welches der Produkte von AH ist schlecht und warum?

    …..und da meine ich nicht die von der Politik geforderten Kooperationen NH90 und Tiger.

    Das Problem mit den sonst guten H225 and AS332 L2 Hubschraubern ist nicht tolerierbar und wird behoben!

    Airbus Helicopters takes note of EASA’s decision to lift the temporary suspension it had put in place on 2 June 2016 for the H225 and AS332 L2 fleet. We are providing assistance to our customers and working with related stakeholders in order to help them return their aircraft to service at the appropriate time. Meanwhile, we maintain our full support to the AIBN in the frame of the ongoing investigation. (AH)

  5. @ Zimdarsen

    Das frage ich Sie (denn nicht umsonst hatte ich o. a. Vermutung als Frage formuliert).

    Darüber hinaus lassen sich bei der Beantwortung dieser Frage die NH90 und TIGER eben nicht ausklammern, denn nicht umsonst steht NH beispielsweise für „NATO Helicopter“ – will sagen, eine Firma wird nicht unbedingt immer nach ihren besten (militärischen) Produkten bewertet, sondern nach den bekanntesten.

  6. @Quattromaniac

    Ich dachte bei dem Vergleich eher an Landrover Defender mit F1 Esprit ;-)

    @Bin_dabei

    F-35 ist ein sehr spezielles Beispiel und @Voodoo hat da schon einiges zu gesagt.
    Aber wenn wir die Hubschrauberflotte angucken stellen wir bedingungslose Einsatzquote fest, und das nun wirklich weltweit weil sich die USA als Interventionsarmee sehen.
    Ähnliche Fähigkeiten haben auch die RUS Streitkräfte.

    Es gibt aber andere pragmatische Herangehensweisen bei denen, es ist ausgerichtet auf planbare Einführung und Einsatz ! Gestritten wird immer um Geld, aber wenn das Budget steht werden Spezialisten mit dem Projekt betraut… Sprich insbesondere die europäische multinationale Herangehensweise unter massiver politischer Einflußnahme kann und wird kein Rüstungsprojekt zum Erfolg führen. Aufteilung der Produktionsstätten nach Anteilen der Beschaffung ist ziemlich blöd wie man beim EuFi gesehen hat und NH90 etc ….

    Anfang der 80er wollte das deutsche Heer den AH-64 der bis heute in der westlichen Welt das Maß der Dinge ist ! Dann kam Herr Kohl und meinte wir müssen was mit den Franzosen machen … aus politischen Gründen … Fregatte, Panzer oder Hubschrauber ?
    Da der Hubschrauber als das einfachste Projekt erschien durch wen auch immer kam es so … kann man grade auf der ILÜ bewundern das Raubkätzchen ;-) Das wurde eben draus …

  7. Eine Korrektur zur o.a. und auch in den Medien verbreitete Info:
    GB und NOR halten trotz EASA weiterhin Restriktionen gegen bestimmte Versionen der 225 aufrecht:
    „In a statement, the Civil Aviation Authority said: „Following the release today by the European Aviation Safety Agency of proposals to allow the return to service of Airbus Helicopters‘ Super Puma EC225LP (and AS332L2), the UK Civil Aviation Authority has confirmed that its existing restriction, prohibiting all commercial flying of this type by UK operators, is to remain in place.“

  8. @Voodoo

    Sollte ich falsch in meiner Einschätzung sein, dass nicht AH der alleinige Hersteller des NH90 ist?

    http://www.nhindustries.com/mobile/en/ref/home.html

    War es beim NH 90 nicht auch so, dass nicht AH/Eurocopter nach einem Lastenheft eigenverantwortlich einen Hubschrauber produzierte und in in Serie baute?

    NH90 ist eben kein Produkt von AH für den Weltmarkt, sondern ein Produkt von NH90 nach Vorgabe der Kunden.

  9. @Zimdarsen | 13. Oktober 2016 – 19:22
    NH90 ist eben kein Produkt von AH für den Weltmarkt, sondern ein Produkt von NH90 nach Vorgabe der Kunden.
    Da hat sich wohl ein Fehler eingeschlichen….sondern ein Produkt von?????
    Das Lastenheft nennt sich beim NH 90 Spezifikation. Bisher wurde noch kein deutscher NH 90 gemäß der für den deutschen Kunden zuständigen Spezifikation geliefert, weder nach der alten CPS (Spezifikation) noch nach CA 23, der neuen Spezifikation /dem neun Vertrag. Gesagtes wird auch für den Sea Lion gelten.
    Ist aber nur eine Randnotiz, will nicht vom Thema ablenken. Der NH 90 hat nichts mit dem polnischen Vertrag zu tun.
    Möchte aber an dieser Stelle noch Mal auf den aktuellen Rüstungsbericht verweisen. Bei den beiden Rüstungsprojekten TIGER und NH 90 geht es um Beschäftigung der Rüstungsindustrie, nicht um einen funktionierenden Militärhubschrauber.
    Zitat:
    Das NH90/ Sea Lion Programm trägt zur Auslastung der nationalen Fertigungskapazitäten bei, während die Ingenieurskapazitäten im Rahmen der noch notwendigen Entwicklungsarbeiten ausgelastet werden.
    Zitatende
    Bleibt noch zu erwähnen, das die Ingenieurskapazitäten sich zum großen Teil in Frankreich befinden.
    Das Bild von KPK gilt übertragen auch für den Hubschrauberbereich.
    http://augengeradeaus.net/2016/10/baellebad-oktober-2016i/#comment-248663

  10. @SER | 13. Oktober 2016 – 18:06
    Ich stimme Ihnen zu wenngleich Ihr von mir zitierter Post in seiner Pauschlität eben – wie ich aufgezeigt hatte eben nicht zutraf. /SCNR

  11. @werner

    „Das NH90/ Sea Lion Programm trägt zur Auslastung der nationalen Fertigungskapazitäten bei“

    Das war der wirtschaftspolitische Grund für den Zauber (NHI) und nicht ein einsatztauglicher und robuster Hubschrauber für den Kriegseinsatz ;-)

  12. Zimdarsen | 13. Oktober 2016 – 19:22

    @Voodoo

    Sollte ich falsch in meiner Einschätzung sein, dass nicht AH der alleinige Hersteller des NH90 ist?

    http://www.nhindustries.com/mobile/en/ref/home.html

    In den von Ihnen verlinkten Seiten wird AIRBUS zusammengerechnet mit 62% als Anteilseigner an NHINdustries aufgeführt – wer ist da also letztlich verantwortlich? ;-)

    Das war der wirtschaftspolitische Grund für den Zauber (NHI) und nicht ein einsatztauglicher und robuster Hubschrauber für den Kriegseinsatz

    Mit dieser Feststellung gehen wir neudeutsch schon wieder d´accord – dumm nur, dass wir den Vogel nun am Hacken haben…

  13. @Voodoo

    Wer für dieses Desaster verantwortlich ist, ist eine einfache Frage welche eine komplexe Antwort zur Folge hätte.

    Die vermeintlich einfache Antwort, dass es -AirbusHelicopters- ist, kann schon deshalb nicht richtig sein, weil es zum Zeitpunkt der Entstehung der größten Fehler und falschen Entscheidungen AH noch nicht gab.
    Die Besitzanteile einer Firma sagen über die Verantwortlichkeit bei einem Projekt wie es der NH 90 fast nichts aus, zudem dass sich diese Anteile auch in der Zukunft noch ändern können (wer weiß ob Airbus seine Anteile an AH hält).

    Der NH90 war in seiner Auslegung auch ein Ergebnis von pol und mili Entscheidungen und deshalb liegen auch dort nicht unbedeutende Verantwortlichkeiten.

    Viel schlimmer ist, dass man für die Bw JETZT keine einsatztauglichen Hubschrauber beschaff und dafür sind die Verantwortlichen klar zu benennen.

  14. http://www.defense-aerospace.com/articles-view/release/3/178031/polish-helicopter-deal-was-%27gentlemen%27s-agreement%27%3A-former-president.html

    hier die Ursache… das spricht Bände…
    Polen hat versprochen wenn Frankreich darauf verzichtet Mistral an Russland zu verkaufen, dann nimmt man die 50 Helis von Airbus.
    Ein Gentlemans Agreement zwischen den damaligen Regierungen… das sich die aktuelle polnische Regierung da nicht dran hält spricht Bände… ich spare mir hier jetzt mal weitere Spekulationen bzgl Einmischung Russlands und Steuerung Russlands der aktuellen polnischen Regierung!

    da wäre ich an Stelle von Airbus auch angep….
    so was macht man einfach nicht….

Kommentare sind geschlossen.