Lage in Afghanistan: Deutsche in Kundus, ISIS-Anschlag in Kabul – und die Folgen (Nachtrag: UN-Bericht)

Am Wochenende gab es in Afghanistan den folgenschwersten Anschlag seit dem Ende der Taliban-Herrschaft 2001, mit mindestens 80 Toten – aber im Westen und vor allem in Deutschland sind andere Anschläge, wenig erstaunlich, näher liegend und damit mehr im Mittelpunkt des Interesses. Um so wichtiger ist der Blick auf das Land am Hindukusch und die internationalen Truppen dort: oben verlinkt ein Bericht der ARD-Tagesthemen.

Auch für die Bundeswehr wird von Bedeutung sein, über den anhaltenden Kampf gegen Taliban und verwandte Gruppierungen hinaus, was der Anschlag vom Wochenende bedeutet: Denn dafür haben die ISIS-Terrormilizen, der selbst ernannte Islamische Staat, die Verantwortung übernommen. Und das dürfte Folgen für den Einsatz der internationalen Truppen haben, wie USA Today berichtet:

Afghanistan plans for a military offensive in coordination with U.S. troops against the Islamic State have become more urgent as the country marked a national day of mourning Sunday for 80 people killed and 231 injured in Kabul’s worst attack in 15 years. (…)
The effort, nicknamed Shafaq, or “dawn” in Pashto, would be the largest since most international combat troops withdrew in 2014.  (…) Planning for the military offensive later this month became more urgent as the Islamic State’s online news agency Aamaq claimed responsibility for Saturday’s suicide bombing, the first Islamic State attack in the Afghan capital, the Associated Press reported.

Nachtrag 25. Juli: Zum insgesamt düsteren Bild zeigt der Bericht der Vereinten Nationen über die zivilen Opfer in Afghanistan im ersten Halbjahr 2016:

A UN report on Afghanistan published Monday shows a record number of civilian casualties since counting began in 2009, with 5,166 civilians recorded killed or maimed in just the first six months of this year, of whom almost one-third were children. The total civilian casualty figure recorded by the UN between 1 January 2009 and 30 June 2016 has risen to 63,934, including 22,941 deaths and 40,993 injured.
Between January and June this year, the Human Rights team of the UN Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) documented 1,601 civilian deaths and 3,565 injured civilians. This represents an increase of four percent in the total number of casualties compared to the first six months of 2015 – and is the highest half-year total since 2009.
This year’s casualties include 1,509 children (388 dead and 1,121 injured) – a figure the UN Human Rights Chief described as “alarming and shameful,” particularly as it represents the highest numbers of children killed or wounded in a six-month period since counting began in 2009.

Der gesamte Bericht zum Herunterladen hier.

11 Gedanken zu „Lage in Afghanistan: Deutsche in Kundus, ISIS-Anschlag in Kabul – und die Folgen (Nachtrag: UN-Bericht)

  1. Jetzt gemeinsam mit den TB gegen DAESH? Getreu dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund?

  2. Ein Waffenstillstand mit der Taliban und gemeinsamer Kampf – einschließlich Nato-Truppen – gegen den IS wäre schön, aber ich glaube nicht, daß die Taliban dazu breit ist.

  3. @Closius
    Würde das die TB nicht legitimieren? Wie sieht das denn das GIRoA? Der guten Ordnung halber sollte man in Kabul ‚mal nachfragen und sich abstimmen.

  4. Wozu in die Ferne schweifen? Sieh, das Gu.. – das Böse liegt so nah.

    Zwei islamistische Anschläge binnen Wochenfrist in Bayern.
    Sieht so aus, als fände die ISIS-Sommeroffensive dieses Jahr in Deutschland statt.

    BTW, an britischen Truppenstandorten in UK ist Order ausgegeben worden, daß Militärangehörige ihre Inhalte in sozialen Netzwerken von allen Hinweisen auf ihre Militärangehörigkeit reinigen sollen, um weitere islamistische Angriffe auf sie im Heimatland zu vermeiden, wie „The Sun“ vermeldet. Google ist „British soldiers told to ‘scrub’ their social media pages of evidence they serve in the Army to avoid being targeted by ISIS“

  5. Bemerkenswertes Video.

    Erst ein ziemlich offener Blick auf die Defizite kulminierend in der Feststellung, dass die zu unterstützenden Afghanen auch nach über 10 Jahren Aufbau mit einer „3 bis 4 gut bedient“ wären und es noch „reichlich Luft nach Oben“ gäbe, nur um dann direkt verbal anzuflanschen, man sei „auf einem SEHR guten Weg“, bräuchte aber eigentlich „doppelt so viele Berater“…

    Für kommende Generationen von Historiker_Innen ein schönes Stück um irgendwann mal den Stand der offiziösen Afghanistan-Debatte des Jahres 2016 – nach gut 15 Jahren Einsatz – nachzuzeichnen…

  6. Hier wird aber doch auch ein deutsches Dilemma sichtbar.
    Ich bin selbst 2013 noch in dem Afghanischen Camp gewesen, die Probleme mit der Technik, den Fahrzeugen, Benzin & Betriebsstoffen, Munition etc, und vor allem auch mit dem fehlenden Fachpersonal (Mechaniker) waren bereits damals genauso bekannt. Und bereits damals gab es auch nur spärliche Unterstützung, bzw einfach zuwenig Maßnahmen und auch Personal um diese Probleme zu beheben. Mann kann den Afghanen sicher einiges Vorwerfen, muss aber auch eingestehen, dass Deutschland auch nicht die glücklichste Rolle bei der Unterstützung gespielt hat.
    Soll nicht nur Gemecker sein, aber mir kommt es immer noch so vor, dass man mit ein wenig mehr an Kräften deutlich mehr erreichen könnte. Seit dem Abzug aus Kunduz hat man gute 2 Jahre (eher 3) verschenkt. Das man jetzt wieder mit einen kleinem Team vor Ort ist, ist sicherlich richtig. Nur hätte man diese 50 Mann Mission (oder halt auch 100~) schon nach der Schließung des PRT Kunduz die paar Kilometer weiter in das Afghanische Camp integrieren können.
    Klar, hinter her ist man immer schlauer, aber allzu viel gehörte dann auch nicht dazu, vorherzusehen das mit dem kompletten Abzug aus dem Raum Kunduz die dortigen Afghanischen Sicherheitskräfte unter starken Druck geraten würden.
    Einfach schade, wie sich die Situation entwickelt hat.

  7. Aus der Tagesschau-Meldung

    Zitat: „Ob es direkte operative Kontakte zwischen der IS-Führung im Nahen Osten und den Taliban-Splittergruppen in Afghanistan und Pakistan gibt, ist unklar. Doch es scheint viel Geld zu fließen.“

    Wo das Geld wohl herkommt ? Wer befeuert den Konflikt IS zu Taliban in Afghanistan ?

  8. @all

    Damit er nicht völlig untergeht hier… habe ich den aktuellen Bericht der Vereinten Nationen zu den zivilen Opfern im 1. Halbjahr 2016 oben nachgetragen.

  9. @ ADLAS-Doe: genau bei diesen Zitaten gab es bei mir auch ein Fragezeichen bezüglich der Stringenz. Naja, noch immer ist die Vorgabe: „Man ist auf einem guten Weg!“ Alleine die Vorträge von unseren Spitzenmilitärs fand ich diesbezüglich immer klasse. Mehrfach trug bspw. Gen Vollmer zur Lage in AFG vor und immer waren die AFG Sicherheitskräfte äußerst motiviert, kampfstark und auf einem sehr guten Weg – einfach nur BuRegSpreche, die nach meinen drei „Aufenthalten und Erfahrungen“ in Kundus, Kabul und MeS fern ab jeglicher Realität war und ist :-(

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