Taliban vor der Eroberung von Kundus (Update: Bundesregierung ohne Erkenntnisse)

Die Taliban scheinen (erneut) direkt vor und teilweise in der nordafghanischen Stadt Kundus zu stehen – und diesmal erfolgreicher als noch vor einigen Monaten. Berichte aus Kundus deuten darauf hin, dass die Aufständischen bereits Stadtteile und wichtige Einrichtungen wie das Krankenhaus erobert und die afghanischen Sicherheitskräfte verjagt haben:

The Taliban militants have launched coordinated attacks in the central city of northern Kunduz along with Chardara and Dasht-e-Archi districts. The Taliban militants launched their attacks overnight from the western, northeastern and southern parts of the city. The security forces managed to push back the militants from Kunduz city however sporadic clashes still continue in two other districts, local officials.

berichtet die afghanische Nachrichtenagentur Khaama Press. Aus der Stadt selber kommen weitere Meldungen wie der Tweet oben, eine Auswahl:

 Dieses Video soll aktuell aus Kundus kommen.

Update: Nach meiner Erinnerung wird zwar das innerhalb der Resolute Support Mission für den Norden Afghanistans zuständige Train Advise Assist Command (TAAC) in Masar-i-Scharif von deutschen Offizieren geführt, im Hauptquartier in Kabul ist die Bundeswehr ebenfalls hochrangig vertreten. Die Bundesregierung hat dennoch – über Medienberichte hinaus – keine eigenen Informationen aus Kundus, wie der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Jens Flosdorff, und AA-Sprecherin Sawsan Chebli vor der Bundespressekonferenz mitteilten. (Die erste Frage war aus technischen Gründen unverständlich; sie richtete sich auf die Situation in Kundus und die Bewertung der Bundesregierung; darauf antwortete Flosdorff):

BPK_Kunduz_28sep2015     

 

Weitere aktuelle Berichte:

New York Times: Taliban Fighters Enter City of Kunduz in Northern Afghanistan

Telegraph: Taliban breaches major Afghan city for first time since 2001 with assault on Kunduz

Ob es ein militärischer Erfolg der Aufständischen wird, ist möglicherweise noch offen. Bereits jetzt ist es aber mit der (Fast?)Eroberung einer Provinzhauptstadt ein großer Propagandaerfolg der Taliban.

Und vom dpa-Korrespondenten in Kabul:

Reuters:

Afghan Taliban fighters who launched a three-pronged assault on the northern provincial city of Kunduz have hoisted their white banner over the main square, a Reuters witness and two security officials said on Monday.
Battles between government forces and the Taliban were raging about 500 metres (550 yards) from the governor’s compound, the deputy governor said, after he had fled to the city’s airport.

 

25 Kommentare zu „Taliban vor der Eroberung von Kundus (Update: Bundesregierung ohne Erkenntnisse)“

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   28. September 2015 - 9:36

    Bei ähnlicher Lage in Helmand vor ca drei Wochen, ehem britisches HQ, ließen sich anschließend Marines noch nachhaltig sehen. Im Norden wird das nicht der Fall sein, es gilt ja sicher noch die Raumverantwortung, und jetzt …?
    Nichts! Bei bevorstehenden Bedrohung/Fall von MeS erfolgt doch wohl eine Reaktion, zumindest EvakOp, oder?

  • ASDF   |   28. September 2015 - 9:57

    Wundern kann das nicht. Nach der Frontbegradigung durch Aufgabe Afghanistans war das nur eine Frage der Zeit. Ich hoffe, für unsere restlichen Soldaten an anderen Standorten gibt es einen belastbaren Evakuierungsplan.
    Wie können und wollen wir jetzt mit den in die Millionen gehenden afghanischen Flüchtlingen umgehen, die unseren Versprechungen geglaubt, sich darauf eingelassen haben und (bald) von den Taliban bzw. der IS-Außenstelle Afghanistan bedroht werden?
    Wie kürzlich in Kassel-Calden zu beobachten, scheint unsere aktuelle Herangehensweise an das Problem nicht wirklich ausgereift zu sein.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   28. September 2015 - 10:20

    Sofern die U.S-Truppen ausreichend Heli in der Hinterhand haben, klappt’s auch mit Evakuierung. Sicher sind Planungen zu unterschiedlichen Szenaren vorbereitet, die erwartbar auch unsere Deltas auflisten: Lufttransport, infanteridtische Kampfkraft, Ereignisse wie in Kundus/Helmand treiben die afghanische Odyssee.
    Folge:
    Der Zustrom von „monatlich 100.000″ – so 20:00 Uhr-Tagesschau von gestern– auf dem Weg nach Europa hat begonnen. Sie besitzen nicht die Qualität ihrer Vorgänger, die in 70ern zuwanderten.
    Sie werden sich bei uns in der Diaspora-Situation zusammenfinden und die Sicherheitsbehörden hinreichend beschäftigen. Der Drang zu Wohlstand, Sicherheit und zu sozialer Anerkennung wird sich nicht in dem Maße realisieren lassen, wie ersehnt, es bilden sich zwangsläufig „Zuwanderergemeinschaften“ (Klartext: Ghettos) in Großstädten.

  • CRM-Moderator   |   28. September 2015 - 10:31

    Die normative Kraft des Faktischen zerstört den letzten Funken Vertrauen in unser jetziges sicherheitspolitisches Konzept – sofern wir denn je ein Realistisches hatten.
    Zeit sich ehrlich zu machen.
    Ob „alles“ umsonst war? Können sich die erlauchten Herrschaften in den Talkshows eloquent duellieren.

    @ASDF: „Wie können und wollen wir jetzt mit den in die Millionen gehenden afghanischen Flüchtlingen umgehen….“

    Zurückschicken und ihnen sagen, dass wenn sie ein „besseres“ Leben in ihrem eigenen Land haben wollen, sie verdammt nochmal vor allem selbst dafür zu sorgen haben. Auch wenn es Generationen dauert.
    „iiiihhhhh“

  • Fredegar Bolger   |   28. September 2015 - 10:35

    By the way: gibt es eigentlich schon handfeste Zahlen darüber, was den deutschen Steuerzahler insgesamt die Verteidigung der Demokratie am Hindukusch gekostet haben wird?
    Wie mag das für die Bundeswehr zu verstehen sein, daß nun 1/30 der afghanischen Bevölkerung Anstalten macht, in deren (meist ohnehin ehemaligen) Standorte einzurücken? Ob dies die berühmte ‚List der Geschichte‘ ist?

  • O. Punkt   |   28. September 2015 - 10:37

    Na nun bin ich mal auf die Darstellung der BMVg/ Auswärtigen Amtes zu diesem Sachverhalt gespannt.

    Da sollte mal schnell jemand diverse Bundeswehr-Seiten sichern, bevor diese ins Nirvana verschwinden:

    https://www.google.de/search?q=site:bundeswehr.de+kommandeur+kundus+erfolg&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=k_sIVufrJcSjsAHvt7KYCA

    Nur einmal mit einem Schlagwort gegoogled. Wenn man die Suchworte etwas alterniert, findet man sicherlich noch mehr Interessantes.

  • CRM-Moderator   |   28. September 2015 - 10:49

    @O. Punkt: Sehr gute Idee.

    Nie vergessen…..der pol./mil. Führung legen wir im Notfall unser Leben in die Hände.

  • ASDF   |   28. September 2015 - 10:50

    @ CRM-Moderator
    „Zurückschicken und ihnen sagen, dass wenn sie ein „besseres“ Leben in ihrem eigenen Land haben wollen, sie verdammt nochmal vor allem selbst dafür zu sorgen haben. Auch wenn es Generationen dauert.“

    Aber wir haben ihnen doch gesagt, dass sie zum einen zu uns kommen können und zum anderen, wir in ihrer Heimat dafür sorgen, dass Mädchenschulen gebaut werden. Kann man alles mit Bundeskanzlerinnen-Reden belegen.

    Die geopolitisch fatalen Folgen dieses Samaritersyndroms sehen wir nun. Nebenbei können in den Flüchtlingsströmen prima IS-Kämpfer einsickern und all die Unzufriedenen aufsammeln, deren Erwartungen an unseren Sozialstaat nicht erfüllt werden.
    Die neue GSG9 Einheit für sicherheitspolitische Großlagen im Inneren könnte dann schneller gebraucht werden, als man diese Einheit aufstellen kann.

  • ASDF   |   28. September 2015 - 11:03

    @ CRM-Moderator

    Wo haben deutsche Streitkräfte jemals einen Krieg gewonnen? Betrachten wir hier nur mal die letzten 60 Jahre (statt der letzten 100 Jahre). Bestenfalls wurde ein Konflikt nicht krachend verloren, sondern eingefroren – um dann zur Unzeit wieder auszubrechen, siehe Kosovo.
    Ist unser Leben in Händen dieser pol./mil. Führung im Notfall wirklich gut aufgehoben?
    Bleibt nur das Prinzip Hoffnung auf die Nato-Partner.

  • Memoria   |   28. September 2015 - 11:47

    Interessanter Ausrüstungsstand:
    https://twitter.com/Terror_Monitor/status/648413701498781696

    Das sieht nach professioneller Unterstützung aus.

    Mal sehen inwieweit sich das TAAC-N hier mit Aufkl, usw. einbringen wird.

  • SvenS   |   28. September 2015 - 11:49

    @ASDF:
    Wo gab es denn einen Krieg für deutsche Streitkräfte zu gewinnen?
    Kosovo und Bosnien waren befriedete Gebiete, AFG wurde auch erst durch Guttenberg zu einen Krieg. Somalia war humanitäre Hilfe.
    Wer Sarkasmus findet kann ihn behalten…

  • ASDF   |   28. September 2015 - 12:02

    @ SvenS
    ;-)

    Stimmt, solange der Konferenztisch und die Sendezentrale nicht erobert wurden, kann man dort verkünden und beschließen, dass die Welt doch prima ist und überall glückliche Einhörner rumhüpfen. (Und nicht vergessen: Die UN haben gerade beschlossen und verkündet, dass der Hunger in der Welt in 15 Jahren besiegt ist!)

  • T.Wiegold   |   28. September 2015 - 12:38

    Zu den (Er)Kenntnissen der Bundesregierung beim Thema Kundus siehe Update oben.

  • Gerhard Wolf   |   28. September 2015 - 13:05

    Ich war 4 mal in AFG eingesetzt(davon 3mal als KdoFhrPersSchtz) Dadurch ergibt sich naturgemäß ein spezielles Verhältnis zur Schutzperson. Während eines Gespräches gab ich zu Bedenken,dass wir hier keinen Meter voran kämen,wenn wir es nicht wie die Amerikaner nach 1945 machen würden.(eigene Rundfunkstationen,Ermutigung der afghanischen Frauen,gegen ihre Männer aufzubegehren,westliche Musik und mehr)
    Wenn das aus politischen Gründen nicht möglich wäre, sollten wir hier schnellstmöglich wieder verschwinden.Darauf wurde mir empört der Mund verboten.
    Ich bin mir sicher, dass die Kdr;e, die ich schützte,alle wussten,dass das so nichts wird.
    Die Angst, das falsche zu sagen oder zu tun, war in jeder Situation spürbar

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   28. September 2015 - 14:11

    Kundus gefallen! Breaking bei n-tv, soeben!

  • Memoria   |   28. September 2015 - 14:32

    @KPK:
    Noch ist es wohl nicht ganz klar, ich darf an Clausewitz, Vom Kriege, 1. Buch, 6. Kapitel, erinnern:

    „Ein großer Teil der Nachrichten, die man im Kriege bekommt, ist widersprechend, ein noch größerer ist falsch und bei weitem der größte einer ziemlichen Ungewißheit unterworfen. “

    Noch gibt es viel Ungewißheit – zumal die Kämpfe noch andauern.
    Der „Breaking News!“-Kultur ist das aber halt abträglich.

  • Memoria   |   28. September 2015 - 15:36

    Ein wenig aufgeregter Zwischenstand:
    http://www.nytimes.com/2015/09/29/world/asia/taliban-fighters-enter-city-of-kunduz-in-northern-afghanistan.html

    Man wird abwarten müssen, inwiefern sich die Verstärkungen der ANDSF auswirken.
    Diese sammeln sich wohl im Bereich des Flughafens.

    Ob das TAAC-N ein mobiles Mentoren-Team im Einsatz hat?
    Derlei gab es ja bereits am Westrand des TAAC-N (Faryab).

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   28. September 2015 - 15:41

    Gibt es bei TAAC-N bzw. in Kabul überhaupt etwas, das als operative Reserve zu bezeichnen wäre?
    Falls ja, Stärke/Gliederung (Lu/Bo) und Beweglichkeit und NTM …?

  • Memoria   |   28. September 2015 - 15:54

    @KPK:
    Es geht ja in erster Linie nicht um eigene Kräfte, sondern um Verbindungs- und Beratungselemente (insbes. auf der Ebene Brigade) vor Ort (d.h. Flughafen Kunduz, also bekanntes Terrain) – train, ADVISE, ASSIST.

    Als verfügbare Kräfte gäbe es im TAAC-N die (hauptsächlich georgische) QRF:
    http://www.stripes.com/news/nato-presence-in-afghanistan-gives-afghan-forces-another-year-of-improvement-1.349715

    Die wäre aber dann eher die Force Protection für vorgeschobene Mentoren, anstatt ein Manöverelement (Afghan ownership…).

  • student   |   28. September 2015 - 16:10

    @Fredegar Bolger
    Nach einer Online-Quelle der Tagesschau („Die Kosten des Krieges“, Stand 20.03.2015) belaufen sich die Gesamtkosten für den Afghanistan-Einsatz auf rund 8,8Mrd€.

    Dass sich die Sicherheitslage in AFG nach Abzug der internationalen Truppen wieder verschärfen würde, war abzusehen. Insbesondere das dadurch ansteigende Potential an Flüchtlingen aus der Region dürfte für die deutsche Sicherheitspolitik ein Faktor sein, der nicht unberücksichtigt bleiben wird. Interessant in dem Kontext wäre mE eine Einschätzung der Stimmung der AFG Bevölkerung/Regierung im Bezug auf die ehemals dort Truppen stellenden Nationen. Ich meine neulich gelesen zu haben, dass Flüchtlinge gerade aus Afghanistan aufgrund positiver Erfahrungen mit deutschen Truppen ein positives Bild von Deutschland als Fluchtziel haben. Denkbar wäre aber auch Frust aufgrund des Abzugs.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   28. September 2015 - 16:12

    OK @Memoria, danke.
    Dann lese ich das so „wir haben taktisch wenig / operativ nichts“.
    Gut, dass Army/Marines irgendetwas haben, zunächst für Eigenbedarf, versteht sich!

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   28. September 2015 - 17:03

    Reuters: Taliban hissen Flagge auf zentralem Platz in Kundus.

  • 803er   |   28. September 2015 - 17:24

    Vielleicht doch das eine oder andere Mal zu viel durchgestoßen anstatt dem Feind nachzusetzen und zu bekämpfen.

  • Fredegar Bolger   |   28. September 2015 - 17:54

    @ Student:

    Vielen Dank. Also 8,8 Milliarden Euro, offiziell.
    Ansonsten: ich glaube nicht, daß sich die Sicherheitslage nach dem Abzug der westlichen Truppen „verschärft“ hat; die war immer scharf.
    Nun ja, wenn afghanische Massen nun in die BRD wandern, weil die Bundeswehr so nett war, dann denke ich gleich an den Kosovo und flehe zum Himmel, daß die Bundeswehr bloß keine Auslandseinsätze mehr macht. Denn dann scheint ja das Ergebnis dieser „Einsätze“ gleich null zu sein, nur daß am Ende die Bevölkerung mit heim genommen wird?
    „Frust aufgrund des Abzugs“ – kann ich kaum glauben. Eher mal auf die Demographie blicken: Afghanistan 1960: mehr als 8,5 Mio. Einw., 2013: mehr als 30 Mio. Einwohner. Und dies ohne jede gesellschaftliche, infrastrukturelle usw. Weiterentwicklung. Man stelle sich das selbst mal in einem „entwickelten“ Land wie Deutschland vor: 1960 75 Mio., 2013 300 Mio. Einwohner…

  • Samir Awwad   |   28. September 2015 - 18:51

    HELL … Taleban nutzen also die ISIS hit-Taktik, oder Blitzkrieg. Strategisch-taktische Koordination IS-Taleban?