RC N Watch: Was sich so tut im Norden Afghanistans

Faryab_trainingcamp_dec2014

Wenige Tage vor Auslaufen des ISAF-Mandats und des Beginns der Mission Resolute Support in Afghanistan scheinen die schlechten Nachrichten vom Hindukusch zu dominieren. Landesweit verzeichnet die UN-Mission mehr getötete und verwundete Zivilisten; in allen Landesteilen häufen sich die Anschläge der Taliban und anderer Anti-Regierungs-Gruppen. Und im Norden, für den Deutschland auch unter Resolute Support mit dem Train/Advise/Assist Command North die Verantwortung übernommen hat, gibt es einige sehr unschöne Nachrichten.

Die Taliban brüsten sich mit einem Trainingscamp in der Provinz Faryab und haben dazu ein Video veröffentlicht, wie das Long War Journal berichtet:

(Direktlink: http://youtu.be/fSrVV6V89d0)

Rund um Kunduz gibt es – erneut – die brandgefährliche Mischung aus örtlichen Machthabern, organisierter Kriminalität und Aufständischen:

No government can any longer shut its eyes to the problem of armed groups in the country. They are behind the almost daily crimes in Kunduz, Badakshan, Baghlan, Parwan and Bamyan provinces.
Local authorities in Kunduz accuse the Kabul government of supporting the men, some 4,000 in number, who are behind the kidnappings, rape and robberies particularly in the province’s Khan Abad and Dasht-e Archi districts.

berichten örtliche Medien.

Und die Taliban selbst verweisen stolz (wie hier schon gestern erwähnt) auf ihre Erfolge rund um Kunduz:

The affects of Khaibar operation were also quite visible in Kunduz province as compared to the previous years. Hundreds of Mujahideen came out to the battlefields, clearing large regions in Dasht-e-Archi, Chahr Dara, Imam Shahib districts and areas around the capital from the enemy presence. Large scale operations were carried out, tens of check posts were dismantled, large amounts of arms and ammunition was taken as war booty, APCs were seized while taking tens of enemy personnel as captives on top of killing hundreds and all praise is due to Allah, the presence of Mujahideen can still be visibly felt throughout the province.

Nach einer guten Situation für den Start von Resolute Support sieht das nicht aus.

Nachtrag: Und noch eine Meldung aus türkischen Quellen, die auf ein gewisses Chaos hindeutet:

Taliban militants have kidnapped four Tajik border police in Afghanistan’s Kunduz province, near the border with Tajikistan.
Said Sarvar Husaini, spokesman of security chief of Kunduz province told Anadolu Agency that Tajik police entered Imam Sahib district in the northern part of Kunduz province without permission to cut trees, and militants kidnapped them.

Nachtrag 23. Dezember: Nicht aus dem Norden Afghanistans, aber angesichts der Parallelität der Entwicklung interessant, dieser Bericht aus der New York Times:

Taliban Push Into Afghan Districts That U.S. Had Secured

In a large swath of the Taliban heartland in southern Afghanistan, government centers are facing a long-dormant concern this winter: Four years after the American troop surge helped make such places relatively secure, they are back under threat from the insurgents. (…)
One of the differences is that this year, the American forces, and their close air support, have been almost completely absent from the field. And though the Afghan forces are holding on, for the most part, they are taking punishingly heavy losses.

(Ich belasse es mal dabei, diese Rubrik ‚RC N Watch‘ zu nennen, auch wenn TAAC N Watch inzwischen richtig wäre.)

14 Gedanken zu „RC N Watch: Was sich so tut im Norden Afghanistans

  1. Frei nach Louis de Funès:

    „Nein!“ – „Doch!“ – „Oooh!“

    Es gibt da einen netten Podcast vom CCC, ausgestrahlt 24.10.2001, Thema: „Gegenöffentlichkeit in Krisenzeiten“
    (Ich hoffe der Link ist gestattet: http://chaosradio.ccc.de/cr66.html#t=0:01.745)
    Und 2001 wurde genau dieses Szenario was wir gerade haben, exakt vorausgesagt.

  2. Tja, 2003,
    ich war dort und dachte dass ich was ausrichte.
    War wohl nicht so, man kann sich ja irren.
    Ist ja alles nicht so schlimm, es gibt ja wichtigeres.
    Also, ein halbes Jahr meines Lebens vergeudet, ein halbes Jahr meines Lebens größtenteils in Angst verbracht, egal,
    Werferfehler

  3. Und 2010 haben wir ebenfalls beim Abflug gesagt, dass es so kommen wird, sollten wir einst aus der Fläche verschwinden. Das zu orakeln, war allerdings auch nicht wirklich schwer. Es gab nie wirklich eine Strategie für dieses Land, nachdem man so unsanft aus dem Brunnen&Mädchenschulen-Traum gerissen worden war, insofern heißt es jetzt eben „Quod erat demonstrandum.“

  4. Uns haben es die Afghanen 2012 gesagt: Wenn ihr geht, können Sie die Taliban nicht aufhalten. Wobei in Baghlan neben den Taliban noch andere Irre rumliefen.

    Jedenfalls will ich heute nicht mehr abseits der Hauptstraßen in Nordafghanistan unterwegs sein müssen.

    Declare victory and pull out.

    pi

  5. Schon vor zwei Jahren war klar, daß die ANSF keine Fähigkeiten zur Abwehr von / zum Schutz gegen IED haben und auch nicht in absehbarer Zeit aufbauen können.

  6. Ähem,

    sehe ich anders, die TTPs für IED-Bedrohung sind vorhanden, die Amis haben der ANA auch schöne Fahrzeuge gekauft incl. Jammer. Und die Pio-Schule in Mazar bildet Kampfmittelabwehr aus.
    Die Fähigkeit ist schon da. Problem ist eher, wie die Fähigkeit eingesetzt wird bzw. welche Priorität die bei den kommandierenden Offizieren haben. Das scheint mir von Verband zu Verband recht unterschiedlich.

  7. Wie wird hier eigentlich die Einschätzung gesehen, dass die ANA auch ohne ausländische Kampftruppen halbwegs klarkommt, aber ohne Luftunterstützung ein großes Problem hat?

    Kilcullen:
    Coalition aircraft, maintenance, and medical support were a huge help to ANSF in 2013, and some units suffered heavily even with these enablers—almost 1200 soldiers and police were killed. Still, ANSF defeated the Taliban offensive with virtually no NATO combat troops engaged, and few embedded advisors. […]
    The 2014 campaign was harder. Initially lacking significant NATO air support, ANSF suffered heavily again, and desertion spiked. The Taliban, emboldened by the lack of NATO airpower, operated more openly, and in far larger groups, than in the last five years. In August 2014 they mounted an attack in Charkh district of Logar province, with 700 fighters—one of the largest insurgent attacks in the entire war. Taliban attacked almost every major city across Afghanistan. As in 2013, ANSF held the line, but could neither expel the Taliban from safe havens nor contain the insurgency. Thus, there are real questions as to whether ANSF can sustain the current high casualty and desertion rates, or succeed in containing the insurgency without external air support.

    Würde auf den ersten Blick zur Situation in Faryab oder auch der ISIS-Situation Nord-Irak/Syrien passen.

    @ FlaOffz
    Und die Pio-Schule in Mazar bildet Kampfmittelabwehr aus.

    Gibt es da eigentlich Zahlen der Bundeswehr?

    Mein letzter Stand ist da etwas lückenhaft und inkonsistent:
    32 Abgänger in 2010.
    15 Abgänger in 2011. (Nur eine Klassevon mehreren?)
    2012: 21 Wochen für Advanced Bomb Disposal, maximal 30 Teilnehmer gleichzeitig, 40-50% Durchfallquote.
    WS 2013/14: 35 Absolventen

    Zahlen für 2008-2012:
    – 800 Absolventen Grundkurs
    – 180 Absolventen EOD-Level 2 (Assistant)
    – 180 Absolventen EOD-Level 1

    Zahlen für 2008-2013:
    – 600 Absolventen Grundkurs
    – 420 Absolventen EOD

    Ausserdem seit Ende 2013 eine EOD-Schule für Polizisten in Kabul.

    Kommt mir als Laie jetzt für ein Land dieser Größe jetzt nicht soviel vor. (Und die Verlustzahlen dürften im Bereich EOD auch nicht gerade gering sein.)

    Besonders interessant ist nebenbei der Reuters-Artikel von Jessica Donati vom 23.10.013:
    – „Two Western contractors told Reuters they feared a lot of the expertise was lost, as most trainees were not assigned to specialist roles clearing IEDs.“
    – Trainee: „One complained that the equipment he was being taught to use was unavailable in the field“
    – Gen. Milner: „They will get the best equipment in the world. I have seen it,“ he said. „Most of it is sitting ready to be deployed.“

  8. Den obigen Kommentar von ‚Werferfehler‘ vom 21. Dezember hat der Leitartikler der Berliner Zeitung als Einstieg für seinen Kommentar zum Thema Afghanistan geklaut, statt Quellenangabe aus der Anonymität des Internet. Nun ja. Wenn ich so arbeiten würde…

    http://www.berliner-zeitung.de/meinung/leitartikel-zur-lage-afghanistans-was-uns-das-mandat-in-afghanistan-lehren-sollte,10808020,29405232.html

    (Hier werden i.d.R. keine deutschen Verlagswebseiten verlinkt, aber so was muss man ja vorführen…)

  9. Wow. Wie konnten Sie denn den Zusammenhang zwischen den Kommentar und dem Leitartikel herstellen.
    Zufallfund?

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