Lagebeobachtung Ukraine, 3. September – Waffenruhe im Osten?

Poroshenko_20140901

Wenn sich das so bestätigt, ist das eine aufsehenerregende Wendung im Ukraine-Konflikt: In einem Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin habe der ukrainische Präsident Petro Poroschenko die Modalitäten einer Waffenruhe in der Ost-Ukraine besprochen, teilt das ukrainische Präsidialamt offiziell mit:

The conversation resulted in an agreement on constant ceasefire in the Donbas. The parties reached mutual understanding on the steps that will facilitate the establishment of peace.

(Update: Die Erklärung auf der Webseite des ukrainischen Präsidenten ist verändert worden – statt constant ceasefire steht dort jetzt nur noch ceasefire:

The conversation resulted in an agreement on ceasefire regime in the Donbas. The parties reached mutual understanding on the steps that will facilitate the establishment of peace.)

Allerdings: Die Stellungnahme des Kreml dazu ist noch kein Beleg dafür, dass tatsächlich vereinbart wurde, dass die Waffen schweigen:

Es wurde fortgesetzt die eingehende Diskussion über das Militärs und die humanitäre Krise in der Ukraine. Die beiden Politiker tauschten sich darüber aus, was vorrangig getan werden muss, um  ein schnelles Ende des Blutvergießens im Süd-Osten des Landes zu erreichen. Die Sicht der Präsidenten der beiden Länder über die möglichen Wege aus der Krise ist weitgehend die gleiche.
(Google Übersetzer)

Und es bleibt natürlich die Frage, wieso Russland eine Waffenruhe vereinbaren kann, wenn es aus eigener Sicht doch militärisch in der Ukraine nicht involviert ist. Und von welchem Gebiet konkret die Rede ist – wie weit reicht die Donbas-Region?

Die Moskauer Börse reagierte jedenfalls schon mal positiv:

 

Nachtrag, hier im Original: Der Putin-Plan für die (Ost)Ukraine:

Vladimir Putin outlined the plan while speaking with journalists at the end of his working visit to Mongolia.

In order to stop the bloodshed and stabilise the situation in southeast Ukraine, I believe that the parties to the conflict should immediately agree on and coordinate the following steps:

1. End active offensive operations by armed forces, armed units and militia groups in southeast Ukraine in the Donetsk and Lugansk areas.

2. Withdraw Ukrainian armed forces units to a distance that would make it impossible to fire on populated areas using artillery and all types of multiple launch rocket systems.

3. Allow for full and objective international monitoring of compliance with the ceasefire and monitoring of the situation in the safe zone created by the ceasefire.

4. Exclude all use of military aircraft against civilians and populated areas in the conflict zone.

5. Organise the exchange of individuals detained by force on an ‘all for all’ basis without any preconditions.

6. Open humanitarian corridors for refugees and for delivering humanitarian cargoes to towns and populated areas in Donbass – Donetsk and Lugansk regions.

7. Make it possible for repair brigades to come to damaged settlements in the Donbass region in order to repair and rebuild social facilities and life-supporting infrastructure and help the region to prepare for the winter.

Weiter nach Entwicklung.

(Foto: Poroschenko am 1. September in Kiew – Ukrainisches Präsidialamt)

68 Gedanken zu „Lagebeobachtung Ukraine, 3. September – Waffenruhe im Osten?

  1. @ Thomas Melber, Stuttgart

    „Ich hätte gedacht, man läßt Mariupol links liegen und stößt vorbei Richtung Krim, statt sich dort zu verkämpfen. Operationen in der Tiefe des Raumes …“

    Das Ziel eines Krieges ist doch letztlich den militärischen und den politischen Willen des Gegners zu brechen, Raumbeherrschung als Selbstzweck bringt einen Akteur diesem Ziel nicht unbedingt näher. Würden die Pro-Russen den Raum nördlich des Asowschen Meeres und östlich des Dnepr „einnehmen“, würden sie sich in einem riesigen Gebiet verteilen, das sie auf Grund ihrer geringen Zahl nicht wirklich beherrschen können und in dem sie wohl auch nicht wirklich Ressourcen akquirieren könnten. Dafür wären sie aufgrund ihrer geringen Zahl und ihrer räumlichen Verteilung beständig angreifbar.

    Militärisch könnte bei diesem Ausgreifen in die „Tiefe des Raums“ der Wille des Gegners nicht gebrochen werden, da dort keine militärischen Einheiten stehen. In politischer Hinsicht ist auch nicht viel zu erreichen, ob sie mit geringen Kräften eine paar Dörfer mehr oder weniger im nirgendwo halten, ist politisch unerheblich. Dies wäre anders wenn Dnipropetrowsk oder Saporischschja eingenommen werden könnten, aber das ist unwahrscheinlich.

    In Mariupol lieg die Sache anders hier können die Pro-Russen auf den militärischen und politischen Willen der Ukrainer einwirken. Die Besatzung der Stadt kann kämpfen oder kapitulieren. Im ersten Fall ist es nicht wahrscheinlich, dass die Ukrainer die Stadt entsetzen oder ihr sonst helfen können. In diesem Fall werden die Einheiten in der Stadt ohne Hoffnung auf Hilfe vernichtet – sie, ihre Familien, ihre Kameraden und ihre Gesinnungsgenossen (bei den Freiwilligeneinheiten) werden sich verraten und verkauf vorkommen. Das ist ans sich schon eine schwere Belastung für die Moral der Ukrainischen Streitkräfte und eine politische Zeitbombe.

    Darüber hinaus wird die Ukrainische Armee, die Freiwilligenverbände, die ukrainische Bevölkerung und die Weltöffentlichkeit in den folgenden Tage live den Untergang der Verteidiger von Mariupol verfolgen können und die Hilferufe hören, auf die man nicht reagieren kann. Armee, Bevölkerung und Politik wird ihre Macht- und Hilflosigkeit klargemacht – der Rechte Sektor und die Bevölkerung/Verwandten werden Druck auf die Regierung machen, die objektiv gerechtfertigte Hilfs- und Tatenlosigkeit der Regierung wird ihr als Versagen und Verrat zugerechnet werden. Eine mögliche Folge wäre ein politischer Umsturz und/oder anschließende Wirren in Kiew mit faktischer politischer Handlungsunfähigkeit des Ukrainischen Staates und der Gesellschaft.

    Kapituliert Mariupol kommt wahrscheinlich alles noch viel Schlimmer: „Wir haben vor den Kartoffelkäfern ohne einen Schuß kapituliert, welche Schande, welch Verrat…..“.

    Aber vielleicht irre ich mich auch, dann hab ich alles für die Katz geschrieben.

    Ich bitte den Blogbetreiber um Entschuldigung, der Beitrag gehört in den Debattenthread, aber die Frage stand halt hier. Verschieben Sie es wenn es stört. Danke.

  2. @Frager
    Das Fenster für Aktionen schließt sich aber – daher müssen Gebiete dann abgesteckt sein. Wenn natürlich die westliche Landbrücke zur Krim nicht das Ziel ist ist Mariupol natürlich naheliegend.

  3. Das Gebiet Nördlich und Westlich von Mariupol dürften noch die Ukr Einheiten Kontrollieren. Bei einen Umfahren hätten die Seps wohl ziemlich lange Umwege in Kauf nehmen müssen. Was sie sehr verwundbar gemacht hätte. In Mariupol dürften die Seps viele Anhänger haben.

  4. von der Pentagon-Webseite:


    Pentagon Notes ‘Exceptionally Capable’ Russian Force

    The Russian troops amassed along the Ukrainian border have evolved to an exceptionally capable force, Defense Department spokesman Army Col. Steven Warren told Pentagon reporters today.
    While NATO estimates the number of Russian troops inside Ukraine number between 1,000 and 2,000, a significantly larger force is massed at the Russia-Ukraine border, Warren said.
    “We are continuing to say [there are] more than 10,000 Russian personnel along the border,” he said. “What I will say is that the force that we see [already] along the border is exceptionally capable,” adding that it’s probably more capable and more lethal than it was before.
    “This is a combined arms force,” the colonel said. “It includes land power, indirect fire [and] air defense. It is a capable combined arms force that we remain very concerned about.” It is organized with ground forces, the colonel said, and there are higher concentrations of field artillery, air defense and rockets, along with enablers such as engineers, logistics and combat service support.
    Warren noted the buildup of the Russian forces on the border has occurred over time and is an “evolution.”

  5. @ Thomas Melber, Stuttgart

    Wenn Poroschenko und Jazenjuk in Kiew an einem Laternenpfahl hängen oder in der EU im Exil sitzen, dann gibt’s Zeitfenster ohne Ende und die Hilflosigkeit von „uns“ dürfte sich nochmals massiv steigern. Alle reden von der russischen Invasion und dann soll’s nur um ein bischen mehr südrussische Steppe gehen?

  6. @T.W.
    wenn man sich das durchliest beschreibt der Colonel sehr langatmig
    eine bereitgestellte Eingreiftruppe unterhalb Divisionsstärke und völlig autark
    …die haben an alles gedacht

    Das sollten wir genau im Auge behalten

    .

  7. @ menjek

    wahrscheinlich bei urlaubswanderung in der ukraine unglücklich gestürzt .

    wer was anderes behauptet ist vaterlandsverräter.

  8. @Nepomuk: nein, das stammt von der russischen Botschaft in den Vereinigten Arabischen Emiraten. (UAE = United Arab Emirates.) Ansonsten wäre auch ein Ironiezeichen angebracht ;)

  9. @BLU: Das Überschriften nicht immer stimmen ist nichts neues. Ich denke alle konnten den Spiegelartikel selbst lesen.

    Jetzt meldet Spiegel Online eine Feuerpause vereinbart die heute Abend in Kraft treten soll für das umkämpfte Donbass.

    Wobei ich mich Frage, ob diese wirklich für das Ganze Gebiet gilt oder ob möglicherweise Mariupol nicht dazu zählt. Eine Dauer der Feuerpause wird auch nicht angegeben bisher.

    Vermutich soll nur Nachschub beschafft werden oder EU-Sanktionen verhindert werden und dann geht der Krieg weiter.

  10. Eine „Feuerpause“ heißt Feuer einstellen und Position halten. Falls das funktioniert, dann kann man weiter sehen mit politischen Verhandlungen. Also erstmal abwarten.

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