‚Unser Land ist keine Insel‘ – Bundespräsident plädiert für mehr internationales Engagement Deutschlands

Bei der zentralen Feier zum Tag der deutschen Einheit am heutigen 3. Oktober in Stuttgart hat Bundespräsident Joachim Gauck sich (auch) zur deutschen Rolle in der Außen- und Sicherheitspolitik geäußert. Das dürfte noch interessante Debatten geben; hier zur Dokumentation aus der veröffentlichten Rede die Passage dazu:

Was ist nun die Aufgabe Deutschlands in Europa und in der Welt? Manche Nachbarländer fürchten eine starke Rolle Deutschlands, andere wünschen sie. Auch wir selbst schwanken: Weniger Verantwortung geht nicht länger, an mehr Verantwortung müssen wir uns erst noch gewöhnen.

Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb die politische Denkerin Hannah Arendt: „Es sieht so aus, als ob sich die Deutschen nun, nachdem man ihnen die Weltherrschaft verwehrt hat, in die Ohnmacht verliebt hätten.“ Deutschland hatte Europa in Trümmer gelegt und Millionen Menschenleben vernichtet. Was Arendt als Ohnmacht beschrieb, hatte eine politische Ratio. Das besiegte Deutschland musste sich erst neues Vertrauen erwerben und seine Souveränität wiedererlangen.

Vor wenigen Wochen, bei meinem Besuch in Frankreich, wurde ich allerdings mit der Frage konfrontiert: Erinnern wir Deutsche auch deshalb so intensiv an unsere Vergangenheit, weil wir eine Entschuldigung dafür suchen, den heutigen Problemen und Konflikten in der Welt auszuweichen? Lassen wir andere unsere Versicherungspolice zahlen?

Es gibt natürlich Gründe, dieser Auffassung zu widersprechen. Die Bundeswehr hilft, in Afghanistan und im Kosovo den Frieden zu sichern. Deutschland stützt den Internationalen Strafgerichtshof, fördert ein Weltklimaabkommen und engagiert sich in der Entwicklungszusammenarbeit. Deutschlands Beiträge und Bürgschaften helfen, die Eurozone zu stabilisieren.

Trotzdem mehren sich die Stimmen innerhalb und außerhalb unseres Landes, die von Deutschland mehr Engagement in der internationalen Politik fordern. In dieser Liste finden sich ein polnischer Außenminister ebenso wie Professoren aus Oxford oder Princeton. Ihnen gilt Deutschland als schlafwandelnder Riese oder als Zuschauer des Weltgeschehens. Einer meiner Vorgänger, Richard von Weizsäcker, ermuntert Deutschland, stärker für eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik einzutreten. Er sieht Deutschland durchaus in einer Vorbildrolle.

Es stellt sich tatsächlich die Frage: Entspricht unser Engagement der Bedeutung unseres Landes? Deutschland ist bevölkerungsreich, in der Mitte des Kontinents gelegen und die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Zur Stärke unseres Landes gehört, dass wir alle Nachbarn als Freunde gewannen und in internationalen Allianzen zum verlässlichen Partner wurden. So eingebunden und akzeptiert, konnte Deutschland Freiheit, Frieden und Wohlstand sichern. Diese politische und militärische Ordnung gerade in unübersichtlichen Zeiten zu erhalten und zukunftsfähig zu machen – das ist unser wichtigstes Interesse.

Deshalb ist es richtig, wenn andere ebenso wie wir selbst fragen: Nimmt Deutschland seine Verantwortung ausreichend wahr gegenüber den Nachbarn im Osten, im Nahen Osten und am südlichen Mittelmeer? Welchen Beitrag leistet Deutschland, um die aufstrebenden Schwellenmächte als Partner der internationalen Ordnung zu gewinnen?

Und wenn wir einen ständigen Platz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen anstreben: Welche Rolle sind wir bereit, bei Krisen in ferneren Weltregionen zu spielen?

Unser Land ist keine Insel. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, wir könnten verschont bleiben von den politischen und ökonomischen, den ökologischen und militärischen Konflikten, wenn wir uns an deren Lösung nicht beteiligen.

Ich mag mir nicht vorstellen, dass Deutschland sich groß macht, um andere zu bevormunden. Ich mag mir aber genau so wenig vorstellen, dass Deutschland sich klein macht, um Risiken und Solidarität zu umgehen. Ein Land, das sich so als Teil eines Ganzen versteht, muss weder bei uns Deutschen auf Abwehr noch bei den Nachbarn auf Misstrauen stoßen.

Nachtrag: Ob der Gouverneur der nordafghanischen Provinz Balkh, Mohammed Atta Noor, Gaucks Rede gelesen hat? Bei der Feier zum Tag der deutschen Einheit im deutschen Konsulat in Masar-i-Scharif sagte der Gouverneur laut TOLO News:

You should not forget Afghanistan, do not repeat the mistakes of 90s. Stay by the Afghans and accompany them. Help Afghanistan to stand up on its own feet. You along with your allies should cooperate with the Afghans during and after 2014.

Bei der Feier in MeS sprach übrigens auch ein Yorg Fulmar. Der ist wohl Kommandeur dort…

(Archivbild: Der Bundespräsident beim Besuch der Bundeswehr-Führungsakademie in Hamburg am 12. Juni 2012 – Bundeswehr/Tefke via Flickr unter CC-BY-ND-Lizenz)

75 Kommentare zu „‚Unser Land ist keine Insel‘ – Bundespräsident plädiert für mehr internationales Engagement Deutschlands“

  • ein Mariner   |   04. Oktober 2013 - 15:11

    Wenn, wie gestern auf der Garden Party der Deutschen Botschaft in Washington es keiner der anwesenden Eichenlaubträger, ja noch nicht einmal ein Atachee, es schafft zur Hymne zu grüßen, dann brauchen wir uns keine Gedanken zu machen über Außenwirkung, oder auch die WWII -Keule.
    Wir werden garnicht ernst genommen.

  • Memoria   |   04. Oktober 2013 - 15:19

    @huey:
    Derlei Vorwürde gab es wohl beim Frankreichbesuch des Bundespräsidenten.
    Die Franzosen sind von unserer passiven Rolle hier wohl erheblich enttäuscht – und auch mit unserer Begründung. Man wird sich daran in Paris länger erinnern.
    Man kann das ja so machen wie wir, aber dann nicht immer hinter Geschichte und GG verstecken. Sondern einfach sagen: Ist uns alles zu gefährlich und innenpolitisch anstrengend.

    TdM und nun auch der Bundespräsident tuen aber so als wären wir zu mehr bereit – bis es wieder konkret wird. Und damit wieder peinlich. Reden und Handeln.

  • Elahan   |   04. Oktober 2013 - 15:59

    Das Eingreifen in Libyen führt zum Anschwellen des Flüchtlingsstromes, es war im Ergebnis richtig, dass DEU nicht in großem Umfang unterstützte (auch wenn die Beweggründe evtl andere als der Betug auf das GG waren).

    „Zufluchtsuchende sind Menschen und – die gestrige Tragödie zeigt das – besonders verletzliche Menschen. Sie bedürfen des Schutzes. Wegzuschauen und sie hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte.“ (So Gauck in seiner Rede).

    Ebenso war die Zurückhaltung im Irak und Syrien richtig.

  • K.B.   |   04. Oktober 2013 - 16:07

    Wenn man sich an dem halbherzigen Engagement im Irak oder in AFG stört, kann man ja immer noch in den Kosovo schauen.

    Was haben wir denn erreicht in 15 Jahren full scale Engagement auf allen Bereichen?
    Es gibt keine Flüchtlingsströme aus dem Kosovo nach Westeuropa – die paar Sinti und Roma zählen nicht.
    Es gibt keinen offenen Bürgerkrieg.
    Die Versorgung Europas mit Betäubungsmitteln und Frauen funktioniert, genauso wie die preiswerte Entsorgung gefährlicher Abfälle.

    So sieht offensichtlich Sicherheitspolitik good enough in unserem direkten Umfeld aus. Da brauchen wir nicht auch noch ein neues Schutzgebiet in Nordafrika aufmachen.

    Einige Kommentatoren haben zurecht auf die Schwammigkeit der Aussage „Verantwortung übernehmen“ hingewiesen, die allzuoft die verklausulierte Forderung nach mehr militärischem Engagement darstellt. Harry Potter und „der, dessen Name nicht genannt werden darf“ lassen grüßen.
    Nehmen wir doch aber den weiten Begriff der Verantwortung.
    Dann sollten wir schauen, worauf Deutschlands Gewicht in der Welt beruht. Das ist gerade nicht die militärische Komponente.

    Die zentralen Fragen sind entsprechend:
    Wie bringen wir unser wirtschaftliches Gewicht in sicherheitspolitischer Weise ein? Wie können wir deutsche Konzerne im Sinne unserer Außenpolitik einspannen?
    Wie können wir erfolgreiche, deutsche Modelle zur Regulierung innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Konflikte anderen Ländern schmackhaft machen?

    Es ist doch toll, dass sich wohlhabende Menschen in D nicht in Wohngebieten hinter hohen Mauern verschanzen müssen, während die Armen im Dreck leben. Und es ist doch außergewöhnlich, dass man im Ost-West-Konflikt nicht nur auf gegenseitiges Totrüsten gesetzt hat, sondern auch aktiv an der Entspannungspolitik gearbeitet hat.
    Das wäre doch eines Exports wert.

    Was fehlt, ist in meinen Augen aber die (nach außen gezeigte) eigene Überzeugung von unserem Gesellschafts- und Politikmodell. Nur wer sich selbst für eine Idee begeistern kann, kann auch andere dafür begeistern – wusste schon Oskar Lafontaine.
    Und wenn sich dann Wille und Arbeitskraft für das Bohren dicker, sicherheitspolitischer Bretter hinzugesellen, wäre der Einsatz deutscher Soldaten zur Untermauerung unserer Interessen nur noch das i-Tüpfelchen der Außenpolitik. Es gilt, die Sache vom Kopf auf die Füße zu stellen.

    Auf diesen Füßen stehend, mit diesem Selbstbewusstsein ausgestattet, können wir am Ende des Tages immer noch sagen:

    Dieses oder jenes sicherheitspolitische Problem können oder wollen wir von außen nicht lösen.

  • csThor   |   04. Oktober 2013 - 16:26

    @ K.B.

    „Was fehlt, ist in meinen Augen aber die (nach außen gezeigte) eigene Überzeugung von unserem Gesellschafts- und Politikmodell.“

    Und da sehe ich sie schon kommen, die Bundesbedenkenträger, das Banner mit „Wehret den Anfängen“ und Verweisen auf die Geschichte des Satzes „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ voraus … ;) ;) ;)

    Ernsthaft … was auch immer an „Sendungsbewußtsein“ in Deutschland vorhanden war, es ist 1945 mit so ziemlich allen außenpolitischen Traditionen der Vor-Nazizeit gestorben und wurde in einem Massengrab verscharrt. Angesichts des Schindluders, den zwei deutsche Staaten mit diesem getrieben haben, ist das auch nicht verwunderlich, oder?

  • Elahan   |   04. Oktober 2013 - 16:42

    @K.B.

    Zustimmung

    Die BRD, NATO und die Bw waren ein Erfolgsmodell. Ob es das neue Deutschland und die neue NATO auch sein werden? Bis jetzt hat die NATO evtl Schlachten gewonnen aber keine Krise nachhaltig gelöst. DEU muss seine Bewährungsprobe erst noch bestehen und das wird die nächste Finanzkrise sein, die Bundeswehr ist schin gescheitert und wir werden eine weitere Neuausrichtung bekommen. Mit dem Amt für militärische Flugsicherheit und dem Rückzug aus AFG wird sie ihren Anfang machen. Gauck muss man erst noch erklären was Breite vor Tiefe wirklich bedeutet.

  • wacaffe   |   04. Oktober 2013 - 16:48

    @ cs thor

    sendungsbewusstsein ist aber nur das psychologische medium bzw. intrinsische Haltung die zur propagierung eigner überzeugungen motiviert.

    insofern ist sendungsbewustsein per se in keiner weise verwerflich, sofern das materielle (das Gesendete) unproblematisch ist.

    zum thema selbstbewusstsein. wer etwas über den tellerrand schaut weiss das ein großteil unseres planeten sogar sehr wohl an teilen der deutschen governance genesen könnte und dies auch will.

    nur hierzulande hat man aufgrund kollektiver geschichtsneurose den schuss mal wieder nicht gehört. ich rate meinen gesprächpartnern meist sich deutschland einfach als person vorzustellen. welche körperhaltung hätte diese wohl?

  • Elahan   |   04. Oktober 2013 - 17:24

    @wacaffe

    „Ich rate meinen gesprächpartnern meist sich deutschland einfach als person vorzustellen.“

    Und da ist ein Vorbild (durch Beisspiel und Ansehen) besser als ein Oberlehrer der mit Gewalt führt. Wie schnell man eine Vorbildfunktion verlieren kann, sieht man an den USA. Kredit verspielt!

    In der Berufsbildung sind wir evtl gerade ein Vorbild (waren und übernehmen leider in vielen Bereichen das System der Angelsachsen) in vielen anderen Bereichen wäre als Vorbilder wohl andere Staaten besser geeignet (zB Schweiz, Dänemark, Niederlande Schweden)

    Anderen Staaten – Geist und Charakter bilden und deren Entwicklung fördern – geht nicht durch Gewalt und nur im Rahmen deren Kultur.

    Gerne kann man einen Afghanen fragen was er von unserer Kultur hält und Kultur ist nicht gleich wirtschaftliche Kraft. Viel von unserer Kultur haben wir in den letzten 70Jahren verfallen lassen.

  • wacaffe   |   04. Oktober 2013 - 18:16

    @ elahan

    da haben sie sicherlich recht. (speziell beim bildungssystem).

    trotzdem gibt es normative und praktische gebiete in denen physische präsenz (mit oder ohne gewaltkomponente) erforderlich ist. frei nach woody allen „90 percent of life is showing up“

    einfach nur aus der ferne mit dem scheckbuch oder der ach so tollen soft power wedeln ist zu scheitern verurteilt. beispiel die klägliche havarie diverser eu außenpolitkkonzepte/doktrinen/stratgien etc.

    um es mit leslie gelb zu sagen. soft power ohne hard power= gar keine power

  • Ulenspiegel   |   04. Oktober 2013 - 20:14

    @wacaffe

    Dabei zu sein, um seinen großen Bruder ruhigzustellen, und dabei nur Verluste zu erleiden und viel Porzellan zu zerschlagen, ist dumm und letzendlich feige, hier sind gerade die 10% interessant, zu denen Woody Allen schweigt. :-)

    Wir sollten etwas mehr wie die Schweiz sein, d.h. klare Aussagen zu unseren Interessen, hierzu gehören eben NICHT Kriege im Pazifik oder Afghanistan, und gleichzeitig die Dinge, die uns wirklich am Herzen liegen sollten, z.B. VERTEIDUGUNG von Mitteleuropa, mit dem nötigen Mitteln unterstützen.

    Im kalten Krieg war eine große Übereinstimmung der diversen nationalen Interessen gegeben, das hat sich seit 1990 geändert, Ziel muss es sein, die NATO mit einem klar definierten Minimalkonsens am Leben zu erhalten, eigene Interessen über Gebühr zu vernachlässigen oder gar zu pervertieren ist IMHO nicht der richtige Weg.

  • T.Wiegold   |   04. Oktober 2013 - 20:47

    Gehört am Rande auch mit zu dieser Debatte: Die wiederkehrende Konzentration der NATO auf Europa. Interessantes Stück dazu von AFP: NATO warms up for Europe role after Afghanistan pullout.

  • ZDL a.D.   |   04. Oktober 2013 - 21:18

    @K.B. volle Zustimmung !
    Und ja ein beherztes Deutsches Vorbild kann der Welt sicher mehr geben, als ewige Bedenkenträgerei und Oberlehrerhaft „so nicht“ Rhetorik, mit der man sich ja allenthalben besonders beliebt macht.

  • Memoria   |   04. Oktober 2013 - 21:29

    @T.W.:
    Danke für den Hinweis.
    „NATO is shifting from the deployed posture to a ready posture after 2014,“

    Auch hier wird wieder klar: Die Amerikaner haben eben keine Lust mehr auf Stabilisierungsoperationen à la ISAF.
    Wir eigentlich auch nicht, aber wir planen anders (siehe LoA der Neuausrichtung).

    Wie jedesmal hinken wir der amerikanischen Diskussion 3-5 Jahre hinterher.
    Als vor etwas mehr als 10 Jahren in den USA die Grenzen von NCW heftig diskutiert wurden, führten wir NetOpFü ein. Als vor 8 Jahren in den USA heftig über COIN diskutiert wurde, war hier Funkstille. Als die Bw das Thema vor 4 Jahren entdeckt hatte, war es in den USA bereits in Zweifel. Die USA sind jetzt skeptisch was StabOp angeht (aufgrund der COIN Diskussion) – in der NATO träumt man weiter vom Comprehensive Approach. Vorneweg in Berlin, Bonn, Potsdam, Ulm; Münster. Aber in 3 oder 5 Jahren…
    Wir brauchen halt wieder nochmal 3-5 Jahre.
    Wir leben eben vorallem auch mental und intellektuell auf einer Insel.

    Was in dem Zusammenhang noch eine NRF soll – außer Selbstbeschäftigung, dass weiß sicher der SACEUR.

    Die letzten 15 Jahre haben mir gezeigt: Man denkt – insbesondere in der Bw – nicht über Krieg nach und daher ist man auch laufend von der Realität überrascht.

    Lernkurve? Fehlanzeige.

    Wie war dieser seltsame Spruch? Genießt den Krieg, der Frieden wird schrecklich.

    Nachtrag CNN-Bericht von Brilliant Mariner mit der FGS Sachsen: http://www.cnn.com/video/data/2.0/video/world/2013/10/01/watson-nato-ship-excercise-strength.cnn.html

  • Elahan   |   04. Oktober 2013 - 23:25

    @Memoria

    Und deshalb ist die Neuausrichtung eine Ausrichtung auf das Alte, aber eben für uns neu :-)

    Nur diesmal hat man es gleich gemerkt………..nur nicht der Minister und seine Adlaten.

  • Alarich   |   05. Oktober 2013 - 0:29

    Keine Lust ist Verständlich
    Nur Realisierbar ist das andere
    Aber was ist KOsoVO oder der Sueskanal zu ist
    Dann stecken wir wieder drin

  • Freiherr von Schill   |   05. Oktober 2013 - 7:10

    Ich bewerte die Äußerungen des im Parteiproporz indirekt gewählten Staatsoberhauptes als normatives Rauschen, welches faktisch nicht hinterlegt werden kann, will und soll.

    Wenn man nichts mehr erwartet, kann man nicht mehr enttäuscht werden.

  • Sönke Marahrens   |   05. Oktober 2013 - 11:38

    @Memoria

    Ich versuche gerade bei Ihrem Post die moegliche Lernkurve zu erkennen…

    Sie kritisieren alle Gedankenmodelle der letzten 10 Jahre, aus denen viele Best practices mit Bestand entstanden sind.

    Wenn ich ihrer Argumentation rückwärts folge, wo lande ich dann?

    In den 90ern auf dem Balkan, wo die UN feststellte, das Peace Keeping nur funktioniert, wenn beide Seiten mitmachen?

    In den 80 wo Argentinien feststellen musste, dass Aussenpolitik nicht Innenpolitik ersetzen kann, oder die Russen In Afghanistan dass Masse nicht Klasse und dass Religion eben nicht nur Opium für das Volk sondern auch ein Adrenalin sein kann

    in den 70 wo die Amerikaner lernten, dass Air Power Boots One Grounds braucht (aber auch Boots on the Grounds Airpower ;-))

    In den 60 wo die Amis und die Russen gemeinsam lernten, das Zündeln am Weltfrieden doof ist

    Oder die 50 wo die Franzosen das Ende des Kolonialismus erklärt bekommen haben…..
    (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, da wären dann noch Algerien, Angola, Somalia USW)

    Es gibt keine Weltformel, aber

    Wer mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts Armeen im Sinne des 20. Jahrhunderts in Kriegen die eher denen des 15. Jahrhunderts gleichen gegen einen Gegner der mit den Mitteln und den Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts führt, der hat halt (verstaendlichermassen) Adaptionsprobleme….

    Ketzerfrage: Sind die Afghanistanerfahrungen als Template für Afrika nutzbar? In 4-5 Jahren werden wir es wissen….

    Aber wie sagte schon Liddell Hart, Schwieriger als eine neue Idee in ein System hineinzubekommen, ist es alte Ideen aus diesem heraus zu bekommen.
    Aber es ist doch wichtig überhaupt eine Idee zu haben!

    Und gerade in den USA hat man für jede Idee einen Gegenidee (manchmal aus Romantik haben wir noch nie so gemacht, manchmal aus finanziellen Gruenden….2500 F35 sind mehr Geschäft als 500.000 Infantrieausstattungen), aber man wirft bewährtes nicht auf den Scheiterhaufen der Geschichte sondern adaptiert…. (mit wildesten Pendelbewegungen)

    Und sicherlich überlebt kein Plan den ersten Kontakt auf dem Gefechtsfeld aber ohne Plan auf dem Gefechtsfeld aufzutauchen zeugt auch nicht gerade von Intelligenz.

  • Memoria   |   05. Oktober 2013 - 11:52

    @Sönke Marahrens:
    Lernkurve wäre für mich, dass man sich in dieser Organisation überhaupt ernsthaft über Derlei Gedanken macht. Neue Ideen in der Bundeswehr sind oft international bereits alte Ideen.
    Das ist mein Punkt. Wo ist denn in der Bundeswehr eine intellektuelle Auseinandersetzung über die letzten 10 Jahre Einsatz? Wo sind sind denn bei uns Idee und Gegenidee?

    Und wo habe ich gefordert ohne Plan auf das Gefechtsfeld zu kommen?

  • Sönke Marahrens   |   05. Oktober 2013 - 12:10

    @Memoria

    Die Gegenideen erfahre ich immer im Dienst „Das haben wir noch nie so gemacht “ etc ;-), aber Spass beiseite
    Ich wollte nicht ihre Intelligenz anzweifeln! mitnichten, sollte das so angekommen sein, bitte ich um Entschuldigung.

    Wir denken ja schon über den Krieg nach, aber eben so wie Sie richtigerweise schreiben völlig azyklisch, damit haben wir eben schon einen Plan… Aber eben vielleicht nicht den aktuellsten…

    Was der Bundespräsident m.E richtigerweise herausstellt, ist dass sich der Souverän und zwar in der Reihenfolge Regierung – Parlament – Bevölkerung mal wieder klar machen muss, in welcher Welt wir eigentlich leben, ich würde es als Neuinterpretation von Frieden ist noch nicht, Frieden muss noch werden bezeichnen….
    Damit weißt er auch auf das alte Clausewitzsche Wort Krieg ist die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln hin….aber es bleibt eben Politik….
    Irgendwer hat mal gesagt, Krieg sei eine zu ernste Sache, um sie allein den Generälen zu ueberlassen….

    Irgendjemand schrieb weiter oben, dass früher alles besser war hinsichtlich nationaler Interessen NATO etc….das war vor dem Hintergrund des allen in Deutschland gemeinsam drohenden Armageddon sicher auch etwas einfacher, dass schweißt zusammen….

    Und trotzdem waren es Menschen, die diese Logik aufgebrochen haben (vielleicht auch mit der indirekten Hilfe, dass konventionelle Grosskriegsfuehrung in Europa am Ende nicht mehr bezahlbar gewesen wäre….und die Einsicht, dass atomare Fields of Flandern eben auch nur Fields of Flandern gewesen wären)

  • ZDL a.D.   |   05. Oktober 2013 - 21:53

    @ Söhnke Marahrens
    ‚“Was der Bundespräsident m.E richtigerweise herausstellt, ist dass sich der Souverän und zwar in der Reihenfolge Regierung – Parlament – Bevölkerung mal wieder klar machen muss, in welcher Welt wir eigentlich leben, ich würde es als Neuinterpretation von Frieden ist noch nicht, Frieden muss noch werden bezeichnen….“
    Zustimmung zu ihrer Interpretation. Nur habe ich leider den Eindruck, dass er derzeit so ziemlich der einzige Spitzenpolitiker ist, der dieses heiße Eisen anpackt.
    Nur eine Partei besetzt dieses Feld: Die Linke.
    Alle anderen haben spätestens seit Köhlers Abgang eine Heidenangst, sich daran die Finger zu verbrennen und verkeilen sich – wenn überhaupt – in wohlfeile Kritik zu Beschaffungsvorhaben.
    Manchmal kommen mir die sehr lehrreichen Diskussionen auf AGA wie von einem anderen Stern vor. Wenn ich mit meinen Kollegen mal über Sicherheitspolitik spreche, mit Vereinskameraden oder Freunden überall Unverständnis, wie ich denn als Nichtsoldat auf so unangenehme Themen komme und die Wehrpflicht ist ja eh weg und überhaupt lieber Themawechsel.
    Auch unsere Medien packen das Thema nicht an oder transportieren schmissige Talkrunden, bei denen die Journalisten weniger aufklären, als Mehrheitsmeinungen zu verstärken und eitel auf dieser Welle surfen, anstatt die vielen Seiten einer Medaille darzustellen. Jüngstes erschreckendes Beispiel für mich Sendung „Klub Konkret“ in EinsPlus mit dem Thema „Waffen aus der heilen Welt – Was hab ich mit Krieg zu tun?“
    Einzige mediale Ausnahme, der Deutschlandfunk – aber den hört ja keiner.
    So notwendig mir diese Debatte erscheint, so wenig sehe ich irgend eine Partei oder einen Spitzenpolitiker, der sie wirklich unvoreingenommen führen will. Die Feigheit davor eint sie alle und gibt der Linken freies Schussfeld. Und so nehmen die sg. Meinungsführer die von @wacaffe schon angesprochene Körperhaltung ein: sie ducken sich weg.
    Wie man so eine breite Diskussion über die sicherheitspolitische Verantwortung bis in die Bevölkerung tragen will ist mir schleierhaft. Leider!

  • Sönke Marahrens   |   05. Oktober 2013 - 23:10

    @ZDL a.D.

    Deswegen genieße ich ja die Reden unseres derzeitigen Bundespräsidenten immer, er füllt das Amt nicht nur, er erfuellt es sogar…..

  • Viva   |   05. Oktober 2013 - 23:14

    @ ZDL a.D.: Auch wenn ich nicht alles teile, was TdM sagt und tut, aber er versucht den Themenkomplex der „Sicherheitspolitik“ als einziger der noch aktuellen Regierung immer wieder öffentlich zu setzen. Leider auch ohne Erfolg.

  • Memoria   |   06. Oktober 2013 - 5:04

    SOCOM in Zeiten des government shutdown:
    http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-24417099

    Al-Libi in Tripolis gefasst. Ein weiterer Hinweis darauf, dass wir weitaus mehr in den Maghreb und die Sahara schauen sollten als an den Hindukusch.

  • Ulenspiegel   |   06. Oktober 2013 - 9:44

    Söhnke Marahrens schrieb: „Irgendjemand schrieb weiter oben, dass früher alles besser war hinsichtlich nationaler Interessen NATO etc….das war vor dem Hintergrund des allen in Deutschland gemeinsam drohenden Armageddon sicher auch etwas einfacher, dass schweißt zusammen….“

    Ich schrieb nicht, das die Situation besser war, sie war einfacher. Ich persönlich findet die heutige Situation deutlich besser, allerdings auch komplexer. :-)

    Großes Problem für mich ist, dass wir als Deutsche nicht in der Lage sind, eingene Interessen klar zu formulieren und den USA zu vermitteln. Wir haben seit zwanzig Jahren die Situation, dass viele Politiker in den USA fälschlicherweise annehmen, dass weiterhin ihre NATIONALEN Interessen auch weitgehend unsere sind, und wir es zugelassen haben, dass die NATO zu etwas wird, wozu sie nicht gedacht war.

    Erschwerend kommt hinzu, dass UK und Frankreich zwar ambintionierte nationale Interessen haben, allerdings ihnen die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit fehlen, diese mit den nötigen Mitteln zu unterfüttern, während auf der anderen Seite ironischerweise Deutschland mittelfristig Geld zum Verbrennen hätte, aber planlos ist. :-)

  • Memoria   |   06. Oktober 2013 - 19:43

    @Sönke Marahrens:
    Dann ist wir hier ja auf einer Linie. Freut mich.

    Nur bin ich der Meinung man kann die Verantwortung für das eigene „Keine Gedanken machen“ nicht der Politik zu schieben. Hier ist die militärische Führung gefragt.
    Warum werden an der FüAk Prozessanwender ausgebildet?
    Warum veröffentlicht der GI keine „Leseliste“?
    Warum gibt es keine deutsche Militärzeitschrift auf dem Niveau der ÖMZ?

    Ein Armutszeugnis für die angebliche Armee der Inneren Führung.
    Kost (fast) kein Geld, kann mann machen ohne Politik, aber es bedarf eines: professionellen Anspruch an sich selbst.

    @all:
    Wie sehr sich unser Inselleben verändern kann zeigte der heutige Tag.
    Nicht wegen Kunduz, sondern wegen Sanaa:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/sanaa-offenbar-mitarbeiter-der-deutschen-botschaft-im-jemen-getoetet-a-926352.html

    Man stelle sich vor die Entführung der Botschafterin wäre geglückt und es gäbe politische Forderungen.

    Da wäre man am Werderschen Markt mit dem Latein am Ende.