Molekular bewaffnet in den Einsatz

Dieses Fundstück meiner Leser ist so schön, dass ich es noch mal gesondert aufgreifen will: Da hat doch jemand beim Bundestag eine Petition eingebracht, die Ausstattung der Bundeswehr mit Hubschraubern zu verbessern, um vor allem die Einsatzfähigkeit zu erhöhen. Der Petitionsausschuss hat darüber beraten und kam zu der Einschätzung, dass dem Anliegen teilweise entsprochen worden ist. Unter anderem mit der Begründung:

Der UH Tiger ist ein moderner zweisitziger mehrrollenfähiger Kampfhubschrauber, der aufgrund seiner Hochleistungssensorik/-visionik sowie molekularen Bewaffnung auch bei Nacht und eingeschränktem meteorologischen Sichtverhältnissen gegen ein breites Zielspektrum eingesetzt werden kann.

Tja, Schreibfehler oder Absicht? Laut Wikipedia wird der Begriff molekular gerne so verwendet: Im übertragenen Sinne wird damit oft auch von Vorgängen gesprochen, die sich auf sehr kleine Teilchen beziehen. Unklar ist nur, ob mit den sehr kleinen Teilchen die Menge der Hubschrauber oder ihre Bewaffnung gemeint ist.

(Foto: Kampfhubschrauber Tiger über Afghanistan – Bundeswehr/RC North PAO via Flickr unter CC-BY-ND-Lizenz)

66 Gedanken zu „Molekular bewaffnet in den Einsatz

  1. @MauAu
    Bomblet ist hier keine Punktzielwaffe, sondern dient der Bekämpfung auf einer Fläche … aber abgesehen davon wird die 70mm Bomblet nicht beschafft

  2. @RLG:

    Danke für die Info! Dann müßte die BW das im geschriebenen besser und unmisverständlich rüberbringen. Das Bomblet im allgemeinen keine Punktzielwaffe ist, ist mir durchaus klar, doch hat Deutschland sich über diese Definition ein Hintertürchen aufgehalten! Und das trifft auf jeden Fall zu!

  3. @MauAu
    Habe gerade gesehen das der Hardthöhenkurier als Quelle sogar Wikipedia „verfälscht“ hat.
    WAR ja auch mal vorgesehen, aber das ist schon etwas her…

  4. @RLG: Also für einen bestimmten SOF-LUH wären z.B. die APKWS von FZ-THD zur Verfügung gestanden. Die Tandem-Hohlladungen von HOT und HELLFIRE sind sehr wohl vergleichbar, zum Gefechtskopf der 70 mm Missile von FZ-THD oder von BAE natürlich nicht. Man muß aber gerade in asym. Konflikten nicht immer mit Kanonen auf lästige Raben schießen. Wie die Einsatzrealitäten bei den vier Tigern aussehen weiß ich auch, aber daß man Selbstverständlichkeiten durch den Presse- und Info-Stab des BMVg auf „Lieschen-Müller- oder auch Facebook-Niveau“ über den grünen Klee lobt, statt die Selbstverständlichkeiten z.B. Training und Präsenz objektiv darzustellen, stört mich eben bzw. halte ich für unklug.

  5. @Vtg-Amtmann:

    1. Es ist die Firma FZ–>TDA (nicht THD)–>Thales Group.
    2. Ist diese Waffe noch nicht endgültig qualifiziert und einsatzreif
    3. APKWS ist nicht für den Export freigegeben und wird im Einsatz erprobt (durch USA). über 100 dieser Raketen wurden bisher abgeschossen.
    4. Werden derzeit durch diverse Firmen wie Diehl defence und Rheinmetall, OtoMelara Gefechtsköpfe mit skalierbarer Wirkung konzipiert. Primär erst für Artillerie und auch für andere Systeme. Kann mir vorstellen das dies auch von konzeptioneller Bedeutung bei der Entwicklung eines neuen 70mm Gefechtskopfes von Interesse wäre. Auch weil Rheinmetall und Diehl eine neue Generation von Hochleistungssprengstoffen konzipiert haben, welche die Leistung solch eines Systems massiv steigern würde.
    5. Die HOT 3 Rakete sich gerade in Afg im Einsatz (Franzosen) bewährt hat. Und das gerade bei asymmetrischen Zielen. Bei Selbstmordattentätern welche mit ihrem Fahrzeug zum Bsp. in Menschenansammlungen fahren, kann man diese vorher gerade durch die HOT 3 gezielt aufhalten. Spätestens bei der Sekundärzündung ist Ruhe!
    6. Ein Tiger in Afg ist stets mit 4xHOT und einem HMP 400 bestückt und der andere mit ungelenkten Raketen und einem Gunpod.
    Dadurch kann man vor jedem Einsatz stets die Bewaffnung an die gegebenen Einsatzbedingungen anpassen, ohne jedesmal umrüsten zu müssen.
    Also Fazit: Es wird nicht mit Kanonen auf Rohrspatzen geschossen. Und damit klinke ich mich hier nu aus!

  6. @RLG:
    „Die Optronik des TIGER ist sehr gut. Meiner Kenntnis nach gibt es in Europa nichts besseres. Ich lasse mich da aber gerne belehren.“

    Ohne sie belehren zu wollen, sondern um selbst dazu zu lernen. Auch die Niederländer nutzen am AH-64 das M-TADS/PNVS der Amerikaner. Zumindest was die Auflösung des WBG betrifft ein erheblicher Unterschied zu dem was ich vom OSIRIS gesehen und darüber gehört habe.

    Oder seh ich das falsch? Oder zu wenig im Gesamtsystem?

    Das OSIRIS mag andere Vorzüge haben, aber die rein optronische Leistung wird von anderen in Nutzung in Europa befindlichen Systemen übertroffen.

    Ist OSIRIS oder der UHT deswegen schlecht oder ungeeignet? Nein, aber die Weltspitze sind wir damit auch nicht.
    Das ist mein Punkt. Ansonsten teile ich ihre Skepsis gegenüber der Tiger-Dauerkritik.

  7. Für die Hubschrauberfans:

    BT-Drucksache 17/14783: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Katja Keul, Omid Nouripour,
    AgnesBrugger, weitererAbgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS90/DIEGRÜNEN – Drucksache 17/14572 – Beschaffung von Drehflüglern für die Bundeswehr

  8. Zur Antwort auf die kl. Anfrage sag ich nur:
    „German Deal“ und „Das Vorgehen ist vergaberechtlich geprüft und einwandfrei.“

    Mal schauen, ob man das auch anderswo so sieht.

    Alles wird gut – oder genauer: alles ist gut.

  9. Kurze Nachfrage zum LUH-SOF:

    Ich dachte für die „Mühle“ wird noch jede Menge Gerät von der Bw beigestellt (und zuvor separat beschafft)? Ist das wieder ein Fall von: „…nicht danach gefragt – wird ignoriert?“

    Naive Frage…ich weiß…

  10. @ MauAu
    Über die genauen Fähigkeitsspektren der Osiris- Visieranlage kann sich niemand der hier anwesenden nur Ansatzweise ein Urteil erlauben, da diese der absoluten Geheimhaltung unterliegen.

    Was dann umgekehrt aber auch Aussagen wie „die Optronik ist sehr gut“ ziemlich unbegründet erscheinen läßt, oder? ;)

    Aber sowohl in Sachen Optronik als auch in Sachen Bildverarbeitung waren die 10 Jahre, wie Memoria ja anmerkte, eine verdammt lange Zeit.
    Nicht nur was die offensichtlichen Eigenschaften angeht (Kameragröße, Auflösung, Pixelgröße, Framerate, Rauschen etc.) hat sich da einiges getan, auch gerade hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Standardisierung der Softwareschnittstellen. War das vor Jahren noch „friemelig“, und das exakte Auslesen von Frames ziemlich fehleranfällig, so sind heutzutage Frame-Metadaten und eine einheitliche Schnittstellen für alle Kamera-Modelle eines Herstellers ziemlich Standard.
    Entsprechend wenig Aufwand ist es heutzutage einfach die Kamera auszutauschen – die nebenbei in 10 Jahren bei deutlich mehr Leistung auch deutlich kleiner geworden sind (zumindest in der Industrie).

    Was die Bildverarbeitungsmöglichkeiten angeht war der Sprung vielleicht noch größer. GPUs (ab 1999) erlauben mittlerweile eine enorme parallele Rechenleistung auf Steckkarten-Größe, und mit OpenCV (ab 2005) gibt es mittlerweile eine sehr umfassende und perfomante Opensource-Bibliothek für Bildbearbeitungsaufgaben.

    Es können mit diesem System weit über 2 Duzent Ziele gleichzeitig, aufgeklärt-, erfasst-, verfolgt-, nach Dringlichkeit klassifiziert, eingestuft werden und die entsprechende Bekämpfungsmaßnahme wird ebenfalls vom System vorgesschlagen um die bestmögliche Wirkung im Ziel zu erwirken.

    Das kann mittlerweile auch die aktuelle Generation von Spielekonsolen (Playstation Move, XBox 360 Kinect).

    Auch zum Selberprogrammieren hat es dazu mittlerweile wie oben angemerkt mittlerweile alles off-the-shelf.
    Ein paar recht anschauliche Beispiele:
    Tracking mehrerer Objekte (Hubschrauber ;) ) mit theoretisch 500 fps (OpenCV und GPU)
    Motion-Tracking auf dem Handy (OpenCV und Android)
    Echtzeit-Gesichtertracking (OpenCL und GPU)
    Computervision gesteruerter Autopilot (OpenCV und Android mit Arduino)

    Wie gesagt, 10 Jahre waren in Sachen Computervision eine ziemlich lange Zeit.

    Für die Rüstungsfirmen ist da glaub mittlerweile weniger der „Technologievorsprung“ ausschlaggebend, sondern die Möglichkeit ein auf militärische Zwecke abgestimmtes Gesamtpaket anzubieten, auch gerade was die Robustheit angeht (gyrostabilisiert, wettertauglich, stoßunempfindlich etc.).
    Bleibt die Frage ob es für die Endkunden wirklich das beste ist, ein Gesamtpaket zu kaufen und sich so von einem intransparent agierenden Anbieter abhängig zu machen und womöglich auf Jahrzehnte an ein nur durch den auszutauschendes System gebunden zu sein.

  11. @Memoria
    Sorry, ich hätte schreiben sollen: in europäischen Systemen (andere TIGER, A-129, Lynx…). Klar, die NLD haben mit ihrer Leasinglösung des Apaches natürlich auch das amerikanische System und somit in vielen Bereichen die Referenzklasse (und nebenbei auch 4 Tonnen mehr Platz für Gimmicks/Waffen/Funk/Avionik pro Hubschrauber)…

    @J.R.
    Klar hat die Technik (Optronik, Software…) in den letzten 10 Jahren deutliche Fortschritte gemacht.
    Aber Verfügbarkeit ist insofern irrelevant, solange ich nicht einfach was Neues in einen Hubschrauber / Fliegendes Waffensystem einbauen kann. Die Zeiten in denen man was ausgetauscht hat, 2-3 Testflüge gemacht hat und es für gut befunden und dann beschafft wurde, sind vorbei. Und gerade das Thema Software und fliegende Waffensysteme in einem Satz…. ( Ironie –> )…Es lebe die Zulassung!

    Und sich jetzt im Anschluss wieder über die Zulassung auszulassen ändert leider nichts an der Tatsache das es zur Zeit so ist.
    Hilft ja nichts! Wir leben im Frieden, safety first, siehe (oder siehe nicht) EuroHawk…

    Jede Änderung / Neueinbau ist eine Änderung des Gesamtsystems und deswegen teuer. Gerade das OSIRIS ist als System mit Einfluss auf viele Bereich im TIGER zu betrachten, ein Austausch ein dementsprechender Eingriff (teuer).
    Und WENN jetzt eine neue Optronik eingebaut wird, endlich integriert, erprobt und qualifiziert ist und die ersten Maschinen umgerüstet werden, wird hier wieder gemeckert das die Firma XY oder die Amerikaner schon wieder an was Neuem dran sind und der TIGER eh viel zu teuer und sowieso zu schlecht ist…
    ….eigentlich ist dieser Teufelskreis ja witzig, wenn es nicht so traurig wäre!

    Neuanschaffungen dauern übrigens auch bei dem US-Hubschraubern, nur vielleicht nicht ganz so lang (mehr Wille / Geld)… und das Beste: wenn was für den Apache entwickelt wird kann man die Entwicklungskosten durch 690 rechnen (beim 64 E), beim DEU TIGER bald durch 40! Fragen?

    Generell:
    Der finanzielle Spielraum der Bw ist eher …na ja, nennen wir es mal „mager“.
    DAS ist das eigentliche Problem.

  12. Zitat: „Der finanzielle Spielraum der Bw ist eher …na ja, nennen wir es mal “mager”.
    DAS ist das eigentliche Problem.“ – und warum ist er mager? Weil man sich strategisch in Sackgassen manövriert – beim Tiger bald durch 40! Fragen? –> Das nennt man dann wohl vollständige Induktion.

  13. @Bang50: Zitat: “ … beim Tiger bald durch 40! Fragen? –> Das nennt man dann wohl vollständige Induktion.“
    Ne, das nennt man typisch deutsche Insellösung bzw. „eierlegende Wollmilchsau“, wobei Letzterer die Geschichte bzw. das Ende des kalten Krieges das „Gelege“ geklaut hat! Nur haben das Einige im BMVg nach 1991 und bis heute immer noch nicht kapiert!
    Die anderen Nationen haben das mit ihren Tiger-Versionen verstanden und selbst Eurocopter hat noch in 2010 dem BMVg die Alternative angeboten, eine 30 mm BK einzubauen und den UHT auf HAP-Standard zu bringen. Dies wurde von der BW dahingehend abgelehnt, dass man sagte, man wolle auch zukünftige Bedrohungsszenarien Rechnung tragen.
    Da stellt sich die Frage, was hat die Integration einer 30mm BK mit zukünftigen Bedrohungsszenarien zu tun. Der Tiger hätte dadurch keineswegs auf HOT 3 und die 70 mm-Raketen verzichten müssen. Spätestens dann hätte man also über einen SMG- bzw. MK-Pod sowie über die Belegung der äußeren und inneren Stationen der Waffenträger anfangen müssen, nachzudenken!
    Im übrigen ist am Geld eigentlich bislang noch keine einzige Beschaffungsmaßnahme wirklich gescheitert, aber viele sind auf Grund des Unvermögens des BMVg und seines Beschaffungswesens gründlich in die „Hose gegangen“!

  14. @ JLR
    Aber Verfügbarkeit ist insofern irrelevant, solange ich nicht einfach was Neues in einen Hubschrauber / Fliegendes Waffensystem einbauen kann.

    Da haben Sie sogar Recht.

    Nur ist die Engstelle weder die Technik, noch die Zulassung, noch das Geld.
    Sehr anschauliche Beispiele sind da beispielsweise Aerial Film Australia oder Blue Sky, die verschiedene Gimba-Aufhängungen an diversen Hubschraubern betreiben, mit frei wählbaren Kameras.

    Die Bundeswehr hat sich (und den Steuerzahler) in eine Position gebracht, in der an Eurocopter und Sagem kein Weg mehr vorbeiführt. Entsprechend können diese die Komponenten und Preise diktieren.

  15. Und nebenher noch ein paar Beispiele zum Stand der Technik:
    Militarizing Your Backyard with Python: Computer Vision and the Squirrel Horde
    Motion-Tracking, Eichhörnchen-Identifikation und Steuerung der selbstgebauten Selbstschussanlage. Mit Open-Source-Komponenten von einer Person in glaub einem Jahr umgesetzt. (Und ja, es gibt eine open-source Sentry Gun-Projekt)
    Drohne die ein Ziel selbstständig trackt und verfolgt (AR-Drohne mit OpenCV; Sommer-Praktikantenprojekt)
    Stabiles Tracken mehrerer Menschen, auch wenn diese hinter Hindernisse verschwinden, samt Kopferkennung und Gesichtsvergrößerung (Lehrstuhl mit 9 Personen)

    Da kann einem da schon ein wenig mulmig werden.

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