In Flanders Fields…. oder: das deutsche Problem mit dem Veteranen-Gedenktag

(Foto: Flickr-User Selbe B unter CC-BY-NC-ND-Lizenz)

In Großbritannien, den Ländern des britischen Commonwealth, den USA, Belgien und Frankreich ist der heutige 11. November Veteranengedenktag – Remembrance Day im Vereinigten Königreich, Veterans Day in den USA. Das Datum erinnert an den Waffenstillstand, der den Ersten Weltkrieg 1918 beendete.

Und dieses Datum und das damit verbundene Gedenken, das über den deutschen Volkstrauertag hinausgeht, zeigt vielleicht auch exemplarisch, warum ein Tag der Veteranen und schon das Gedenken an Veteranen in Deutschland so schwierig ist. Ein Zitat aus der Proklamation von US-Präsident Barack Obama, mit der er den diesjährigen 11. November zum Feiertag erklärte:

Whether they fought in Salerno or Samarra, Heartbreak Ridge or Helmand, Khe Sanh or the Korengal, our veterans are part of an unbroken chain of men and women who have served our country with honor and distinction. On Veterans Day, we show them our deepest thanks. Their sacrifices have helped secure more than two centuries of American progress, and their legacy affirms that no matter what confronts us or what trials we face, there is no challenge we cannot overcome, and our best days are still ahead.

In Deutschland gibt es eben nicht diese unbroken chain, aus guten Gründen, auch nicht in der Wahrnehmung. Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat bei seinem kürzlichen Definitionsversuch, was ein Veteran aus deutscher Sicht ist, die noch lebenden Soldaten des Zweiten Weltkrieges nur am Rande erwähnt – wie mir schien in der Ansicht, dass es nur noch so wenige gibt und künftig immer weniger geben werde, dass sie für diese Debatte keine Rolle mehr spielen.

Wenn ich allerdings sehe, wie sich vor allem in den angelsächsischen Ländern die Ehrung von Veteranen ungebrochen auf eine fast hundertjährige Geschichte bezieht – weiß ich nicht, ob eine solche Trennung funktioniert. Und ob sie nicht als künstlich empfunden wird. Ich habe keine Antwort auf die Frage, ob man den Bundeswehrsoldat mit Auslandseinsatz (in der noch nicht mal 20-jährigen Geschichte bewaffneter Einsätze der Bundeswehr) als Veteranen ehren kann, über seinen Großvater im Russlandfeldzug aber nichts sagt, weil er zum Dienst für ein verbrecherisches Regime eingezogen wurde.

Ich weiß, wie schwierig das ist. Und ich habe auch keine Lösung. Aber gerade die Erinnerungskultur dieser anderen Länder am heutigen 11. November zeigt, dass kollektive Erinnerung weiter reicht als ein knappes Vierteljahrhundert.

 

 

166 Gedanken zu „In Flanders Fields…. oder: das deutsche Problem mit dem Veteranen-Gedenktag

  1. @Voodoo: Machen wir es kurz: Richtig, ich sehe das so: Als im Winter 41/42 der Angriff vor Moskau stecken blieb und praktisch gleichzeitig auch noch der offene Krieg mit den USA Tatsache wurde, dämmerte den meisten Generälen der Wehrmacht schon ziemlich deutlich, dass der Krieg verloren war. Die Tagebücher Heinricis sind da ebenso aufschlussreich wie die Abhörprotokolle aus dem britischen Offizierslager. Und ich halte es auch nicht für einen Zufall, dass die Wannsee-Konferenz (Januar 1942) genau in diese kritische Periode fällt, in der den Insidern des Regimes klar wurde, dass die Niederlage kaum mehr zu vermeiden war.

  2. @zivi
    Dieser soldatische Ethos erhält erst seinen Wert, wenn der nach den Maßstäben der Demokratie und Rechtstaatlichkeit legitime Zweck dazu kommt – also genau das, was Orontes in Abrede stellt

    Mit Verlaub – bull*
    Durch solche Auswürfe, sprechen Sie jeden Arbeiter in einer Diktatur schuldig an deren Verbrechen – und das ist alles andere als Rechtsstaatlich. Sie bewerten kein Tun, sondern urteilen über den Gesamtkontext einer Ära.
    Vielleicht reflektieren Sie einmal über Kollektivschuld im Kontext mit Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte und Völkerverständigung.

  3. @Zivi a.D.

    Keiner versucht die Institution Wehrmacht oder eine Regierung zu verteidigen!

    Es geht um die Soldaten, um den Einzelnen und dabei nicht um jeden, sondern um die welche sich selbstlos unter Entbehrungen eingesetzt hatten.

    Dem Feuerwehrmann man macht man doch auch keinen Vorwurf, wenn das Feuer von einem Brandstifter gelegt wurde und wenn der Feuerteufel in der eigenen Reihen ist, dann gebührt im keine Ehre!

  4. @mwk: Es ist Ihr gutes Recht, die Sache so zu sehen. Ich sehe sie anders. Bemerkenswert ist für mich eher, dass ich heute noch zum gleichen Schluss komme, wie Adenauer schon in den 50ern. Der Alte hat sehr solide Aufbauarbeit geleistet, die heute noch trägt.
    @Elahan: Es würde mich freuen, wenn dem so wäre. Allein mir fehlt der Glaube weil die Sehnsucht nach einer positiven Tradition stärker ist als unser Verstand (die Reflexe meiner Kontrahenten kenne ich aus eigener Erfahrung, ich habe mittlerweile nur gelernt, diesen Reflexen zu misstrauen).

  5. Hier Vergangenheit mit der Zukunft zu verwechseln wäre ein Fehler. Herr Adenauer sprach von einer Aufbauarbeit, welche wohl nicht bei jedem gefruchtet hat :
    Die Vergangenheit: Er spricht den Soldaten die „die im Rahmen der hohen soldatischen Überlieferungen ehrenhaft “ gekämpft haben Anerkennung aus – nichts anderes als Ritterlich, oder ?!
    Und spricht für die Zukunft : „sittlichen Werte des deutschen Soldatentums mit der Demokratie zu verschmelzen“

    Wenn Sie also zu dem gleichen Schluß kommen, verstehe ich das Problem noch weniger.

  6. @Koffer
    Danke, jetzt haben Sie es endlich geschafft.

    Mir geht der Ton hier im Forum in letzter Zeit wirklich auf die Nerven.

    Geht das auch ein wenig anders? Oder muss bei manchen Themen immer wieder so rumgepoltert werden? Was würdet Ihr denn machen, wenn Ihr euch bei nem Bier oder Glas Wein gegenüber sitzen würdet? Nach „Guten Abend“ gleich mit der Flasche schmeissen?

    Ich kann für mich festhalten:
    Hatte Potential das Thema, ist wie so häufig schnell abgeglitten…

    Wieder einmal ist es besser gewesen das Thema zu ignorieren, früh ins Bett zu gehen, ein Buch zu lesen und am nächsten Tag das zu erwartende „Fratzengeballer“ zu lesen und sich mit einem Kopfschütteln abzuwenden.

    Es ist wirklich schade was hier bei vielen Themen nur noch so los ist. Vor gar nicht so langer Zeit hat mir persönlich das Ganze hier deutlich mehr Spaß gemacht.

    @T.W.
    Sorry, aber das musste jetzt mal sein.

  7. @NMWC

    Danke für Ihre verständlichen und berechtigten Worte, denen ich mich anschließe.

  8. @NMWC
    Sorry, aber den Hut ziehe ich mir jetzt in diesem Fall nicht an! Ich habe weder einem Diskussionsteilnehmer (wiederholt) Rechtsradikalismus und Meineid vorgeworfen, noch habe ich versucht über „Fangfragen“ eine Frauenfeindlichkeit politisch korrekt in irgend etwas hinein zu deuten, wo es überhaupt nicht um Männer/Frauenfragen ging.

  9. @J.R.
    Sorry, ich hatte Ihren post leider gestern Abend übersehen!

    „Nein, sie haben nicht gesagt, dass das Verzichten auf Fakten zugunsten dem Herausstellen von Helden und Vorbildern zum Verbiegen von Gesellschaft und Geschichte führt. Aber darauf läuft es letztlich hinaus, und das Phänomen läßt sich ja sehr gut an GB, FR und USA beobachten. Und die Bundswehr neigt jetzt schon zu einer fast orwellschen Schönfärberei, da muss man die nicht auch noch zur patriotischen Leitlinie für Deutschland erklären.“

    Das ist nicht ganz in Abrede zu stellen. Denn die Bw hat nach meiner Bewertung in der Tat eine bedenkliche Beziehung zur Wahrheit :(

    Dennoch: Soldaten benötigen nun einmal Helden und Vorbilder. Und da kein Mensch vollkommen ist (erst Recht keiner, der im Kriege anderen das Leben nimmt (bzw. nehmen muss)), kann ein Held nur aus einer Mischung von Schwarz und Weiß bestehe. Von Licht und Schatten.

    Wenn man also der Meinung ist, dass Soldatentum Vorbilder (Helden) aus der realen Welt benötigt, dann muß ich auch deren Schwächen hinnehmen. Das ist kein Ausblenden, sondern vielmehr ein bewusstes „gewichten“.

    „Nehmen Sie als Beispiel Dutchbat III. Sie können jetzt argumentieren, dass diese holländischen Soldaten besonders viel durchgemacht haben, und daher besondere Anerkennung verdienen. Was aber hängen geblieben ist, ist dass sie versagt haben (durch individuelle Fehler, aber auch vor allem durch die Fehler der militärischen und politischen Führung). Das hat sowohl die niederländischen Soldaten als auch die niederländischen Streitkräfte viel Respekt gekostet. “

    Ich gebe zu, dass das Dutchbat ein schwieriges Beispiel ist. Ich wähle es regelmäßig in meinen Unterrichten PolBil und LeKU aus um die Schwierigkeiten unsere Berufs darzustellen und die Notwendigkeit der Akzeptanz von Fehlern zu verdeutlichen.

    Gleichzeitig nutze ich es aber auch um deutlich zu machen, dass Versagen von Soldaten im Zweifel (viele) Menschenleben kostet.

    Ich würde niemals auf die Idee kommen die Sdt des Dutchbat persönlich zu verdammen, aber gleichzeitig nutze ich ihr Versagen (und ich bezeichne es mit Absicht so hart um meinen Punkt hier zu verdeutlichen) um meinen Sdt auf die Problematik von Tot, Töten und Sterben (lasse) hinzuweisen. Dabei handelt es sich dann nach meiner Meinung aber um eine mahnendes Beispiel und nicht um ein Vorbild (ganz im Gegenteil).

    Nebenbei geht es beim Dutchbat auch und vor allem um das Versagen von „Ritterlichkeit“…

  10. @ Koffer
    Gleich vorneweg: Wenn Interesse an einer Weiterführung der Diskussion besteht kann Ihnen Herr Wiegold gerne meine Mailadresse geben. Immerhin sind wir langsam etwas OT, und auch schon auf Seite 3 des Blogs… :)

    Ich stell dann auch mal die anderen Punkte zurück, und komm nur noch mal kurz auf das Thema „Ritterlichkeit“ zu sprechen.

    Das ist ein nettes, harmloses, kautschukdehnbares Idealwort. Wenn Sie Ihren Berufsstand so sehen wollen, dann wird sie niemand davon abhalten.
    Nur wird er der Tätigkeit schlicht nicht gerecht. Das Gros der Bundeswehrsoldaten wird nie in Situationen geraten, in denen besondere Tapferkeit oder Selbstlosigkeit verlangt werden wird. Die werden ihre Arbeit machen, genauso wie jeder Polizeibeamte auch – und wenn sie es mit bewaffneten Gegnern zu tun bekommen werden sie vielleicht über sich hinauswachsen, vielleicht einfach einen guten Job machen, oder eben Fehler begehen. Ist so.

    Nur wird in den meisten Fällen die Realität wenig Ritterlichkeits-kompatibel sein. Ab wieviel Eigenschutz vor Wirkung wird aus Ritterlichkeit eben Feigheit? Ist das Nehmen von Zivilisten als Geiseln ritterlich – oder deren Hinrichten als Vergeltung im Zahlenverhältnis 10:1 (Ringel-Befehl, Kreta)? Wie gehen Machtlosigkeit und Ritterlichkeit zusammen? Was hilft sie in einem asymmetrischen Konflikt in dem man sich mit unsauberen Akteuren einlassen muss? Was hilft sie einem wenn man ohne Ausbildung ein Gefängnis führen soll?

    Letztlich geht es um gute, professionelle Arbeit in schwierigen Situationen. Mehr erwartet auch niemand.

    Und das ist doch auch das, was bei Dutchbat nicht funktioniert hat: Man wußte nicht was vorgeht, war auf die Situation in so ziemlich jeglicher Hinsicht schlecht vorbereitet, hat keinerlei realistischer Handlungsoptionen vorgehalten. Das war schlicht schlechte Arbeit. Hingegen dürfte es ziemlich schwer werden, aufzuzeigen dass sich die Soldaten angesichts ihrer Situation unritterlich verhalten hätten.

    Und fast die gesamte Palette an Fehlern, die die Niederländer 1995 gemacht haben, macht Deutschland derzeit in Afghanistan. Ist die Bundeswehr jetzt unritterlich, oder macht sie einfach nur schlechte Arbeit?

    Und um nochmal die Brücke zum Einzelnen zu schlagen: Wenn Sie einen Bekannten haben, der für eine Firma arbeitet die über Jahrzehnte schlicht Schmuh farbriziert und in die der Staat mehr Geld steckt als er an Gegenleistung zurückbekommt: Dem werdne Sie kaum ankreiden, dass er dort arbeitet weil er ja auch Geld verdienen muss. Und Sie werden vermutlich auch nicht annehmen, dass er den Schmuh verschuldet, sondern eben die Institution und Kollegen, und dass er selbst versucht sein Bestes zu leisten. Würde er aber jetzt versuchen mit seiner Tätigkeit für besagte Firma ein besonderes Maß an Anerkennung einzufordern, oder sich gar als besonderen Leistungsträger für die Gesellschaft darzustellen, würden Sie sich vermutlich auch erstmal am Kopf kratzen.

    Das ist jetzt nicht besonders nett formuliert, aber der Punkt kommt hoffentlich endlich rüber. Und da können Soldaten noch so sehr überzeugt sein, dass sie mehr leisten als der Rest der Gesellschaft: Solange die Ergebnisse nicht stimmen und nicht der Eindruck von gut gemachter Arbeit entsteht, wird das auch nichts mit der Anerkennung.

    Und solange diese gesellschaftliche Anerkennung nicht verdient ist wird ein Soldaten-Ehrentag eben bestenfalls Anlass für politische Sonntagsreden und soldatische Selbstbeweihräucherung sein.

  11. @J.R.
    „Nur wird er der Tätigkeit schlicht nicht gerecht. Das Gros der Bundeswehrsoldaten wird nie in Situationen geraten, in denen besondere Tapferkeit oder Selbstlosigkeit verlangt werden wird. “

    „Letztlich geht es um gute, professionelle Arbeit in schwierigen Situationen. Mehr erwartet auch niemand.“

    Ich akzeptiere die Logik in Ihrer Argumentationsstruktur als in sich schlüssig. Allerdings bestreite ich die o.a. beiden Grundannahmen!

    1. Nur weil die Bundeswehr geistig noch an der schönen heilen Welt der 90er festhält, heißt das nicht, dass es so bleiben wird. ==> Eine Armee muss immer für das schlimmste ausbilden (und gleichzeitig auf das beste hoffen)!

    2. Professionelle Arbeit in schwierigen Situationen ist nicht das was für eine Armee die erste Priorität sein sollte! Sie schadet zwar nicht, aber es ist nachrangig ggü. dem „wesentlichen Kern“ ==> Charakter geht vor Können! Jemand der professionell ist, wird im Zweifel die professionelle, aber eben nicht die „richtige“ Entscheidung treffen.

    Und genau deswegen bin ich auch für eine andere Form des Umgangs des Staates (und mittelbar auch der Bevölkerung mit seiner/ihrer Armee): Soldaten sind anders als „normale“ Berufe. Sie haben andere Bedürfnisse. Und hierzu gehören auch andere „Mechanismen“ der Anerkennung und Fürsorge. Finanzielle Aspekte sind wichtig (und derzeit immer noch zu wenig ausgeprägt wenn es z.B. um Familie und Pendler geht), aber genau so wichtig sind „emotionale“ Dinge.

    Randnotiz:
    „Nur wird in den meisten Fällen die Realität wenig Ritterlichkeits-kompatibel sein.“

    Ja, aber nur weil das Ideal nicht zu 100% zu erreichen sein wird, heißt das noch lange nciht, dass man nicht danach streben sollte!

    „Ab wieviel Eigenschutz vor Wirkung wird aus Ritterlichkeit eben Feigheit? Ist das Nehmen von Zivilisten als Geiseln ritterlich – oder deren Hinrichten als Vergeltung im Zahlenverhältnis 10:1 (Ringel-Befehl, Kreta)?“

    Geiselerschießung mögen damals juristisch in bestimmten Grenzen legal gewesen sein. Ritterlich und ehrenhaft waren sie NIEMALS!

  12. @J.R.
    „Ich stell dann auch mal die anderen Punkte zurück, und komm nur noch mal kurz auf das Thema “Ritterlichkeit” zu sprechen. Das ist ein nettes, harmloses, kautschukdehnbares Idealwort.“

    Das ist es eben nicht!

    „Ab wieviel Eigenschutz vor Wirkung wird aus Ritterlichkeit eben Feigheit?“

    Wirkung ging für mich stets vor Deckung, und Ritterlichkeit ist die Eigenschaft, die den Soldaten vom bloßen Kämpfer unterscheidet.

    Unter den Bedingungen des Gefechts stellen sich gewisse psychologische Veränderungen beim Soldaten ein. Man bekommt das, was die Psychologen „Tunnelblick“ nennen, und nimmt nur noch das Ziel und das zu seiner Bekämpfung erforderliche Handeln wahr, wenn man nicht zu der Minderheit der Soldaten gehört, die einfach erstarrt. Viele Soldaten verfallen jedoch in einen euphorischen Zustand und tun unter dem Einfluß des Adrenalins das, was sie zu tun meinen müssen. Ohne eine Kultur der Ritterlichkeitkeit kann sich das in Richtungen verselbständigen, die kontraproduktiv sind. Leider äußern sich diejenigen, die das erlebt haben, zu selten, und die Führung verleugnet dieses Phänomen einfach.

    Im Einsatz begegnen manche Soldaten der Bundeswehr elementaren Erfahrungen, auf die sie ihre Ausbildung meist nicht vorbereitet hat, und deren Existenz die Gesellschaft leugnet. Man sollte diese Soldaten mit dieser Erfahrung nicht alleine lassen. Wenn die Bundeswehr diese Erfahrungen nicht auffängt, dann werden sich die betroffenen Soldaten eigene Wege suchen, diese besondere Erfahrung zu deuten, und nicht alle diese Wege werden so konstruktiv sein, wie man es sich wünschen würde. Einige Soldaten der Bundeswehr durchleben in Afghanistan und anderswo archaische Erfahrungen, und es bedarf archaischer Mittel, um diese Erfahrungen zu bewältigen und so zu kanalisieren, daß sie sich nicht auf schädliche Weise äußern.

  13. @ Orontes

    Das klingt ja richtig romantisch und verklärt, wobei ich diese Bemerkung nicht zynisch oder herablassend meine.

    Aber: Wären Sie bitte mal so freundlich und übertragen das Prinzip der Ritterlichkeit zum Beispiel auf die Anwendung bewaffneter Drohnen? Wir hatten ja kürzlich über deren ethische Grundlagen diskutiert, und Sie waren ein leidenschaftlicher Anhänger dieser Waffentechnologie, um sich gefahrlos und möglichst „effektiv“ seiner Feinde zu entledigen. Wo versteckt sich dort die Ritterlichkeit?

    Ich fürchte, der technische Fortschritt, wenn man ihn unreflektiert ausschöpft, gibt so mancher alten Tugend nur noch sehr begrenzt eine Chance.

    Und vielleicht noch etwas in diesem Zusammenhang: Ich habe bei einer übertriebenen Verwendung so großartig klingender Begriffe wie Ritterlichkeit oft den Eindruck, den Protagonisten geht es weit mehr um den Weg (kämpfen als Soldat) als um das Ziel (z.B. Frieden und Freiheit schaffen/erhalten). Gegen eine solche einseitige Priorisierung wehre ich persönlich mich.

    Allerdings möchte ich damit den „alten Tugenden“ keineswegs die Berechtigung absprechen, im Gegenteil. Sie bedürfen aber, um ernstgenommen zu werden, einer sinnvollen Interpretation mit Blick auf das heutige Berufsbild und Wirkungsfeld des Soldaten (und dabei meine ich nicht nur KSK-Soldaten). „Archaische Mittel“, die Sie so pauschal fordern, brauchen wir dazu freilich nicht! Denn wenn wir darauf nicht verzichten könnten, sollten wir wirklich die „Sinnfrage“ unseres Selbstverständnisses stellen.

  14. Nach meinem letzten Einsatz war es mir ein Bedürfnis den gefallenen Kameraden zu Gedenken. Ich bin dazu nach Berlin zum Ehrenmal der Bundeswehr gereist. Meiner persönlichen Ansicht nach, eignet sich das Ehrenmal leider nicht besonders zu diesem Zweck: Es ist zwar vergleichsweise ruhig dort, aber eine halbe Ewigkeit den Durchlauf hunderter von Namen zuzusehen, um dann die Einblendung der Kameraden für je 5 Sekunden nicht zu verpassen, empfand ich als nicht hilfreich in der Trauerarbeit. Mir wären klassische Namenszüge als Fokuspunkte für das Gedenken, statt einer Lichtinstallation lieber gewesen.
    Gerade wenn man Alternativen in Washington D.C. gesehen hat, wirkt das Ganze ein bischen versteckt, klein und irgendwie schäbig. Wobei eigentlich mit hoher Authentizität, da das ja fast die „gefühlte“ öffentliche Meinung in Deutschland zu „Veteranen“ spiegelt.
    Meine Meinung: So lange man den Gedenkort in einer Nebenstraße hinter dem Bendlerblock verstecken muss und er nicht vor dem Reichstag ist, wo das Gedenken an die Toten der Bundeswehr als Konsequenz des erteilten Mandates m.E. hingehört, lege ich keinen Wert auf einen Veteranentag.

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