RC N Watch: Angriff in der „Blue Box“

Es scheint nur Chronistenpflicht, den Angriff mit Raketen auf den Flugplatz von Masar-i-Scharif in Nordafghanistan am Mittwoch zu vermelden: vermutlich zwei Raketen, Einschläge in der Nähe des Towers, keine Personenschäden.

Bei nährer Betrachtung ist das ziemlich beunruhigend. Weil der Flugplatz, der wichtigste Nachschub- und Umschlagpunkt der NATO in Nordafghanistan, in einem bewachten und abgesicherten Gebiet liegt: in der Blue Box, dem definierten Areal rund um den Flugplatz, sollte eigentlich keine Aktion von Aufständischen gegen die ISAF-Truppen möglich sein. Denn auch wenn die Bundeswehr ihre Soldaten ausschließlich mit Transall und Hubschraubern mit Selbstschutzeinrichtung nach Masar fliegt: Die Landebahn wird von immer mehr zivilen Flugzeugen genutzt – und von den Antonov-Frachtfliegern, die im Auftrag der ISAF Nachschub nach Afghanistan schaffen. Und auch keine Einrichtungen zur Abwehr von Raketenangriffen haben.

Und ich kann mich nicht erinnern, wann der Flugplatz und/oder das direkt daran anschließende Camp Marmal der ISAF, die größte deutsche Garnison außerhalb Deutschlands, zuletzt direkt mit Raketen angegriffen wurden. Zusammen mit dem fatalen Angriff auf das UN-Gelände in Masar-i-Scharif am 1. April führt das für mich zu der Frage: Wie sicher ist die sicher geglaubte Stadt und die Provinz Balkh eigentlich?

21 Gedanken zu „RC N Watch: Angriff in der „Blue Box“

  1. Der letzte Angriff auf Camp Marmal war Anfang September 2008, damals ist eine Rakete aus den Bergen abgeschossen auf einem unbebauten Areal innerhalb des Camps „gelandet“, Verletzte und Sachschaden gab es damals nicht.

  2. Das ist in der Tat eine „interessante“ Entwicklung… Die „Blue Box“ erschien ja in den Augen des Command RC N immer als LiLa-Laune-Wunderland, wo alle Bewohner glücklich sind und kleine ISAF-Flaggen schwenken…
    Allerdings zeichnete sich diese negative Entwicklung seit Mitte letzten Jahres ab; in den Dörfern des Marmal-Gebirges kippte die Stimmung fühlbar.

  3. Man sollte nicht vergessen, dass gegen diese Raketen – vermutlich ungelenkte Artillerieraketen, vulgo: Katyushas – die Selbstschutzmittel der Luftfahrzeuge keinerlei Wirkung haben. Die helfen nur gegen gelenkte Luftabwehrraketen (Stinger, Strela und Konsorten).

    Nicht, dass das später zu Verwirrungen bei Politikern oder so führt…

  4. AFGHANISTAN REPORT 9 – Reversing the northeastern insurgency, April 2011 (pdf)

    /quote/
    – Operations across Kunduz, Takhar and Baglan appear to have been successful in reversing insurgent momentum in the northeast. Areas cleared by ISAF and ANSF forces are currently held by Afghan Local Police and arbakai, government-sponsored initiatives that arm local tribesmen and former militants to defend against insurgent groups.
    – The gains from these operations, however, may be at risk of backsliding. The limited ISAF and ANSF presence across all three provinces precludes a widespread deployment of security forces to hold cleared terrain and the Afghan Local Police and arbakai—tasked with providing long term security— suffer from poor discipline and corruption.
    /endquote/

    Clear, hold and build kommt wie üblich nicht über das „clear“ hinaus.

  5. @b
    „Clear, hold and build kommt wie üblich nicht über das “clear” hinaus.“

    Den Eindruck habe ich allgemein auch, aber diesmal fehlt bei Ihrem Zitat erstaunlicherweise die Bewertung, dass die Quelle eine US-Neocon-Einrichtung ist (das ist sie im nicht-polemischen Sinne des Begriffs tatsächlich). Mit solchen Einwänden (anstatt mit Kritik am Inhalt) reagieren Sie ja sonst so gerne auf Zitate, die ihnen nicht gefallen.

  6. Ich glaube, dass es erstens mit der „spring-offfensive“ zusammenhaengt, da im fruehjahr immer mit erhoeter angriffsgefahr gerechnet werden muss. der aber weit aus wichtigere aspekt duerfte wohl sein, dass die NATO seit januar zwischenstops mit der E3A NATO AWACS durchfuehrt. wenn man ein solches HVAA (high value airborne asset) aus einem „hostile environment“ heraus operiert, muss man sich nicht wundern, wenn man beschossen wird. nicht zuletzt hat sich der KDR des RC North mehrfach dagegen gewehrt, NATO AWACS auf diesem flugplatz zwischenlandungen oder sogar weiterfuehrende stationierungen genau dieses assets zuzulassen.
    die frage ist nicht wo die NATO AWACS beschossen wird, sondern nur noch WANN ?????

  7. Zwei Raketen auf die zivile Seite des Flugplatzes geschossen.

    Das hat dann gleich mit

    – der „Spring Offensive,
    – Stationierung NATO AWACS,
    – sexuellem Verhalten der Paschtunen,
    – COIN Doctrine und
    – „borniertes Überlegenheitsgefühl“ in der „Blue Box“ zu tun.

    Mag sein, dass es aufeinmal taktische und vielleicht sogar strategische Überlegungen auf der Gegenseite gibt und ein paar ungelenkte Raketen auf dem Flugplatz landen.

    Ich persönlich halte es allerdings für sehr unwahrscheinlich!!

    In diesem Sommer wird das zivile Flughafengebäude fertig sein. Damit wird sich hier in MeS einiges verändern. Es werden mehr „Fremde“ reinkommen, mehr Handel, Grundstücke werden (noch) teurer und verhandene Strukturen (Machtgefüge) werden sich verschieben. In diese Richtung weiter denkend, werden „Verschwörungstheorien“ schnell unter den Tisch fallen.
    Wenn das Camp oder der militärische Teil getroffen werden sollte, dann wäre er auch getroffen worden!
    Weiter möchte ich es an dieser Stelle nicht ausführen, aber hier ist genügend Intelligenz versammelt, um auf einige Möglichkeiten zu kommen, die uns großen Schaden zufügen könnten. Bisher ist aber in dieser Richtung nichts passiert und SA-7 etc. die hier noch aus alten Beständen vorhanden sein sollen, werden kaum noch einsatzbereit sein bzw. müssen auch bedient werden können.

    Zum Schluß…. seit 2008 der erste „Angriff“…… da sollte echt keiner von „Offensive“ reden/schreiben!!

  8. Ach ja…. zum Thema:

    „Wie sicher ist die sicher geglaubte Stadt und die Provinz Balkh eigentlich?“

    So sicher, wie ein Provinz in AFG nur sein kann.

    Wird es weitere Sicherheitsvorfälle geben? Ja!

    Bringt das Transition etc. in Gefahr? Eher nicht!

    Auch in Europa gibt es Anschläge und Tote, Kriminelle, Drogen, Korruption und was sonst noch. Lässt das den Staat scheitern?? Nein….

    Ein gewisses Maß an Unsicherheit wird man mit Sicherheit akzeptieren müssen. Warum denn auch nicht…. niemand wird hier paradiesische Zustände einrichten können (und wollen).

  9. @jetflyer: Danke

    Zumal die Raketen nicht aus den Bergen im Sueden kamen sondern grob aus Richtung Westen… ein Schelm wer Boeses dabei denkt…

    Und der Angriff auf den UNAMA-Compound war nun auch kein von langer Hand geplanter Coup (wie bei den Complex Attacks in KBL und HRT) sondern das Zusammenkommen mehrerer Umstaende, die von niemandem vorherzusehen waren (vor allem dass die paar Dutzend Polizisten, die vor dem Demonstrationszug hermarschiert sind, statt in die Nebenstrasse zum Haupttor des UNAMA-Compounds abzubiegen einfach geradeaus ueber die Kreuzung sind und damit dummerweise die Demonstranten freien Zugang zum Parkplatz und dem fuer die Polizisten nicht einsehbaren Tor hatten).

    Mazar selbst und der Osten und Norden der Provinz sind weiterhin friedlich und die Blue Box erst recht. Boese Blicke machen noch keine INS; zumal in Attas alter Heimat Marmol. Nur westlich von Mazar, in den alten Hochburgen der HIG (Char Bulak und Chemtal) und neuerdings vor allem den Alborz Bergen im Sueden von Chemtal, kriegen die Schweden langsam wieder Probleme bzw. koennen sich schon nicht mehr bewegen. Da kann man von einer Fruehjahrsoffensive sprechen. Trotzdem gehts fuer die INS erst mal wieder darum, das zurueckzugewinnen, was sie im Herbst 2010 schon hatten.

  10. @ Orontes

    Stimmt wohl, aber auch mit dieser Aussage fischen wir weiter im dunkeln. Wenn man sich mal anschaut über wie viel Geld die bösen Buben (mal allgemein gehalten) verfügen, dann könnten die locker etwas „effektives“ auf dem Markt kaufen, sich weiterbilden und was „dummes“ anstellen. Vielleicht wird das ja auch mal passieren, aber vielleicht auch nicht.
    Bis dahin kann man sich nicht gegen alles wappnen und muss immer ein gewisses Risiko eingehen. Nicht toll, aber ist so!
    Nicht nur wir haben vor denen Respekt, auch die vor uns.

  11. Ich habe den Eindruck, dass die Hotspots wandern. Nachdem z.B. in Baghlan halbwegs Ruhe geschaffen wurde, suchen sich die permanenten Feindkräfte neue Regionen aus und erzeugen dort Situationen. Dabei kann der Feind darauf spekulieren, wenigstens temporär einen relativen Vorteil zu erlangen, den er aber nach Aufbau einer NATO-Reaktion natürlich verliert.

    Im Prinzip so wie bei „Whac-A-Mole“.

    Der harte Kern, also die permanenten Kräfte, werden sich darum bemühen, die Hauptlast der Kämpfe auf die Halbtagstaliban abzuwälzen. Es hört sich vielleicht naiv optimistisch an, aber man könnte, wenn man dieser Theorie folgt, glauben dass die Taliban stark an Momentum verlieren, wenn weiterhin konsequent mittlere Führungskader aus dem Spiel genommen werden. Die Flächenwirkung müsste logischerweise abnehmen.

  12. „Wandernde Hotspots“… die sind mir im Norden in letzter Zeit nicht über die Füsse gelaufen.

    Allerdings müßten wir mal definieren, was denn überhaupt „Hotspots“ sind, denke mal da hat jeder eine andere Vorstellung.

    Wir können uns nicht flächendeckend konzentrieren, sondern wichtige Bereiche fokussieren und das klappt ganz gut.

    Daher, nicht gleich in Panik verfallen wenn es mal kracht oder etwas nicht wunschgemäß verläuft, wir sind ja hier nicht bei einer Olympiade!

  13. Und beim Thema „Borniertes Übelegenheitsgefühl“ fragen sie mal die Herren unten am Gate, mit Schwingen und Barett… Letztes Jahr fanden sie sich immens überlegen^^

  14. @ voodoo

    Off topic: Keine Ahnung was sie damit meinen… hoffe sie hatten kein traumatisierendes Einzelerlebnis mit den Herren der Luftwaffe.

  15. Nein nein, keine Angst. Ich fand es nur suspekt das man im T-Shirt in der Blue Box rumfährt, aber es war kurz vorm Ktgt – Wechsel. Evtl. lag es daran :-)

  16. Na dann ist ja alles gut :-))

    Ich erlebe hier jeden Tag meine „Kulturschocks“, und das nicht nur mit unseren AFG Partnern.

  17. J.R.

    Der Report ist was für die Geschichtsbücher des Nordens. Nett erzählt, nicht ganz falsch aber wenig hilfreich für Mitte 2011.

Kommentare sind geschlossen.