Kundus ist nicht Afghanistan

Dem Leitartikel zur Abstimmung über das Afghanistan-Mandat in der heutigen Süddeutschen Zeitung mag ich nicht in allem zustimmen. Aber eine Anmerkung des Kollegen sollten sich alle Parteien irgendwo auf einen kleinen gelben Post-it Zettel schreiben und irgendwo hinhängen, wo sie ihn ständig sehen:

Gefährlich wird es erst, wenn in Deutschland der Eindruck entsteht, die Deutschen hätten wesentlichen Einfluss auf das, was in Afghanistan geschieht. Sie bestimmen aber weder das militärische Handeln der USA noch das Gebaren der korrupten afghanischen Regierung, und auch nicht die Friedensverhandlungen mit den Aufständischen. Kein Plan kann verschleiern, dass die Deutschen hier nicht mehr als eine Nebenrolle ausüben.

Es wäre ganz gut für die deutsche Debatte, von einer Fehleinschätzung Abschied zu nehmen – hier zu Lande herrscht der Eindruck: Afghanistan ist Kundus, der Krieg geht um die Höhe 432, und die Entscheidung über 100 deutsche Soldaten mehr oder weniger bestimmt die Zukunft des Landes am Hindukusch.

In den Niederlanden gibt es eine ähnliche Debatte.

9 Gedanken zu „Kundus ist nicht Afghanistan

  1. Auch Nebenrollen können den Oscar gewinnen, obgleich der Film oder der Hauptdarsteller nicht der Renner war…..

  2. Aber trägt die Bundeswehr nicht allzu bereitwillig zu diesem Eindruck bei?

    Über Grenzen der eigenen Fähigkeiten wird nicht öffentlich gesprochen. Über Sicherheit an sich wird nicht informiert, berichtet wird nur über das, was den Soldaten direkt zustößt.
    Nicht dass die Medien bis auf 2-3 Ausnahmen groß anders wären: „Afghanistan“ ist da das Feldlager Mazar oder Kundus, vielleicht noch Höhe 431 oder 432, die ganz abenteuerlustigen schauen dann auch mal kurz im OP North vorbei.
    Die Message der Bundeswehr ist ganz klar: „Sicherheit, das sind wir“.

    Und wenn man dann sich dann andere, meist englischsprachige Quellen wie die ANSO-Berichte anschaut, dann reibt man sich erstmal die Augen.

    An der Stelle wäre vielleicht nochmal auf Herrn Nachtweis letzten Afghanisanbericht zu verweisen. Was dort von den Soldaten berichtet wird findet sich schlicht nicht in den Verlautbarungen der Bundeswehr wieder. (Gleiches gilt auch für Entwicklungshelfer und BMZ etc.)

    Ein paar recht willkürlich gewählte Auszüge, mit Schwerpunkt Soldatengesprächen:

    Die Töpfe für CIMIC-Maßnahme sind bescheiden. Der Kommandeur RC North verfügt über 60.000 Euro pro Kontingent, der Kommandeur ASB über 45.000 Euro.[…] Der GTZ-Risk-Officer bewertet die Sicherheitslage. Wenn er zum Ergebnis „rot“ komme, gehen staatliche Durchführungsorganisationen wie GTZ, KfW nicht rein.(S.32)

    Zur Abteilung J9 gehören 14 Soldaten. Sie sollte aufwachsen auf 28. Die Verstärkung kam aber nicht. Die beiden Tactical CIMIC-Teams des RC North sind im Wechsel in Baghlan. Allerdings stehen die ab Mitte September wohl nicht mehr zur Verfügung. Die Teams seien wegen der Obergrenze nicht mehr besetzbar. Das Einsatzführungskommando prüfe aber noch.(S.32)

    Ex-Feldnachrichtenmann: Die Leute wollen, Ruhe, Schulen … Aber es reichen vier, fünf Mann mit gehöriger Brutalität (Nasen und Ohren abschneiden, zwei Leute fesseln, IED dran …), um die Bevölkerung einzuschüchtern. Schon 2005/6 habe man Warnungen nach Potsdam/Berlin durchgegeben vor gefährlichen Entwicklungen. Die Antwort war: „Wollt Ihr einen höheren Auslandsverwendungszuschlag?“(S.34)

    Ein Hauptfeldwebel, früherer Objektschützer aus Kunduz: […] Ein Beispiel: An der Mischa-Meier-Brücke kamen Männer einer Sicherheitsfirma unter Beschuss. Auf ihren Hilferuf an das PRT kam von dort die Antwort, man sei nicht zuständig. So wurden sie zusammengeschossen.(S.34)

    PRT Kommandeur Feyza: Mit den dortigen nur noch 290 Soldaten könne man kaum noch was machen.(S.34)

    Die TF Kunduz hat ihren Schwerpunkt im Distrikt Chahar Darreh westlich Kunduz. Wer kümmert sich um die anderen Distrikte Imam Shahib und Archi im Norden, um Ali Abad, um Khalabad? Das jetzige Patt könne nur mit stärkeren „Nachbarn“ (ANSF, US-Kräfte) überwunden werden.(S.37)

  3. Es braucht sich nach wie vor niemand Illusionen machen, dass man das RC-N – mit seiner riesigen Fläche – mit 5300 Soldaten befrieden kann. Ich meine wir setzen hier in Berlin jedes Jahr mehr Polizisten ein um die Maifeierlichkeiten zu schützen….

  4. Peinlich. Hier ist der richtige Link:
    afgnso.org: The ANSO Report

    Als Nicht-Abonnent ist man den Informationen einen halben Monat hinterher, aber gerade was Gewalt gegen Zivilisten und auch ANSF angeht wird man da glaub besser informiert als auf der Bundeswehrseite.

  5. @dallisfaction

    Auch das ist schon wieder so eine reduzierte Betrachtungsweise. Als wenn es im Norden nur Deutsche gäbe. Mittlerweile gibt es im RC North fast ebenso viele Amerikaner wie Deutsche. Und dass die Amerikaner neben der Kopfzahl einiges an Fähigkeiten mitbringen, von denen die Deutschen nur träumen, sollte auch jedem klar sein. Also selbst der Norden ist mehr als nur Kunduz und die Deutschen.

  6. Recht hast du natürlich. Allerdings war das ja nicht immer so.

    Und jeder wird mir doch zustimmen, dass die Größe der Region und die Zahl der zu Beginn der Kampagne eingesetzten Truppen in keinem Verhältnis steht. Das gilt für ganz Afghanistan, nicht nur für den Norden.

  7. @dallisfaction
    RCN ist groß ja und im Prinzip hast du recht. Aber es sind mehr also nur die deutschen und amerikanischen Kräfte dort. Der Westen z.B. wird größtenteils von Norwegen und Schweden versorgt.

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