Killerspiel oder Imagewerbung? (Update: jetzt ist es weg…)

Für den Youtube-Kanal der Bundesregierung ist – weitgehend bereits bekanntes – Bildmaterial der Bundeswehr neu geschnitten worden. Der Spot Die Bundeswehr online, seit gestern im Netz, erntet auch schon heftige Kritik: Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter und entwerfen so ein Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr. (Von wem das kommt, löse ich später in den Kommentaren auf.) Und wie kommt das Video bei den Lesern von Augen geradeaus! an?

Update: Jetzt (ca. 17:30 Uhr am 17. November) ist das Video – nach gut einem Tag online – auf einmal nicht mehr verfügbar. Sehr interessant…

Ich habe soeben offiziell beim Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung angefragt. Die Auskunft: Von uns wurde dieses Video nicht gesperrt.

Sollte man vielleicht den Regierungssprecher mal fragen… Vom Bundespresseamt bekam ich die Auskunft, dass die das Video deaktiviert haben; aber keine offizielle Aussage zu den Gründen.

btw: es hat nicht jemand vorsichtshalber auf seine Festplatte runtergeladen? ;-)

Übrigens, mit fast identischen Bildern, nur etwas anders geschnitten und vor allem mit anderer Musik gibt’s ja schon länger dieses Video (Danke an den Bendlerblogger für den Hinweis):

 

Nachtrag: Na, das nimmt ja Fahrt auf. Der Vollständigkeit halber schreibe ich jetzt mal die politischen Reaktionen hier in den Eintrag:

Die oben zitierte Kritik kam von der Grünen-Abgeordneten Agnieszka Malczak:

http://www.gruene-bundestag.de/cms/presse/dok/396/396818.dienst_bei_der_bundeswehr_als_ballerspie.html

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, Rainer Arnold, sieht einen Rufschaden der Bundeswehr:

Der neue Werbespot zur Gewinnung von Nachwuchspersonal schadet massiv dem Ansehen und dem guten Ruf der Bundeswehr. Es wird eine Klientel angesprochen, die anfällig für
Gewaltbereitschaft ist, und sich nicht um die besondere Bedeutung der Bundeswehr in der Gesellschaft kümmert.

Das Verteidigungsministerium hält dem entgegen: Mit schnellen Schnittfolgen und moderner Musik entspricht der Beitrag dem Stil zeitgemäßer Youtube-Clips.

Nachtrag 2: Ein Leser hat dankenswerterweise mal die Videos anderer Streitkräfte in den Kommentaren verlinkt, der Übersichtlichkeit halber stelle ich sie hier direkt rein:

238 Kommentare zu „Killerspiel oder Imagewerbung? (Update: jetzt ist es weg…)“

  • Jas   |   19. November 2011 - 20:41

    Metal/ Rock Musik
    Schnelle Schnitte
    Raketenabschuss und fahrende Waffensysteme
    scharfer Waffeneinsatz

    *hust* Hat die Marine schon vor Jahren als offizielles Werbevideo released und da hat sich bis auf die erste Version (noch mit Marylin Manson Untermalung) keiner dran gestört. Die nachfolgenden Versionen sind nicht weniger jugendorientiert als das neue Video.

    Aber jetzt auf einmal wird die Sau durchs Dorf getrieben und die Opposition kommt mit den üblichen mahnenden Zeigefingern um die Ecke.

    Beschämend finde ich, dass es sich gestandene Politiker herausnehmen aus einem 100 Sekunden Film einen Menschen zu charakterisieren und die Affinität zu Rockmusik und schnellen Schnitten (also jedem Action Film seit gut 50 Jahren) als charakteristischen Mangel im Menschenbild von jungen Bürgern ansehen.

    Die Verblendung der Obrigkeit tritt dann ganz besonders hervor wenn sie der breiten Öffentlichkeit klar machen will, dass solche Videos „die Falschen“ zu den Streitkräften treiben könnte. Und zwar nicht weil diese Menschen außerhalb der Verfassung stehen und Denken, nein weil sie ja (unverschämt pauschalisiert) alles Rambos und unreife, unüberlegte Draufgänger mit lockerem Finger am Abzug wären.

    Ich bin ernstlich erstaunt dass wir nur kurz nach Ende der allgemeinen (!) Wehrpflicht und des Staatsbürgers in Uniform (der scheint ja hier mitgestorben zu sein, wenn es jetzt schon die Masse an falschen Staatsbürgern und richtigen Staatsbürgern in Uniform gibt) schon den Typus „Soldat der Zukunft“ mit allen charakterlichen Eigenschaften definiert haben und ihn anhand von Werbevideos von unter 2 Min filtern können.

    Chapeau! Herr Arnold und Konsorten der Kritik. Weg vom Querschnitt der Gesellschaft und einer pluralistischen Armee die ein Spiegelbild der Bürger zeichnet die sie auch verteidigen hin zu fein selektierter „Auslese“ ohne Identifikationsanker und Repräsentationsfähigkeit. „Alle Bewohner eines Staates sind geborene Verteidiger des selben“

    Aber wir haben ja Glück denn die Streitkräfte sind glücklicherweise intelligenter als sie so mancher Politiker gerne hätte und unterwerfen sich nicht einem lächerlichen oppositionellem Didakt in ihrer Nachwuchsgewinnung sondern verstehen den Unterschied zwischen Werbung und Einstellung und auch die Instrumente auf dem Weg sinnvoll einzusetzen.

    Das große Unwissen um moderne Personalgewinnung und zeitgerechtes Personalmarketing sei verziehen, auch wenn sich jede Partei ja eigentlich genug Experten hält die man als Dauergast zum Thema Sicherheitspolitik auch mal zu Rate ziehen könnte, bevor man wieder medienwirksam die Kelle aupackt.

    Ernsthaft traurig finde ich allerdings, das in all den letzten „Skandalen“ (oder was man dafür hält) gerade die Opposition (aber nicht nur die) die Grenzen zwischen staatlicher Institution der Exekutive (unsere Streitkräfte) und der Regierung verwischt und „Verantwortung“ wild zuschreibt und Schelte verteilt. Wider besseren Wissens um die eigentlichen Zuständigkeiten und Abläufe wird hier frei von der Feder Kritik an Menschen und Einstellungen geübt, in einer Form die nicht nur unverschämt sondern vielmehr beschämend für die „politische Elite“ unseres Landes ist.

    Die Bundeswehr war in den letzten Jahren zu oft ein billiger Prügelknabe für parteipolitische Auseinandersetzungen ohne(!) essentiellen Inhaltscharakter, und viel eher Platz für persönliche Darstellung der Protagonisten und Oppositionsarbeit um der Opposition Willen, weniger des Inhalts.

    Doch so langsam läuft die Politik Gefahr, dass sich der stille Knabe selbst zu Worte meldet und die ehemals von oben verdonnerte Wohlverhaltenspfilcht und Neutralität geopfert wird. Nicht weil die Soldaten und Offiziere sich nicht daran halten wollen, als vielmehr die Politik sich nicht an die Spielregeln hält.

    Was die Streitkräfte jetzt am meisten brauchen und benötigen – wie der Soldat der Zukunft aussieht – und wie die Bundeswehr ihn sich ausbildet ist glücklicherweise in weiten Teilen der Fachexpertise des Bedarfsträgers überlassen. Die Grenzen hierfür geben das Grundgesetz und eine Vielzahl von Erlassen.

    So, wenn nun also die Streitkräfte es als wichtig und richtig ansehen ein breites Marketingangebot für eine breite Bevölkerungsschicht anzubieten, dann ist es unsäglich peinlich wenn diese Expertensicht von Außen mit billiger Polemik und falschen Plakationen und Etiketten torpediert wird und so die Entwicklung hemmt.

    „Ballerspiele“ „Rambos“ und „Heavy Metal“ sind Etiketten die, sowieso fragwürdig gewählt, ganz normale Erscheinungen unserer Gesellschaft der letzten 20 Jahre plötzlich negativ darstellen und ihnen Charakterzüge zuordnen. Und ich dachte wir wären weg aus der Zeit wo wir von Vorlieben und Geschmäckern auf eine Rasterung unserer Bevölkerung kämen. Schade dass sich gerade immer wieder die Verfechter der offenen und vorurteilsfreien Gesellschaft dieser perfiden Symbole bedienen und Mechanismen einsetzen die wir nach ´45 eigentlich verbannen wollten.

    Als Soldat schäme ich mich gerade für mein Land. Und zwar dafür, dass es nicht in der Lage ist die geistige Elite an die politische Führung einer ausgewogenen Parteienlandschaft zu stellen die „überlegt und besonnen“ agiert, sondern medienübergreifend eine Plattform für Verblendung, Falschinformation und Populismus bietet. Ich schäme mich gerade für sie Herr Arnold und für sie Frau Malczak.

  • Sascha Stoltenow   |   19. November 2011 - 22:50

    @JAS: Treffer mittschiffs. Und mir wird gerade eine weitere Absurdität deutlich. Wollen Arnold und insbesondere Malcak etwas behaupten, sie machten sich Sorgen um die Verwendung der Nationalhymne? Muhaha!

  • JoHoMe   |   19. November 2011 - 23:23

    Herr Arnold,
    das von JAS hier präsentierte Video der deutschen Marine entspricht in der Machart 1 zu 1 dem von Ihnen beanstandeten Video. Das Marine-Video steht seit dem 02.03.2009 online, also noch zu einem Zeitpunkt, als Sie als verantwortlicher Politiker für die Regierungskoalition im Verteidigungsausschuss gesessen haben. Es wäre hilfreich für Ihre Wähler, wenn Sie erklären würden, warum heute für Sie das falsch ist, was damals für Sie richtig war.

  • T.Wiegold   |   19. November 2011 - 23:30

    Hm. Hat schon jemand das Marine-Video vorsichtshalber zwischengespeichert?

  • Jas   |   19. November 2011 - 23:35

    Ich besitze alle 4(!) Versionen des Werbevideos. Die 2 noch aktuell verfügbaren sowie die ersten beiden der „Meer erleben“ Kampagne.

    Innerhalb der Marine wurden alle 4 bei ihrem Erscheinen (2008) sehr sehr positiv aufgenommen und haben auch in der aktiven Personalgewinnung ihre erfolgreiche Anwendung gefunden.

  • JoHoMe   |   19. November 2011 - 23:41

    @ Jas
    Erfolgreiche Anwendung? Oh Gott, dann besteht die Marine in den jüngeren Jahrgängen ja nur noch aus Rambos und Ego-Shootern.

  • Sascha Stoltenow   |   19. November 2011 - 23:55

    Wenn ich das richtig sehe, finden sich einige Bilder des pöhsen, pöhsen Videos in den Marinefilmen, right?

    Und nun Achtung, off topic: Wann können wir mit Statements von Malcak und Arnold zu diesen Bildern aus Syrien rechnen? youtu.be/te6frdIhe0g

    Achtung, nur anschauen, wenn man gefestigt ist und es aushalten kann, Bilder eines etwa 12 – 14-jährigen Jungen mit Kopfschuß und eines jungen Mannes, dem der Unterkiefer weggeschossen wurde, zu sehen.

  • T.Wiegold   |   19. November 2011 - 23:55

    @Jas

    Übrigens… hat die Marine auch schon mal Videos wieder runternehmen müssen?

    Siehe hier – der Versuch, das Video zu sehen, bleibt erfolglos…

    http://wiegold.focus.de/augen_geradeaus/2008/12/stark-gemacht-alder.html

  • Jas   |   20. November 2011 - 0:14

    Na warten wir mal ab wie lange sie mir geben.

    http://www.youtube.com/watch?v=frWDyteppMo

  • T.Wiegold   |   20. November 2011 - 0:27

    Das Video ist allerdings wg. der Musik gesperrt… Jedenfalls für Deutschland.

  • Jas   |   20. November 2011 - 0:28

    Jetzt wissen sie auch warum die Marine es damals wieder runternehmen musste ;)

    Man hatte sich afaik nicht die nötigen GEMA Rechte eingeholt um den Track „Marylin Manson – Rock Is Dead“ der die damalige Untermalung darstellte zu verwenden

    Aber wie Sascha Stoltenow ja richtig angemerkt hatte: „Das Internet vergisst nie…“

    http://www.vidup.de/v/IGtuy/

  • Thomsen   |   20. November 2011 - 0:41

    Ich stell mir grad ein Video wie das Ausgangswerk hier vor, unterlegt mit „Sodom – Bombenhagel“ (wegen der Nationalhymne). Da würden die Jericho-Trompeten der political correctness wieder aufheulen!

    @ Jas / JoHoMe:

    danke für den Fangschuss! Das bedeutet Schach Matt in der Diskussion hier für den verteidigungspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold.

  • Miss Geschick(t)   |   20. November 2011 - 8:38

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    bei all‘ den Beiträgen zu diesem, meiner Meinung nach, gelungenen Filmchen stellt sich ja die Frage, wer soll angesprochen werden. Abgesehen davon, dass dieser Film nur als Link dienen sollte, User des Youtube-Kanals der Bundesregierung auf die Youtube-Seite der Bundeswehr zu führen. Aber was denken Sie? Wie stellen Sie sich den Menschen vor, der diesen Film „verbrochen“ hat? Ich kann es Ihnen sagen: Er ist Kriegsdienstverweigerer, schwul, 42 Jahre alt und Travestiekünstler. Wer hätte das gedacht.

  • Sascha Stoltenow   |   20. November 2011 - 10:26

    Anhand der handwerklichen Qualität des Videos – das in der Tat nur als Link dienen sollte, dummer Weise aber ohne Links produziert wurde – stelle ich mir einen Auszubildenden im 2. Lehrjahr vor. Und wenn es Menschen gibt, die mit 40 eine Lehre beginnen oder nach 22 Berufsjahren nicht über dieses Niveau herauskommen, zeigt es eine begrüßenswerte Vielfalt in unserer Gesellschaft, und es zeigt, dass es professioneller Führung bedarf, um aus diversem Talent Qualität herzustellen.

  • T.Wiegold   |   20. November 2011 - 10:35

    Hat hier jemand was gegen Kriegsdienstverweigerer? Ich frage aus Gründen…

    Übrigens… der Trend zum Depublizieren von Videos aus diesem Genre hält an: Erst durch die Kommentare habe ich gelernt, dass dieses Video auch vom Netz genommen wurde, allerdings an anderer Stelle wieder eingestellt wurde.

  • klabautermann   |   20. November 2011 - 10:45

    lol….ne, ich habe bestimmt nichts gegen KDVs.

    However, so langsam wird die story dieses trailers of content entweder zur Burleske oder zur Bonn/Berliner Politikintrige………..insbesondere mit Blick auf die time late zwischen Einstellung des trailers auf dem Regierungskanal und der offiziellen Reaktion seitens zweier MdB…..

  • Someone   |   20. November 2011 - 12:35

    @T.W.:

    Das Ari-Video hätte ich allerdings gespeichert. ;-)

  • Quin   |   20. November 2011 - 21:50

    Nochmal zum vielverwendeten Begriff des „Rambo“ im Rahmen eine negativen Wertung der Zielklientel des hier angesprochenen Videos.

    John Rambo war ein Soldat, der traumatisiert aus einem Krieg zurückkehrte, in den ihn sein Land geschickt hatte. Zuhause wurde er ohne die erforderliche Hilfe von Politik und Gesellschaft alleine gelassen. Im Gegenteil, man beschimpfte Soldaten als Mörder und verweigerte ihnen die Anerkennung ihrer Taten, die sie für ihre Kameraden und ihr Land geleistet haben. Letztlich führte dann ein erneutes Unrecht, das ihm von Seiten der Staatsgewalt widerfuhr zu dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

    In meinen Augen tragen viele Politiker durch vorschnelle, unberechtigte, überzogene und parteipolitisch motivierte Kritik an der Bundeswehr eine Mitschuld an dem der Gesellschaft häufig negativ vermittelten Bild einer Armee und seiner Soldaten.

    Der Hinweis sei mir gestattet, letzerers hat im Film übrigens mit dazu beigetragen, dass der Name Rambo nicht mit dem oben dargestellten Schicksal verbunden wird.

  • Sascha Stoltenow   |   21. November 2011 - 12:31

    Ein kliener statistischer Nachtrag: Das diskutierte Video liegt mittlerweile unter den Top 5 aller offiziellen BW-Videos. Man nenn es auch den Arnold-Malczak-Effekt: http://bendler-blog.de/2011/11/21/der-arnold-malczak-effekt-oder-wie-virale-werbung-mit-web-videos-funktioniert/

  • Twitter und das Bundeswehr-Werbevideo | greedvsgrievance   |   22. November 2011 - 0:26

    […] Informationen zum Video und eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt finden sich auf  Augen Geradeaus sowie dem Bendler Blog. Die großen Nachrichtenportale sprangen teilweise auf den Empörungszug der […]

  • Müller   |   22. November 2011 - 0:30

    Eine kurze quantitative Analyse der Twitter-Diskussion zu diesem Video findet sich unter: http://greedvsgrievance.wordpress.com/2011/11/22/twitter-und-das-bundeswehr-werbevideo/

  • Agnieszka Malczak   |   23. November 2011 - 13:05

    Bilder spielen eine wichtige Rolle in der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr. Realitätsnahe Bilder zu zeigen, ist dabei ein richtiges Mittel in einer ehrlichen und transparenten Öffentlichkeitsarbeit. Aber die Art und Weise der Präsentation spielt dabei auch eine wichtige Rolle. Meine Äußerungen sind hier sehr kritisch diskutiert worden, was ich grundsätzlich begrüße, denn ich halte die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Sicherheitspolitik und der Bundeswehr für notwendig. Sie findet in Deutschland zu wenig statt. Allerdings teile ich nicht jede Auslegung meiner Äußerungen, die hier vorgenommen wurde. Zu Erläuterung verweise ich hier auf eine etwas ausführlichere Darstellung meiner Kritik auf meinem Blog: http://blog.malczak.de/1292/bildfragen/

  • David Ermes   |   23. November 2011 - 17:05

    Ich habe heute eine interessante Beobachtung gemacht. Im Gespräch mit Kommilitonen die mich auf das BW Video (resp. meinen Hinweis bei Facebook auf die ganze Affäre) ansprachen wurde klar, dass der Hase wohl noch an ganz anderer Stelle im Pfeffer liegen könnte. Die Gruppe, allesamt Juristen, Politologen und Betriebswirte vertrat einhellig die Position, dieses Video habe sie deutlich an Computerspiele erinnert und soetwas militärisch-glorifizierendes dürfe man nicht zeigen. Man dürfe die Bundeswehr nicht so darstellen, es gehe immerhin um Krieg. Einer wies darauf hin, dass seine Eltern – beide Hochschullehrer Mitte 60 – solche Bilder unerträglich fänden.
    Mir war klar, dass bei den Lesern hier ein deutlicher Bias zu finden ist. Dass die Realitätsverweigerung in der breiten Masse so groß ist, hätte ich nicht gedacht. Die kritisierenden Personen haben übrigens bis auf eine Frau alle Parteien gewählt, die Soldaten ins Ausland geschickt haben. Daran lag es also nicht.
    Ich habe (was bei mir wirklich selten vorkommt!) auch gänzlich darauf verzichtet eine Diskussion anzufangen, weil da keinerlei gemeinsame Grundlage zu finden war. „Die Bundeswehr macht da…“ Das _wir_ die Bundeswehr sind, bleibt da völlig vergessen!

    Vielleicht hat Frau Malczak in dem Punkt in ihrer PM Recht, dass die Darstellung nicht dem entspricht, was die breite Masse für Realität hält. Vielleicht sollte die Tagesschau ein Mal in der Woche Bilder aus Afghanistan, aus Zentralafrika und anderen Kriegsregionen de Welt zeigen… Nur um die Schere zwischen Wunsch und Wirklichkeit nicht größer werden zu lassen.

  • Sascha Stoltenow   |   23. November 2011 - 18:27

    Habe bei Frau Malczak den folgenden Kommentar hinterlassen:

    Liebe Frau Malczak,

    herzlichen Dank für Ihre Stellungnahme – allein, sie heilt den fundamentalen Konflikt, der unter anderem in Ihrer völligen Unkenntnis des soldatischen Seins im Allgemeinen und dem Wesen des Kriegers im Besonderen gründet, gepaart mit einem im politischen Raum geprägten Kommunikationsverständnis.

    Um es kurz zu machen und den unüberbrückbaren Dissens zu markieren:
    Nicht die im Video gewählte Ästhetik orientiert sich an Computerspielen,
    Computerspiele und insbesondere die darin eingesetzten Filmsequenzen orientieren sich an einer Ästhetisierung existentieller menschlicher Konflikte, die sich in ihrem Kern bis zu den ersten Höhlenmalereien zurückverfolgen lässt. Diesen wie auch Schlachtengemälden und Kriegsfilmen ist gemein, dass sie das Geschehen auf den Kampf selbst verdichten. Dieser Moment ist der entscheidende und damit auch der, der die Faszination ausmacht. Es ist damit geboten, ihn zu zeigen, was auch die große Zustimmung zu dem – handwerklich eher bescheidenen – Video unter aktiven und ehemaligen Soldaten erklärt.

    Und, weil wie Sie schreiben, „Die Art und Weise, wie etwas dargestellt wird, (…) auch eine Aussage (…)“, ist angesichts der vorstehenden Resonanz die Bestätigung, dass die gewählte Art und Weise richtig war.

    Zu ergänzen ist noch, dass auch die Art und Weise, Ihrer Stellungnahme eine Aussage ist. Ich verstehe sie so, dass Sie Ihren Fehler erkannt haben, aber mehrere Tage brauchten, eine neue Begründung zu drechseln, die, s.o., zwar sachlich ebenso falsch ist, aber Ihnen zumindest den Zuspruch der für Sie relevanten Klientel sichert.

  • Orontes   |   23. November 2011 - 18:36

    @David Ermes
    „Die Gruppe, allesamt Juristen, Politologen und Betriebswirte vertrat einhellig die Position, dieses Video habe sie deutlich an Computerspiele erinnert und soetwas militärisch-glorifizierendes dürfe man nicht zeigen.“

    Und das ist die BRD-Elite von morgen, die bald schon in den Ministerien und Redaktionen sitzen wird. Aber an wen werden diese naiven Geschöpfe (zu) guter Zeiten sich wenden, wenn eines Tages jemand in ihrer Friedensethik nichts weiter erkennt als einen Ausdruck schwächlicher Dekadenz? Ob sie sich dann selbst die Hände schmutzig machen werden?

    @T. Wiegold
    „Hat hier jemand was gegen Kriegsdienstverweigerer?“

    Wer KDV-Antrag gestellt hat, aber kein Pazifist ist, muss die Unwahrheit gesagt haben. Egoismus und Unaufrichtigkeit dieser Art halte ich aber moralisch für weniger verwerflich als tatsächlichen Pazifismus, d.h. die Einstellung, derzufolge andere sich bitte schön um die unschönen DInge des Lebens zu kümmern haben, damit man selbst in seiner Selbstverwirklichung und seinen moralistischen Wunschvorstellungen nicht gestört werden möge. So etwas fände ich wirklich verwerflich. Kennen Sie noch andere Motivationen, die hinter KDV-Anträgen stehen? Keine der mir bekannten ist mir sympathisch.

  • Voodoo   |   23. November 2011 - 18:41

    „Einer wies darauf hin, dass seine Eltern – beide Hochschullehrer Mitte 60 – solche Bilder unerträglich fänden.“

    Wundert mich nicht, denn wann haben die beiden wohl studiert? Na, fällt der Groschen?

    Ich möchte dann bitte, das ab sofort auch die Tagesschau aufhört, solch garstige Bilder wie Kämpfe in AFG oder sonstwo zu zeigen! Sie erinnern mich alle an gewaltverherrlichende Computerspiele, die sollte man keinesfalls in öffentlich-rechtlichen Kanälen veröffentlichen!!!

    Zu köstlich – denn an meiner Uni sehen das selbst die Profs eher gelassen und sachlich.

  • David Ermes   |   23. November 2011 - 19:00

    Seien wir doch mal konstruktiv. Die Kommilitonen von mir (allesamt einige Jahre Jünger und nicht in einem Elternhaus mit Offizier aufgewachsen) kennen es eben nicht anders. Man sollte also weniger denen einen Vorwurf machen oder darüber jammern, dass die Elite von morgen zum größten Teil kein Verständnis dafür hat, sondern zusehen, wie man das Verständnis wecken kann! Egal wie man zum Einsatz in Afghanistan steht. Die Fakten müssen klar sein. Und es muss auch mal (mEn) deutlicher kommuniziert werden, dass die Soldaten da nicht sind, weil „sie Bock aufs rumballern haben“, sondern weil das ihr Job ist, dort zu kämpfen, wo unser Parlament sie hinschickt.
    Die Meinungen sind zweitrangig, es geht überhaupt erstmal darum, das Problembewusstsein zu schaffen!

    Wie ist das denn heute in den Schulen? Bei mir kam „erfreulicher Weise“ der Balkankrieg, sodass das in der Mittelstufe Thema war. Und bei uns hat noch jeder Jahrgang 10 eine Fahrt zur Hardthöhe gemacht und hat da an einem Informationstag teilgenommen. Ich weiß, dass es das dank GEW nicht mehr gibt. Aber was findet sich denn dazu in den Curricula? [OT: Ich sehe da ein schönes Dissertationsthema ;-) Vermittlung sicherheitspolitschen Verständnisses in den weiterführenden Schulen im Vergleich. Dürfte dann aber eine Diss mit Sperrvermerk werden ;-)]

  • David Ermes   |   23. November 2011 - 19:02

    @Vodoo: Er war Prof. am Otto-Suhr-Institut. Dass der 68 in Göttingen oder Marburg an der Front war kann ich mir schon denken. Aber ich sehe da eher das Problem der aktiven Realitätsverweigerung…

  • Orontes   |   23. November 2011 - 19:12

    @David Ermes
    „Man sollte also weniger denen einen Vorwurf machen oder darüber jammern, dass die Elite von morgen zum größten Teil kein Verständnis dafür hat, sondern zusehen, wie man das Verständnis wecken kann! “

    Funktionierende Demokratie setzt den mündigen Staatsbürger voraus, bei dem man nicht „Verständnis wecken“ muss, weil er selbst dazu in der Lage und interessiert daran ist, zu fundierten Urteilen zu kommen. Dass immer mehr dieser mutmaßlich mündigen Staatsbürger dazu nicht in der Lage sind, wirft fundamentale Fragen auf. Frühere Demokratien machten konsequenterweise ja den geleisteten Wehrdienst zur Voraussetzung für volle staatsbürgerliche Rechte. Warum auch sollte jemand, dem entsprechende Erfahrung fehlt, in so grundlegenden Dingen wie der Frage nach Krieg und Frieden mitentscheiden können?

  • Sascha Stoltenow   |   23. November 2011 - 19:21

    @Könnte ich jetzt mal Lob und Anerkennung dafür bekommen, dass ich Frau Malczaks Argumentation, an der sie 5 Tage geschraubt hat, in 5 Minuten zerlegt habe? Und das mit kunstgeschichtlich schwer zu widerlegenden Argumenten statt roher Gewalt ;-) In diesem Sinne: Peace!

  • Roman   |   23. November 2011 - 19:32

    Schön gemacht Sascha, hier hast du einen Drops und nun setz dich wieder hin :-)

    Ich staune immer wieder, das sich einige noch die Mühe machen und sich mit solchen Menschen argumentativ auseinander setzen. Ich bin seit einiger Zeit wie Ermes, ich verschweige meinen Bezug zur Bw, da ich keinen Lust mehr auf sinnlose Gespräche mit Realitsverweigerern habe.

  • Orontes   |   23. November 2011 - 19:46

    @Sascha Stoltenow
    „Könnte ich jetzt mal Lob und Anerkennung dafür bekommen, dass ich Frau Malczaks Argumentation, an der sie 5 Tage geschraubt hat, in 5 Minuten zerlegt habe? “

    Ich bitte Sie. Derart leichte Ziele erlegt man doch nebenbei beim Frühstück. Allerdings kenne ich kenne leider kein Ziel aus diesem Bereich, dessen intellektuelle Substanz es wirklich satisfaktionsfähig machen würde. Alles nur aufgeblasene Opportunisten, die sich wie Che Guevara vorkommen und dennoch niemals vom allgemeinen Konsens abweichen.

  • Sascha Stoltenow   |   23. November 2011 - 20:03

    Danke, geht doch ;-)

  • Etienne Rheindahlen   |   23. November 2011 - 20:06

    @ Orontes:

    …und die dabei sehr gerne ausblenden, dass Che – ausser mit ner Original Cohiba im Mundwinkel – vor allem mit Tokarev und AK bewaffnet durch die Wälder und Dörfer streifte und auf asymmetrische Weise nachhaltig für „Frieden und Gerechtigkeit“ zu sorgen verstand…

  • David Ermes   |   23. November 2011 - 20:17

    @orontes

    Wir bewegen uns kaum noch im Rahmen von TWs Blog, aber die Diskussion ist spannend, also will ich mal weitermachen: Ich sehe es nicht so, dass der mündige Bürger das Wissen über die Bundeswehr, unsere Deutsche Sicherheitspolitik und ihre Strategie oder was auch immer eo ipso mit einer HZB bekommt. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, ihre Mitglieder zu mündigen Bürgern zu machen. Zu Zeiten meiner Eltern war es so, dass jeder mit dem Thema konfrontiert wurde, weil jeder irgendwann zum Bund musste und nur die wenigsten verweigerten. Ich selbst war schon nur noch einer von wenigen Männern meines Abijahrgangs die sich haben mustern lassen und bin aber nie gezogen worden (=ungedient). Die Mitte-Ende-80er Geborenen haben eine noch viel geringere Quote. Woher soll denn die Auseinandersetzung kommen? Woher das wissen? Zu meinen die Bürger würden nur wählen, wenn sie wüssten wie genau ihre Volksvertreter im Parlament _warum_ Abstimmen wollen…. völlige Utopie!
    Bei dieser ganzen Debatte befinden „wir hier“ uns in genau so einem Elfenbeinturm, wie die, die wir kritisieren.
    Fangen wir mal damit an, dass wir uns den Fakten stellen. Es wird nicht mehr jeder Mann zum Bund gehen. Die deutsche Sicherheitspolitik ist umgeben von Freundstaaten, im Schoß der EU, völlig aus dem Bewusstsein des Volkes verschwunden.

    These: Wenn morgen alle deutschen Tageszeitungen auf ihren Titelseiten veröffentlichen würden, an welchem Ort der Welt gerade wie viele deutsche Soldaten im Einsatz sind und wie viel Geld wir für diese Einsätze ausgeben und was dabei konkret „rumkommt“. Eine Welle der Empörung würde über Deutschland rollen, wie sie kein schwäbischer Bahnhof auslösen kann.

  • Orontes   |   23. November 2011 - 20:32

    @David Ermes
    „Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, ihre Mitglieder zu mündigen Bürgern zu machen.“

    Was wäre die Konsequenz, wenn diese Gesellschaft sich dieser Aufgabe verweigert? Und was bedeutet „Mündigkeit“ in diesem Zusammenhang? Kann man in Fragen von Krieg und Frieden überhaupt mündig sein, ohne den Krieg aus der Nähe erlebt zu haben? Will diese Gesellschaft in diesem Sinne wirklich mündig sein, d.h. will sie mit Aspekten der Realität konfrontiert werden, die ihr Weltbild grundsätzlich in Frage stellen würde? Ich glaube im Gegenteil, dass sich diese Gesellschaft in ihrem moralischen Paralleluniversum (noch) recht wohl fühlt und gar nicht mündig sein will.

  • Etienne Rheindahlen   |   24. November 2011 - 16:07

    @ All:

    Vielleicht nur slightly OT…aber Werbung für die Streitkräfte, den gesellschaftlichen Sinn und sehr persönlichen Inhalt des Soldatenberufs ist das Eine.

    Das Andere ist die Referenz der Gesellschaft an jene, die den Bürgern und ihrem Staat in Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen zum Schutz von Freiheit, Demokratie, Wohlstand d.i.e.n.e.n. Und dabei das Äusserste einsetzen, das ein Mensch einsetzen kann: ihr Leben und ihre Gesundheit.

    Wie anders unsere Nachbarn damit umgehen – lässt sich aus diesem Video und der damit beworbenen Charity-Kampagne aus UK verstehen…und vielleicht nachempfinden. http://bit.ly/rXc4zr