Änderungsgenehmigung Strickmütze

Die Beschaffungsvorhaben in der Welt des Militärs und der Rüstung sind ein kompliziert Ding. Die Wehrverwaltung hat vor kurzem ein Schriftstück abgezeichnet, das bei einem Beschaffungsvorhaben mit nur vier Seiten auskommt, einschließlich Deckblatt und Inhaltsverzeichnis: Die Änderungsgenehmigung (ÄG) mit Genehmigung zur Nutzung (GeNu) für die Strickmütze.

Den komplexen Prozess muss man sich im Detail angucken. Eines der Bezugsdokumente ist die Anforderung zur Änderung vom 18. Dezember 2008. Und dann machten sich die Beamten an die Arbeit, im System Ausstattung Soldat, Subsystem Austattung Soldat Allgemein in der Fähigkeitskategorie Unterstützung und Durchhaltefähigkeit den Ausrüstungsgegenstand – Die Strickmütze dient als Wechselmütze zur Feldmütze, Tarndruck, Winter. Sie soll als Kälteschutz für den Kopf dienen, wobei auch die Ohren abgedeckt werden sollen – genauer zu untersuchen. Denn: Die eingeführte Strickmütze hat die Anforderungen hinsichtlich der Form, Material und Farbe nicht erfüllt.

Die Änderungsliste ist relativ lang für ein – pardon – simples Produkt. Geringes Volumen (Gewicht), geringe Wasserspeicherkapazität, bessere Formbeständigkeit, schnellere Rücktrocknung, festerer Sitz durch Einführung von unterschiedlichen Größen, Verwendung von winddichtem Material im Bereich der Stirn und Ohren, Änderung der Farbe von schwarz auf helloliv und Tragbarkeit unter dem Gefechtshelm, auch in Verbindung mit Schutzbrillen, standen auf dem Wunschzettel. Knapp ausgedrückt: Die bisherige Mütze aus der Kleiderkammer taugt nix.

Pflichtgemäß untersuchte die Wehrverwaltung also die Lösungswege, dieses Problem anzugehen. An erster Stelle eine Produktverbesserung. Allerdings mit niederschmetterndem Ergebnis: Die eingeführte Strickmütze erfüllt keinen bzw. nur eingeschränkt Teilbereiche der funktionalen Forderungen. Und: Eine Produktverbesserung ist zeitaufwändig und unwirtschaftlich. Dieser Lösungsweg scheidet daher aus.

Zum Glück stehen handelsübliche Artikel zur Verfügung, die geeignet sind und die wesentlichen Forderungen erfüllen. Doch einfach ins Regal des nächsten Outdoor-Händlers greifen – das geht natürlich nicht: Es fand eine Eignungsprüfung mit einem ausgewählten marktverfügbaren Modell statt. Die Eignung des Materials der Strickmütze wurde im täglichen Gebrauch nachgewiesen. Die Schnittkonstruktion der erprobten Strickmütze wurde zur besseren Kompatibilität mit dem Gefechtshelm geringfügig angepasst.

Zur Auswertung der Einsatzprüfung gibt’s natürlich auch den Hinweis auf ein Bezugsdokument. Mit Datum: 14. Juli 2009.

Jetzt ist die Nutzungsgenehmigung erteilt, und die Truppe im Einsatz könnte eigentlich das neue Mützenmodell bekommen. Allerdings…. so schnell vielleicht auch wieder nicht: Die bislang eingeführte Strickmütze wird „obsolet“ gesetzt und die vorhandenen Bestände werden aufgebraucht. Neue Beschaffungen der Strickmütze erfolgen nach Erstellung des Modellblattes im Rahmen der Ersatzbeschaffung.

Tut mir Leid, Jungs. Diesen Winter wird das wohl nix mit der neuen Mütze. Aber das ganze Beschaffungswesen wird ja ohnehin neu organisiert. Vielleicht beschleunigt das etwas.

(Eine Kurzfassung meiner Meldung dazu ist im heutigen Spiegel erschienen.)

 

 

65 Kommentare zu „Änderungsgenehmigung Strickmütze“

  • WB   |   26. September 2011 - 21:31

    Bauklo hat mit der Beschreibung der Abläufe und Zuständigkeiten absolut Recht.
    Darüberhinaus: CPM ist ein wunderbares Ding, mit dem man die dollsten Sachen anstellen kann. Allerdings setzt das erhebliche Systemkenntnis und den Willen, mit den für ein Projekt maßgeblichen Personen im System zu kollaborieren (sic), voraus.

  • Georg   |   26. September 2011 - 21:38

    Kann es sein, das manche Leute nicht mehr über einen gesunden Menschenverstand verfügen und dieses Beschaffungssystem CPM in irgendeiner Weise noch verteidigen ?

    Ich dachte, mit meinem Beitrag um ca. 17:40 Uhr bin ich soweit in dem Bereich der „Realsatire“ gegangen, dass man über CPM nicht mehr diskutieren müsste.

    Sorry, es ist ein Zeichen von Degeneration wenn man das Hamsterrad in dem man sich bei der täglichen Beschaffungspraxis dreht auch noch als Spinning-Fahrrad zur persönlichen Fitnesssteigerung verteidigt !

  • klabautermann   |   26. September 2011 - 22:09

    @Georg

    sete……..

  • Georg   |   26. September 2011 - 22:16

    Ich ziehe mich für heute zurück ;-)

    Mit freundlichen Grüßen

    Statler und Waldorf

  • Daniel Lücking   |   26. September 2011 - 22:17

    Wenn wir hier und anderorts „gesunden Menschenverstand“ vermuten würden, wäre dann die überwiegende Anzahl der Postings ohne Klarnamen und Backlink versehen? ;-)

  • Bauklo   |   26. September 2011 - 22:35

    @georg
    Der Beitrag Variante 1…
    Variante 2…
    war Top!
    Beide Varianten sind mit CPM möglich.
    Die „Wollmützenbeschaffung“ hier ist wohl eigentlich ein schönes Beispiel dafür, dass im Rahmen von CPM die Beschaffung in recht kurzer Zeit möglich gewesen wäre wenn nicht…

    Ähem…die ein oder andere Sache schief gelaufen wäre…
    Ohne das verteidigen zu wollen: So ist das Leben aber manchmal, leider.
    Der Sachbearbeiter A11/A12 hat wahrscheinlich genau so wie von ihnen beschrieben gehandelt und von seinem A16-Vorgesetzten so viel Rückendeckung bekommen, dass er das durchziehen konnte.

    Auf der anderen Seite die Variante 2:
    Auch sehr treffend und richtig beschrieben, Realsatire pur, leider.
    Aber auch nicht ganz unverständlich: Stellen sie sich mal vor: Der Sachbearbeiter beschreitet den „kleinen“ Dienstweg wie in Variante 1 beschrieben und nur die absolut allernotwendigsten Entscheidungsträger zeichnen mit. Nun kommt sich leider Oberst XY Besoldungsgruppe B3 übergangen vor, früher ist er immer gefragt worden, etc.
    Er meint: Die neue Mütze ist Mist. Er sorgt dafür, dass die Mütze nicht übernommen wird.
    Dann rappelt es aber kräftig im Karton. Ende der Karriere für Sachbearbeiter A11/A12.
    Alternativ könnte sich auch jemand ärgern der gerne Dienstreisen oder Erprobung gemacht hätte, aber das alleine ist lange nicht so dramatisch.

    Was ich sagen will:
    Der Sachbearbeiter A11/A12 braucht eine Menge Mut und muss von „seiner“ Mütze wirklich überzeugt sein, damit er nicht die halbe Bundeswehr mitzeichnen lässt.

    Ich glaube ICH hätte nicht den Mut zu so einer noch so richtigen, aber einsamen Entscheidung…

    Ich würde mir wahrscheinlich wünschen, dass mich einer von den 5 B3-ern des BWB liebevoll unter seine Fittiche nimmt und durch seine Mitzeichnung zum Ausdruck bringt: Mach mal, du armer kleiner A11/A12, ich geb Dir Deckung…

    Was ich damit (vorsichtig) auch zum Ausdruck bringen möchte:
    In dem Moment, wo auch Soldaten im BWB bei Projekten (noch mehr) mit im Boot sitzen, wird sich die Mitzeichneritis vielleicht ein wenig reduzieren lassen, weil sich Soldat und Zivilist besser kennen lernen und sich das Leben weniger schwer machen…

  • Steiner   |   26. September 2011 - 22:56

    Exorbitanter Unterhaltungswert. Erinnert stark an den „Hufnagelerlass“. Aus welchem Grund haben die ollen Preussen eigentlich den unkündbaren Beamtenstatus eingeführt? Waren ja nicht gerade für großzügiges Geldausgeben bekannt.
    Kann es sein, daß ursprüngliche Absicht war, mittels Unkündbarkeit dem kleinen Sachbearbeiter Mut zur eigenständigen Entscheidung zu machen?
    Habe es stets so gehalten und nicht nach der Meinung der Obrigkeit geschielt. Der Sache, der ich diene, hat´s bestimmt nicht geschadet! Und Karriereende war auch nicht (wg. Unkündbarkeit; s.o,).

  • Horst   |   27. September 2011 - 6:55

    Das tolle ist auch, das das ganze nicht nur bei Beschaffungen funktioniert.

    Im Heeresamt können Entscheidungen teilw. nur durch A13 gefällt werden, seine Haupt- Oberstabsfeldwebel können/dürfen das nicht.
    Blöd wenn jetzt Material schnell in den Einsatz verlegt werden soll und der A13-er nachdem er die Anweisungen gegeben hat in den Urlaub gefahren ist. Eine Erreichbarkeit bzw. Vertreterregelung gibt es dafür nicht. Da entscheidet hat der Stabsunteroffizier, das andere Seriennummern verschickt werden…

    Genauso gibt’s auch im Einsatz immer wieder Truppenlösungen die wieder zurückgebaut werden müssen da der Nutzungsleiter wiederspricht oder wegen fehlender TMP/Zulassung/Einzelabnahme/Unfallverhütungsvorschrift…

  • b   |   27. September 2011 - 16:06

    Zum Thema ein „kleines“ Chart mit der Darstellung des U.S. Beschaffungsverfahren.

  • Bauklo   |   27. September 2011 - 17:20

    @b
    Thx!
    Tröstlich, dass es auch dort so viele Stellen gibt die mitmischen.

  • b   |   29. September 2011 - 11:35

    Noch ein amüsanter Link zu dem Thema:

    Don’t Come to the Dark Side – Acquisition Lessons from a Galaxy Far, Far Away (pdf)

    Consider the implications of pop culture’s most notorious schedule overrun. In the Star Wars universe, robots are self-aware, every ship has its own gravity, Jedi Knights use the Force, tiny green Muppets are formidable warriors and a piece of junk like the Millennium Falcon can make the Kessel Run in less than 12 parsecs. But even the florid imagination of George Lucas could not envision a project like the Death Star coming in on time, on budget. He knew it would take a Jedi mind trick beyond the skill of Master Yoda to make an audience suspend that much disbelief.
    .
    Even worse, it turns out getting a moon-sized project back on track requires the personal presence of a Sith Lord. Let me assure you, if your project’s success depends on hiring someone whose first name is Darth, you’ve got a problem. Not just because Sith Lords are make-believe, but also because they’re evil.

  • Roman   |   29. September 2011 - 13:16

    @ BausC

    Aber die neue soll doch olivgrün sein. Ts, ts, ts. Was derf LHD da wieder einfällt.

  • BausC   |   29. September 2011 - 18:29

    @Roman
    Im Rahmen der einsatzvorbereitenden Ausbildung, wird dafür der modulare Ausbildungsabschnitt: „Batik im Einsatz“ eingeführt.

  • Bendler-Blog » Blog Archive » Pragmatischer Realismus   |   30. September 2011 - 15:02

    […] relevanten Entscheidungen hanstreichartig umgesetzt werden. Helfen könnte dabei die unter anderem hier bei Thomas Wiegold dokumentierte Bräsigkeit der Wehrverwaltung, die Jahre brauch, um Strickmützen zu […]