Trident Juncture: Es geht nicht nur um den Kampf um die Brücke von Telneset

Ein Hägglund-Geländefahrzeug des Gebirgsjägerbataillons 232 fährt vor der Brücke von Telneset auf eine norwegische Pionierfähre über die Glomma

Hier an der Brücke von Telneset beginnt der Krieg, und hier wird er auch zu Ende gehen. Wo die Reichsstraße 720 nördlich der norwegischen Provinzstadt Tynset die Glomma quert, eröffnet der Gegner den Angriff auf die NATO-Truppen. Den Opposing Forces (OpFor), gestellt von zwei norwegischen Bataillonen und dem deutschen Gebirgsjägerbataillon 232, stehen drei NATO-Brigaden gegenüber.

In gut einer Woche werden die Verteidiger, darunter die deutsch geführte Landbrigade der NATO-Speerspitze, der Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) 2019, die Angreifer zurückgeschlagen haben. Mit dem erneuten Übergang der ausweichenden Angreifer über die Glomma, dann auf einer norwegischen Pionierfähre, endet die Live Exercise der Großübung Trident Juncture 2018.

Die Brücke von Telneset markiert auf der Übersichtskarte von Norwegen (die Koordinaten: 32VNQ9780813444)

Die LiveEx als Gefechtsphase der Großübung in Norwegen, die die Allianz seit Jahren vorbereitet hat, ist zwar der offensichtlichste militärische Teil des Manövergeschehens bei Trident Juncture. Doch wenn sich die  Einheiten beider Seiten – wie zu Zeiten der Blockkonfrontation ist ganz offen von Rot und Blau die Rede – in Marsch setzen und entlang eines Drehbuchs im unwegsamen Gelände aus Bergen, Wäldern und Sumpf das Gefecht üben, ist ein wesentlicher Teil dieser Übung schon gelaufen. Tatsächlich begannen die ersten Truppenteile bereits zum Start der LiveEx am 25. Oktober mit der Rückverlegung.

In ihrer größten Übung seit 2002 – damals waren ebenfalls in Norwegen rund 40.000 Soldaten an dem Manöver Strong Resolve beteiligt – trainiert die Allianz mit rund 50.000 Soldaten den Beistandsfall: Truppen aller NATO-Staaten kommen einem von einem Angriff bedrohten Mitgliedsland zu Hilfe. Der massive Aufmarsch zu Lande, zu Wasser und in der Luft dient allerdings nur zu einem Teil der tatsächlichen Gefechtsübung in der Mitte Norwegens. Mindestens genau so wichtig ist für das Bündnis die Demonstration, diese Kräfte innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit mobilisieren, in Marsch setzen und auch an ihr Ziel bringen zu können.

Das gilt vor allem für die Deutschen. Die Bundeswehr ist mit rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten in Norwegen selbst beteiligt, rund 4.000 Fahrzeuge wurden nach Skandinavien verschifft oder per Bahn über Schweden transportiert. Der zweitgrößte Truppensteller bei Trident Juncture, nach den USA und noch vor dem Gastgeberland Norwegen, hat an dieser Übung ein besonderes Interesse: Im kommenden Jahr stellt die Bundeswehr den überwiegenden Teil der einsatzbereiten NATO-Speerspitze. Die VJTF-Brigade rollte deshalb mit so ziemlich allem, was unter ihrem Kommando steht oder zur Unterstützung gebraucht wird, in den Norden.

Wir wollten zeigen, dass wir das können, sagt Brigadegeneral Ullrich Spannuth, der deutsche Kommandeur der NATO-Eingreiftruppe. Eine ganze Brigade in einer, wie die Militärs es nennen, strategischen Verlegung in ein anderes NATO-Land zu verlegen, diese Fähigkeit zu demonstrieren und damit zur Abschreckung beizutragen – das habe die Bundeswehr noch niemal gemacht, auch nicht zu Zeiten der Blockkonfrontation. Denn damals blieb die Bundeswehr auch bei Großübungen immer auf dem Gebiet der damaligen Bundesrepublik.

Mit der veränderten erneuten Konzentration auf die Landes- und vor allem Bündnisverteidigung nach zwei Jahrzehnten der Auslandseinsätze muss sich dabei nicht nur die Bundeswehr vergessene Fähigkeiten und vergessenes Wissen neu erarbeiten – und auf altes, überflüssig geglaubtes Gerät zurückgreifen. Auf dem Übungsplatz von Rødsmoen nahe der Stadt Rena verlegt Pionier-Oberleutnant Lukas S. mit seinem Zug gemeinsam mit lettischen Soldaten Panzerminen. Das Minenverlegesystem, mit dem die Männer arbeiten, trägt die offizielle Bezeichnung MVS85: Für das Einführungsjahr 1985. Die Übungsminen, die damit in verschiedenen Abständen als Panzersperre ausgelegt werden, tragen das Fertigungsdatum September 1986 und sind damit älter als die meisten Soldaten, die sie verlegen.

Panzersperre mit dem MVS85 – dabei auch ein Soldat aus Lettland (l.)

Doch nicht nur das Gerät ist Jahrzehnte alt (und generalüberholt). Auch die Kenntnisse für den Umgang mit solchen Panzersperren sind im Bündnis verloren gegangen. Irritiert sieht der Oberleutnant zu, wie ein dänischer Leopard-Kampfpanzer die aufgestellten rot-weißen Signalschilder für die freigehaltene Minengasse ignoriert und Kurs auf die Sperre nimmt. Im letzten Moment biegt der Leo ab: Die Schilder kennt ja keiner mehr.

Ähnlich geht es den Pionieren aus Minden, die als einzige deutsche Einheit – zusammen mit ebenfalls in Minden stationierten britischen Pionieren sogar als einzige in den europäischen NATO-Ländern – amphibische Schwimmbrücken betreiben. Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht setzen die Spezialisten Fahrzeuge der Verbündeten über die Rena, vom Geländewagen bis zum Kampfpanzer. Zum Üben – für die Fahrer.

Da kommt es schon mal vor, dass die Pioniere in tiefster Dunkelheit zur Sicherheit nur mit roten und grünen Knicklichtern zur Einweisung der Fahrer und Signalisierung an die eigenen Bediener arbeiten – und dann doch der polnische T-72-Panzer oder ein dänischer Lastwagen mit voller Beleuchtung auf die Schwimmbrücke zurumpelt. Unter den Flüchen der deutschen Soldaten.

 

Auch wenn beim Blick auf militärische Übungen und erst recht bei einem solchen Großmanöver wie Trident Juncture meist die Kampftruppen im Fokus stehen: In Norwegen übt eigentlich in viel größerem Ausmaß die Truppe, die das Gefecht erst ermöglicht. Wie das Combat Service Support Batallion (CSS) der VJTF, das seinen Gefechtsstand bei Trysil aufgebaut hat, mitten im größten Wintersportgebiet des Landes. Das ist was anderes als Einsatzunterstützung, sagt Oberstleutnant Alexander Eisentraudt, sonst Kommandeur des Bundeswehr-Versorgungsbataillons 141. Wir sind da, wo die Kampftruppe uns braucht. Das müssen die Soldaten neu lernen.

Das bedeutet für die Versorger nicht nur, rechtzeitig und an jedem Ort während der LiveEx den Nachschub an Sprit, Munition und Verpflegung sicherzustellen. Sondern unter den Bedingungen des einbrechenden norwegischen Winters auch, rund um die Uhr einen Abschlepptrupp in Bereitschaft zu haben: Die Straßenbedingungen in Eis und Schnee sind bei dieser Übung eine reale Gefahr.

Die ersten Unfälle, wenn auch ohne Personenschaden, gab es bereits. Um verunglückte Fahrzeuge bis hin zum Transportpanzer Boxer bergen zu können, hat das Bataillon eines der – in der Bundeswehr raren – Bergefahrzeuge Bison. Und einige der ebenfalls seltenen Spezialisten, die das schwere Gerät überhaupt bedienen können und dürfen.

Das Versorgungsbataillon greift für seine Arbeit auch auf Gerät zurück, das wie der Minenleger aus alten Zeiten stammt: Die Feldküchen, ein wichtiger Teil der Versorgung neben den Arctic Field Rations der Norweger, stammen ebenso aus den 1980-er Jahren und werden Stück für Stück wieder aus dem Depot bei Karlsruhe geholt. (Ein bisschen Unmut, so ist zu hören, gab’s bei den Norwegern, weil die Deutschen ihre Feldküchen mit Wasser aus dem Kanister betreiben und nicht mit norwegischem Wasser. Allerdings, so versicherte mir der Leitende Sanitätsoffizier der Bundeswehr bei dieser Übung, hatte das in der Region um Trysil damit zu tun, dass das norwegische Oberflächenwasser mit Keimen belastet war.)

Feldküche des Combat Service Support Batallion

Das Herz der deutschen Logistik schlägt allerdings deutlich weiter südlich, im deutschen National Support Element (NSE) nahe dem Osloer Flughafen Gardermoen. Auch wenn der gesamte Nachschub für die Übung von einer multionationalen Joint Logistics Support Group koordiniert wird: Angesichts der schieren Größe des deutschen Anteils an Trident Juncture und  der Vorbereitung auf die Einsatzphase der VJTF im kommenden Jahr hat die Bundeswehr allein dafür 1.200 Frauen und Männer aufgeboten.

Auch wenn diese Truppe überwiegend einige hundert Kilometer vom eigentlichen Übungsgeschehen entfernt agiert – für Oberstleutnant Thomas Henschke, daheim Kommandeur des Logistikbataillons in Beelitz, ist der Auftrag nicht anders als bei der Kampftruppe: Wie die ganze NATO-Speerspitze werden auch er und seine Soldaten ab dem 1. Januar kommenden Jahres bereit stehen, in wenigen Tagen abmarschbereit zu sein, falls die Allianz die Eingreiftruppe losschickt.

Für die Logistiker ist das nach Trident Juncture fast noch mehr Herausforderung. Seit Ende August sind sie in Norwegen präsent, am 5. Dezember werden sie das letzte Schiff im Hafen von Frederikstadt mit Material zur Rückverlegung nach Deutschland abfertigen. Gerade noch rechtzeitig für einen kurzen Weihnachtsurlaub, ehe am Neujahrstag die neuen Bereitschaftsregeln greifen. Dazu sagt Henschke nur lakonisch: Bloß weil wir Logistiker sind, heißt das nicht, dass wir keine Soldaten sind.

Anlage zum Reinigen und Befüllen von Betriebsstoffkanistern im Camp Gardermoen bei Oslo

 

 

 

 

27 Kommentare zu „Trident Juncture: Es geht nicht nur um den Kampf um die Brücke von Telneset“

  • Stephan L.   |   29. Oktober 2018 - 15:59

    Ein sehr spannender Bericht, danke dafür!

  • Escrimador   |   29. Oktober 2018 - 16:04

    Wer nach Erkenntnissen zum Gefecht der verbundenen Waffen bei dieser Übung fragen möchte:
    Hier greifen 3 Btl anscheinend 3 Brig an. Das ist das Umgekehrte des eigentlich für einen Angriff erforderlichen Kräfteverhältnisses (3:1)
    Das lässt sich auch nicht damit ausgleichen, dass man dem Angreifer mehrere Leben gibt. Irgendwann ist er nämlich real müde und ohnehin nicht beliebig und ohne Zeitverzug auf dem Gefechtsfeld verschiebbar.

  • justanick   |   29. Oktober 2018 - 16:45

    Danke. Interessanter Einblick in die Etappe. Allerdings finde ich irritierend „Den Opposing Forces (OpFor), gestellt von zwei norwegischen Bataillonen und dem deutschen Gebirgsjägerbataillon 232, stehen drei NATO-Brigaden gegenüber.“ – habe ich das richtig verstanden, dass 3 Brigaden, die genau wissen, dass sie dieser Tage angegriffen werden, den Angriff von 3 Bataillonen abwehren mussten. Das Ergebnis ist dann nun doch sehr schwer vorherzusagen, wenn es nicht die Spur einer Chance auf eine Überraschung gibt …

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   29. Oktober 2018 - 18:30

    „… Das bedeutet für die Versorger nicht nur, rechtzeitig und an jedem Ort während der LiveEx den Nachschub an Sprit, Munition und Verpflegung sicherzustellen. …“
    Herr Wiegold, wie weit nach vorn bringt CSS benötigte Versorgungsgüter, nach vorn in Bezug auf die Enfernung zu den Stellungsräumen der KpfTrBtl?
    Ab wann/wo holen die Btl ab?
    Es ergibt sich die Frage nach dem praktizierten Versorgungsprinzip, nämlich Abhol- oder Zuführungsprinzip. Die Antwort hat unmittelbaren Einfluss auf Raumordnung, Grundgliederung und Truppeneinteilung von CSS insgesamt, also nicht auf den DEU Anteil allein. Zu wissen, das Heer pflegt traditionell das Abholprinzip, die Angelsachsen aber nicht.
    @justanick
    Das Ergebnis ist absolut nebensächlich.
    TRJE’18 hat strategische und operative Ziele, erstere sind hier in mehreren Fäden andiskutiert worden:
    – Nachweis der Fähigkeit strategischer Verlegung, und zwar triphibisch! (Zu jointness ergibt leider recht wenig, was aber wohl an der Eigenart von Lw und Mar liegt).
    – Politisches Signal an den Kreml, wir besitzen erforderliche Fähigkeiten und haben den Willen unser Vermögen zur Wirkung zu bringen.
    Auf der operativen Ebene des heereslastigen Gefechtsanteils befindet sich das Heer (endlich wieder) in der Phase der Wiedererlangung der Befähigung zur Führung von Großverbänden mit Volltruppe. Insofern erwarte ich eine enge Führung der OpFor, die in rasch wechselnden Lagen Entschlussfassungen der BrigKdr herausfordern wird. In der Folge haben dann auch auf taktischer Ebene Kdr und Chefs ihren Erfahrungsanteil in der Umsetzung.
    In den Lessons Identified, ~ Learned im Anschluss hoffe ich auf die Festlegung vermehrter Volltruppenübungen Btl – Brig in Deutschland.

    [Zur Eingangsfrage: CSS liefert zur jeweiligen Stabs- und Versorgungskompanie des Bataillons. An dessen Standort. Innerhalb des Bataillons, so habe ich das verstanden, muss das dann eigenständig organisiert werden. T.W.]

  • qwertz   |   29. Oktober 2018 - 18:35

    Lach, @justanick
    Das ist Elementetraining in eine Rahmenhandlung eingebettet.
    Sehr sinnvoll und so wie es im Artikel steht auch bitter nötig.
    Dort wird doch kein Konflikt mit offenen Ausgang simuliert.
    Bei der Übung werden vermutlich auch Stabs- und sonstige Verbände beteiligt sein die gar nicht direkt an der Übung im Norden direkt vor Ort sind. Verlegung und Versorgung von Verwundeten kann man, eingebettet in die Kommandostruktur der Übung, auch ganz woanders üben, nur als Beispiel.
    Das ist kein Computerspiel wo der Sieger ist der die meisten Abschüsse hat.
    Das eine relativ kleine Gruppe (mit vermutlich sehr guter Ausbildung) den Feind simuliert ist durchaus üblich (zumindest zu meiner Zeit bei der NVA).

  • Memoria   |   29. Oktober 2018 - 18:52

    Neben der Übungskünstlichkeit bei der Quantität der OPFOR wird wohl auch deren Qualität eher einem „near-peer“ nicht entsprechen (https://augengeradeaus.net/2018/10/trident-juncture-ein-blick-vom-deutschen-senior-national-representative/comment-page-1/#comment-302194).

    Auch bezeichnend sind die obigen Probleme beim nächtlichen Brückenübergang. Nachfahren ist heute eben auch etwas anderes als vor 25 Jahren. Nachtsicht, Nachtfahren, Nachtkampf sind ein Bereich in dem bis zur VJTF 2023 noch viel Handlungsbedarf besteht – gerade auch bei der Bundeswehr.

    Es bleibt abzuwarten welche der von BrigGen Matz erwähnten „lessons identified“ aus 2018 wirklich zu „lessons learned“ in 2022 werden. Dazwischen liegen Initiativen, FFF, LV, AWE, FBA,, RessourcenPlan, JPV, Ausschreibung, Zuschlag, Nachweisführung, Serienlieferung. Genug Raum für Friktionen und sicherlich kein Selbstläufer.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   29. Oktober 2018 - 19:31

    @ TW.
    Danke, prima, das sieht sehr interessant aus
    Den Btl der Kampftruppe wird demnach ZUGEFÜHRT, in den Raum der „Vorgeschobene Versorgungsdienste“. D.h. Logistik bewegt sich in der unmittelbaren Kampfzone ca bis zu 5km hinter den vorderen Stellungen.

  • Micha   |   29. Oktober 2018 - 19:33

    „Die Übungsminen, …, tragen das Fertigungsdatum September 1986 und sind damit älter als die meisten Soldaten, die sie verlegen.“

    Sind die denn solange haltbar?

  • justanick   |   29. Oktober 2018 - 19:46

    @qwertz
    „Dort wird doch kein Konflikt mit offenem Ausgang simuliert.“
    Aha, wir wissen, dass wir gut sind, alles können und folglich gewinnen – großes Schulterklopfen!
    Beim Schachspielen ist es auch immer eine gute Trainingsoption, dem Partner nur 10 Figuren zu belassen, dann wird man echt schnell besser.
    Nebenbei sendet man auch noch an Russland das Signal: hallo, wir wissen, das ihr viel weniger Truppen habt als wir, deswegen üben wir auch nur in der Überzahl.
    Ein Angreifer, der sich in so eklatanter Unterzahl befindet, kann eigentlich nur assymetrisch agieren – Stichwort Winterkrieg. Allerdings waren da die in der Unterzahl in der Verteidigung. Oder gleicht man die Unterzahl durch Simulation aus? Wo wohl, am Computer? Dann ist es doch ein „Computerspiel“.

    Was immerhin als politisches Signal anzusehen ist, dass man eigentlich nur die Verteidigung trainiert und den Angriff nur simuliert. Durchaus positiv.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   29. Oktober 2018 - 20:31

    @Micha
    Das sind Metallgehäuse in Optik „Panzerabwehr-Verlegemine“, die mit einem Rauchkörper als Demonstrationsladung befüllt werden (können). Halten quasi ewig, „überleben“ auch vom KPz überrollt zu werden.

  • FlaOffz   |   29. Oktober 2018 - 21:17

    Hhm,
    um die NRF (3 Brigaden) im Kräfteverhaltnis 3:1 in der Übung aus Sicht der hier versammelten Experten „realistisch“ anzugreifen und so zu beüben braucht es denn aber weitere NATO-Truppe in Grösse eines Armeekorps. Das wird dann mal nicht nur für die NATO Logistik ne echte Herausforderung, sondern auch für’s Übungsbudget. Es könnte auch ziemlich eng werden in Südost-Norwegen. Und dann muss man halt noch ein NATO-Mitglied finden, dass ein Armeekorps ohne Auftrag übrig hat und gerne ausborgt…

    Wenn man es geschickt anstellt und sauber plant, kann man mit 3 Bataillonen Leitungstruppe problemlos 3 Brigaden „bespassen“. Es sei denn man will zwanghaft ne Situation wo alle Kräfte gleichzeitig aufeinander prallen und sich sauber verzahnen. Quasi wie in einer Kneipenschlägerei, wenn jeder auf jeden eindrischt…

  • chris   |   29. Oktober 2018 - 21:37

    @Klaus-Peter Kaikowsky

    Es ist aber ja auch üblich bei solchen Ressourcen wie STW mit seinen 18.000 für einen gewissen Zeitraum wie 45-60,in dem Btl auf Zusammenarbeit angewiesen wird so dass dann einzelne Kampftruppen Züge kurz hinter der FEBA, Verzögerungslinie überschlagen auftanken können. Mit den Tankaufsatzbehältern kommt man ja nicht weit und der STW würde mit über der Hälfte des Kraftstoffs wieder abziehen.

    [Ich wiederhole es immer gerne: Augen geradeaus! ist kein Rundschreiben der Truppeninformation; deshalb wäre es nett, Abkürzungen zumindest bei der ersten Verwendung auch zu erläutern… Was ist also mit dem Straßentankwagen? T.W.]

  • Owe Jessen   |   29. Oktober 2018 - 23:08

    @justanick und andere – Je größer man die OpFor ausstattet, umso weniger Truppen können das eigentliche Ziel (Verteidigung) üben. Und nur, weil es sich nich real um größere Verbände handelt, heißt ja nicht, dass sie nicht größere Verbände effektiv repräsentieren können.

  • Escrimador   |   30. Oktober 2018 - 8:31

    @FlaOffz
    Wollte man Erkenntnisse über ein intensives Gefecht regulärer Streitkräfte, bräuchte man ein anderes Kräfteverhältnis. Man kann ansonsten auch 3 Divisionen bespaßen, ganz ohne reale OPFOR. Führt nur zu anderen Erkenntnismöglichkeiten.
    Ansonsten: Brig nacheinander „bespaßen“ führt bei großen Teilen immer zu Leerlauf. Wenn Sie General sind oder werden wollen: Der kann für Ausbildung genutzt werden (Fachbegriff: Führer-Ausbilder-Syndrom). > Geht natürlich nur, wenn der Ausbildende weiß, wann er wieder üben muss, sonst verschleißt er seine Kräfte. Das verrät man ihm aber üblicherweise nicht.

  • FlaOffz   |   30. Oktober 2018 - 9:11

    @Escrimador | 30. Oktober 2018 – 8:31:

    Mir scheint sie verrennen sich da in ihrer Sichtweise in eine Zwei-Parteienuebung, ein Wargame, am besten mit Volltruppe aber in Komplett-Gliederung bis hoch in die operative Ebene. Quasi Gefechtsuebungszentrum in Supergross. Und wer an Tag eins uebungsmaessig tot ist, darf nach Hause fahren, lernt halt nix mehr im Rest der Uebung. Waere ja sonst „unrealistisch“…

    Und sie vergessen das Kraefte eben nach Raum und Zeit unterschiedlich wirksam werden. Bei dem Norwegischen Terrain, in dem die Landstreitkraefte z.Zt. ueben koennen sie die Kraefte, die sie ertraeumen oder einfordern garnicht „auf breiter Front“ angreifen lassen, weil einfach kein Raum fuer umfassende Bewegungen da ist. Alles kanalisiert.
    So wie nicht alle Kraefte Blau brav, Schulter an Schulter, alle 6 km ein Bataillion, ne durchgehende Frontline einmal quer durch Norwegen bilden wie dereinst im GDP-Raum in der Luenburger Heide vor 1989.

    Und sie vergessen, dass nach der Trident Juncture 19 LIVEX noch die Command Post Exercise (CPX) kommt, und da duerfen dann Brigaden und Divisionen aufeinanderprallen (auf der Karte und in der Computersimulation), sodass die HQs der entsprechenden Fuehrungsebene genug Erkenntnisse ueber ein intensives Gefecht sammeln koennen.
    Fuer den Soldaten in der LIVEX in der Zugstellung ist es ziemlich egal, ob hinter der gerade auf seine Stellung angreifende OPFOR Kompanie, im Abstand von einem halben Tag, noch ne weitere feindliche Division anmarschiert, dadurch uebt er nicht zwingend anders oder besser sein taktisches Handwerk…

  • Escrimador   |   30. Oktober 2018 - 9:50

    Ich glaube nicht, dass ich mich verrenne, etwas erträume oder vergesse.
    Ich kenne und verstehe die Art der Übung und habe, nachdem die entsprechende Frage aufkam, nur darauf hingewiesen, dass Erkenntnisse wie im GÜZ nicht erreicht werden.
    Verteilt auf mehrere Kommentare ist das vielleicht übersehen worden. (z.B.: Wollte man Erkenntnisse …., bräuchte man …)

    Nebenbei: auch bei Kanalisierung der Bewegung ist das Kräfteverhältnis nicht nebensächlich. Beim entsprechenden Übungszweck vielleicht schon. Wie gesagt, es geht auch ganz ohne OPFOR.

  • Hans Dampf   |   30. Oktober 2018 - 13:15

    @ Escrimador

    Der VJTF-Brig steht mehr als ein Btl entgegen, sondern eine Brigade. Das DEU GebJgBtl greift ebenfalls im Rahmen einer Brigade an.

  • Escrimador   |   30. Oktober 2018 - 15:10

    @Hans Dampf
    3 Btl sind noch nicht unbedingt 1 Brig. Von nur 1 Btl hab ich glaub ich nicht geschrieben.

  • Jörg Backhaus   |   30. Oktober 2018 - 17:48

    Danke, für diesen ausführlichen Bericht mit den vielen kleinen Details und Schwierigkeiten, mit denen die Soldaten der verschiedenen Verbände konfrontiert sind. So kann ich mir auch als Gefr. d.R. ganz plastisch vorstellen, welche konkreten Herausforderungen auf den Einzelnen in diesem internatiolen und polaren Umfeld zukommen und weniger militäraffinen Menschen in meinem Umfeld besser erklären, wie wichtig solche Übungen für eine glaubhafte Verteidigungsbereitschaft sind.

  • Carsten May   |   31. Oktober 2018 - 6:25

    Guten Morgen an alle,
    die Diskussion geht hier in eine Richtung in der über Stärke der Verbände etc.diskutiert wird. Ich bitte alle, sich einfach mit der Gesamtlage und dem Gesamtbild der Übung vertraut zu machen, denn dann ist erkennbar, wer was tut. Sollte das aus den Medien nicht erkennbar sein, hat das eventuell seine Gründe und Spekulationen ob die Anzahl welcherKräfte Sinn macht oder nicht verbietet sich, wenn man nur einen Ausschnitt kennt. Es verrennt sich der, der zu nah an der Karte steht, statt einen Schritt zurückzugehen um auch die Nachbarn zu sehen, dies ist nicht nur auf dem Papier eine multinationale Übung.

  • Metallkopf   |   31. Oktober 2018 - 9:06

    Zum Thema „Rohre zählen“:

    Natürlich ist eine angreifende Brigade vielleicht in der Lage, punktuell FÜ herzustellen und erste taktische Ziele zu erreichen. Aber was dann? Wenn man irgendwann aufgeklärt ist, und die übrigen verteidigenden Brigaden nicht mehr sinnlos in der Pampa herumstehen, sondern die Kräfte in den Schwerpunkt des gegnerischen Angriffs verlagern können, ist schnell Schicht im Schacht mit Angreifen.

    So wie ich die Übung aber verstehe, wird wohl auch hauptsächlich die Führungsfähigkeit beübt. Die in der Gegend herumfahrenden Geräte haben sicherlich auch einen positiven Übungseffekt hinsichtlich Einsatz unter subarktischen Witterungsverhältnissen, aber wenn der Rückzug OPFOR schon mit Datum und Ort feststeht, sieht mir die Hauptabsicht stark nach Drehbuchfasching zum verstärkten Beüben der Stäbe aus.

    Schade. Wenn man schon Wargaming betreibt, warum dann nicht mit offenem Ausgang? Den kann man auch mit absurden Kräfteverhältnissen üben, wenn der ÜbAuftrag der OPFOR einfach nur lautet, möglichst lange Unruhe zu stiften… Das wäre mal interessant, wenn da in der Divisions- und Brigadebene Schwächen offenbar würden, sodass ein kleinerer schlagkräftiger Verband überlegene Kräfte übermäßig lange beschäftigen kann.

  • Escrimador   |   31. Oktober 2018 - 9:42

    @Metallkopf
    Schwache gegen wirklich starke Kräfte sollte immer ein schnelles Ende finden können.
    Problematisch wird es, wenn die „starken Kräfte“ in Wirklichkeit nicht stark genug sind, den zu verteidigenden Raum ausreichend abzudecken/zu beherrschen. Das ist der Zustand, den man m.E. in den moderner Konflikten sieht. Und darum finden die auch alle kein Ende.

  • Voodoo   |   31. Oktober 2018 - 12:27

    @ Metallkopf

    „Drehbuchfasching“ macht immer dann Sinn, wenn ich noch keine Verinnerlichung und Handlungsicherheit bei den Übungsteilnehmern erwarten kann. Und den Stäben kommt dabei eben eine besondere Bedeutung zu, denn was nützen schlagkräftige Panzer o.ä., wenn der „Kopf“ dieses Orchester nicht dirigieren kann?

    Insofern macht die grundlegende Ausrichtung der Übung schon Sinn, denn im großen vaterländischen (Üb-)Gefecht mit Volltruppe kommen nur noch die wenigsten Player klar…

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   31. Oktober 2018 - 22:39

    „… wenn sich die  Einheiten beider Seiten – wie zu Zeiten der Blockkonfrontation ist ganz offen von Rot und Blau die Rede – in Marsch setzen …“
    – so ist sowohl Kennzeichnung als auch Bezeichnung lange bewährte, historische Praxis und hat mit Blockkonfrontation, resp. Gepflogenheiten im Kalten Krieg, nichts gemein.
    Hier wird der Farbenlehre gehorchend sich an der optischen Erkennbarkeit orientiert, besonders zu Zeiten des ausschließlichen Kartengebrauchs.
    Bereits im siebenjährigen Krieg lässt sich das am Beispiel der Schlacht bei Prag, 06. Mai 1757, nachweisen: auf der historischen Gefechtsskizze treten die Preußen – in BLAU – gegen Österreicher – in ROT – an.
    Ähnlicher Farbgebrauch der Truppenzuordnung in den Türkenkriegen: Christen ROT, Türken BLAU.
    Da ROT als Farbe eine Aggressivität zugeordnet wird = feindlich, ist es nahezu ausschließlich so, dass „EIGENE (Tr)“ sich immer BLAU dargestellt sieht, was für beide Seiten gilt.

  • T.Wiegold   |   01. November 2018 - 5:00

    So, gestern scheint es an der Brücke losgegangen, wenn ich SpOn richtig verstehe:

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/nato-manoever-trident-juncture-in-norwegen-hollywood-im-fjord-a-1236144.html

  • Bürger   |   01. November 2018 - 22:46

    Über den Zug von Oberleutnant Lukas wurde übrigens auch an anderer Stelle berichtet: https://www.youtube.com/watch?v=EdaLQQrjGLI

  • Andreas Lindstrom   |   11. November 2018 - 15:17

    Sehr interessanter Bericht. Offensichtlich haben alle Natostaaten gewaltigen Nachholbedarf in Sachen Bündnisverteidigung. Wichtig ist, dass man nach diesem ersten wichtigen Schritt zur Besserung jetzt nicht nachlässt, sondern kontinuirlich weitermacht, damit wir dann in ein paar Jahren tatsächlich wieder umfassend materiell, logistisch und personell Landes- und Bündnisverteidigung betreiben können!