ILÜ-Trends: Mehr Stahl auf die Heide, Cyber und viel Fog of War

Die Informationslehrübung Landoperationen (ILÜ), die mit Ausnahme von Luftwaffe und Marine inzwischen alle  Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche der Bundeswehr jährlich auf den Truppenübungsplätzen Munster und Bergen veranstalten, ist trotz oft geäußerter Kritik nicht nur eine Dog and Pony-Show. Die aufwändige Vorführung zeigt auch nicht nur, was die deutschen Landstreitkräfte können, sondern vor allem, was sie können wollen und sollen – und ist damit quasi auch ein Trendbarometer.

Das zieht sich durch die ganzen ILÜen des vergangenen Jahrzehnts, von der (damals noch allein vom Heer gleich an zwei Stellen veranstalteten) ILÜ Nord 2007, der ILÜ 2010, ILÜ 2013 oder ILÜ 2016: Da präsentierte sich vor allem die Einsatzarmee Bundeswehr.

ILÜ 2013

Inzwischen sind nicht nur Streitkräftebasis, Sanitätsdienst und ganz aktuell Cyber- und Informationsraum zu dieser Präsentation hinzugekommen: Der Schwerpunkt ist ein anderer. Die nun seit vier Jahren im Vordergrund stehende Fokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung wirkt sich auch auf die ILÜ aus.

Natürlich gibt es unverändert die Dauerbrenner wie den Einsatz der Feldjäger in der Crowd&Riot-Control (wie schon 2007 oder 2010 oder 2016). Aber eben auch die deutlichen Veränderungen: Da werden nicht mehr Warlords aus ihrem Haus im Heidedorf auf dem Übungsplatz Bergen herausgeholt, im Gegenteil, das Heidedorf ist auf wenige Gebäude geschrumpft und ist eigentlich nur noch Kulisse für die Bewegungen gepanzerter Kräfte (Foto oben).

Am augenfälligsten waren die neuen Trends natürlich beim Auftritt des Kommandos Cyber- und Informationsraum – das sich erstmals im Rahmen einer ILÜ präsentierte (zuletzt war vor zwei Jahren der Sanitätsdienst mit einer eigenen Präsentation neu hinzugekommen). Und die Computerkrieger standen vor dem offensichtlichen Problem: Wie macht man bei einer solchen Vorführung sichtbar, was eigentlich nicht so richtig vorzuführen ist – wenn man nicht einfach langweilig Menschen am Computer zeigen will?

Die Cybertruppe löste das geschickt – mit einer Fernsehshow. Der Journalist und Moderator Ulrich Meyer (Foto oben rechts), Oberstleutnant der Reserve und da fürs Zentrum Operative Kommunikation tätig, führte gemeinsam mit dessen Kommandeur Oberst Stefan Gruhl durch eine Reihe von Videospots, die auf großen mobilen LED-Monitoren abliefen.

Die einzelnen Fähigkeiten des noch jungen Organisationsbereichs, von traditioneller Signalaufklärung bis zum Lahmlegen gegnerischer IT-Systeme, waren nicht gänzlich unbekannt – aber in der Zusammenschau als Unterstützung einer Militäroperation ein rundes Bild. Das allerdings in etlichen Punkten schon aufgrund der rechtlichen Gegebenheiten vage bleiben muss, auch wenn OpKom-Kommandeur Gruhl ständig betonte, dass auch seine Truppe nur auf der Grundlage eines klaren Mandats von Bundesregierung und Parlament tätig werde.

Da bleibt noch Diskussionsbedarf (der, zugegeben, auf einer Vorführung wie der ILÜ nicht erfüllt werden kann): Wenn der Einsatz der Cybertruppe den gleichen Regeln folgt wie der Einsatz der bisherigen Waffensysteme – dürfen die Computer-Spezialisten schon vorab ins IT-System des Gegners eindringen? Und was ist mit dem Abschalten der Online-Medien eines zwar gegnerischen, aber noch nicht offen militärisch aktiv gewordenen Landes – bis hin zum (im Video gezeigten) Abschalten der Facebook-Seite?

Die Fragen bleiben, der Trend ist klar: Cyberoperation (um diesen sehr weit gefassten und unscharfen Begriff mal zu verwenden) sollen und werden integraler Bestandteil aller militärischen Operationen sein müssen.

(v.l: Soldat mit tragbarem Jammer, Inspekteur Cyber- und Informationsraum Ludwig Leinhos, Ulrich Meyer, Stefan Gruhl)

An die Zeiten vor Mauerfall, deutscher Einheit und Ende des Warschauer Pakts erinnerte dagegen das, was früher Gefecht der verbundenen Waffen und heute Operation verbundener Kräfte heißt: In dem Gefechtsschießen rund um das schon erwähnte Heidedorf ging es vor allem um viel Stahl auf die Heide. Gepanzerte Verbände, Panzergrenadiere und Kampfpanzer in der Verzögerung und im Angriff – Begrifflichkeiten, die in den vergangenen zwei, drei Jahren wieder in den Mittelpunkt rückten.

Beteiligt an diesem Gefechtsschießen waren auch zwei verbündete Nationen – und interessanterweise nicht nur der NATO-Partner Niederlande mit Schützenpanzern samt Schützentrupps, sondern auch das Nicht-NATO-Land Österreich mit Leopard-Kampfpanzern, die unter Führung eines deutschen Brigadekommandeurs den Feuerkampf vorführten.

Allerdings, ein kleines Problem am Rande: Durch die lange Trockenheit war es so staubig, dass die Bewegungen der Schützen- und Kampfpanzer im Gegenlicht zeitweise nur zu ahnen waren. Der sprichwörtliche Fog of War (Nebel des Krieges) wurde zur dichten Wand aus Staub und Pulverdampf*.

Die ILÜ soll dem militärischen Führernachwuchs ein Bild vom künftigen Anforderungsszenario vermitteln – aber, auch das gehört dazu: Die Truppe vermittelt auch der Politik ihre Ansprüche. Nicht umsonst war der letzte Vorführungstag am (gestrigen) Freitag auch für Abgeordnete und Journalisten gedacht. Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium brachte das auf den Punkt: Hier hat die Truppe gezeigt was sie kann, wenn man Ihr gibt, was sie braucht.

*Mir ist schon klar, dass Pulverdampf der technisch falsche Begriff ist – aber hier weiß jeder, was gemeint ist…

52 Kommentare zu „ILÜ-Trends: Mehr Stahl auf die Heide, Cyber und viel Fog of War“

  • Entscheider   |   16. Oktober 2018 - 1:46

    „Soldat mit tragbarem Jammer“

    Ist der Nutzen der gleiche wie bei den Fahrzeugen mit Jammer?
    Also ein „jammen“ von Handysignalen zum Auslösen von IED usw.?

    [Ich habe dummerweise nicht nachgefragt, aber nach meiner Erinnerung ging es bei dem Gerät eher darum, mobile Kommunikation im Umfeld zu unterbinden, nicht in erster Linie um EOD. T.W.]

  • ini   |   16. Oktober 2018 - 8:07

    @Herr Wiegold, vielen Dank für die Antwort.

    Das ist natürlich enttäuschend und hat in der Vergangenheit schon besser geklappt.

    Zur Info:
    Die A4 Skyhawk wird in Deutschland durch die Firma Top Aces vom Fliegerhorst Wittmund aus geflogen. Die Firma ist eine von drei Firmen in Deutschland die Flugzieldarstellung für die Bundeswehr mit bemannten Luftfahrzeugen fliegen. In den letzten Jahren kompensieren die Firmen zunehmend das Fehl an Verfügbarkeit von Kampfflugzeugen, insbesondere im Rahmen der Ausbildung von Radarführungs-, Flugplatzkontroll- und FAC/JTAC Personal.

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